Journal Montag/Dienstag, 26./27. Juni 2017 – Beifang aus dem Internetz

Mittwoch, 28. Juni 2017 um 6:45

Ereignislose Arbeitstage, am Montag mit Sommerhitze und feierabendlichem Obsteinkauf, am Dienstag mit Regen am Morgen, durch den ich zum Langhanteltraining ging, der sich aber in einen sehr warmen Feierabend mit gemischten Wolken verwandelte.

Die Sperrung der Theresienwiese für Oktoberfestaufbau wirft ihre Bauzäune voraus.

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Auch wenn Sie alle eh schon bei Read on my Dear lesen, weise ich Sie auf diese Geschichte hin:
„Eine Banane“.

Zu der Geschichte passt sehr gut, dass ich auf dem Heimweg gestern an einem Spendenplakat „Den Hunger beenden“ vorbei kam, inklusive dunklem Kindergesicht mit riesigen Augen, und mir dachte, das müsste man vor die Redaktionen von Frauenzeitschriften hängen, die von Diätterror leben.

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Else Buschheuer hat ein schwules Flüchtlingspaar bei sich aufgenommen und schreibt im jüngsten SZ-Magazin darüber:
„Meine Beiden“.

Lesenswert, weil es mal wieder verdeutlicht, dass Geflüchtete Menschen mit sehr individuellen Biografien und Charakteren sind. Lesenswert auch wegen der Buschheuer-Schreibe, die ich so mag, seit ich seinerzeit auf ihr Blog aus Manhattan stieß, und die kein Problem damit hat, auch die Autorin nicht so gut aussehen zu lassen.

Meine Jungs mussten nicht länger in Aleppo oder Gaza sein, aber auf Weimar, Gera und Jena hatten sie auch keinen Bock. Während hochmotivierte ehrenamtliche Helfer sie finanziell, mental und juristisch unterstützten, waren die Jungs fasziniert von bunten Kontaktlinsen, Shishacafés und McFit. Als ich ihre Oberflächlichkeit kritisierte, ließen sie durchblicken, dass ich ruhig auch mal wieder zum Friseur gehen könnte.

Manchmal kam ich zu Hause nicht mehr ins Netz, weil sie nebenan mit vier Geräten gleichzeitig (drei Smartphones und dem Computer, den ich ihnen geliehen hatte) online waren. Einmal hatte sich der Große einen verdorbenen Magen geholt, gebärdete sich wie ein Sterbender und scheuchte mich nachts durch halb Berlin in die nächste Bereitschaftsapotheke.

DAS war unser Culture Clash, nicht Schweinefleisch und Alkohol, nicht Jesus und Mohammed. Sie waren Konsumenten und wollten es in aller Ruhe sein, sie wollten sich weder von Mullahs noch von mir davon abhalten lassen, eimerweise Protein bei Amazon zu kaufen. Uns trennte nicht der Koran, nicht der IS, uns trennte ein »Lifestyle«, wie es der Kleine einmal nannte. Nach Jahren der Selbstverleugnung waren sie 24 Stunden am Tag damit beschäftigt, schwul zu sein, und das war verdammt noch mal ihr Menschenrecht. Aber auch ich hatte Ansprüche. Ich wollte, dass sie obendrein noch fleißig sind, pünktlich, ehrgeizig, kreativ und hartnäckig, aber gleichzeitig bescheiden.

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Ijeoma Oluo erinnert sich an ihre Kindheit in Armut und wie sie ihrer Mutter übel nahm, dass sie eines Tages einen Boston Cream Pie heim brachte.

By 6th grade I had already figured out that we were poor and that it was a moral failure on our part. We were defective, and therefore unable to afford the things that normal families could afford. My friends had snack cabinets full of treats that they could just reach into whenever they felt like it. We had no phone, often no electricity, and if there was a package of ramen in our cupboard, it was a very good day. I wasn’t quite sure why, but I knew that this was all my mom’s fault. She had married the wrong man, she had gotten the wrong job, she hadn’t saved enough or scraped enough or worked hard enough. But we had no food in our fridge and I was pretty sure this Boston cream pie was why.

Worauf ihr Artikel hinaus will:
„Poor People Deserve To Taste Something Other Than Shame“.

