Essen mit Einschränkung

Samstag, 11. Januar 2014 um 8:23

Eine der größten und begnadetsten Esserinnen vor und nach dem Herrn, Katharina Seiser, steckt gerade für einen Magazinartikel in dem dreiwöchigen Selbstversuch, konsequent vegan zu essen. Sie bloggt täglich darüber, hier beginnt Kathas Serie „Wie schmeckt vegan?„.

Ich lese höchst neugierig und gespannt mit, aber nicht in erster Linie wegen der Nahrungsmittel. Der Aspekt der letzten Absätze hier ist für mich der Bewegendste: Erst durch Kathas Hadern ist mir klar geworden, wie sie sonst isst, nämlich tatsächlich nur von den Aspekten Qualität und Verfügbarkeit eingeschränkt. Und mir wird klar, welche Ochsentour das für sie gerade ist (Gott möge sie hüten vor Allergien und sonstigen Krankheiten, die ihr Ähnliches auferlegen).

Denn: Damit ist sie die riesige Ausnahme. Auch wenn nicht jede wie ich ab dem Alter von 4 Jahren fast durchgehen auf Diäten gesetzt wurde: Geschätzten 95 % der weiblichen Bevölkerung wurde schon als Kinder irgendeine Art von Filter für ihre Essensauswahl eingeredet, meist „gesund“ und „abnehmen“ (= Diät). Diese 95 % kennen Essen nicht anders denn als Sortierung in „gutes“ und „böses“ Essen, in „sollte ich eigentlich nicht“ und „darf ich“.

Das macht mich traurig, denn: Ich kämpfe mich erst in den vergangenen Jahren zu einem echten G’lüscht-orientierten Essen durch und weiß nicht, ob ich das in diesem Leben noch schaffe (zum Beispiel ein Gericht stehen zu lassen, wenn es mir eigentlich nicht schmeckt). Derzeit wechsle ich von Frischmilch 1,5 % zu Vollmilch, weil sie mir in meinem Milchkaffee wirklich besser schmeckt. (Beim Joghurt habe ich das schon vor ein paar Jahren geschafft.) Dafür muss ich mich mit der Panik auseinandersetzen, dass ich in spätestens zwei Wochen in keinen Rock mehr passen werde. Aber ja, selbstverständlich ist diese Panik völlig irrational und bescheuert; wir sprechen hier halt von Gefühlsmechanismen, die sich durch Vernunft nicht erreichen lassen.

Ob meine statistisch noch verbleibenden 40 Lebensjahre ausreichen, um mich vom Süßstoff wegzubringen, weiß ich nicht. Mit dem wurde ich großgezogen (siehe Diät ab 4, Details in einem sehr alten Blogpost), an dem halte ich mich bis heute fest im tiefen Glauben, dass ein konsequentes Ersetzen des Süßstoffs durch Zucker mir mindestens zwei Kleidergrößen mehr einbringen würde. Aber es besteht Hoffnung: Inzwischen verreise ich nicht mehr mit Süßstoff (oh ja), auf Reisen und auch sonst außer Haus süße ich meine Heißgetränke mit Zucker; die aktuelle Dose Süßstoff in meiner Küche hält schon fast zwei Jahre.

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende mit lauter Essen, das genau das ist, worauf Sie gerade Lust haben!

die Kaltmamsell

23 Kommentare zu „Essen mit Einschränkung“

  1. Anne meint:

    Danke :)
    Das aktuelle ‚Experiment‘ zum Einfluss von anderen auf das eigene Körperbild und somit auf das Essverhalten kennen Sie? http://www.dailydot.com/lol/bikini-bridge-4chan-hoax/

  2. walküre meint:

    Bikini Bridge und Thigh Gap.

    Zum Weinen, dieser ganze Irrsinn.

  3. rum meint:

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    Genau!

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  4. die Kaltmamsell meint:

    Meine Twitter-Timeline hatte sofort Ideen dazu:

  5. Anne meint:

    Ear gap… Was ich so erschreckend finde, ist, dass der Brückentrend künstlich geschaffen wurde und wie viel ‚Erfolg‘ er hat.

  6. rum meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Made my day

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  7. Angela Leinen meint:

    Ich glaube, das mit den 95% ist quatsch. In meinem Freundeskreis würde ich den Anteil auf 10% verschwindend schätzen, in weniger bürgerlichen Kreisen auf noch kleiner. Bei den aktuellen Teenagern womöglich höher, aber wenn ich mir die Freundinnen meiner Töchter anschaue: Alles im grünen Bereich. Die Hockeyfreundinnen der Ältesten eher lustvolle Esserinnen, die kräftig Kalorien zuführen und sich wohlfühlen in ihrem Körper.

  8. die Kaltmamsell meint:

    Das beruhigt mich sehr, Angela Leinen.

  9. kid37 meint:

    Mir sind in letzter Zeit vermehrt Berichte untergekommen, die darauf hinweisen, daß Magermilch sowieso der falsche Weg ist und im Gegenteil sogar „dick“ (und krank) machen kann. Wahllos herausgegriffen (es gibt sicher seriösere Quellen): http://www.details.com/style-advice/the-body/201105/skim-milk-non-fat-milk-diet-foods

  10. Sabine meint:

    Evelyn Roll hat mich heute mit einem sehr schönen SZ am Wochenende-Artikel zu „Nutrismus“ erfreut, in dem sie elegant den Zusammenhang zwischen Ablasshandel und den diversen, heutzutage so schicken Unverträglichkeiten herstellt, nachdem ihre Kinder nach durchgeschlemmtem Weihnachten und Silvester den Kühlschrank mit -freiem und -armem Zeugs gefüllt haben. Lesenswert.

