Wie der Alfons einmal den Graßl verarscht hat

Dienstag, 4. Februar 2014 um 10:33

Meine Gymnasialzeit war arm an klassischen Schulstreichen, wir (die b-Klasse) waren einfach brav.
So ging der beste Streich, an den ich mich erinnere, auch nicht auf eine Gemeinschaftsaktion zurück, sondern auf einen einzelnen Schüler.
(Und dies wird eine der Erinnerungen, in denen die Details, die um die eigentliche Geschichte mäandern, innerhalb kürzester Zeit den Vordergrund einnehmen. Bleiben Sie trotzdem dran.)

Der Alfons war aus Franken. Selbstverständlich habe ich seinen Namen als Nachnamevorname im Gedächtnis, bei uns in Ingolstadt hießen Schüler „da Maierjosef“, Betonung auf der ersten Silbe, und Schülerinnen „d’Müllerbabsi“, ebenfalls auf der ersten Silbe betont. Als Franken waren Alfons und ein weiterer Klassenkamerad Exoten in unserer oberbayerischen Schule, wir amüsierten uns vor allem in Latein über ihren Dialekt (Roma I, 1. Lektion: „Badda ed madda ambuland“).

Der Alfons kam vom Land, vom weit abgelegenen Land. Deswegen wohnte er nicht daheim, sondern in der „Kist’n“ – so hieß bei uns das Internat „Studienseminar Canisiuskonvikt“. Heute ist das Canisiuskonvikt kein Internat mehr, sondern ein Studentenwohnheim, wie ohnehin diese Art Internat vermutlich ausgestorben ist: Ich ging in einer Zeit aufs Gymnasium, als gläubige katholische Bauernfamilien tatsächlich noch einen Sohn dazu auserkoren, Pfarrer zu werden und ihn auf ein humanistisches Gymnasium schickten. Von denen gab es nicht allzu viele, und sie konnten schon mal in einer entfernteren Stadt liegen; die Buben mussten notgedrungen im Internat wohnen. In der Kistn’n wohnten aber nicht nur Bauernsöhne mit Pfarrerszukunft, sondern allgemein Buben, deren Zuhause zu weit entfernt für ein tägliches Pendeln lag. Heutzutage, so habe ich mir sagen lassen, gibt es zum einen eine größere Dichte an Gymnasien, zum anderen werden längere Pendelwege in Kauf genommen.
(Aus meinem Jahrgang von 49 Abiturienten und Abiturientinnen wurde tatsächlich einer katholischer, einer evangelischer Pfarrer, zudem einer Franziskanermönch – Internatsbewohner war aber keiner von ihnen.)

Der Alfons war nur zwei Jahre mein Mitschüler; ich weiß nicht, warum er gegen Ende der 6. Klasse die Schule wechselte. Der schlacksige Kerl (Hochwasserhosen, unter denen Acrylsocken sichtbar waren, gehörten zu den Merkmalen der Kist’n-Bewohner) hatte ohnehin immer den Schalk im Nacken; es ließ sich schlecht beurteilen, ob sein Feixen mit zu Boden gesenktem Blick Schüchternheit geschuldet war oder ob ihm gerade wieder Schabernack einfiel. Eine der letzten Lateinstunden vor seinem Schulwechsel nutzte er dann für das ganz große Feuerwerk.

Der Alfons hatte von unserem Lateinlehrer Graßl eine Strafaufgabe aufbekommen. Der Graßl (klein, rund, lustig, urbayrisch inklusive rotem Gesicht und Schnauzer) gehörte zu den Lehrern, die ihre tiefe Gutherzigkeit hinter Gepolter und Schnauben verbargen. Seine Schulstunden (Latein, Griechisch, Geschichte) waren eigentlich immer eine Schau, in der er auch gerne mal ungeachtet der Beteiligung von Schülern Spaß hatte. Ich erinnere mich an die Geschichtsstunden, in denen es um die Pippiniden ging. Wenn Sie glauben, mehr als ein Haufen kindischer 13-jähriger könne sich niemand über die Wörter „Pippin“ und „Pippiniden“ amüsieren, haben Sie nicht gesehen, wie der Graßl bei praktisch jeder Nennung in Prusten ausbrach. Zu Graßls Späßen gehörte auch, dass er Schüler umtaufte; so hatte ich in seinem Unterricht eine Mitschülerin namens Eulalia, die in keiner Klassenliste vorkam, und mein späterer Chorkollege Markus wird in einigen Kreisen bis heute „da Blas“ genannt, weil der Graßl ihn Blasius rief.

