Theatergehen für Fortgeschrittene

Donnerstag, 21. März 2013 um 8:44

Jahrelang war ich darauf hereingefallen. Hatte einen Schauspieler aus dem Kammerspiel-Ensemble im Zuschauerraum gesehen und gedacht: „Ach guck, schaut sich an, was die Kolleginnen so machen.“ Um im Lauf des Stücks festzustellen, dass er in Wirklichkeit mitspielte, seinen Auftritt halt vom Zuschauerraum aus hatte.

Gestern war es damit vorbei. Ich sah Stefan Merki (hatte ich unter anderem in Fein sein, beinander bleibn erlebt) drei Reihen vor mir Platz nehmen, in einem 50er Ski-Anorak, und dachte: „Ha! Diesmal falle ich nicht rein. HA!“ Doch er spielte nicht mit und sah sich wohl wirklich einfach nur das Stück an. Ich muss noch viel lernen.

Gegeben wurde der jährliche Pollesch, diesmal Eure ganz großen Themen sind weg! Inszeniert, wie gewohnt, vom Autor René Pollesch selbst. Möglicherweise haben seine Stücke ja Trainingsfunktion: Die Schauspieler und Schauspielerinnen müssen ein enormes Textpensum schaffen, meist in maschinengewehrartiger Geschwindigkeit vorgetragen, inhaltlich auch noch nahezu sinnfrei und deshalb schwer zu merken. Gestern stellten sie den Souffleur gleich in Kostüm mit auf die Bühne, meist in die Nähe der Textsalven feuernden Schauspielergruppe. Die Wörter „Liebe“, „Leben“, „Themen“, „nehmen“, „Mehrwert“, „Gebrauchswert“ tauchten auffallend häufig in den Sprachschleifen auf. (Zum ersten Mal in einem Theaterstück gehört: „Narrationen“.)

Menschliche Nähe oder nicht, Liebe, Leben – Pollesch kreiste wieder um alles, was Douglas Adams mit „42“ beantworten lässt (ja aber sicher tauchte die Zahl unter den Unmengen popkultureller Anspielungen auf). Die Schauspieler und Schauspielerinnen turnten in wechselnden Kostümen aus 100 Jahren Filmgeschichte über die Bühne und einen riesigen begehbaren, drehbaren Holzschädel (die Rezensentin der Münchner tz brachte mich drauf, woran mich der Schädel erinnerte: Damien Hirst). Alles ganz possierlich, das Wegnicken des Publikums wurde durch regelmäßige Einspielung von Musik in trommelfell-gefährdender Lautstärke verhindert.

Aber! Katja Bürkle. Zu schauspielern hatte sie im eigentlichen Sinn nichts, es standen ja keine Personen oder Charaktere auf der Bühne, sondern – ja was? Polleschtextaufsager? Doch diese kleine, drahtige Faust von einer Person sehe ich immer gerne.

Das Stück fasst am besten der Autor selbst zusammen:

Die ganz großen Themen im Theater, wie ‚Gier‘, bekommen es jetzt mit der Universalisierung der ganz kleinen, wie ‚Kreativität‘, zu tun. Es gibt keine großen Themen mehr, wir können die kleinen aber wichtig und ewig machen, wenn wir sie nur lange genug hochhalten und gen Himmel sagen.

Ach.

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die Kaltmamsell

2 Kommentare zu „Theatergehen für Fortgeschrittene“

  1. Stefan Merki meint:

    Hallo, ich bin nur jeden dritten Tag auf der Bühne. Sonst sitze ich nur in der Runde.

  2. die Kaltmamsell meint:

    Also doch, HA!, nicht reingefallen, Stefan Merki (Ihr Kommentar war leider im Spamfilter hängen geblieben, deshalb verspätetes Erscheinen).


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