Journal Samstag, 7. September 2013 – sohlenlos

Sonntag, 8. September 2013 um 10:32

Weil’s vergangenen Samstag gar zu schön war und weil die Vorhersage wieder Sommerwetter versprochen hatte, nahmen der Mitbewohner und ich gestern Morgen wieder eine S-Bahn nach Süden zum Wandern: Dieselbe Strecke wie vor einer Woche, nur in die andere Richtung. Eigentlich war die Tour diesmal ereignisärmer – nur dass ich sie auf desintegrierenden Wanderschuhen zurück legte, die Sohlen lösten sich.

Als wir das Haus verließen, freute ich mich noch an den festen Schuhen: Meine Füße waren darin so gut und gleichzeitig bequem eingepackt, dass ich beim Gehen auf den dicken Sohlen deutlich merkte, wie viel mehr ich mit dem ganzen Körper lief und wie nicht nur die Füße und Unterschenkel die Arbeit machen mussten.

130907_Kleidung

Die Jacke brauchte ich den ganzen Tag nicht: Schon Kirchseeon empfing uns um 10 Uhr mit wolkenloser Hitze, und wir gingen fröhlich los. Ich begann die Funktion von Wanderliedern zu erfassen, denn in solchen Momenten ist mir sehr nach Singen beherzter Weisen. Wir erinnerten uns an „Mein Vater war ein Wandersmann“, „Im Frühtau zu Berge“, „Kein schöner Land“, „Das Wandern ist des Müllers Lust“ – kamen aber nur jeweils bis ans Ende der ersten Strophe, dann ließ uns der Text im Stich.

Nach einer knappen Stunde fühlte sich das Gehen seltsam an. Ein Blick auf meine Schuhe: Die Sohle des linken Schuhs löste sich vorne. Darauf war ich nun überhaupt nicht gefasst gewesen. Ich hoffte auf einen bislang halt unentdeckten älteren Schaden, der nicht weiter stören würde. Doch die Sohle löste sich immer weiter, ich begann zu stolpern. Ein festes Klebeband wäre jetzt recht gewesen, doch wer hat schon Klebeband beim Wandern dabei? (Nach allem, was ich seither erfahren habe, möglicherweise mehr Wanderer als gedacht.) Irgendein Stück Schnur hätte auch schon geholfen. Ich durchsuchte alles, was wir bei uns hatten und landete – bei dem Bändel an meinem Fotoapparat.

130907_Wanderschuhe_Baendel

So marschierte ich erst mal unverändert fröhlich weiter und verdrängte so gut es ging, dass sich auch am rechten Wanderschuh vorne die Sohle zu lösen begann. Durch Moosach, hinauf an den Steinsee (gestern gut besucht), durch Oberseeon (das Anwesen, an dem wir vergangene Woche Birnen gekauft hatten, lag einsam, verschlossen und leer). Nach gut zwei Stunden Wanderung half alles Verdrängen nicht mehr: Die Sohlen hatten sich mittlerweile völlig von den Schuhen gelöst, alle beide.

130907_Wanderschuhe_sohlenlos

Ich veröffentlichte ein Bild der Kalamität auf Instagram und erhielt umgehend höchst interessante Informationen dazu. Zum einen, dass diese Sohlenflucht ein so verbreiteter Verarbeitungsfehler sei, dass man an frequentierten Wanderstrecken regelmäßig auf weggeworfene Sohlen stoße. Zum anderen, dass einige Hersteller Neubesohlungen anböten. Ersteres halte ich für eine empörende Dreistigkeit der Hersteller, Zweiteres immerhin.

Insgesamt fühlten sich die Schuhe aber stabil an, ich wanderte also einfach sohlenlos weiter, dunkelblaue Krümel der Zwischensohlen hinter mir lassend (größere Stücke steckte ich aber ein und warf sie in den Abfall). Über die folgenden Stunden kam ich dem Boden immer näher, daheim trug ich nur noch schlichte Schnürstiefel.

