Journal Dienstag, 28. Oktober 2014 – Pärchen auf Profilfotos

Mittwoch, 29. Oktober 2014 um 8:02

Zum ersten Mal diese Saison wieder die Warnweste zum morgendlichen Radeln übergezogen.

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Kraftttraining bei einem bislang unbekannten Vertretungsvorturner, dessen Stunde mir gut gefiel: Er war sehr gut vorbereitet, gab präzise Anweisungen zum richtigen Zeitpunkt, hatte die Gruppe jederzeit im Blick (es gibt durchaus Vorturner und Vorturnerinnen, die 60 Minuten nur mit sich beschäftigt sind), korrigierte geschickt und fokussiert.

Zum ersten Mal erlebte ich, dass ein Vorturner oder eine Vorturnerin mich für die Haltungskorrektur bei einer Übung explizit fragte, ob er mich anfassen darf. Es genügte eine Sekunde Geste, Blick, „darf ich?“ – vorbildlich.

Dass der Herr anfangs erst mal fünf Minuten mit der Musikanlage kämpfte – mei. Bei solch einem Kampf barmen mich besonders Aushilfskräfte: Ist die Anspannung vor einer völlig unbekannten Gruppe, die jemand anderen gewöhnt ist und erwartet hat, sicher ohnehin groß genug.

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Bislang fand ich es lediglich merkwürdig, wenn Menschen als Profilbild auf Social-Media-Plattformen Aufnahmen von sich mit Partner/Partnerin verwenden. Seit gestern habe ich auch sachliche Argumente dagegen: Ich sollte einem Ansprechpartner (oder einer Ansprechpartnerin) in Indonesien antworten und wollte herausfinden, wer das ist. Oder auch nur, was an dem zweiteiligen Namen Vor- und Nachname ist. Auf Facebook gab es einen exakt übereinstimmenden Eintrag – mit einem Heteropaar als Profilbild. Wem von beiden gehörten wohl der Account und der Name?
Ich entschloss mich zur international anerkannten Kapitulationsgeste und schrieb den Menschen mit beiden Namen an („Hello Erstername Zweitername“).
Ebenfalls gestern lernte ich, dass es in Indonesien Menschen mit nur einem Namen gibt – ich hatte zur Verifizierung eine Kopie des Passes vorliegen.

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Abends mit dem Mitbewohner eine weitere Pizzeria ausprobiert: Wo viele Jahre ein kleines französisches Restaurant war, ist jetzt The Italian Shot. War mir beim Vorbeiradeln sympathisch, weil auf dem selbstgemacht aussehenden Schild lediglich „Pizza & Bar“ steht, den genauen Namen des Lokals entnahmen wir erst dem Kassenzettel. Mir schmeckte die Pizza mit Schinken, Feigen, Walnüssen, Ziegenkäse, Ruccola gut (hieß „Sicilian Shepherd“), das Glas Primitivo sogar ausgezeichnet (wenn auch seine Temperatur auf die nahende Glühweinsaison hinwies).

141028_Italian_Shot

Die Einrichtung ist ein weiterer Schritt in Richtung Prenzlauerbergisierung des Glockenbachviertels, die ich versuche, so neutral wie möglich zu registrieren. So war unser Tischgespräch auch die Berliner Art des Prätentiösen im Vergleich zur Müncher Art: Der Münchner, so behaupte ich, ist offen und vordergründig prätentiös – wenn der angeben will, dann MERKT MAN DAS! Das Prenzlauerbergberlin ist hermetisch prätentiös, sein Angeben ist codiert und richtet sich nur an einen winzigen, als Peergroup anerkannten Kreis, der Metzgerkacheln an der Wand und abgeschlagene Milchkanne auf dem Tresen entziffern kann.
(Wie wir Sortierungen und Schubladisierungen lieben!)

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Haarsträubende Geschichte wird Kinofilm, Folge unzählbar:
Sehr erfolgreicher, kommerzieller Maler war gar keiner: Die Bilder hatte alle seine Frau angefertigt.
„The big-eyed children: the extraordinary story of an epic art fraud
In the 1960s, Walter Keane was feted for his sentimental portraits that sold by the million. But in fact, his wife Margaret was the artist, working in virtual slavery to maintain his success. She tells her story, now the subject of a Tim Burton biopic“

via @journelle

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Die Idee, dass man nicht in erster Linie Frauen beibringen sollte, wie sie sich vor Vergewaltigung schützen, sondern Männern beibringen, nicht zu vergewaltigen, sollte nicht revolutionär klingen.
Und doch ist es ungewöhnlich und berichtenswert, dass in Oxford alle Colleges „Sexual Consent Workshops“ veranstalten:
„What I learned in a sexual consent class at Oxford“.

Broaching the subject with new Oxford students has provoked an almost universal choreography of dismissive jerks and sighs, rolling of eyes, and exasperated tutting.

“Isn’t sex ed for schoolchildren?” they ask me, rhetorically. And “surely if someone is monstrous enough to want to rape someone, they won’t also be reasonable enough to be talked out of it?”. And also, “how can you ‘teach’ someone not to rape?”

