Donna Tartt, The Goldfinch

Sonntag, 14. September 2014 um 16:59

Achtung: Völlig verspoilert!

Bis etwa 15% vor Ende des Buchs (ich las elektronisch, daher statt Seiten Prozentangaben) verstand ich den Erfolg von The Goldfinch und war begeistert.
Ich hatte direkt davor The Amazing Adventures of Kavalier & Clay von Michael Chabon gelesen und fand hier dieselbe Lust am Fabulieren und Geschichtenerzählen. Mich begeisterte, wie viele Freiheiten sich der Roman nahm; es gehört schon Mut dazu, in einer realen Zeit ein reales Museum mit einem sehr realen Kunstwerk von Terroristen in die Luft jagen zu lassen.

Ich mochte den Gegenwarts- und Realitätsbezug: Die Handlung spielt in einer Welt, in der es zum Beispiel Harry Potter gibt (Boris nennt den Protagonisten Theo so wegen seiner Brille), Twitter und Facebook. Ich zog gerne mit dem Blick der erzählenden Hauptfigur durch ein sehr konkretes New York. Mir gefiel sogar das detailreiche Erzählen, wo ich sonst mit dem Seufzer „Möbelbeschreibung!“ Augen rolle. Doch die Intensität und Kleinteiligkeit, mit der ich zum Beispiel die Stunden erlebte, durch die der Erzähler nach dem Attentat muss, waren sorgfältig gemacht und eindringlich. Vom Haus, in dem Hobie lebt, bekam ich gar nicht genug; ich wäre bei jedem Aufenthalt gerne länger darin geblieben, hätte mich noch gründlicher umgeschaut.

Spektakulär auch die gesamte Episode in Las Vegas: Die Halbgeisterstadt, in der Theo mit seinem Vater und dessen Partnerin lebt, die Bauruinen, das umgebende Nichts – das war ganz wunderbar gegen meine Erwartungen sowohl von Las Vegas als auch von Suburbia geschrieben. Und dann die geradezu magische Personenführung und Charakterzeichnung des jungen Boris inklusive der sehr glaubhaften Sprache eines ukrainischen Einwandererbürschchens!

Viele Besprechungen nennen den Roman „Dickensian“ – darauf wäre ausgerechnet ich Dickensleserin nicht von selbst gekommen; mag aber daran liegen, dass ich direkt zuvor Kavalier & Clay gelesen hatte. Ja, wir haben ein Waisenkind, und Hobie samt Haus sind tatsächlich sehr Dickens. Aber damit enden die offensichtlichen Bezüge meiner Meinung nach. Großartig angelegt und geführt fand ich die Hauptfigur Theo – und gerade die ist viel zu komplex für Dickens, dessen Protagonisten und Protagonistinnen in Schwarz oder Weiß fallen – ach was, eigentlich immer das Gute personifizieren, auch wenn sie mal kleine Ausflüge ins Böse unternehmen dürfen (siehe David Copperfield). Doch Theo ist von Anfang an eher auf der unsympathischen Seite. Zwar wird er durch den gewaltsamen Tod seiner Mutter aus der Bahn geworfen, etwas wackelig auf den Gleisen war er aber schon vorher. Mir erschien es ohnehin mit der Zeit schlimmer und vergiftender, diesen zwielichtigen Alkoholikervater zu haben, der Kinder nicht mag und den eigenen Sohn als lästig empfindet, als die Mutter im Alter von 13 Jahren zu verlieren.
Von Anfang an ist Theos Werte- und Moralgerüst ziemlich schräg und löchrig – und ich rechne dem Roman hoch an, dass er am Ende auf eine Läuterung verzichtet.

Spannend und interessant fand ich die Aspekte Antiquitäten, Restauration, Drogen: Sie nehmen alle großen Raum ein und scheinen so sauber und intensiv recherchiert, dass sich der Roman mit Leichtigkeit darin bewegte.

Anders zum Beispiel als das Gaunermilieu – und hier kippen wir in das letzte Stück des Buchs, das mich langsam, aber immer intensiver den Kopf schütteln ließ. Internationale Russenmafia? Schießereien im Parkhaus? Ernsthaft? An dem Punkt, an dem die Geschichte sich für die Abzweigung ins Thriller-Genre entschied, begann sie mich zu verlieren. Ich blieb lediglich dran, weil ich mich weiter für die Hauptfiguren interessierte.

