Auszeitjournal Montag, 15. April 2013 – Verluste

Dienstag, 16. April 2013 um 7:14

Ein böser Tag, den ich gerne gegen einen anderen umgetauscht hätte. Mir ist nämlich mein Frühlingsmantel abhanden gekommen, in dem sich Geldbörse (mit allem) und Schlüssel befanden.

Morgens radelte ich in sensationeller Frühlingsluft zum Sporttreiben am Ostbahnhof. Da war es noch so kühl, dass ich meinen Chartreuse-farbenen Trenchcoat brauchte (hier ein Bild davon unter Magnolien in New York 2003 – ja, den Mantel habe ich schon länger). Nach ausgiebigem Sport war noch ein wenig Zeit bis zu meiner Mittagsverabredung, und ich setzte mich lesend auf den Weißenburger Platz. In der Sonne wurde mir so warm, dass ich den Mantel (in seinen Taschen Geldbörse und Schlüssel) ablegte und um meine Sporttasche in den Fahrradkorb quetschte – so gründlich, dass ich bereits bedauerte, wie zerknittert ich ihn von dort wieder rausholen würde.

Doch als ich in der Paul-Heyse-Straße zu meiner Verabredung mit dem Mitbewohner eintraf, war kein Mantel mehr im Korb. Mir wurde noch viel heißer. Ich verständigte kurz den Mitbewohner über die Umstände und machte mich auf die Suche. Meter für Meter, mal auf dem Rad mit Blick auf die gegenüberliegende Straßenseite, mal Rad schiebend auf der Seite, auf der ich stadtauswärts gefahren war – immer verzweifelter. Meine Geldbörse hatte ich vorher genau einmal im Leben verloren, mit zwölf in einer Telefonzelle. Und wie konnte sich nur der Mantel aus diesem Eingezwicktsein befreit haben? Die Konsequenzen eines tatsächlichen Verlusts wurden mir immer klarer: In meiner Geldbörse hatte ich nicht nur das Bargeld für die Ausgaben dieser Woche, sondern alle Plastikkarten, von Bank- und Kreditkarte über Sportstudio- und Bibliotheksausweis bis Krankenkassen-, aufgeladener Bäder- und Bahnkarte. Dazu Organspende- und Personalausweis. Letztere beiden mit kompletten Kontaktdaten.

Als ich wieder am Weißenburger Platz war, hatte ich schon keine Hoffnung mehr auf Fund, machte den ganzen Weg (ca. 4,5 km) aber nochmal im Schritttempo. Bei dem wundervollen Frühsommerwetter waren tausende Menschen unterwegs – wenn ich den Mantel tatsächlich verloren hatte, würde ihn vielleicht jemand abgeben. Oder mir sogar bringen. Zumindest anrufen?

Der Mitbewohner ließ mich verzweifeln und ärgern, gab mir die vernünftigen Fingerzeige: Kredit- und Bankkarte sperren, daheim bleiben, auf Anruf warten. Das tat ich also, während mir Tragweite des gekoppelten Verlusts Wohnungsschlüssel und Ausweise klar wurde. Mir erschien immer wahrscheinlicher, dass jemand den Mantel geschickt aus meinem Fahrradkorb gestohlen hatte. Was für ein Schlamassel. Ärger und Sorge blockierten mich völlig, auch die jährliche Grundreinigung des Balkons munterte mich nicht auf.

Bis zum Abend meldete sich niemand. Wir legten zum ersten Mal seit unserem Einzug in diese Wohnung vor 14 Jahren nachts die Kette vor die Tür.

die Kaltmamsell

20 Kommentare zu “Auszeitjournal Montag, 15. April 2013 – Verluste”

  1. Micha meint:

    Mist, elendiger, Mist, Mist!

    Da darf man sogar noch phantasiereicher fluchen.
    Ich fühle mit Ihnen und kann nur tröstend sagen: es ist nur Geld und ein Haufen Aufwand – es gibt schlimmeres, das passieren kann.

    Aber da uns bestimmt allen (oder zumindest nahezu) bereits ähnliches widerfahren ist, weiß ich, wie sehr man sich in einer solchen Situation gelähmt fühlt. Vielleicht sollten Sie, nachdem sie die lästigen, damit verbundenen Pflichten erfüllt haben, etwas Ablenkendes machen!

  2. die Kaltmamsell meint:

    Erste Entwarnung: Kurz nach Veröffentlichung des Posts klingelte das Telefon, man hat die Geldbörse ohne Geld in einem Briefkasten gefunden. Übergabe nachmittags, anscheinend sogar inklusive Schlüssel, hoffentlich mit Karten.

  3. gerriet meint:

    Drücke die Daumen, dass wirklich nur das Geld weg ist und sich alles andere wieder einfindet.

  4. Connie meint:

    Es ist wirklich absoluter Leichtsinn, Handtaschen oder Ähnliches in Fahrradkörbe zu stecken.
    Besser kann man Diebe nicht einladen. Und wer hat schon hinten Augen?