Their questions played on my mind: what chance did a bunch of well-meaning students have of turning the tide of sexual violence, armed with only pamphlets, whiteboard markers and clipboards?

die Kaltmamsell

11 Kommentare zu „Journal Dienstag, 28. Oktober 2014 – Pärchen auf Profilfotos“

  1. Claudia F. meint:

    Auch in Indien gibt es häufig nur einen Namen, dazu folgende Geschichte: der Freund von indischen Bekannten geht nach USA, um dort zu studieren. Bei der Erfassung der persönlichen Daten kann er leider nur mit einem Namen dienen, den die Konsulatsangestellte kurzer Hand zum Familiennamen bestimmt und als Vornamen „FNU“ einträgt – First Name Unknown.
    Der arme Kerl hat sein gesamtes Studium als Fnu absolviert!

  2. Dentaku meint:

    Hier ein etwas älterer aber schöner Blogartikel mit Annahmen über Namen, die man besser gleich über den Haufen werfen sollte.

  3. Tim meint:

    Prenzlauerbergisierung ist für mich, als Berliner, 1. viele Kinder, 2. oft seltener deutsch zu hören als andere Sprachen. Auf diesem Weg ist mein Kiez in Berlin schon ein leider ganzes Stück weit gekommen.

  4. die Kaltmamsell meint:

    Auch das haut zum Teil hin, Tim: 1) Immer mehr Schwulenkneipen werden durch Kinderwagencafés und Kitas verdrängt – für 2) sehe ich weniger Gefahr: München ist für junge Israelis, Spanier und US-Amerikaner definitiv kein magischer Ort.

  5. percanta meint:

    Einmal reagierte ein Formular einer Seite im Internet auf meinen damaligen Namen so: „Bitte geben Sie einen glaubwürdigen Namen ein.“ Du kennst das.
    Was mich nebenbei in Südamerika oft gerettet hat, war das kleine „von“ im Namen. Weil man ja zwei Nachnamen zu haben hat, und dann wurde Von zum apellido paterno. Gerne auch als Bon. Señor Bon, natürlich.

  6. Maria Hofbauer meint:

    Trotz meiner Abneigung gegen Schubladen muss ich leider zustimmen, was Münchner – und Bayern überhaupt – angeht: Dezentes Understatement ist mir in den vielen Jahren meiner Nachbarschaft zu dieser Gegend nur selten begegnet. Wie heißt es doch so treffend?

    Wer ko, der ko!

  7. Sebastian Dickhaut meint:

    Ich kenne ein Indioneserin mit drei Namen, deren Verwandte aber alle durchweg anders heißen, und Du wirst nächste Woche eine mit einem Kennenlernen. Sie hat mir das vor kurzem erklärt, vielleicht verstehst Du es.

    Nicht ganz am Thema, aber lustig: Als eine neue Englischlehrerin in die Klasse des Jüngsten kam, sollten alle ihre Nachnamen sagte. Bei seinem sagte sie entrüstet: „Das sagen wir hier nicht!“ Woraufhin sein Nachbar sagte: „Er hat doch nur seinen Namen gesagt.“ Woraufhin die Lehrerin sagte: „Das kann er doch gleich sagen.“ Woraufhin der Jüngste sagte: „Hab ich doch.“

    Sehr schöne Typisierung das mit der Prenzlauerbergisierung. Könnte man sagen, die tun nur annehmen, hier tut man angeben – bietet also was? Oder einfach Undergebment?

  8. Tim meint:

    Vielleicht trauen sie sich nicht anzugeben, in einer Stadt, in der regelmäßig Autos abgefackeltn und Anschläge auf vermeinliche Luxuswohnbauten verübt werden.

    Ich würde da aber eine andere Erklärung bevorzugen. Im Vergleich zu München sind selbst Berliner Prenzlauerberger finanziell arm. Ein Zwang zur feinen Distinktion. Im Grunde sind das präkäre Verhältnisse auf hohem Niveau.

  9. doro meint:

    Zum Thema Einverständnis und sexueller Anmache fand ich auch folgenden Artikel interessant: http://www.sueddeutsche.de/panorama/test-mit-versteckter-kamera-mal-angemacht-in-zehn-stunden-1.2196377

    Und bei fotografiertem Essen im Restaurant ist mir dieser Artikel eingefallen: http://www.zerohedge.com/news/2014-10-11/why-do-new-york-restaurants-suck-surprising-answer

    Danke übrigens fürs tägliche bloggen – es gibt hier immer Interessantes zum lesen und nachdenken.

  10. Lia meint:

    Wenn es mir schwer fällt vom Namen auf die richtige Anrede zu schließen, gebe ich den Namen bei der Google-Bildersuche ein. Je nach dem, ob mehr Damen oder Herren Portraits gefunden werden, wähle ich Ms. oder Mr.

    Außerdem: ganz herzlichen Dank für dieses wunderbar unterhaltsame blog! Es ist eine Freude, dass Sie Ihr Leben mit uns, Ihren Leser_innen, teilen.

  11. die Kaltmamsell meint:

    Ja, Lia, das mache ich auch. Aber was, wenn sowohl Männerfotos als auch Frauenfotos erscheinen? Außerdem habe ich am meisten Erfolg bei der Google-Bildersuche, wenn ich den Vornamen eingebe – was, wenn ich nicht weiß, welcher der Vorname ist?


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