Einfach nur hier sitzen

Mittwoch, 13. November 2013 um 13:07

Meine Lieblingstische am Fenster sind im Mittagslokal alle besetzt, also lasse ich mich an einem Ecktisch nieder mit Blick über den eleganten, locker besetzten Gastraum. Tageskarte an der Wand begutachten, Limo bestellen, Essen bestellen. Ich schlage meine Zeitung auf.

Erst als der Kellner ihm eine weitere Flasche Tegernseer Bier hinstellt, wird mir klar, dass der ältere Herr am gegenüber liegenden Ende des Raums nichts zu essen bestellt hat. Er schenkt sich ein, nimmt einen Schluck, stellt das Glas zurück in die Mitte des hellen Holztischs. Legt Hände und Unterarme vor sich, Oberkörper leicht darüber gebeugt, und schaut. Nicht sehr aufmerksam, nicht sehr abwesend, nirgendwohin im Speziellen. Er schaut halt. Erzählt dem Kellner in kräftigem Oberbayrisch auf dessen Nachfrage, dass er doch heute Ruhetag hat. Dann schaut er wieder. Liest nichts, wartet offensichtlich auf niemanden, schaut einfach. Die Wirtin kommt vorbei, lässt sich von ihm vorwerfen, dass ihre Mutter nicht zu erreichen sei: „Werd’s wieder strawanz’n!“, lacht sie. Er lacht zurück, bis die Wirtin sich anderen Gästen zuwendet, und noch ein bisschen danach. Dann entspannt sich seine Miene wieder.

In der folgenden halben Stunde esse und trinke ich, sehe aber immer wieder diskret nach dem Herrn, der mal eine Weile nach links schaut, mal nach rechts, meistens aber geradeaus. Kurz bevor ich zahle, bekommt er eine weitere Flasche Tegernseer. Schenkt sich ein, nimmt einen Schluck, schaut.

Das würde ich auch sehr gerne können.

(Loriot wäre gestern 90 geworden.)

die Kaltmamsell

13 Kommentare zu „Einfach nur hier sitzen“

  1. Trippmadam meint:

    Einfach dasitzen und die Gedanken wandern lassen – schön, gelingt mir aber in letzter Zeit selten. Ich glaube, dass können am besten Kinder und ältere Leute.

  2. Buchfink meint:

    Ich kann mir nicht vorstellen, dass Ihnen das wirklich gefallen würde so allein mit der 3. Bierflasche.

  3. Preißndirndl meint:

    Schön geschrieben!

  4. FrauPeine meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Gerne gelesen

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  5. stedtenhopp meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Gerne gelesen

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  6. Micha meint:

    Ach, Inés…
    aber bei *ein Klavier, ein Klavier* lächelst du mit, oder?

  7. mariong meint:

    Merkwürdig. Nach Ihrem ersten Satz dachte ich an:
    “Was ist denn hier los?”
    “Der Herr isst eine Roulade.”
    “Ach!”
    “Lassen Sie doch mal das Kind nach vorn!”

    Danke für die Erinnerung. Und: Sie können zaubern.

    :-)

  8. robson meint:

    Ja, schön geschrieben. Aber der letzte Satz ist nicht ehrlich. Sie können das selbstverständlich auch.
    So anrührend diese (Münchner) Biertrinker auch wirken mögen, sie sind nicht zu beneiden. In der Regel sind sie recht allein. Das wird überdeutlich , wenn man sich auf ein Gespräch mit Ihnen einläßt. Ich überlege mir so was auch immer sehr gründlich ;-) denn es kostet Zeit…

  9. Frau-Irgendwas-ist-immer meint:

    Manchmal sitze ich und denke und manchmal sitze ich bloß.
    Vita Sackville-West
    Aus dem Gedächtnis zitiert.
    Steht bei mir ‘dahom’ auf der Schreibtischunterlage. Wenn ich dort den Kopf hebe, habe ich dank Fenster zur Straße auch immer was zu beobachten, zu bestaunen oder etwas zum Gedanken wandern lassen.

  10. Josef meint:

    Wahrscheinlich hatte er ein unsichtbares Handy eingebaut und in Gedanken ständig darauf herumgetippt.

  11. Ranghild Helmberger meint:

    Guten Tag,

    schöner Artikel. Es passt zwar nicht ganz, aber ich bin auf der Suche nach einem guten Lokal in München. Bin im Jänner 14 von Fr – So dort. Und da dachte ich vielleicht hat Katharina Seiser Tipps, und über Ihre Seite bin ich hierher gelangt. Vielleicht möchte mir jemand Lokale nennen in denen man typisch essen kann, wo frisch und regional gekocht wird. Vielen Dank und liebe Grüße aus Linz in Österreich

    Ranghild Helmberger

  12. Julia meint:

    @Ranghild Versuchen Sie es im Scheidegger in Schwabing oder im Wirtshaus in der Au nahe dem Deutschen Museum. Auch der Augustiner am Platzl ist dem Hofbräuhaus vorzuziehen. Finger weg vom Augustiner am Dom! Und: Das Andechser am Dom hat gutes Essen, aber grottige Bedienung.

    @Kaltmamsell Bruno Jonas nennt das “Bierdimpfln”. Den Münchnern scheint das im Blut zu liegen. Ähnlich wie Sie denke ich, wenn im ICE alle arbeiten und auf Tastaturen hacken. Früher waren (Geschäfts-)Reisen schon “Arbeit” und nicht “Zeit, um zu arbeiten”. Wie schön, wenn man mal aus dem Zugfenster schauen und seinen Gedanken nachhängen kann. Man (ich!) muss mich immer mal wieder dazu zwingen…

  13. mariong meint:

    hier im dorf macht ein gastwirt das so: sonntags ist sein eigenes lokal geschlossen und dann kann er mal ganz entspannt bei den anderen gast sein :-)

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