Der Alfons hatte also eine Strafaufgabe aufbekommen, die schon damals nicht mehr Strafaufgabe hieß, sondern Übungsaufgabe oder sonst irgendwas Euphemistisches. Vermutlich hatte er ein paar Mal zu oft im Unterricht geratscht, nun hatte er daheim ein Kapitel aus dem Lateinbuch abschreiben müssen. In dieser Lateinstunde wollte der Graßl die Ernte dieser Strafaufgabe einholen. Zu Beginn der Stunde posaunte er Alfons‘ Nachnamen und hieß ihn, vor zur Tafel zu kommen. Alfons schlängelte seine Schlaksigkeit aus der Schulbank und schlappte mit gesenktem Blick nach vorne. Dort streckte er seine Hand aus und hielt dem Graßl ein paar zerknüllte beschriebene Fetzen Papier hin. Dem Graßl schossen die Augenbrauen nach oben, dann besonders weit nach unten. Mit SOWAS brauche der Alfons ihm nicht zu kommen, kommentierte er erbost: „Nochmal!“

Der Alfons hatte den Kopf immer noch gesenkt. Umständlich steckte er die eine Hand in die Hosentasche, zog den Bund mit der anderen Hand gegen, was das Hosenhochwasser weiter steigen ließ, kramte in der Hosentasche, fand, was er suchte: Ein auf kleinste Winzigkeit zusammengefaltetes beschriebenes Blatt Papier, das er dann dem Graß hinstreckte. Dem Graßl stand kurz der Mund offen, seine Gesichtsröte bekam einen Karmesinton. Nun wurde er laut: Auch DAMIT brauche der Alfons ihm nicht zu kommen! „HA! Nochmal!“ Der Graßl grinste triumphierend in die Klasse, sicher, einen Schabernack unterbunden zu haben.

Woraufhin der Alfons sich aufrichtete, nach hinten unter seinen Pulli griff und ein paar völlig unversehrte Seiten Papier hervorzog, in sauberster Schönschrift beschrieben. Betont beiläufig reichte er sie dem Lateinlehrer. Und da war der Graßl sprachlos.

In meiner Erinnerung ging der Lateinlehrer weder da noch später jemals auch nur mit einem Wort auf die Begebenheit ein.

Der Alfons hat, wenn meine Recherchespur korrekt ist, mittlerweile einen Doktortitel und forscht heute über den Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Krankheit.

die Kaltmamsell

12 Kommentare zu „Wie der Alfons einmal den Graßl verarscht hat“

  1. gerriet meint:

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  2. Mareike meint:

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  3. Trulla meint:

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    Made my day

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  4. Tim meint:

    Die Internatsunterbringung ist noch heute nicht unüblich, z.B. bei Schülern aus dem tiefsten bayerischen Wald.

  5. pepa meint:

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  6. symphonee meint:

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  7. Bhuti meint:

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  8. adelhaid meint:

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  9. Sebastian meint:

    „Eine Schau, in der er auch gerne mal ungeachtet der Beteiligung von Schülern Spaß hatte.“ Ein schönes Motto auch für die Vorspeisenplatte, „Schüler“ und „Spaß“ können bei Bedarf ausgetauscht werden. Das Mäandern ist wie so oft das Schöne.

    Ich war auf solch einem Internat bei Wien, das unter anderen in meinem Jahrgang eine große Osttiroler Gemeinde hatte, da der fröhlichste Pater (Niedermayer) hier einen Neffen hatt

  10. Rebekka. meint:

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  11. Alexander meint:

    Gut geschrieben. Die Kleinigkeiten im Leben: Bringen es.

  12. Modeste meint:

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