Journal Freitag, 24. Oktober 2014 – Mantel gestohlen

Samstag, 25. Oktober 2014 um 9:20

Lassen Sie uns über die Kugelform der Erde sprechen. Vielleicht sind Sie Astrophysikerin und können detailliert auseinandersetzen, dass unsere gesamte Existenz davon abhängt, dass es diesen Planeten ohne Kugelform im Universum überhaupt nicht gäbe und uns schon gleich gar nicht. Vielleicht sind sie Grafikerin und sich zumindest dessen bewusst, dass das Wissen um diese Kugeligkeit verhältnismäßig neu ist, haben sich aber nie damit auseinander gesetzt.

Lassen Sie sich von einer Sekretärin sagen: Für das moderne Businesskaspertum in einer globalisierten Unternehmenswelt ist die Kugelform der Erde ein Fluch! Spätestens wenn Sie, wie ich gestern mal wieder, einen Termin zwischen Teilnehmern vereinbaren sollen, die in Deutschland, Japan und an der Ostküste der Vereinigten Staaten von Amerika sitzen. Irgendwer schläft immer!

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Der Biergarten unterm Büro macht langsam dicht.

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Abends die Kisten mit den Winterklamotten aus dem Keller geholt. Und verifiziert, was mir seit einiger Zeit durch den Kopf spukte: Meinen Wintermantel in Schutzhülle, den ich im Frühling an ein Regal im winzigen Kellerabteil gehängt hatte – war der bei meinen seltenen Besuchen der vergangenen Monate im Keller überhaupt noch dort gehangen? Nein, war er nicht.

Dieses Kellerabteil hatte ich in unseren 15 Jahren hier im Haus nie verschlossen: Es gelangen nur Hausbewohner ins Untergeschoß, da der Zugang mit zwei Türen versperrt ist. Selbst den Aufzug bringt man nur mit dem Hausschlüssel zu einer Fahrt bis in den Keller. Und doch, so stellte ich gestern bestürzt fest, hat mir jemand meinen Mantel gestohlen.

Abgesehen davon, dass ich mir mal wieder naiv denke: Wer macht den sowas? Abgesehen vom Schmerz, dass sich diese höchste Ausgabe, die ich je für ein Kleidungsstück getätigt habe, nun doch nicht amortisiert (ich hatte den Mantel mindestens zehn Jahre tragen wollen, und seine Qualität hätte das sicher ermöglicht). Abgesehen von all dem habe ich nun keinen warmen Mantel für den Winter.

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Was kosten handgefertigte Dinge, deren Herstellung nicht in Billinglohnländer verschoben wurde? Ich werde immer wieder sturzwütend, wenn Menschen solche realen Preise reflexartig mit Abzockertum erklären (und sich selbst ohne Nachdenken nicht wundern, dass die Villen am Stadtrand keineswegs Schuhmacherinnen, Täschnern, Goldschmiedinnen, Korbflechtern, Töpfern oder Schneiderinnen gehören).

Deshalb freut mich sehr, dass Ella sich die Mühe gemacht hat, die Herstellung ihrer Quilts detailliert zu schildern: Was erfordert welche Arbeitsschritte, wie lange dauern sie etwa?
„‚Und was kostet sowas?‘ – Ein Einblick in die Preisgestaltung meiner Quilts.“

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Zwar haben viele den Eindruck, Facebook oder Twitter würden ihre Hinweise auf gefährlichen Inhalt ignorieren. Doch tatsächlich beschäftigen alle Online-Plattformen Hunderte von Menschen, sich genau darum zu kümmern. Haben Sie sich jemals Gedanken gemacht, wie so ein Job aussieht und was er mit diesen Menschen macht?
„The Laborers Who Keep Dick Pics and Beheadings Out of Your Facebook Feed“.

So companies like Facebook and Twitter rely on an army of workers employed to soak up the worst of humanity in order to protect the rest of us. And there are legions of them—a vast, invisible pool of human labor. Hemanshu Nigam, the former chief security officer of MySpace who now runs online safety consultancy SSP Blue, estimates that the number of content moderators scrubbing the world’s social media sites, mobile apps, and cloud storage services runs to “well over 100,000”—that is, about twice the total head count of Google and nearly 14 times that of Facebook.

die Kaltmamsell

13 Kommentare zu „Journal Freitag, 24. Oktober 2014 – Mantel gestohlen“

  1. Anke meint:

    Das Wissen um die Kugeligkeit der Erde ist sogar sehr alt, vgl. Flache Erde und Myth of the Flat Earth.

    (Kann mit diesem Kommentar behaupten, dass sich mein Geschichtsstudium gelohnt hat.)

  2. Sebastian meint:

    Ein bisschen peinlich, aber ich muss noch mal auf ein mir gute bekanntes Kochbuch verweisen, weil es drängt sich auf: „Abstecher ins Cookie-Universum“, Basic Baking Seite 85 (mit einer Erklärung warum am Ende alles rund ist im All am Beispiel von Cookie und Krapfen und einem Exkurs zu Backöfen mit Schwerkraftignoratoren und warum es sie wegen der Kaffeetafelgerechtigkeit dann doch nicht geben wird)

    Ansonsten Bedauern um den schönen Mantel.

