Journal Dienstag, 8. November 2016 – Sich angreifbar machen

Mittwoch, 9. November 2016 um 6:46

Dadurch, dass ich hier als Mensch auftrete, verletzlich und angreifbar, habe ich unglaublich viele wundervolle Menschen kennengelernt. Einige davon sind Freundinnen und Freunde geworden sind. Weil ich hier nur wenig vorgebe, ist man mir immer wieder zu Hilfe geeilt, hat mich aufgefangen auf die anrührendste menschliche Art. Das wäre nicht so gewesen, wäre mein Ziel Unangreifbarkeit. Dass ich in diesem Blog nicht nur meine besten Seiten zeige, halte ich für einen entscheidenen Grund, dass es gelesen wird.

Für mich ist es befreiend, gerade dadurch nicht erpressbar zu sein. Erpressbar wird man durch Geheimnisse, durch etwas, was niemand wissen darf. Wenn auch nicht in jedem Detail und in jeder Tiefe steht hier aber, wie es mir geht, was mich beschäftigt, was ich entdecke und was das mit mir tut. Dadurch, dass ich mich angreifbar mache, mache ich mich überprüfbar und im Idealfall berechenbar – das Gegenteil von geheimnisvoll und mysteriös.

Ich will auch weiterhin nicht von Böswilligkeit von Leserinnen und Lesern ausgehen. Nicht dass mir die Existenz von Böswilligkeit verborgen wäre, aber ich mache sie nicht zur Basis meines Handelns. Ebenso wenig lebe ich ja mein Leben auf der Basis, dass mich jemand betrügen oder überfallen könnte, jemand bei mir einbrechen könnte, jemand mir etwas wegnehmen könnte oder mir Gewalt antun. Ich bevorzuge die Grundannahme, dass die allermeisten Menschen genau das nicht tun werden.

Bestürzenderweise ist das heute noch ungewöhnlicher als vor 15 Jahren. Jetzt ist die Lehrmeinung über das Leben im Internet, dass man – wenn überhaupt – die eigene Präsenz dort zur Selbstvermarktung nutzen sollte. Es gibt unzählige Karriereratgeber, die von der Wiege bis zur Bahre Tipps anbieten, wie man sich am besten online verkauft und gleichzeitig möglichst unangreifbar bleibt. Meist enthalten diese Ratgeber paradoxerweise auch die Empfehlung, möglichst „authentisch“ zu bleiben, und spätestens an diesem Punkt muss ich dann sehr lachen: Authentizität ist dann am erfolgreichsten, wenn sie ein komplettes Kunstprodukt ist.

„We are what we pretend to be.“ Und dazu gehört bei mir Angreifbarkeit.

Ja, vermutlich schließt sich gerade das Zeitfenster, in dem das Mitmachweb „Everybody has a voice“ bedeutete und damit Einblicke in Lebenswirklichkeiten ermöglichte, mit denen man auf anderem Weg nie in Berührung gekommen wäre.

Ich kann gut nachvollziehen, wenn jemand es einfach nicht versteht, wie man sich so angreifbar machen kann. Menschen sind verschieden.

Doch wenn es bis zur nächsten existenziell bedrohlichen Lesart meines Befindens, meines Lebens und meiner Impulse wieder 13 Jahre dauert, halte ich das für eine erfolgreiche Quote.

§

„Nackt im Netz
Was es heißt, sich zu entblößen“.

die Kaltmamsell

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