    Und wenn der Gedlbeutel in einem Briefkasten gefunden wurde, deutet das auf professionelle Diebe hin. Haben wir in Altona alle 5 Minuten.

  5. Anke meint:

    Vielen Dank für diesen Hinweis, Connie – zu den Vorwürfen, die sich Frau Kaltmamsell bestimmt schon gemacht hat, ist es immer hilfreich, noch jemanden in den Kommentaren zu haben, der ein kleines „Selber schuld“ raushaut. (Meine Fresse.)

  6. Trulla meint:

    Tut mir so leid!
    Habe ich aber auch schon erlebt, ganze Handtasche mit wirklich allem war weg. Als letzte auf dem Spielplatz mit Kleinkind in Karre sammelte ich das Spielzeug zusammen, während die Tasche auf der Bank stand. Geklaut vermutlich von 2 halbwüchsigen Knaben, die schon vorher durch die Hecke lugten. Denkt man sich doch nichts dabei, oder? Ist inzwischen 35 Jahre her. Nichts ist jemals wieder aufgetaucht. Gut war nur, dass ich einen Wohnungsschlüssel bei guten Nachbarn (gegenseitige Hilfe) deponiert hatte. So konnte ich, da Ehemann zu der Zeit beruflich fort war, wenigstens das Kind ordnungsgemäß versorgen, nachdem ich auf dem Heimweg Station in meiner Bankfiliale machte und Karten sperren ließ.
    Alle Papiere (Herrje, was schleppte man auch damals schon mit sich herum) wieder zu besorgen war ein ziemlicher Aufwand an Zeit und Kosten). Und ohne Führerschein konnte ich nicht mal das Auto nehmen.
    Heute ist es eine nette Anekdote, die mir zur Lehre gereichte. Handtaschen werden nicht ausschließlich nach ästhetischen Gesichtspunkten ausgewählt. Ihre Funktionalität muss stimmen.
    Schade um den schönen Mantel, liebe Kaltmamsell (Alter spielt dabei keine Rolle), Geld weg, na ja, hätte schlimmer kommen können. Waren halt Profis, nehmen sich nur, was sie brauchen, von wegen Ganovenehre!

  7. Chris Kurbjuhn meint:

    Keine Vorwürfe machen! Ist sinnfrei: Wenn ein Profi einen als Ziel ausgemacht hat, hat man keine Chance mehr. Mir ist hier in Berlin am U-Bahnhof Bismarck-Straße (bei Taschendieben sehr beliebt) mal die Brieftasche gestohlen worden. Aha, dachte ich, jetzt weißt du wie’s geht, das passiert dir nicht nochmal. Ein dreiviertel Jahr später ist mir die nächste Brieftasche gestohlen worden, wieder in besagtem U-Bahnhof, und ich hab kurz vorher noch gemerkt, dass hier etwas seltsames vorgeht. Diese Leute verstehen ihr „Handwerk“ sehr, sehr gut, da ist jeder Selbstvorwurf wirklich unangebracht.

  8. walküre meint:

    Den Mistfinken, der Ihre Sachen gestohlen hat, möge der Blitz beim Schei*en erschlagen, und zwar möglichst bald.

    Hoffe ebenfalls, dass sich alles (außer dem Geld halt) wieder einfindet.

  9. Liisa meint:

    Oh nein! Sowas ist immer höchst ärgerlich. Drücke fest die Daumen, dass der Dieb doch noch ein Einsehen hat und wenigstens den ganzen Rest zurückgibt!

  10. walküre meint:

    Nachtrag & vielleicht eine kleine Hilfe:
    Ich bin jemand, der seine Sachen gerne beim Radfahren aus den Jacken-/Manteltaschen streut und habe deshalb bis zum unseligen Ende meines bislang letzten Radls eine handliche wasserdichte Kunststofftasche verwendet, die mittels zwei Klettverschlüssen am Lenker anzubringen war und mit wenigen Handgriffen jeweils wieder abmontiert und mitgenommen werden konnte. Dieses Teil war damals (= vor ca. 20 Jahren) ein Werbegeschenk einer Bank, aber ich denke, man müsste ähnliches Zubehör auch regulär bekommen.

  11. kid37 meint:

    Mist! Doppelmist! Ich weiß gar nicht genau, ob man von dem konkreten Verlust so getroffen ist oder von der Selbsterkenntnis, eine solche verletzliche Stelle zu haben. Ich meine, es ist Geld, es ist Zeit, es ist Nervkram, alles ersetzen zu müssen. Aber letztlich ist es auch „nur“ das. Aber wirklich ein großer Mist! Sehr großer sogar. Vom Balkon herunterfluchen hilft! Durchatmen.

