Weitere Abneigung: der eigene Geburtstag (Abteilung G’wuisl)

Dienstag, 23. August 2011 um 10:56

Ich befürchte schon auch, dass mich immer stärker und zahlreicher werdende Abneigungen irgendwann völlig lähmen (in puncto Sprachabneigungen befürchte ich das ja schon länger). Zumindest bin ich zuversichtlich, dass sich meine Geburtstagsfeierabneigung auch langfristig auf meinen eigenen Geburtstag beschränken wird.

Eine küchenpsychologische Erklärung ist schnell geklöppelt. Zum ersten Mal messbar wurde dieser Widerwillen zu meinem 30. Geburtstag – davor hatte ich meine Geburtstage gerne und facettenreich gefeiert. Die einzigen Eintrübungen gab es in meiner Kindheit: Im August war entweder ich mit meinen Eltern verreist, oder alle anderen waren verreist. Doch als Erwachsene hatte ich sogar besonders rauschende Geburtstagsfeste veranstaltet, die ausgefallensten Tortenrezepte als Geburtstagstorten umgesetzt und mich begeistert beschenken lassen.

Um meinen 30. Geburtstag aber war mein Serotoninhaushalt auf Tiefststand, ich strampelte in schwärzestem Schlick, begraben unter völliger Verzweiflung. Und dann auch noch ein runder Geburtstag. Mein Pflichtbewusstsein predigte mir, dass ich mich gefälligst würde feiern lassen müssen, zumal meine Umgebung ja von mir schon zu unrunden Geburtstagen heftige Feste gewohnt war. Tatsächlich bestand ich aber nur aus Fluchtgedanken, die von dem Grauen im Schach gehalten wurden, eine solche Flucht erklären zu müssen. Meine eigene Abneigung war mir peinlich, weil ich sicher war, dass sie als kokett und wichtigtuerisch angesehen würde (zumindest sah ich sie selbst so), wo sie sich doch gleichzeitig genau gegen das Beachtetwerden richtete. Hier zeigte sich ein frühes Beispiel der später typischen Art von Verzweiflung, die mich unfähig machte, eine Lösung zu finden, obwohl sie vermutlich ganz einfach gewesen wäre.
Damals sorgte ich halt für Verpflegung, wutheulend mit dem Fahrrad in meinen üblichen Supermärkten besorgt, damit ich abends die angekündigten Freunde und Verwandte bewirten konnte. Auf den Fotos, die es von diesem sonnigen Augustabend gibt, ist mir nichts anzusehen – damals besaß ich für diese Gelegenheiten noch mehr Selbstkontrolle als heute.

So blieb das dann in den weiteren Jahren, nur dass die Energie für ein Mitspielen im erwarteten Geburtstagsreigen schwand. Hin und wieder riss ich mich genug zusammen, mich von meinen Eltern zum Essen einladen zu lassen oder ein Frühstück für die Familie zu veranstalten. Ganz aufgehellt bin ich aber nie mehr, entkräftet unter der Last des Lebenmüssens, die ich schon in Kindertagen spürte. So ist mein Geburtstag nun mal in erster Linie die Erinnerung an den Anfang dieser unerwünschten Existenz, den Anfang der ganzen Misere. Nichts daran ist feiernswert. (Jetzt verstehen Sie vermutlich auch, was ich mit wichtigtuerisch und kokett meine.)

Das weitere Schlimme an meinem Abneigungszirkus: Ich lebe ja nicht allein, der Mitbewohner muss diese Spinnerei ertragen. Und weil er ein ausgesprochen freundlicher Mensch ist, sehe ich ihn auch noch alles daran setzen, sie zu erleichtern.
Andere kann ich zumindest ein bisschen anlügen, wenn sie mir gratulieren: „Und lass dich schön feiern“! / „Und? Hast‘ schön gefeiert?“– „Mhm.“ Lügen ist mir zwar unangenehm, aber warum sollte ich Unbeteiligte mit dieser Caprice belasten?

die Kaltmamsell

19 Kommentare zu „Weitere Abneigung: der eigene Geburtstag (Abteilung G’wuisl)“

  1. Karin meint:

    kann ich voll nachvollziehen. Ich runde erst im Februar und hab jetzt schon Weglauftendenzen. In den letzten Jahren ist es mir nie gelungen.