  3. Micha meint:

    Oh, der Mandel ist wirklich ein Verlust – ich fühle mit!
    Und ja, das mit dem Handwerk hierzulande ist eine Crux. Kostet doch ein Reisverschluß bald mehr als ein ganzer Rock aus Billiglohnländern… beispielsweise

  4. berit meint:

    Das mit dem Mantel is eine riesen Sauerei. Zumal ich mich frage, wann diese Person den tragen möchte. Es würde dem Bestohlenen doch schließlich auffallen wenn Frau Meier aus dem Dritten zuuuuuuuuuuuuufällig das Mantelmodel trägt, das einem gemopst wurde.

  5. frauziefle meint:

    Frau kaltmamsell, der wievielte Mantel ist das denn jetzt, der Ihnen entwendet wurde? Oder erinnere ich mich falsch an eine Fahrradkorbepisode?
    Sie scheinen eine sehr seltene Spezies Mensch anzuziehen, wobei „anziehen“ in diesem Zusammenhang vielleicht nicht die richtige Wortwahl ist. Oder gerade doch. Ich fühle jedenfalls mit Ihnen!

  6. die Kaltmamsell meint:

    Ich lass mir von dir doch nicht einen flachen Nebensatzscherz kaputtrecherchieren, Anke!

    Na gut, Sebastian, gerade Trüffelkugeln gelängen mit einem Schwerkraftignorator erheblich einfacher.

    Stimmt, frauziefle, das ist der zweite geklaute Mantel! Sicher derselbe Verbrecher, der mir bereits zwei Brillen gestohlen hat. Irgendwo ist jemand dabei, ein Kaltmamsell-Museum einzurichten.

  7. Anke meint:

    TRUTH HURTS!

  8. Gaga Nielsen meint:

    Das mit dem Mantel ist natürlich unerhört und bedauerlich, aber nun heißt es in die Zukunft schauen. Ich habe daher ein Potpourri verschiedenster Modelle zusammengestellt, die ich mir gut an der Kaltmamsell vorstellen könnte! Man kann es auch als Chance sehen, sich in eine ganz neue Richtung zu orientieren. (Motto: „Keine Angst vor Mustern!“)

    No. 1 King Louie, 60s Jennifer Houndstooth Coat in Praline

    No. 2 Etro, Wollmantel, Paisley

    No. 3 Burberry, Mantel Prorsum

    No. 4 Etro, Bestickter Mantel

    No. 5 Stella McCartney, Mantel Fortune

    No. 6 Acne Studios, Kapuzenmantel Tria

    No. 7 Tory Burch, Gemusterter Strick-Mantel mit Wolle

    (übrigens finde ich die verlinkten Quilts in Anbetracht des handwerklichen und kreativen Aufwands und der Hingabe eindeutig noch zu günstig. Ich würde derartiges Kunsthandwerk im Bereich von 750 – 1200 Euro ansetzen)

  9. Gaga Nielsen meint:

    (nur, dass es nicht untergeht: ich habe gerade einen Kommentar gepostet, der wegen der eingeklebten Links in die Moderations-Warteschleife gerutscht ist – dieser Hinweis darf gerne nach (hoffentlicher) Freischaltung gelöscht werden)

  10. Micha meint:

    mon dieux… ich habe Mantel mit *d* geschrieben. Sollte ich Sie jemals persönlich kennen lernen, wird mir das in dem Moment bestimmt wieder einfallen…

  11. Sigourney meint:

    Wenn es ein ganz ausgefallener Mantel sein soll:

    http://www.takelage.com/wertsachen.htm

    Dort wird gerade ein bodenlanger Mantel für mich gefertigt und wenn ich durch die Anproben mitbekomme, welche Mühe die Designerin da rein steckt und welche Liebe zum Detail (z.B. die Knopflöcher werden in Österreich „geschlagen“, dafür reist der Mantel extra dahin), dann ist er das Geld wirklich wert.
    Und ich kann es kaum erwarten, bis er endlich fertig ist.

  12. Sebastian meint:

    Mandelsaum, Mantelbaum, Krachmantel, Trachtenmandel – geht doch wunderbar, @Micha

  13. antje meint:

    Liebe Frau Kaltmamsell,
    das mit dem Diebstahl tut mir sehr leid für Sie – und da im Hause entwendet macht es sicherlich ein ganz widerliches Gefühl von Misstrauen bei jeder Begegnung im Flur. Und ein meldefähiger „Diebstahl“ ist das wahrscheinlich auch nicht. Hilft ausserdem ja eh‘ nix.

    @berit: mein gestohlenes Velo tauchte nach einem Jahr ganz frech und offen und kein bisschen verändert 50m vor meiner Haustür wieder auf. Manche Menschen scheinen dreist, dumm oder einfach nur abgebrüht zu sein.

    Ich selbst bin ja von Wintermänteln aus wintervelotechnischemn Gründen abgekommen…

    freundliche Grüsse aius dem herbstsonnigen Basel
    antje


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