  11. Angela meint:

    Ich bin mit dem gesund-Filter aufgewachsen. Danke fuer das Augen öffnen. Der is kein Stueck besser als der Dick-Filter

  12. katha meint:

    danke. und danke für den hinweis darauf, dass es auch andere auswahlmechanismen für essen gibt als meine. weil: mit meinem geschmacksgetriebenen tunnelblick bin ich wohl doch zu oft zu hart mit jenen, die gelernt haben, anders zu essen, obwohl sie es vielleicht gar nicht so super finden. und ich bin meiner mama unendlich dankbar, dass sie mich essen hat lassen, was ich wollte, immer, mich in jedem alter in jedes gasthaus oder restaurant mitgenommen hat und mich wählen ließ, wonach mir der sinn stand, mich nie kulinarisch eingeschränkt oder zurechtgewiesen hat. für mich selbstverständlich, aber offenbar keine selbstverständlichkeit.

  13. die Kaltmamsell meint:

    Oh ja, Sabine, die Geschichte der hoch verehrten Evelyn Roll hat mich auch sehr gefreut (nicht online, zefix). Dass Roll seit Kurzem twittert, wissen Sie?

  14. arboretum meint:

    Meines Wissens ist Süßstoff für Gesunde sogar schlimmer als Zucker, da er genauso Insulin triggert, das dann aber gar nichts zu tun hat und deshalb nur Heißhunger verursacht. Das war jetzt sehr vereinfacht ausgedrückt, die wissenschaftliche Erklärung ist komplexer. Nicht zufällig wird aber Süßstoff zur Mast eingesetzt.

    http://www.focus.de/gesundheit/ernaehrung/tid-13247/gesund-essen-suessstoff-macht-dick_aid_366093.html

    http://www.zeit.de/zeit-wissen/2011/06/Gesundheit-Zucker/seite-2

    Tun Sie sich, Ihrem Gehirn – dass Zucker braucht, keinen Süßstoff -, und Ihren Geschmacksknospen einen Gefallen und verwenden Sie künftig richtigen Zucker. Dafür lieber weniger.

  15. die Kaltmamsell meint:

    Das mit dem Süßstoff, arboretum, ist wie so Vieles so einfach nicht – auch in den von Ihnen verlinkten Artikeln wird deshalb in erster Linie spekuliert und geschwurbelt.
    (Habe darüber schon mal gebloggt: https://www.vorspeisenplatte.de/speisen/2008/01/legenden-zerschiessen-heute-sussstoff.htm)

    Meine Mutter würde Sie für „dafür lieber weniger“ knutschen: Das ist genau der Verzicht auf Kosten des Geschmacks, mit dem ich erzogen wurde. Mit schmeckt’s aber süßer besser.

    Der grundlegenden Ahnungslosigkeit über „Ernährung“ ist im Neuen Lexikon des Unwissens übrigens ein eigenes Kapitel gewidmet.

  16. Sabine meint:

    Liebe Kaltmamsell, habe Frau Roll natürlich gleich abonniert. So ein Longform-Roll-Artikel am Wochenende versüßt durchaus mal einen Berg Arbeit bei eigentlich herrlichem Wetter. Meine Idee von Zeitunglektüre, und mit einer der Gründe, warum ich wohl noch lange an der Print-Ausgabe hängen werde.

  17. arboretum meint:

    Das „dafür lieber weniger“ war nur Ihrer Angst, zuzunehmen, geschuldet. Ich haue mir auch anderthalb Löffel Zucker in den schwarzen Tee mit Milch oder einen Teelöffel Honig in Kräutertees. Aber die trinke ich halt nur zu den Mahlzeiten so. Zwischendurch gibt es dann Kräutertee, der mir auch ohne schmeckt, oder Wasser.

  18. karin1210 meint:

    Danke.

    Ich bin immer so unendlich traurig über das, was die Meisten von uns in Bezug auf Essen schon in ihrem Leben durchmachen mussten.

  19. kalua meint:

    Ich bin wohl auch geschädigt, aber nur zum Teil (gesund essen). Und es macht mir nichts aus, denn „mir schmeckt’s – Prinzip“ steht an oberster Stelle. So esse ich im Sommer an manchen Tagen (auch mehrere hintereinander, wenn es sich anbietet) sogar raw und es schmeckt mir ausserordentlich gut. Ich koche sehr gerne und fast täglich und habe Glück, dass meine Mitbewohner (Kind und Mann) allen Gerichten offen stehen. Solange es schmeckt, natürlich.
    Ich süsse meistens mit Palmzucker, den braunen. Den bestelle ich mir bei iherb.com.

  20. vered meint:

    Vor Zeiten, als ich im Fressalter war, riet mir meine sparsame Tante: Höre auf zu essen, wenn du noch eine Semmel möchtest. Ich ass also am Tisch bis „fast genug“ und verfügte mich darauf stracks zum Bäcker, kaufte und verschlang eine Semmel, dann noch eine, dann … und die gute Tante konnte nicht begreifen, warum ich trotz der Bescheidenheit ihrer Rationen aufging wie Hefeteig!

  21. walküre meint:

    Frau Vered, Ihre Anekdote ist wunderbar !
    Fühle mich soeben sehr an die Tante Jolesch erinnert.

  22. Petra_s meint:

    Und da möchte ich doch noch geschwind die Begegnung mit Schotty, dem Tatortreiniger, und dem „Sitzgemüse“ verlinken. Die Schlagthemen sind „Vegan“ und „behindert“. Die Mischung ist richtig prickelnd.

    http://www.ardmediathek.de/ndr-fernsehen/der-tatortreiniger/fleischfresser?documentId=19006898

    (Leider nicht mehr lange verfügbar)

  23. die Kaltmamsell meint:

    Großen Dank, Petra_s, diese Folge ist tatsächlich ganz besonders hinreißend.

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