Journal Mittwoch, 4. Mai 2016 – Tag 3 re:publica

Donnerstag, 5. Mai 2016 um 9:42

Ich wachte zu Regenprasseln auf und befürchtete eine unangenehme Radfahrt zum Gleisdreieck. Doch der Regen hörte bald auf, über den Tag blieb es lediglich kühl mit gemischtem Himmel.

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Großartiger Start in den Konferenztag: Laurie Penny mit „Change the story, change the world“ über Fan Fiction und ihre gesellschaftlichen Implikationen. All die menschlichen Aspekte, die in Mainstream-Fiktion unsichtbar seien (Abweichungen von Norm in race, Sexualität oder gender), hole Fan Ficition nach.
Sehr schön auch Lauries Antwort auf die Publikumsfrage, was sie von all den weiblichen Robotern halte, die in den letzten Jahren in Hollywoodfilmen auftauchen. Stark verkürzt: Fortsetzung des Problems, das DIE MÄNNER damit haben, Frauen als Menschen zu sehen. Sie verwies auf das Lob, das wohl die meisten Frauen und Mädchen schon von Jungs und Männern nach einem längeren Gespräch bekommen haben: Wie großartig und ganz anders als andere Mädchen/Frauen sie seien! Mit ihnen können man ja richtig reden! (= Who would have thought that you ARE human after all!)

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Den Inhalt von Hossein Derakhshans „The post-web internet: Is this (the future of) television?“ ahnte ich: Seine These, dass das Internet früher besser war, weil nicht in der Hand von Unternehmen, die keine Hyperlinks zulassen, war in den letzten Monaten praktisch überall nachzulesen. Der Zusammenfassung von und Kritik an dieser These von Marcus Hammerschmitt stimme ich zu.

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Anregende Gespräche über Linseneintopf, inklusive Film- und YouTube-Tipps, bevor ich in die nächste Session ging.

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Thomas Fischer, Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof in Karlsruhe, hatte schon am Vortag über „Strafrecht, Wahrheit und Kommunikation“ referieren sollen, war aber durch Reiseunbillen davon abgehalten worden. Auf die Hälfte gekürzt bekamen wir den Vortrag jetzt. Wie auch seine Artikel für die Zeit gab das Referat präzisen und erhellenden Einblick in die Mechanismen der Strafrechtssprechung. Vorhersehbar wurde Fischer aus dem Publikum auf seine Haltung zur Reform des Sexualstrafrechts angesprochen. Er verwies (leider gestört von Zwischenrufen) auf einen ausführlichen Artikel nächste Woche, bezeichnete die derzeitige Diskussion um diese Reform als „Hysterie“ und ordnete die Forderung unter all die vielen Forderungen nach Schließung angeblicher Lücken im Strafrecht ein. Strafrecht können nicht jeden Lebensbereich regulieren.
Meiner Meinung nach geht diese Argumentation an der Basis der Kritik vorbei: Fischer ordnet sie den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht zu und übersieht, dass die Kritik an diesen Paragraphen viel, viel älter und grundlegender ist.

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Spannend fand ich die Runde „Clash of Cultures – Bewegungen und ihre Organisationen“. Kathrin Passig hatte sich Expertinnen verschiedener Organisationsformen internet-bezogener Aktivitäten geholt (Freifunk, Wikipedia, öffentlich-rechtlicher Rundfunk) und ließ sie erzählen, wie sich welcher Grad der Strukturiertheit auswirkt. Da ich in den vergangenen Jahrzehnten vor allem mit der Metaebene von Strukturen in Unternehmen zu tun hatte, fand ich diesen grundlegenden Denkansatz sehr erhellend. (Hier ein Bild des Kathrin-Passig-Fanclubs in der ersten Reihe des Publikums.)

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Spannend, aber ganz anders spannend die halbe Stunde zu „Landwirtschaft 4.0“: Ich bekam genau den Einblick in die Nutzung von Automatisierung und Internet in der Landwirtschaft, den ich mir erhofft hatte.

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Anders als erwartet, aber enttäuschend war hingegen die Session „Terror ernst nehmen, Terroristen auslachen“: Ich hatte mir Information erhofft, doch die gab es nur im kurzen Anfangsteil (satirischer Umgang mit ISIS in arabischen Ländern und im Nahen Osten). Die anschließende fish bowl-Diskussionsrunde tauschte nur Oberflächliches aus.