Doch völlig unvermittelt beginnt der Erzähler, der bislang ein rein handelnder war, vordergründig zu erzählen. Plötzlich soll alles Bisherige eigentlich die Zusammenfassung von jahrelangem Tagebuchschreiben gewesen sein, das davor bei allem Detailreichtum nicht mal angedeutet wurde. Und plötzlich begann ich mich zu fragen, wer hier eigentlich spricht und warum:
Die meiste Zeit haben wir ein erzählendes Ich, das die gesamte Handlung nachträglich erzählt, so richtig als Geschichte. Also inklusive foreshadowing („ich sollte ihn erst viele Jahre später wiedersehen“ / „ein großartiger Tag – selbst wenn man bedenkt, was später passieren sollte“ etc.)1 und auch sonst mit viel Wissen über die Zeit nach der augenblicklichen Handlung. Wir haben einen Erzähler, der aus Erwachsenensicht das Kind erzählt, aber sich noch sehr gut an das kindliche Erleben erinnert. Das ist eine Erzählhaltung und Erzählstimme mit Tradition. Bei ihr ist auch klar, dass eine Ebene darüber eine führende Hand Sprache auswählt, ihn auftreten lässt (nannte man zu meiner Zeit impliziten Autor/Erzähler).

Ganz zum Schluss aber soll das alles eine echte Zusammenfassung gewesen sein aus Tagebüchern, die er ständig geführt hat – aber nur für sich selbst: „nobody is going to read this anyway“. Ich dachte zurück an den eigentlich Anfang des Romans, der ja ganz unchronologisch in Amsterdam spielt: Nur für sich selbst hat dieser Ich-Aufzeichner als erstes Kapitel die Amsterdam-Szene vorangestellt? Den allwissenden Erzähler gespielt? Und während des ganzen Erzählens mit keiner Silbe das Tagebuchschreiben erwähnt? Das kam mir sehr wie eine nachträgliche und aufgesetzte Idee vor – die ich einfach nicht verstand und die so gar nicht zu dem ganzen Rest passen wollte.
Ebensowenig wie die ausführlichen philosophischen Welterklärungen am Schluss, deren predigender Tonfall überhaupt nicht zum Erzähler der ersten drei Viertel des Buchs passte.

Zumal es da auch noch eine Zwischenphase gibt: Das Wiederauftauchen von Boris in New York stellt einige vorhergehende Schilderungen in Frage. Die Selbstsicht von Theo stimmte wohl zu großen Teilen nicht mit Fakten überein. Hier scheint mir der Roman eine Abzweigung zu einem eigentlich anderen Ende zu nehmen: Auch in ihm würde die Glaubwürdigkeit der bisherigen Erzählstimme erschüttert. Aber statt in diese Richtung elegant zu Ende zu schreiben, tauchen auf einmal die angeblichen Tagebücher auf.

Als ich vor vier Wochen mit dem Roman durch war und nach Rezensionen sah, war gerade in US-Medien eine kleine Debatte über den literarischen Wert von The Goldfinch im Gang. Vielleicht möchten Sie ja nachlesen:
„It’s Tartt—But Is It Art?“ in Vanity Fair.

Kann ich den Roman empfehlen? Ja, denn er kann großes Lesevergnügen bereiten. Dennoch bin ich sehr enttäuscht, wie sehr er’s vermasselt hat.

  1. Keine echten Zitate: So gerne ich E-Books lese – das Wiederfinden von Passagen oder konkreten Sätzen ist auf meinem Kindle ein Alptraum, dessen Mühe ich scheue. []
die Kaltmamsell

8 Kommentare zu „Donna Tartt, The Goldfinch

  1. Anne meint:

    Bei Wiesenraute fand ich die kurze Beschreibung „Tschick für Erwachsene“ und las es unter diesem Blickwinkel (ja, erstaunliche Parallelen in Figuren und im Aufbau).
    Den Schluss empfand ich wie Sie als aufgesetzt, passender ein eher offenes Ende z.B. nach Kap. 12, VII vor dem Zeitsprung „ist es fast ein Jahr später“ (S. 1005). Oder doch ein Ende in Amsterdam als Rahmen? Der Selbstmordversuch im Hotel wirkt wie ein erster möglicher Schluss, der dann aber nicht konsequent zu Ende geführt wird (Boris taucht „zu passend“ wieder auf).
    Urlaubslesevergnügen war es aber allemal.

  2. Anke meint:

    Ging mir ganz genauso mit dem Buch. Trotzdem konnte das lausige Ende mir den Roman nicht verderben, weswegen ich ihn weiterhin wild rumempfehle.