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Ja, Hersteller Lowa bietet Neubesohlung an, wenn die Schuhe „abgelaufen“ sind. Nur kann ich mit der Anleitung nichts anfangen, damit zu meinem „LOWA Händler“ zu gehen, die Website führt nicht mal ein Händlerverzeichnis. Ich wandte mich also gleich gestern Abend mit einer E-Mail an die Serviceabteilung von Lowa und bat um Auskunft, wie ich am besten zu einer neuen Sohle komme. Ansonsten sind die Stiefel nämlich bestens in Schuss, und es wäre Vergeudung, sie zu Müll zu erklären.

§

Mein Vergnügen an der Wanderung war dadurch zum Glück nicht beeinträchtigt. Wir sahen nochmal Rauchschwalben, einen kleinen hellbraunen Frosch, lebendig, zudem einen großen, extrem flachen Frosch, tot. Letzterer hatte den nicht zu unterschätzenden Vorteil der leichten Fotografierbarkeit. Vielleicht sollte man Tierfotografie standardmäßig mit toten Tieren beginnen.

Wir begegneten einem Pferd mit Reiterin, das durch diese Begegnung höchst irritiert war und von der Reiterin erst überzeugt werden musste, dass es dennoch weitergehen konnte (zu uns erklärend: „Auf euch war er jetzt nicht gefasst.“).

Ein Bussard rufend über uns kreisend, ein Falke, der von einem Feld aufflog, riesige, grüne Libellen, Himbeeren und Brombeeren am Wegesrand (von denen mich der Mitbewohner immer wegzuziehen versuchte, auf die Warnungen vor Fuchsbandwurm verweisend), erste Pilzlein im Wald. Es war sehr warm und sehr sonnig, das Rote an meinem Hals wird dann wohl doch eine leichte Verbrennung sein. Doch mit besseren Schuhen war die Wanderung tatsächlich weit weniger anstrengend.

Trotzdem freuten wir uns sehr auf das Einkehren in Aying. Zwischen Ausflüglern in Straßenkleidung und Menschen in Nylon-Wurstpellen (in der Stadt bekommt man diese Art von Bewegungsbekleidung weit seltener zu sehen) genossen wir Brotzeitbrettl (sensationell reichhaltig, die Würste aber sichtlich aus der Folie kommend), Wurstsalat, Radler und Kirtabier aus der ortsansässigen Brauerei.

130907_Frosch_tot

Birkenallee beim Gut Deinhofen

130907_Gut_Deinhofen

Südlich von Moosach

130907_Moosach

Schlacht – die stolze Bewohnerin des blumengeschmückten Hauses sah mir in Kittelschürze beim Fotografieren zu; so konnte ich ihr persönlich dazu gratulieren.

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Egmatinger Forst von außen

130907_Egmating

Aying

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die Kaltmamsell

20 Kommentare zu „Journal Samstag, 7. September 2013 – sohlenlos“

  1. 40something meint:

    Dein Tierfotografie-Tipp hat mich überzeugt!

    Allerdings: nicht nur Deine Stiefel, sondern auch Deine Kamera muss in Reparatur. Auf dem einen Bild sieht mir das doch sehr nach Staub auf dem Sensor aus…

  2. die Kaltmamsell meint:

    Ja leider, 40something, seit anderthalb Jahren in meiner kleinen Lumix DMC-FS16, und immer mehr davon. Fotoladen sagte letztes Jahr, da könne man nichts machen, seither schiebe ich eine Neuanschaffung vor mir her.

  3. Micha meint:

    Das Bild, wie du mit deinen Sohlen in der Hand dasitzt, finde ich zu witzig!

    Und du bekommst tatsächlich keinen Pfennig vom bayrischen Fremdenverkehrsministerium – bei soviel Werbung fürs schöne Bayern ;)?!

  4. Sigourney meint:

    „Flattened Fauna“ deckt ja leider nur die USA-Fauna ab, eine deutsche (oder gar europäische) Ausgabe wäre mehr als wünschenswert, da könnten Sie (einfach) photographieren und ihr Schreibtalent einsetzen.