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Abschluss des Konferenztags: Mitglieder der Techniktagebuchredaktion präsentierten „Die mühsamsten Logins, die umständlichsten Benutzeroberflächen, die dysfunktionalsten Free-WiFi-Vorschaltseiten, die kompliziertesten Newsletter-Abmeldungen“. Wegen technischer Probleme herrlichst durcheinander.

Mittlerweile hatte ich zu meiner Verblüffung erfahren, dass der heutige Donnerstag auch im gottlosen Berlin Feiertag ist – ich war davon ausgegangen, dass die feiertäglichen Donnerstage in Frühjahr und Sommer eine bayrische Sache sind. Der Plan für heute, gemütlich und umfassend einzukaufen und meine Gastgeberin zu bekochen, war also nicht anständig umzusetzen. Einige Dinge brauchte ich aber unabhängig davon, ich verließ die Konferenz noch während des großen Abschieds (zur Party hatte ich eh nicht bleiben wollen), um es vor acht in einen Supermarkt zu schaffen.

Zusammenfassung: Ich hatte eine großartige Konferenz und bin voll auf meine Kosten gekommen. Bis zum Abend von Tag 3 war ich aufnahmefähig und alert – in einem Maß, das mich befürchten lässt, dass ich dafür werde zahlen müssen (z.B. indem meine geistige Kapazitäten im Rest des Bürojahres nur noch fürs Bleistiftspitzen reichen).
Die Organisation wieder exzellent (ich freute mich, dass ich das diesmal Johnny Häusler auch persönlich sagen konnte), wieder war Kritik vor Vorjahr als Möglichkeit zu Verbesserungen genommen worden (unter anderem gab es deutlich mehr Fress- und Kaffeestände). Das gesamte Personal zeichnete sich durch Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft aus, meine Lieblinge darunter auch in diesem Jahr die entzückenden Klofrauen: Wer sich mit Ihnen unterhielt, bekam nicht nur Berliner Zungenschlag geboten, sondern auch umwerfende Herzlichkeit.

Ich kenne keine vergleichbare Veranstaltung mit dieser menschlichen und thematischen Vielfalt, dieser Mischung aus Lässigkeit und Professionalität. DANKE!

die Kaltmamsell

8 Kommentare zu „Journal Mittwoch, 4. Mai 2016 – Tag 3 re:publica“

  1. Thomas Wiegold meint:

    Schade, dass wir dich enttäuscht haben! Der „kurze“ Anfangsteil war allerdings die Hälfte der Stunde… Hätten wir die Fishbowl-Diskussion lieber lassen sollen?

  2. die Kaltmamsell meint:

    Ich war von Sascha und dir halt anderes gewohnt, Thomas: Einordnungen, Inhalte und Analysen, auf die ich selbst nie gekommen wäre.

  3. Thea meint:

    Apropos Fress-Stände: Habe vorhin gelesen, dass der Mann mit dem Raclette-Stand das Veranstaltungsgelände verlassen musste – weil Käse riecht.

  4. die Kaltmamsell meint:

    So ungefähr, Thea: Von seinem Stand zogen Schwaden von verbranntem Käse bis in die Hallen, meine Gastgeberin arbeitete Montag in einer und stank anschließen selbst nach verbranntem Käse. Laut den Veranstaltern wird der Verdienstausfalls des Racletteurs selbstverständlich kompensiert.

  5. Thea meint:

    Oh, danke für dieses Detail, von dem nirgendwo die Rede war. War wohl ein Profi, der Käseverbrenner.

  6. Joel meint:

    Danke auch ihnen für das anregende Gespräch bei Linsen und Wurst. Mich hat die Messe auf meinem Weg ein gutes Stück weitergebracht und mir viele neue Eindrücke und Ideen geliefert. Es war meine erste re:publica, aber ganz bestimmt nicht meine letzte.

  7. Angela meint:

    Der Supermarkt am Kottbusser Tor (im Moment heißt er noch Kaisers) hat bis 24 Uhr geöffnet – wenn Sie mal wieder spät abends einkaufen müssen. Und schräg gegenüber gibt es einen Gemüsestand (mit 1b-Ware), der auch sehr lange geöffnet hat. Das dürfte ungefähr auf Ihrer Fahrradroute liegen.

    Und vielen Dank für Ihre Berichte und überhaupt für Ihr Blog!

  8. Modeste meint:

    Die meisten Kaisers haben bis 23.00 oder 24.00 Uhr geöffnet, die meisten Rewes bis 22.00 Uhr. Ansonsten öffnen viele erstaunlich gut ausgestattete Spätis zu den ungewöhnlichsten Zeiten. Meistens weiß das die Nachbarschaft.


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