Journal Montag, 20. Juni 2016 – „Geistig verwirrt“

Dienstag, 21. Juni 2016 um 6:42

Wo beginnt „geistig verwirrt“?

In der Wochenend-SZ stand ein ausgezeichneter Artikel des UK-Korrespondenten Christian Zaschke über die Stimmung in Großbritannien vor dem Brexit-Referendum:
„Gift und Galle“.
(Bei Blendle für 79 Cent nachzulesen.)
Schon im Vorspann heißt es darin: „Der Mann, der die Labour-Abgeordnete Jo Cox umgebracht hat, war vermutlich psychisch krank.“
Und im zweiten Absatz: „… nachdem am Donnerstag ein offenbar geistig verwirrter Mann die Abgeordnete Jo Cox umgebracht hat“. Später ist ein weiteres Mal von „offenbar psychisch gestört oder immerhin labil“ die Rede. Abgesehen davon, dass dieses Epiteton schon kurz nach der Tat fast komisch exakt die Hautfarbe des Herrn mitteilte (wäre sie anders als weiß gewesen, hätte das Epiteton automatisch „Terrorist“ gelautet): Wo beginnt und wo endet „geistig verwirrt“?

Als der 52-jährige Thomas M. nach seinem Namen gefragt wurde, antworte er mit den Worten: „Tod den Verrätern, Freiheit für Großbritannien“.
Die Richterin deutete darauf an, dass es sich um einen geistig Verwirrten handeln könnte.

Quelle

Am Freitag davor hatte ich über den Prozess gegen den Mann gelesen, der Henriette Reker fast umgebracht hätte (bei Blendle für 79 Cent).

Leid tut ihm das nicht, in seiner kleinkindlichen Wahrnehmung gibt es nur ein Opfer: ihn selbst.

Er äußert sich ziemlich ähnlich wie Thomas M., doch er gilt als zurechnungsfähig. Ebenso wie der Massenmörder Anders Breivik, dem es sogar besonders wichtig war, im Prozess bloß nicht als geistig verwirrt eingestuft zu werden.

Was allen drei gemeinsam ist: Sie sehen ihre Handlungen als Reaktion, sich selbst als die eigentlich angegriffenen, die sich verteidigen.

Genau das war die (damals für mich überraschende) Diagnose Sascha Lobos in seinem re:publica-Vortrag vor fünf Jahren: „Jüngste Erkenntnisse der Trollforschung“.

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https://youtu.be/sXSrpGr0wDU

Trolle sehen sich nicht als Agressoren, sondern als Opfer. So wie der Reker-Attentäter sich von Wahlplakaten der Grünen derart angegangen fühlte, dass er nur noch nachts das Haus verließ, fühlen sich Trolle von Meinungen angegriffen, die ihren widersprechen. Ihre resultierenden Aktionen sehen sie als reine Gegenwehr und („sonst ist er ein ganz ruhiger und unauffälliger Mensch“) alternativlos. Und so schreiben dann zum Beispiel Menschen bösartigste Mails am End‘ auch noch von ihrem Arbeits-Account aus – weil sie sich absolut im Recht fühlen. Mittlerweile muss man froh sein, wenn sie es bei schriftlichen Angriffen bewenden lassen und kein Messer in die Hand nehmen.

Dieser Mechanismus verbindet sie übrigens mit den großen Bösen der neueren Geschichte: Auch ein Adolf Hitler, ein Stalin, ein Mao und ein Saddam Hussein sahen sich als Verteidiger, nicht als Angreifer.
(Was, aber das nur nebenbei, James-Bond-Bösewichte für mich immer so blutleer und wenig glaubhaft machte: Die streben immer nur irgendwie nach Weltherrschaft/-zerstörung, ganz souverän, ungehetzt und überlegen.)

An Henriette Rekers Attentäter ist eine bestimmte Art Wahrnehmungsfilter zu beobachten, aller Wahrscheinlichkeit nach auch an Thomas M., den wir Internet-People an Verschwörungstheoretikern und Trollen kennen. So bezeichnete er die drei Menschen, darunter eine 77-jährige Frau, die Reker zu Hilfe eilten und die er schwer verletzte, als Mob, der über ihn hergefallen sei und den er habe abwehren müssen. Oder er bestand darauf, dass er keinen der drei mit seinem Messer verletzt habe, obwohl Laboranalysen ganz klar dieses Messer als die verletztende Waffe identifizierten.1 Alle Gutachten und Analysen, die seiner Schilderung des Tathergangs widersprachen, bezeichnete er als manipuliert.
Ich assoziiere sofort den bekanntesten Geisterfahrer-Witz: „Einer? Alle!“

Wenn das aber anscheinend kein Symptom für geistige Verwirrung ist – wo beginnt sie? Ich kann mir durchaus vorstellen, dass die Grenze schwer zu ziehen ist, schließlich ist alle menschliche Wahrnehmung nachweislich darauf ausgelegt, Belege für bereits getroffene Annahmen stärker zu gewichten als Belege des Gegenteils (siehe confirmation bias).

Und so fühle ich mich völlig hilflos: Wie soll man an solche Menschen rankommen? An Trolle, Verschwörungstheoretiker, Fanatiker?

§

Zwei erhellende Beiträge zur Brexit-Diskussion:

Der Londoner mit deutschem Migrationshintergrund Konstantin schreibt:
„I Want My Country Back“.

Un der in den USA lebende Brite John Oliver nimmt die Argumente der Austrittsbefürworter auseinander (um gleichzeitig die EU aufs Übelste zu beschimpfen):

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https://youtu.be/iAgKHSNqxa8

  1. Aus dem Gedächtnis zitiert: Die Papier-SZ vom Freitag habe ich nach dem Lesen weggeworfen, und ich bin zu geizig, nochmal 79 Cent fürs Nachschlagen zu zahlen. []
die Kaltmamsell

2 Kommentare zu “Journal Montag, 20. Juni 2016 – „Geistig verwirrt“”

  1. Joel meint:

    Oh, danke für das Video von John Oliver. He is sooooo….british. :-)

  2. Wiesel meint:

    „Wie soll man an solche Menschen rankommen?“ Eher gar nicht, befürchte ich. Die wird es immer geben. „Geisteskrankheit“ ist ein Konstrukt, dass keine klare Definition kennt. Man kann nur aufpassen, dass sich der gesellschaftliche Referenzrahmen nicht der verqueren Sichtweise der Irren annähert. Wenn sie ihre Meinung erst mal in den Medien gespiegelt finden, sind alle Hemmungen dahin. Der Verwirrte fühlt sich da wohl, wo es nur noch „like“ oder „no like“, befreundet oder entfreundet, Daumen hoch oder runter gibt.

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