Wohltätigkeit und Effektivität

Donnerstag, 8. März 2012 um 10:03

Gestern wurde in meinem Eck des Internets der Link zu einem Film über die Untaten des ugandischen Massemörders Kony lawinenartig verbreitet. Der Film war von der Organisation Invisible Children hergestellt und veröffentlicht worden und enthielt eine Spendenaufforderung. In meinem Eck des Internets gibt es viele Menschen, die bei Missständen nicht wegsehen können, das erklärt den Drang, auf dieses Video hinzuweisen.

In meinem Eck des Internets gibt es aber gleichzeitig viele Menschen, die diesem Hilfeimpuls nicht unreflektiert nachgeben und sich gerade bei derart schneller und großer Verbreitung von Aufrufen für Hintergründe interessieren. Bald las ich, dass Invisible Children sehr wahrscheinlich nicht die effektivste Hilfe bietet. Johnny Häusler hat das auf Spreeblick gut zusammengefasst.

Im Grunde ist das aber lediglich der neueste Fall einer Erscheinung, die mich schon lange umtreibt: Dass Wohltätigkeit meist von Subjektivität, Emotionen und Impulsen getrieben wird – und damit sehr leicht zu manipulieren ist. Nüchterne Überlegungen, wo welche Missstände auf welche Art und Weise möglichst effektiv und langfristig erleichtert werden können, sind selten. Das hat mannigfaltige Ursachen, zum Beispiel:
– In der Empörung über Missstände klingt der Ruf nach nüchternen Überlegungen zynisch.
– Die Menschheit ist sich nicht einig, was sie unter Effektivität und Langfristigkeit versteht.
– Die Menschheit ist sich ja nicht mal einig, was sie unter Missstand versteht.
– Wohltätigkeit ist nie ganz altruistisch (siehe Friends-Folge „The one where Phoebe hates PBS“), die Wohltäterin will sich immer durch die Wohltat auch besser fühlen. Gerade die Impulswohltätigkeit läuft nach einem Ventilmechanismus ab: Ich erfahre von einem Missstand, der mich empört, der mich sehr schlecht fühlen lässt. Mir wird gleichzeitig mit der Information eine Möglichkeit angeboten, etwas gegen den Missstand zu tun. Ich nehme die Möglichkeit wahr und fühle mich ein wenig besser, weil ich überzeugt bin, etwas gegen die Empörungsursache getan zu haben.

Deswegen ist es eine gute Sache, unabhängig von aktueller Empörung darüber zu reflektieren, wie man helfen möchte und warum. Die einen kommen zum Ergebnis, dass sie in erster Linie selbst etwas tun wollen. Im schlimmsten Fall fahren sie als Konsequenz auf eigene Faust in Katastrophengebiete und bereiten in fast jedem Fall den Hilfsorgansisationen noch mehr Arbeit (zum Beispiel nach dem Tsunami in Thailand 2004). Im deutlich besseren Fall schaun sie sich in ihrer Nachbarschaft nach Möglichkeiten um (und helfen zum Beispiel Einwandererkindern beim Lesenlernen oder kaufen für die alte Frau nebenan ein).

Die anderen möchten gerne spenden. Auch die Entscheidung, wieviel wofür ist meistens von Impuls und Emotion geleitet. Im Blog Less Wrong legt der Artikel „Efficient Charity: Do Unto Others…“ meiner Ansicht nach einleuchtend dar, welche Art der Spende auf welchen Motiven basiert und was die Konsequenzen sind.

Deciding which charity is the best is hard. It may be straightforward to say that one form of antimalarial therapy is more effective than another. But how do both compare to financing medical research that might or might not develop a „magic bullet“ cure for malaria? Or financing development of a new kind of supercomputer that might speed up all medical research? There is no easy answer, but the question has to be asked.

Der Link war eine Leseempfehlung von Kathrin Passig, die ich über Google Reader abonniert hatte. Kathrin Passig befasst sich immer wieder mit der Komplexität von Hilfe in großem Rahmen und kommt von einer Facette zur anderen. Von ihr habe ich auch den Verweis auf Give Well, eine Organisation, die die Effektivität von Wohltätigkeitsorganisationen analysiert:

GiveWell is an independent, nonprofit charity evaluator. We find outstanding giving opportunities and publish the full details of our analysis to help donors decide where to give.
Unlike other charity evaluators, which focus solely on financials (assessing administrative or fundraising costs), we focus on how well programs actually work – i.e., their effects on the people they serve.

