Clackity-clackity-clackity –
wie ich durch die Terrassentür lief

Freitag, 22. Juli 2011 um 15:49

Clackity-clackity-clackity… So lange auf der Tastatur rumhacken, bis eine Geschichte rauskommt – das war doch der Tipp gegen Blogblockaden (der Kalauer zum Selberschnitzen: Ich mach‘ ihn nicht.)

Es fällt mir ein: Die Geschichte, wie ich mit acht Jahren zu all den schönen Narben kam, die ich seltsamerweise richtig, richtig gern an mir habe. (Und die mir letzthin ermöglichten zu sagen: „Ha! Sie sollten den anderen sehen!“ War in diesem Moment richtig witzig, das müssen Sie mir einfach glauben.) Dummerweise erzähle ich diese Geschichte seit 35 Jahren. Sehr wahrscheinlich hat sie mit den eigentlichen Vorfällen nichts mehr zu tun, sondern ist in erster Linie eine glatte, runderzählte Geschichte, die zur Erinnerung geworden ist.

Vielleicht hilft es, die Erinnerungsfetzen aneinander zu reihen, die ich als Bilder im Kopf habe?

Der Spielzeug-Arztkoffer, den ich an diesem Nachmittag zu meiner Klassenkameradin Doris mitnehme und den ich erst kurz davor geschenkt bekommen habe.

Der Bungalow inmitten von Arbeiterwohnblöcken, in dem sie wohnt (Vater Architekt) – ich mag bis heute Bungalows ganz besonders gerne.

Ihre Eltern sind nicht zuhause, sie und ihr kleiner Bruder (die ältere Schwester war, glaube ich, nicht da) werden von der Oma beaufsichtigt.

Das riesige Wohnzimmer mit ebenso riesigen gläsernen Schiebetüren in den Garten. Als wir an ihnen vorbei zur Treppe hinunter in den Spielkeller gehen, sind sie an diesem trockenen Frühlingstag aufgeschoben. Es ist ziemlich sicher Frühling, ich hatte kurz zuvor Erstkommunion.

Keine Erinnerung an den Spielkeller – die Bilder werden überlagert von dem Spielkeller einer späteren Klassenkameradin am Gymnasium, in dem ich mit ihr Nachmittage lang Barbie spielte. Genauso wenig Erinnerung, ob oder wie wir mit meinem Arztkoffer gespielt haben. (Bei dieser Gelegenheit: Ich scheine der einzige Mensch auf der Welt zu sein, die als Kind nie Doktorspiele mit sexuellen Untertönen gespielt hat. Wir spielten tatsächlich einfach krank und Arztbesuch.)

Zurück im Wohnzimmer die Frage von Doris mit Kopfdeuten Richtung Garten, ob ich die Hasen sehen wolle. Meine begeisterte Zustimmung, bereits im Rennen nach draußen. Nein, nicht mal an den Lärm der zerspringenden Scheiben kann ich mich erinnern. Das nächste Bild ist der Blick auf den hellen Wohnzimmerteppich vor meinen Füßen (trug ich Schuhe? Oder hatte ich sie vor der Haustür abstreifen müssen?): Darauf tropft aus meinem tauben Gesicht Blut. Aufblicken, Doris sieht mich mit schreckverzerrtem Gesicht an, schreit meinen Namen.

Die herbeigeeilte Oma, die mir einen feuchten Küchenlappen auf die Nase drückt, mich auf einen Stuhl setzt. Aufregung, Hilflosigkeit, Panik um mich herum. Ich weiß nicht, wie mir geschieht, fühle mich aber ruhig; mir tut auch nichts weh.

Meine Mutter steht vor mir und nimmt mir den Küchlappen von der Nase, schlägt sich die Hand vor den Mund. (Ich glaube, die Oma hatte Doris mit dem Kinderradl zu ihr geschickt, um sie zu holen. Stimmt, wir hatten damals noch kein Telefon.)

Meine Mutter untersucht mich von Kopf bis Fuß mit unterdrückter Panik, vergewissert sich, dass meine Augen nichts abbekommen haben, sieht die Schnitte auf meinem rechten Unterarm, meinem linken Handrücken, die große klaffende Wunde auf meinem linken Knie. Es fällt das Wort „Notarzt“ und „telefonieren“, meine Mutter ist offensichtlich entsetzt über die Untätigkeit der Oma. Ich bin immer noch ruhig und schmerzfrei, denke mir aber, dass in dieser Situation doch wohl irgendeine Art Reaktion von mir erwartet wird und beginne zu weinen.

Die Fahrt im Krankenwagen ist ein großartiges Abenteuer: Ich bin ja so gut wie nie krank, diese medizinische High-Tech-Umgebung finde ich superspannend. Kleine Enttäuschung darüber, dass der Krankenwagen zwar mit Lalü und Blaulicht angekommen ist, mich jetzt aber ohne diesen Zauber ins Krankenhaus fährt.

Im Krankenhaus werde ich freundlich versorgt. Eine Krankenschwester scherzt in beruhigender Absicht, dass das alles bis zu meiner Hochzeit verheilt sein werde. Ich plappere und frage ununterbrochen. Die Untersuchungen (war ich überhaupt beim Röntgen?) ergeben, dass keine der Verletzungen gefährlich ist, dass nicht mal das Nasenbein beschädigt wurde, dass alles zu nähen sein wird.

Ein Mann in Hellgrün und mit Mundschutz näht meine Schnitte: Den tiefen am Knie mit ganz dickem Faden, Handrücken und Unterarm mit wenigen Stichen, die Nase („jetzt musst du aber mal eine Weile den Mund halten“) sorgfältig.

