Angst an den Kammerspielen

Donnerstag, 18. November 2010 um 16:58

Huiuiui, gutes Theater kann ganz schön mitnehmen.

Sie haben an den Münchner Kammerspielen aus Stefan Zweigs Novelle „Angst“1 ein Theaterstück gemacht, umgeschrieben von Koen Tachelet, Uraufführung war Anfang November. Und was für eine Aufführung! Auf der Bühne steht nicht viel, braucht es auch nicht. Eine Hand voll Schauspieler und Schauspielerinnen erzählt von Irene, die wegen einer Affäre mit einem jungen Mann erpresst wird – indem sie mal in dritter Person von sich und den anderen berichten, dann wieder Szenen spielen.

Hauptdarstellerin Elsie de Brauw trägt das Stück. Es ist ungeheuer, wie diese wunderschöne Frau im Lauf des Stücks zerfällt. Ohne dass die Maske nachhelfen müsste oder Verkleidung steht am Ende der 100 Minuten Spielzeit ein Mensch mit völlig anderem Gesicht auf der Bühne. Allein um diese Meisterin immer wieder von einer Sekunde auf die andere von verzweifelter Selbstzerfleischung in glücklichen Familiensonnenschein fallen zu sehen und umgekehrt, möchte ich das Stück nochmal sehen.

Als Katja Bürkle das erste Mal auf die Bühne kam, rollte ich wiederum innerlich mit den Augen: Dieses Prollig-Burschige hatte sie 2008 schon für Hass nach dem Film von Mathieu Kassovitz verwendet und in der jetzigen Spielzeit für die Stella in Endstation Sehnsucht – ich fürchtete, dass sie nichts anderes kann. Was es allerdings rätselhaft gemacht hätte, wie sie es ins Ensemble der Kammerspiele geschafft hat. Doch natürlich kann sie auch anders: Sie spielte eine Doppelrolle und trat in Angst auch als betulich geduckmäusertes Dienstmädchen auf.

Aber zurück zu Elsie de Brauw als Irene: Sie machte auch mit dem Text Unerhörtes, arbeitete sich an ihm ab, verkörperte ihn, wies Wörter mit Abscheu zurück, verschlang andere, tanzte Sätze. Einen besondereren Effekt hatte ihr leicht holländischer Akzent: Er nahm dem Text Alltag und Selbstverständlichkeit.

Mich wundert ohnehin, dass ich Akzente oder Dialekte meiner Erinnerung nach nie als Spielmittel erlebt habe. Einen riesigen, dicken Mann gegen den Strich als Biff in Tod eines Handlungsreisenden besetzen oder die Iphigenie mit einem Mann – das ja. Dabei wäre eine Blanche in Endstation Sehnsucht durchaus auf Schwäbisch möglich.

  1. Oder gilt eine Novelle doch als eigenständiges Werk und müsste kursiv geschrieben werden? []
die Kaltmamsell

11 Kommentare zu „Angst an den Kammerspielen“

  1. adelhaid meint:

    niederländisch, oder? oder kommt die dame aus der provinz holland? (sorry ;-))

  2. die Kaltmamsell meint:

    Oh – macht man da selbst beim Akzent Unterschiede, adelhaid? Und nicht einfach wie bei Englisch (siehe englischer Akzent)?

  3. Gaga Nielsen meint:

    Gab es auf der Vorspeisenplatte schon einmal eine Theaterkritik? Man wird richtig neugierig. Ich gehe viel zu selten ins Theater, obwohl ich in Berlin, besonders am Deutschen Theater, fast ausnahmslos beeindruckende Inszenierungen gesehen habe, die vom Spiel lebten, mit absichtlich reduziert gehaltenen, aber sehr atmosphärischen Bühnenbildern. Eure Münchner Kammerspiele haben eine selten schöne Seite im Netz. Erholsam schlichte Eleganz. Sieht man ganz selten.

  4. die Kaltmamsell meint:

    Hin und wieder, Gaga, taucht mein Kammerspiel-Abo auf.
    Als es einen Handke gab.
    Über einen Pollesch und den Vorhang.
    Über Roths Hiob.
    Über einen Pamuk von der ersten Reihe aus.

    Die schöne, schlichte Seite haben die Kammerspiele aber erst seit wenigen Monaten. Davor: abgrundtiefe Katastrophe, sprechen wir nicht mehr darüber.

  5. Gaga Nielsen meint:

    Danke für die Links, das war mir entgangen.
    (Ich habe nicht etwa schlampig gelesen oder eine lückenhafte Erinnerung, sondern gar keine, da ich ca. zweieinhalb Jahre lang nur sehr sporadisch Blogs gelesen habe. Das hat sich gerade wieder verdichtet. Allerdings reduziert auf ca. fünfeinhalb ;-))

  6. die Kaltmamsell meint:

    Keine Entschuldigung nötig, Gaga! ich freue mich, dass Sie den Theatertexten hinterher gelesen haben.

  7. kubelick meint:

    zweigs sachen eignen sich hervorragend für die theatralische darbietung, meine ich. als ich ca. mit 9 „der brief einer unbekannten“ lass, war das ein ausserordentlich melodramatisches schauspiel in meiner vor-pubertären phantasie. und so sehr sie das stück auch preisen, leider haben die kammerspiele mit ihrer einstigen othello-inszenierung mir die muse dorthin wieder ein fuss reinzusetzen verjagt. allerdings war unser kleiner kreis scheinbar allein mit den unverständnis und der kritik an der umsetzung.

  8. trillian meint:

    @kaltmamsell und @adelhaid
    In den Niederlanden sprechen die Menschen unterschiedliche Dialekte des Niederländischen. Diejenigen aus dem südlichem Limburg sprechen ein so deutschklingendes Niederländisch, dass man sie im Nordern der Niederlande gerne für Deutsche hält und dass ihr deutsch ziemlich dialektfrei ist und mit den niederdeutschen auf dieser Seite der Grenze verschwimmt.

    Ob man allerdings die anderen Provinzen heraushören kann, kann ich nicht sagen.

  9. miss_ada meint:

    Ich habe vor Urzeiten mal im Münchner Residenztheater einen Hamlet gesehen, wo der Polonius zwecks des „comic relief“ schwäbeln musste/durfte. Der Deutsch-LK nebenan bog sich vor Lachen, mir bogen sich die Zehennägel.

  10. adelhaid meint:

    ja, man macht auch bei akzenten unterschiede. und halt in diesem fall, weil es holländisch als akzent nicht gibt, sondern nur niederländisch, da der akzent ja an die ‚hauptsprache‘ gekoppelt ist, und die ist – nun, niederländisch. und nicht holländisch.
    :-) /geekmodus>

  11. Chris Kurbjuhn meint:

    Früher scheute man am Theater vor dem Dialekt als Stilmittel zurück, weil ihm das Odium des „billigen Lachers“ anhaftet. Wenn zuvor hochdeutsch gesprochen wurde und dann eine Figur auftritt, die Dialekt spricht, lacht das Publikum ja meist automatisch, ob gewolt oder ungewollt. Als ich vor dreißig Jahren das Theaterhandwerk gelernt hab, war Dialekt überhaupt nur an den Volkstheatern und Mundartbühnen geduldet, Schauspieler denen man die Herkunft anhörte galten als „schlecht ausgebildet“. Furchtbare Zeit.

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