Für mich ist die Selbstbestimmung der Menschen ein ausgesprochen hoher Wert, selbstverständlich auch, wenn es ihnen schlecht geht, wenn sie unterprivilegiert sind. Deswegen (ich kürze einen langen und verzweigten Gedankengang brutal ab) fühlte ich mich vom Konzept Mikrokredit sehr angezogen: Zum einen wird nicht von oben herab gespendet, sondern über eine Geldleihe auf Augenhöhe an jemanden herangetreten, zum anderen ist es ja in die Selbstverantwortung der Kreditnehmerin gelegt, was sie mit dem Geld tun möchte. Aber auch das ist, wir ahnten es, nicht so einfach. Wie wiederum Kathrin Passig aufdröselt, diesmal in einem Artikel für das Süddeutsche Magazin: „Was tun wir da?
Seit Jahren heißt es: Mikrokredite helfen Menschen in Entwicklungsländern, eigenes Geld zu verdienen. Aber die Realität ist um einiges komplizierter.“

Ich sehe mich mit meinen Gedanken zum Thema Hilfe, vom Wohlstand abgeben, erst ganz am Anfang. Um aber nicht gelähmt gar nichts zu tun, spende ich zwei Organisationen, die für mich die meisten Menschheitsübel an der Wurzel bekämpfen:
– Amnesty international, denn ohne Menschenrechte geht gar nichts
– Ärzte ohne Grenzen, die allen Überprüfungen von Effizienzektivität und verantwortlichem Handeln standhalten

(Bei dieser Gelegenheit mal wieder der Appell, nicht zweckgebunden zu spenden: Die Hilfsorganisationen haben einen erheblich besseren Überblick als wir Spender, wo gerade Hilfe am nötigsten ist, auch wenn diese Not nicht in der Tagesschau auftaucht. Bei zweckgebundenen Spenden dürfen sie das Geld nur für diesen Zweck verwenden – und so sitzen sie bis heute zum Beispiel auf sehr viel Geld, das nur für die Schäden des Tsunami in Thailand verwendet werden darf. Informieren Sie sich so lange, bis Sie eine Hilforganisation finden, der sie vertrauen, und legen Sie die Verantwortung für die Verwendung Ihres Geldes in deren Hände.)

die Kaltmamsell

10 Kommentare zu „Wohltätigkeit und Effektivität“

  1. Liisa meint:

    Sehr guter Beitrag zur gerade laufenden Diskussion im Internet und überhaupt! Danke, dass Sie sich die Mühe gemacht haben und für die guten Links!

    Ich halte es übrigens wie Sie, sprich: ein, zwei seriöse Organisationen, die Überprüfungen schon über lange Zeit standhalten. Allerdings gebe ich auch Mikrokredite (so wie es mir möglich ist), einfach weil meiner Ansicht nach die Vorteile dieses Systems (wenn seriös aufgezogen) immer noch die Nachteile weit überwiegen und ich zu viele Fälle gesehen habe, in denen das Leben von einzelnen, ganzen Familien aber auch Dörfern tatsächlich um einiges besser wurde aufgrund dieser Art der Hilfe.

  2. walküre meint:

    Verbindlichsten Dank fürs Teilhabenlassen an Ihren diesbezüglichen
    Gedankengängen ! Es tut definitiv gut, zu sehen, dass ich nicht alleine bin mit meinen Gedanken und Grübeleien zu dieser äußerst komplexen Thematik.

  3. ellebil meint:

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    Gerne gelesen

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  4. Sabine meint:

    Kaum setzt man sich einmal einen Tag lang nicht den viralen Stürmen aus, ist man außen vor – meine SchülerInnen haben mich heute ungläubig angeschaut, als ich nichts von Kony wusste und ihnen auch noch vorwarf, obskure Popkulturreferenzen ins Unterrichtsgespräch einzubringen.

    Diese Alarmvideos sind aber auch eine Art von Popkultur. Oder? Das Video habe ich mir immer noch nicht angeschaut, weil ein Kind neben mir sitzt, das Bildschirme mit sich bewegenden Bildern vergöttert.

  5. midori meint:

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    Genau!

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  6. typ.o meint:

    Guck auch mal das: http://www.youtube.com/watch?v=KLVY5jBnD-E

  7. vilsrip meint:

    Mich hat eine Schülerin (Q12) heute am Anfang der Englischstunde angesprochen, ob wir nicht mal über diesen Film reden könnten, auf den sie gestern über Facebook aufmerksam geworden war. Zum Glück war ich präpariert: Nicht nur hatte ich den Film und VLC Portable auf USB-Stick dabei, sondern hatte auch den Artikel auf Jezebel gelesen („Think twice before donating to Kony 2012“). Und so konnten wir nach den ersten 14 Minuten des Films eine relativ intelligente Diskussion über das Ziel und die Mittel dieses Films führen.
    Dass man darüber eine mehrstündige Unterrichtseinheit machen könnte, ist mir durch den Blogeintrag gerade klar geworden – das werde ich jetzt auf die Schnelle nicht schaffen, weil ich soviel Anderes zu tun habe, aber das Thema (Hilfe aus der Ferne – Beeinflussbarkeit – Gefühl der Verpflichtung – Vertrauenswürdigkeit der Organisationen …) ist ja zeitlos. Danke für den Anstoß!

  8. Preißndirndl meint:

    Manchmal finde ich Subjektivität beim Spenden nicht schlimm: Als begeisterte Fotografin habe ich ein Projekt der Lomographischen AG unterstützt, bei dem Menschen das Augenlicht wiedergegeben wird. Da ich als Kind selbst eine Augenoperation hatte, weiß ich, welch ein Geschenk es ist, gescheit sehen zu können – das wollte ich auch anderen machen.

  9. kelef meint:

    @kaltmamsell: sie sprechen mir, wie so oft, aus der seele.

  10. Lu meint:

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    Genau!

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