Beim Heimkommen bin ich immer noch glockenwach. Meine Mutter versucht mich in den vierten Stock des Wohnblocks zu tragen.

Am nächsten Tag gehe ich zum ersten Mal in meiner Schulzeit nicht in die Schule. Ich bekomme nachmittags Besuch, meine Schulfreundin Claudia bringt mir einen kleinen Obstkorb, in Zellophan gewickelt. (Das Körbchen dient mir heute als Brotkorb.)

Noch Jahrzehnte später spricht mich jedes Mitglied aus Doris‘ Familie bei jeder Begegnung auf den Unfall an. Am schwersten trägt der kleine Bruder an dem Erlebnis – er war wohl nach dem Krach der Scheibe aus seinem Zimmer ins Wohnzimmer gelaufen und hatte alles gesehen.

Clackity-clackity-clack.

Nachtrag: Ein Foto von mir etwa zwei Monate nach dem Unfall, die Narbe auf der Nase schon damals nur bei näherem Hinsehen sichtbar.

die Kaltmamsell

9 Kommentare zu „Clackity-clackity-clackity –
wie ich durch die Terrassentür lief“

  1. walküre meint:

    1. Ad Doktorspiele: Ich bin der zweite Mensch. :-).
    2. Dass Sie zu weinen begonnen haben, weil Sie glaubten, von Ihnen würde eine Reaktion erwartet, halte ich für sehr unwahrscheinlich, weil das hieße, Sie hätten quasi auf Kommando und willentlich zu weinen beginnen können.
    3. Eine vergleichbare Narbe am Kinn kann auch ich aufweisen, nachdem ich ungefähr im selben Alter beim Sprung über eine mittelhohe Steinmauer an selbiger hängenblieben und deshalb kopfüber in ein dahinterliegendes Rosenbeet gepurzelt bin. Sie kennen diese langdornigen Strauch- bzw. Heckenrosen ? Ich seitdem schon.

  2. Nathalie meint:

    1. Ad Doktorspiele: Ich bin der dritte. (Ich glaube, die Schürze im Koffer war sogar aus rotem Plastik.)
    2. Eine Narbe zwischen Lippe und Nase (an die Ecke eines Couchtischs mit 2 Jahren gekracht) wird von sehr „sensiblen“ Menschen immer wieder als Hasenscharte deklariert, alle bis jetzt wegen anderer Sachen aufgesuchten Hautärzte wollten, weil sie meist auch „Schönheitschirurg“ auf ihr Schild schreiben, mich operieren. Ich seh sie schon nicht mehr, sie gehört zu mir.

  3. adelhaid meint:

    1. ad doktorspiele – wir alle scheinen einem bild der medien aufzusitzen und in wirklichkeit waren wir alle entweder kranke oder heiler.
    2. ad auf kommando weinen – doch, ich denke, das kann man, wenn man das gefühl hat, dass eine reaktion erwartet wird. mir ist als ..ich nehme an, 7jährige, ein salzstreuer heruntergefallen. um von meiner clumsyness (ja, ich kann 6 dinge gleichzeitig tragen, kuck doch!) abzulenken, hielt ich es für das schlauste, in tränen auszubrechen. was kaputt machen, nicht geschimpft werden, sondern getröstet, erschien mir logisch und hat, unter uns pastorentöchtern, super geklappt.
    3. ad narben – meine sind unter den augenbrauen. kletterspielzeuge. und außer den erwachsenen war nie jemand aufgeregt, denn hey, das war ein wahnsinnssprung!

  4. Angel meint:

    Doktorspiele? Ja, kenn ich auch, so mit krank und so.
    Wobei mir hier auffällt, dass sich bislang nur Frauen zu den Doktorspielen geäussert haben und ich habe das auch nur mit Mädchen gespielt, so weit ich mich erinnern kann. Mit Jungs war ich Klettern und habe Fussball gespielt (bis ich nicht mehr mitachen durfte).

  5. Hasenkind meint:

    Auch bei mir waren die Doktorspiele mehr als harmlos: Meine Puppen waren die Kranken, meine Freundinnen und ich die Ärzte und Krankenschwestern. Da wir ein sehr großes Wohnzimmer hatten, haben wir dort ganze Krankenstationen aufbauen können.
    Und meine Narben sind hauptsächlich auf den Knien: entweder zu schnell gerannt oder zu schnell geradelt. Kann mich noch gut an das Gefühl erinnern, wenn meine Mama dann mit einer Pinzette die kleinen Kieselsteinchen aus der offenen Wunde heraus gepickt hat. Von der anschließenden Jod-Behandlung ganz zu schweigen.

  6. Gaga Nielsen meint:

    Bemerkenswert, wie die erlesene Flower-Power-Tapete mit dem Blümchenmuster des Kleidchens korrespondiert. Nur das schwarze Kästchen mit dem Kabelzeugs stört das Bild ein wenig. Ich nehme an, sowohl bei der Auswahl des Kleides als auch der Tapete hatte eine mir bekannte Innenarchitektin und Stylistin die Finger im Spiel.

  7. Lu meint:

    Das Bild ist überbezaubernd.

  8. Ms K meint:

    Doktorspiele ebenfalls hier völlig harmlos. Hatte auch so einen Arztkoffer :)
    Durch die Scheibe bin ich auch gepurzelt – rückwärts mit dem Kopf voran, weil mir mein bester Freund (2 Jahre jünger als ich) damals ein Bein gestellt hat.
    Passiert ist nichts, ausser dass die Scheibe kaputt war und der beste Freund wohl beinahe vor Schreck ohnmächtig geworden wäre.

  9. Ilse meint:

    OMG – diese Tapete hatte auch meine Mutter in ihrer Wohnung, nach meinem Auszug.

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