  2. walküre meint:

    .

  3. Richard meint:

    geburtstag ist schon wieder da,
    der gleiche sch….ss wie letztes jahr.
    horden kommen angerannt
    schütteln dir wie blöd die hand
    küssen und umarmen dich
    ach wie ist das wiederlich!
    tätscheln süsslich deine wange
    da wird dir mit recht ganz bange
    und jeder gar ein sprüchlein weiss
    mein/e lieber/e mann/frau
    is dat`n sch…ss
    sehr geehrte fr. kaltmamsell,
    als auch im august geborener mit gleicher entwicklung wie von ihnen beschrieben kann ich alles voll nachempfinden. habe zudem in eine feierwütige familie eingeheiratet und es war ein schwerer kampf bis man akzeptierte, nein der R. will nicht feiern (seinen geburtstag – sonst alles)

  4. Sus meint:

    Wie schön, ich bin nicht alleine auf der Welt…

    Auch wenn ich regelmäßig von der Verwandtschaft schief angesehen werde: ich feiere meinen Geburtstag nicht. Punkt!

    Und diese Abneigung seit dem 30. kann ich genau nachvollziehen. Ich habe es damals geschafft, zumindest an diesem Tag zu meiner Freundin nach Prag zu entfliehen.

    Liebe Grüße, Sus

  5. Liisa meint:

    Kann ich alles sehr sehr gut nachvollziehen. Erstaunlicherweise bin ich – wie Sie sicher auch – schon auf viele andere gestoßen, denen es ganz genauso geht. Wenn alle offen und ohne Scheu zu ihren Empfindungen zu diesem Thema stehen würden, wären wir vielleicht überrascht, wie wenige übrig bleiben, die immer noch mit Freuden “Party machen”.

    Vielleicht ein Lösungsansatz (wenn auch etwas makaber): den Geburtstag nicht als “Erinnerung an den Anfang dieser unerwünschten Existenz, den Anfang der ganzen Misere” zu sehen (und wohlmöglich auch noch gezwungenermaßen zu feiern) sondern als Annäherung an das “Ende der ganzen Misere”. Immerhin bringt uns ja jeder Geburtstag auch dem Tod näher und das Wissen, es geht dem Ende zu nimmt ja dann porportional zu und damit dann vielleicht auch wieder die Freude. Nur so ein Gedanke …

  6. frauziefle meint:

    Liebe Kaltmamsell,
    ich würde es ebenfalls nicht als Mieser bezeichnen. Niemand bezeichnet es als Misere, nicht mehr jauchzend auf Dreirädern den Hang hinab zu brausen. Niemand trauert püriertem Sonntagsbraten nach.
    Eine Weile lang feiert man gerne, groß, wild, immer – ich auch. Vor erst knapp 8 Jahren war unser Haus immer immer voller Menschen. Immer. Rauschende Feste. Lange Besuche, wochenweise. Und heute? Schweißperlen wenn ein unbekannter Postbote klingelt.
    Feste feiern? Muss nicht. Ist vorbei einfach. Kommt vielleicht zum 50. wieder oder zum 60. eher.
    Übrigens gab es soeben erst einen (nahezu spurlos gefeierten) 40. in unserem Haus und ich zog los, Dekoration zu suchen, und es gab im Laden als Jahreszahlen nur 30, 60, 70, 80. Sollte zu denken geben :))

  7. Usul meint:

    Als weitere “gesellschaftlich problematische” Abneigung kann ich eine Fotografie-Phobie empfehlen. Es kann manchmal echt hart und unangenehm werden, wenn man darauf besteht, nicht auf Fotos zu landen. Für manche ist dieser an sich simple Wunsch einfach nicht akzeptabel, scheint mir. Interessant wird es, wenn man das einfach mal eskalieren lässt: Man will keine Fotos haben, wird dann aber trotzdem mit voller Absicht (also nicht aus Versehen, im Hintergrund eines anderen Motivs oder so) “abgeschossen”, und verlässt dann einfach mal die Veranstaltung. Sozialstudien kann man da betreiben, ich kann Ihnen sagen …

    Der Vorteil einer Geburtstags-Ablehnung ist, dass das nur einmal im Jahr akut wird ;) Fotografie-Ablehnung, man glaubt gar nicht, wie viele Gelegenheiten es da gibt. Und noch als Nachschlag: Ich bin nur indirekt betroffen, in meiner Position als Ehemann :)

  8. frauziefle meint:

    “Mieser” genau. Kommentare ohne Brille zu tippen scheint freudsche Gedankenknoten zu befördern.