  5. Tanja meint:

    Danke – dieser heutige Wanderbericht bestätigt mich nochmals darin, dass es absolut richtig war, das Büchlein „Wandern mit dem MVV“ zu erwerben. Bestellt hatte ich es schon nach Ihrem ersten Bericht über die Wanderung zum Kirchseeoner See. ;-)
    Da es gestern erst im Briefkasten lag, muss ich mich wohl noch bis zum kommenden Wochenende gedulden, bevor wir loslaufen können.

  6. Sabine meint:

    Hat das MVV-Büchlein auch noch Ziele von Seeshaupt aus im Programm? Wir sind heute bei Bernried gelaufen, das war herrlich, zumal der Starnberger See noch 20° Grad hatte und glasklar und menschenleer war.

    Die Tochter hat letztes Jahr beim alljährlichen Saisonendgang auf die Hochkopfhütte auch beide Sohlen verloren, vom guten Meindl-Schuh. Das führte aber beim Abstieg zu einem fiesen Bänderriss…

  7. Remington meint:

    Das ist kein Frosch, das ist eine arme arme Erdkröte. Hatte ich mal als Haustierchen, aus einer Kaulquappe gezogen…

    Ach ja, Klugscheißmodus aus…

  8. stedtenhopp meint:

    Zweite (oder noch spätere?) Strophe vom „Frühtau“:

    Ihr alten und hochfeinen Leut‘, Falera,
    Ihr denkt wohl, wir wären nicht gescheit, Falera.
    Wir sind hinausgegangen,
    Den Sonnenschein zu fangen,
    Kommt mit und versucht es doch selbst einmal.

    … und vom „Müller“:

    Vom Wasser haben wir’s gelernt, :||
    Vom Wasser:
    Das hat nicht Ruh‘ bei Tag und Nacht,
    Ist stets auf Wanderschaft bedacht, :||
    Das Wasser!

  9. stedtenhopp meint:

    Erstaunlich, was auf ein flüchtiges Antippen der Hirnschublade „Volkslieder“ hin plötzlich aus den tiefsten Schichten der Erinnerung hochkatapultiert wird. Wir hatten in der 5./6. Klasse eine Lehrerin, die Derlei mit uns rauf und runter gesungen hat. Wanderlieder, Seemannslieder, Jahreszeiten- und Landwirtschaftslieder.

    So, und wie werde ich jetzt diese Ohrwürmer wieder los? Schönen Dank auch.

  10. Ilse meint:

    Welch Zufall- gestern waren wir auch in Aying, allerdings mit dem Auto, Wetter nicht mehr heiß, Wanderung nur auf den Hügeln ums Dorf und daher keine Schustrapazierung; Essen Schweinebraten. Trotzdem schön!

  11. Christian meint:

    Das soll keine Werbung sein. Aber bei Globetrotter (jedenfalls in der Berliner Filiale – warum sollte das in München anders sein) nehmen sie solche Reparaturaufträge an Lowa entgegen, auch dann wenn die Schuhe ganz woanders gekauft wurden. Bei meiner Frau hatte das – ebenfalls Lowa-Schuhe mit Sohlenablösung – wunderbar funktioniert. Allerdings hat das auch 60€ gekostet.

    Für ein Paar eingelaufene Wanderstiefehl, die anschließend runderneutert sind, ein sehr günstiger Preis…

  12. die Kaltmamsell meint:

    Vielen Dank für den Hinweis, Christian, dann versuche ich es dort mal. Ich komme allerdings weiterhin nicht darüber hinweg, dass diese Selbstzerstörung von sicherheitsrelevanten Geländeschuhen als normal erachtet wird – siehe Sabinetochter.

  13. jochenguckt meint:

    Gratuliere! Der Frosch (die Kröte) ist fantatstisch – da möchte ich gerne auf den hervorragenden Naturführer „Flattened Fauna“ von Roger M. Knutson verweisen, Viecher in 2D haben erhebliches Potential …

  14. barbara meint:

    Lowa wurde mir kürzlich im Fachhandel ausdrücklich empfohlen. Und explizit auf die Möglichkeit einer Neubesohlung hingewiesen.
    Auch nachdem ich auf mein hohes Alter und die eher seltene Nutzung der Schuhe hingewiesen hatte, man blieb dabei: ich würde eine Neubesohlung noch erleben.
    Scheint so zu stimmen.