    (Man hört es immer wieder, daß bemerkenswert viele gefundene/gestohlene Dinge wieder im Briefkasten landen. Das hat mit „Profi“ oder nicht nix zu tun. Wenn Geld drin war, reicht das oft schon, der Rest ist ja auch für einen Dieb umständlich/gefährlich zu verwenden. Ich wünsche Ihnen, daß jetzt nicht noch die Ämterlauferei anfängt. Schloß aber bitte austauschen. Und Durchatmen!)

  12. Muyserin meint:

    Es tut mir so leid für Sie! Da ich ein Schussel bin, habe ich dieses Szenario und die dabei entstehenden Gefühle der Trauer zigfach durch (es fühlt sich aber immer wieder gleich beschissen an). Was mich dabei so wütend macht, ist weniger das ganze Gerenne und Rumtelefonieren, um sich zu schützen, sondern die Niedertracht dieser Gauner, die Arglosigkeit Anderer auszunutzen.

  13. barbara meint:

    Oh nein, hoffentlich haben Sie nicht noch zusätzliches Gschiss mit Ämtern und bekommen das Meiste zurück.
    Einer Bekannten wurde vor einiger Zeit auch der Mantel aus dem Fahrradkorb geklaut, in eben der gleichen Ecke. Teurer Mantel, von der Änderungsschneiderei abgeholt und sie mußte ihn der Kundin ersetzen.
    Warum werden denn keine Fahrradkörbe mit Deckel produziert, kleines Schloß dran und fertig.
    Gefummle mit einer Extratasche – nichts für mich.

  14. Frau Klugscheisser meint:

    Mensch, gut dass die Geldbörse wieder aufgetaucht ist. Das Szenario ist auch für mich Horror. Muss ja wirklich einer drauf abgesehen haben. Viel mehr als der Verlust macht mich immer betroffen, dass man überhaupt mit Taschendieben rechnen muss.

  15. Sabine meint:

    Das ist wirklich außerordentlich ärgerlich und sehr schade um den Mantel. Tut mir sehr leid.

    Gut zu wissen, dass in München Fahrradkorbausräumdiebe unterwegs sind. Vielleicht leg ich mir wenigstens so Schnellspanner drüber. Aber wie bereits gesagt wurde – echte Profidiebe hält überhaupt nichts ab, was man sich als Normalbürgerin so ausdenken kann, um sein Eigentum zu sichern. Mir ist mal aus einer quer umgehängten Tasche, auf der meine Hand lag und die einen sehr, sehr lauten und schwer zu öffnenden Klettverschluss hat, eine Kamera geklaut worden. Übrigens der einzige Diebstahl, durch den ich je geschädigt wurde. Möge es bei der Kaltmamsell auch der einzige bleiben!

  16. Uschi meint:

    Was für ein superblöder Ärger!!!

  17. Monika meint:

    Drücke die Daumen, dass alles bis auf’s Geld zurückkommt. Ist mir in der hiesigen Stadtbücherei passiert, Geldbörse plus Handy kurz im Regal abgelegt, einmal umgedreht, alles weg. Ich Doofie! Aber glücklicherweise haben die Diebe mir den Geldbeutel mit allen Karten/Papieren und ohne Geld sogar per Post nachhause geschickt. Was war ich da froh und dankbar.

  18. Croco meint:

    Im Herbst war so mein Geldbeutel im Zug weggekommen.
    Habe am Abend dann Fundbüro und Bahn an der Endstation erreicht.
    Er lag noch im selben Waggon, allerdings am Ende und ohne Geld.
    Die Karten waren aber alle noch da plus Führerschein plus Ausweis.
    Aber das Gefühl danach war schrecklich.
    So eine Hilflosigkeit machte sich breit, und Angst.
    Die beschützende Hülle um mich hatte einen Riß bekommen.
    Übles Geschimpfe und Verwünschungen gegen die üble Socke, die mich bestohlen hat, haben geholfen.
    Ja, ich wünsche ihm immer noch die Krätze.

  19. nachtschwester meint:

    Ach wie fürchterlich. Das braucht kein Mensch nie nicht. Hoffentlich konnten Ausweise und Karten requiriert werden, beste Wünsche.

    Hinweis an die weltstädtische Strickbloggerin oben: Es hinterher besser gewusst zu haben, bringt selten Sympathiepunkte. Übrigens hatte ich in Altona 8 Jahre lang kein geklautes Portemonnaie im Briefkasten, noch wurde meins irgendwo eingeworfen.

  20. Connie meint:

    Übrigens hatte ich in Altona 8 Jahre lang kein geklautes Portemonnaie im Briefkasten, noch wurde meins irgendwo eingeworfen.
    Kommt drauf an, wo man wohnt und sich aufhält.

    In der Goetheallee liegen jeden Tag Geldbeutel im Mülleimer oder in Briefkästen, im Bahnhof Altona wird regelmässig durchquerenden Radfahrern aus dem Korb geklaut.

    Ich habe das nicht als Besserwisserei, sondern als Rat gemeint. Aber es wird ja immer schnell und leicht geurteilt.

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