  9. Sigourney meint:

    Danke, dass sie das Thema so offen ansprechen.
    Ich feiere auch seit dem 30igsten nicht mehr, vorher immer gerne.
    Hatte das aber darauf zurückgeführt, dass ich mich beim 30igsten sehr dazu gezwungen hatte, denn nicht lange davor hatte ein guter Freund Selbstmord begangen und mir war so ganz und gar nicht nach Feiern. Und die Freude daran ist dann auch nie wieder gekommen. Und ich habe mich auch nicht mehr dazu gezwungen, irgendwas vorzutäuschen.
    Aber das scheint ja sehr normal zu sein und hatte damit dann vielleicht doch nichts zu tun, wie tröstlich.

  10. Gaga Nielsen meint:

    Wenn man “feiern” mit solchen wie den beispielhaft oben beschriebenen Klischees definiert, ist “feiern” zu unterlassen in der Tat nicht unattraktiv. Die wenigsten wagen verständlicherweise der Familie gegenüber den Affront, sich in äußerlich unspektakulärer Besinnlichkeit ohne Geburtstagskuchen und Kerzenauspusten zu ergehen.

    Das Problem erledigt sich, wenn man sich der Verwandtschaft entledigt!

    Ach, vergessen Sie ganz schnell, was ich da eben geschrieben habe. Ich bin da auch gar nicht repräsentativ. Ist doch letztlich wurscht! Hauptsache, man traut sich zu sagen, wie man es gerne hat. Laut oder leise oder gar nicht. Ich finde, die Reaktion darauf ist eine Aussage über den Respekt, den einem die Menschen tatsächlich entgegenbringen. Man wird ja nicht dadurch liebenswert, dass man sich einem gutbürgerlichen Erwartungsklischee anpasst. Oder doch? Na, hoffentlich nicht. Das ist anstrengend und langweilig! Und macht Kopfweh.

  11. typ.o meint:

    Der kanns am besten ausdrücken:

    Sheldon: The entire institution of gift giving makes no sense. Let’s say that I go out and I spend 50 dollars on you. It’s a laborious activity because I have to imagine what you need whereas you know what you need. Now I could simplify things, just give you the 50 dollars directly and then you could give me 50 dollars on my birthday and so on; until one of us dies leaving the other one old and 50 dollar richer and I ask you is, it worth it?

    Sheldon: You bought me a present? Why would you do such a thing? I know you think you’re being generous, but the foundation of gift giving is reciprocity. You haven’t given me a gift, you’ve given me an obligation. The essence of the custom is that I now have to go out and purchase for you a gift of commensurate value and representing the same perceived level of friendship as that represented by the gift you’ve given me. Ah, it’s no wonder suicide rates skyrocket this time of year. Oh, I brought this on myself by being such an endearing and important part of your life…

    Von hier: http://the-big-bang-theory.com/quotes/character/Sheldon

  12. die Kaltmamsell meint:

    Ja, typ.o – aber du erinnerst dich sicher auch, WAS Sheldon dann von Penny zu Weihnachten bekam und womit sie seine Theorie im Handstreich widerlegte?

    Es beruhigt mich wirklich, wie viele meiner Leserinnen und Leser meine Geburtstagsfeierabneigung nachvollziehen können – danke. Ich mache mich jetzt daran, ein wenig Gelassenheit daraus zu basteln.

  13. Helga meint:

    Seit dem 30. – exakt. Und jetzt schwebt wie eine Drohung der nächste Runde über mir – und es kommt ein gewisser Druck von außen. So ganz weiß ich nach wie vor nicht, wie ich damit umgehen soll.

  14. Viktoria meint:

    Bedenklich finde ich in diesem Fall überhaupt nicht das “Nicht-Feiern-Wollen”, denn auch ich genehmige mir bereits seit dem Ende der Kindergeburtstagszeit so mit 12, 13 Jahren den von der Familie freudig unterstützten Luxus, meine Geburtstage völlig nach meinem Gusto zu gestalten. Feiern im klassischen Sinne gehörte dazu bis zum jetzigen 45. Geburtstag nicht ein einziges Mal. Viel schrecklicher finde ich den genannten Grund, am “Lebenmüssen” nichts Feiernswertes zu finden.