  15. die Kaltmamsell meint:

    Das ist natürlich besonders perfide, barbara: Mögliche Neubesohlung als Qualitätskriterium zu nennen – und sie durch akzeptierte Zerbröselung erst notwendig zu machen.

  16. Angel meint:

    Das Problem verschärft sich, wenn man die Schuhe selten nutzt. Bei häufiger Nutzung scheint der Weichmacher im Gummi eher weniger zu entweichen. In meinem Vielbergsteiger-Bekanntenkreis hat niemand dieses Problem. Und da hat jeder mehr als nur ein Paar Stiefel. Bei den Wenigwanderern dagegen kommt das immer wieder mal vor.
    Angeblich gibt es seit 2 Jahren Gummimischungen für die Zwischensohle, die sich nicht mehr auflöst. Kann aber leider keinen Link mehr dazu finden.

  17. Pfiffika meint:

    So ist es mir mit Meindl-Wanderschuhen auch ergangen. Ich schickte diese an den Hersteller, der auf Kulanz die Schuhe neu besohlte und mir aber auch den Hinweis gab, dass meine Wanderschuhe älter als 10 Jahre wären (gekauft hatte ich sie vor 4 Jahren; weiß der Geier, wo die Schuhe in der Zwischenzeit waren) und dass Wanderschuhe sehr regelmäßig getragen werden müssten und, wenn sie nicht in Gebrauch sind, im Dunkeln stehen sollten mit möglichst wenig klimatischen Schwankungen, da das Gummi, was die Geh“stöße“ abfangen soll, auch altert.

    Bestätigt also das, was Angel schrieb.

  18. 40something meint:

    (kurz noch ein Tipp zur Kamera: der Staub auf dem Sensor ist um so auffälliger, je kleiner die Blende – also möglichst offene Blende wählen. Leider hat dieses Modell keine Blendenvorwahl, aber es gibt einen Workaround: Im Scene Modus die vermutlich vorhandene Sport-Einstellung wählen. Die nimmt möglichst kurze Verschlusszeiten und damit größere Blendenöffnung, zudem – wenn möglich – manuell möglichst niedrigere Empfindlichkeit (ISO) einstellen. Das reduziert zwar nicht die Staubkörnchen, aber die Sichtbarkeit…)

  19. Steffi meint:

    Ich musste den Beitrag vor lauter Ungläubigkeit gerade 2x lesen und sehr schmunzeln, denn meiner Freundin ist vor 2 Wochen genau das gleiche passiert: eine Sohle ihrer Lowa-Stiefel, die sie vor unserer Wanderung noch so ausdrücklich gelobt hatte, löste sich. Allerdings nicht irgendwo sondern während unseres nächtlichen (!) Aufstiegs auf den Mount Fuji in Japan! Da half am Ende auch kein Klebeband mehr, welches ihr von anderen (definitiv in dieser Hinsicht erfahreneren) Wanderern dankenswerter Weise gegeben wurde: nach einem mehr als 6-stündigen Auf- und einem 4-stündigen Abstieg musste sie die letzen 1,5 km Vulkanascheweg mit einem Barfuß zurücklegen – da staunten besonders diejenigen, die den. Aufstieg noch vor sich hatten aber auch alle anderen Wanderer tuschelten…. Sie war eine echte Attraktion ;-) Über eine Reparatur der Schuhe haben wir keine Sekunde nachgedacht – stattdessen haben wir an der Bergstation die nächstbesten Flip-Flops gekauft und die Schuhe feierlich entsorgt.

  20. Tanja meint:

    Bei unserem heutigen Ausflug musste ich unterwegs sehr schmunzeln und spontan an Sie denken, werte Kaltmamsell:
    http://www.frlsonnenschein.de/kommentare/sonntagsausflug-….1985/

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