  3. joriste meint:

    Danke. Ich gebe Ihnen in allen Punkten recht. Dennoch war ich begeisterte Leserin – bestimmt auch deshalb, weil mich endlich mal wieder eine längere Abhandlung fesselte und ich das Buch nahezu am Stück durchlesen konnte durch Kinder größer und Urlaub. Interessant wäre für mich noch, wie unterschiedlich der Distelfink denen gefallen hat, die andere Donna Tartts gelesen haben.

  4. die Kaltmamsell meint:

    „Tschick für Erwachsene“ stimmt strukturell tatsächlich ganz erstaunlich gut, Anne. Wobei Tschick viel weniger Details braucht, und die auch noch kunstfertig indirekt untergebracht, um den Figuren zu gestalten.

  5. Sebastian meint:

    Mir kamen beim Lesen auch noch Harry Potter selbst (altertümliches Wunderhaus als stets rettende Insel in der feindlichen Großstadt), „Die allertraurigste Geschichte“ bzw. „Zärtlich ist die Nacht“ (familienzerstörende Nervenkrankheiten in höchsten Kreisen), „Tender Bar“ (Coming of Age mit Drogen aus nächster Nähe), „Extrem laut und unglaublich nah“ (einsam nach Anschlag in New Yorker Hochhaus) und „Bis ich dich finde“ (verloren in Amsterdam) in den Sinn und gegen Ende immer mehr der Gedanke, dass der erste Dickens, den ich vor kurzem gelesen hatte, mir neuer vorkam. Bis Las Vegas war es toll und voll, dann fand ich’s nur noch oll und moll. (Zum Glück bin ich kein Dichter.)

    Inspiration? Common sense? Oder zum Schluss doch eher ein Bestsellerzusammenfassung auf hohem Niveau?

    Ich kann mir auch gut denken, dass es speziell beim Schreiben solcher dicker und durchkonstruierter Werke zum Schluss dazu kommen kann, dass der brilliante, aber zusehends geschwächte und von der Deadline immer stärker bedrohte Autor (vor allem wenn er bereits tief in der Bestsellermaschine drin steckt) einfach mal die Sperre aufmacht und die Sau rauslässt, was dann halt auch schnell schiefgeht. Und das erinnert mich nun wieder an Stephen King.

    Aber alle sagen, „ja, aber das erste Buch von ihr ist nur toll“. Also doch nochmal ran?

    (Was interessant ist: Das bei uns Distel ist, was in den USA Gold ist)

  6. Buchfink meint:

    Mir war Theo eigentlich gar nicht so unsympathisch und bei all seinen Untaten nahm ich ihn in Schutz. Ganz ähnlich wie bei Patricia Highsmith: „Der talentierte Mr. Ripley.“
    Auch ich las den „Distelfink“ auf dem E-book Reader, zwar habe ich keinen Kindle sondern einen Tolino, und auch hier fand ich es überaus störend, nicht rückwärts blättern zu können. Das stört bei so dicken Büchern das Lesevergnügen erheblich. Es geht halt nichts über gedruckte altmodische Bücher!

  7. die Kaltmamsell meint:

    Ich habe den Verdacht, Buchfink, dass hinter der miserablen Usability von E-Book-Readern die Druck- und Papierlobby steckt. Es gibt keinen technischen Grund dafür.

  8. Viertelviel meint:

    Danke! Den Epilog, in dem Theo plötzlich direkt spricht kann ich soviel Negatives nicht abfinden – die Tagebuch-, bzw. Briefschreiberei als Fortführung des inneren Monologs mit der toten Mutter ist für mich probat gewesen, wenn auch eine unerwartete Wendung. Aber im Buch selbst gab es soviele unerwartete Wendungen und Wandlungen der Personen selbst (z.B. der Vater, Mrs. Babour, die Verlobte), das Ende erschien mir nur als eine weitere Tapetentür, die sich in der Erzählung öffnet.
    Wenig glaubwürdig dagegen wars für mich ab der privaten Drogenparty beim deutschen Sammler Horst (ausgerechnet Horst …), die Übersiedlung nach Amsterdam und ein geradezu Tarantino’scher Show-Down war einfach zuviel des Guten … dem Buch kann ich es dennoch verzeihen. Denn sprachlich ist der Roman ein Genuss und der Facettenreichtum aller Nebenfiguren und Milieus ein Fest!

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