    Das tut mir regelrecht weh, empfinde ich doch mein “Lebendürfen” nach mehreren schweren Krankheiten als wunderbares Geschenk. Da öffnet eine solche Aussage der Verzweiflung am Lebenmüssen einen Abgrund, der mich sprachlos macht.

  15. trillian meint:

    In den letzten Jahren bin ich so oft umgezogen, dass ich keinen wirklichen Freundeskreis mehr habe, den ich zu so einer Gelegenheit einladen könnte. Des weiteren hat mein Mann einen Club, der es uns schwer macht am Wochenende zu feiern. Deshalb bin ich dazu übergegangen ein paar liebe Menschen dorthin einzuladen und die Feierlichkeiten auf Torteanschneiden zu begrenzen.
    Feiern unter der Woche scheitern zumeist am Alltag.
    Aber ich plane aus tiefsten Herzen meinen 40. im kommenden Frühjahr größer zu feiern. Denn es soll auch ein Fest für mein Kind sein, das in fünf Wochen zur Welt kommt. Und dann darf ich endlich wieder Alkohol konsumieren.

  16. typ.o meint:

    Nein, das ist meiner selektiven Wahrnehmung zum Opfer gefallen. Kei-ne-ah-nung! Ich finde diese Argumente einfach hochsignifikant.

  17. die Kaltmamsell meint:

    In dem Diner, lieber typ.o, in dem Penny arbeitet, hatte Leonard Nimoy gegessen. Penny hatte seine benutzte Serviette für Sheldon aufgehoben, sie nett verpackt und ihm zu Weihnachten geschenkt.
    Sheldon flippt aus, stürzt nach hinten und überreicht ihr ein Dutzend Geschenkkörbe (die er in verschiedenen Wertklassen gekauft hatte, um alle möglichen Gegenwerte an der Hand zu haben, sich versichernd, dass er die anderen wieder zurückbringen kann). Womit Penny ihm unbeabsichtigt die eine Größe des Schenkens demonstriert hat, die in seiner Gleichung fehlt: Beleg von Aufmerksamkeit und Zuneigung.

  18. rum meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Genau!

    *******************************************************

  19. Lila meint:

    Der letzte eigene Geburtstag, den ich gefeiert habe, muß um den 18. herum gewesen sein. Ich habe eine tiefe Abneigung gegen meinen Geburtstag und feiere ihn NIE. Auf Gratulationsanrufe reagiere ich so mürrisch, daß sie auch zunehmend ausbleiben. Geschenke verbitte ich mir und bekomme auch keine. Ich weiß nicht mal, warum. Es ist peinlich genug, daß ich überhaupt existiere, muß ich das noch groß feiern?

    Dagegen mache ich um die Geburtstage meiner Kinder ein mittleres Brimborium, nicht so verrückt wie andere Eltern mit riesigen Parties und Clowns und Stelzenläufern (oder einem Beauty-Kurs für Zehnjährige – alles schon erlebt), aber eine morgendliche Feierstunde mit Kuchen, Kerzen und Gesang muß schon sein, und dann Feiern mit wechselnder Besatzung. Da laß ich mir auch gern gratulieren und mich belobigen.

    Ich hab noch nie darüber nachgedacht, warum ich als geburtstaghabender Mensch mir peinlich bin, hingegen als Geburtstagskindmutter vergnügt bin. Vermutlich würden Abgründe zum vorschein kommen, drum blick ich lieber nicht hinein!

    Aber es beruhigt mich ja doch, daß ich nicht die einzige bin mit dieser Abneigung.

    (Mein Mann haßt seine Geburtstage auch wie die Pest. Er findet Altwerden abscheulich und ihm graut vor dem Verlust mentaler und physischer Fähigkeiten. Der Tag, an dem er keinen Nagel mehr einschlagen oder auf keine Leiter mehr klettern kann oder eine verstopfte Düse in Stecknadelkopfgröße, die in einer gigantischen Maschine steckt, in wenigen Minuten ent-stopfen kann – vor dem graut ihm. Drum stöhnt er an seinem Geburtstag auch nur. Nette Menschen sind wir.)

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