Ich musste sofort an den Ring denken, den ich von meinem bitter armen spanischen Großvater geerbt habe. Und wie ich mich dabei ertappte, ihm übel zu nehmen, dass er für solchen Tand Geld verschwendet hat.

via @MlleReadOn

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Im Techniktagebuch beschreibt Angela die Handhabung ihres neuen Pkws – sehr informativ für mich, da die letzten Autos, das ich fuhr, etwa auf dem Stand der Technik von Angelas altem waren:
„Glück ist doch käuflich“.
(Jetzt verstehe ich auch, warum wir beim letzten Mietwagen vor zwei Jahren keinen Knopf fürs Licht gefunden haben.)

die Kaltmamsell

8 Kommentare zu „Journal Montag/Dienstag, 26./27. Juni 2017 – Beifang aus dem Internetz“

  1. adelhaid meint:

    ich fand den buschheuerartikel auch sehr gut. wir haben ja seit einem jahr eine 7köpfige familie unter uns wohnen, die unser vermieter im haus aufgenommen hat. damit hatte sich seine verantwortung aber auch erledigt und er hatte seine menschlichkeit getan. was blieb, sind fast täglich besuche bei uns, die direkt darüber wohnen, entweder der kinder mit hausaufgaben aus klasse 1-3 (mathe ist ein sprachfach!), mit fragen zu ausflügen, sportvereinen und warum wir nicht in jedem blumenkasten auf balkon und wintergarten schon blumen haben, oder einfach nur, um eine stunde in relativer ruhe zu malen, oder eben vom vater, der briefe bekommt, die ich selbst kaum verstehe, der deutsch sprechen will, weil sein kurs so schlecht ist, der will, dass wir kommen und mit der familie essen, zeit verbringen, reden, reden, reden – der aber auch selbst essen bringt, seine kinder mit essen schickt, oder sich für die nächsten 3 kilo hummus unsere küchenmaschine ausleiht.
    dass unten ein 90zoll fernseher in einer schrankwand steht, über kosten für eine klassenfahrt aber geschimpft wird, sind dinge, über die ich versuche mich nicht oder nur wenig aufzuregen. prioritäten werden kulturell anders gesetzt.
    es hat alles mehrere seiten, aber die integration wird nur funktionieren, wenn alle beteiligten mitmachen und nicht aufhören, sich zu kümmern.

  2. fxf meint:

    Die aktuellen Sperrgitter auf der Theresienwiese sind für das unsägliche „REWE Happy Family“-Dings am nächsten Samstag. Aber der Wiesnaufbau dürfte bald danach losgehen.

  3. marie.sophie meint:

    Lieben Dank! Die Frauenzeitschriften mit ihrem Geheul, dass dünner und noch dünner doch ästhetisch sei, koste es was wolle, sind mit ihrer Bildgebung ungliech erfolgreich. Wären dicke Menschen auf den Plakaten abgebildet, wäre der Impuls da muss Veränderung her ungleich höher als bei den dünnen Armen weit weg. Denn dünn ist gut, dünn ist schön und das Frauen eine ganze Schwangerschaft lang nur zwei Bananen essen,ist nicht schlimm, aber besser als äßen sie jeden Tag zwei Sahnetorten. Es ist sehr ermüdend. Auch weil es immer schwieriger wird zu erklären, warum Hunger und Mangelernährung so fatal sind.

  4. die Kaltmamsell meint:

    Deshalb freue ich mich immer über Einzelgeschichten, adelhaid – auch über deine!

    Ah, fxf, deshalb die Partyzelte. Die riesigen Stapel Bauzaun wurden dann bereits vorsorglich geliefert.

    Ich fürchte, marie.sophie, dass die Frauengazetten den Zusammenhang nicht sehen. Dabei weiß ich von Schwangeren, dass auch sie in unseren Breiten einem enormen Schlankheitsdruck unterliegen.

  5. Susann meint:

    Zur Banane – es hilft ja nichts, die „Aaaaber in Afrika (hier Indien) verhungern die Kinder“-Schiene zu bringen- Übergewicht ist für die Betroffenen meist ein ebenso real greifbares Problem (das noch dazu kaum aus der Welt zu schaffen ist) wie Untergewicht ein real greifbares Problem für die Betroffenen in der 3. Welt.

  6. Mhs meint:

    Ja, der Bericht von E. Buschheuer und „ihre Beiden“ hat mich auch sehr berührt. Beim ersten Lesen war es der viertletzte Absatz, der mich das ganze WE beschäftigt hat: ja, ja und ja! Obwohl Integration echt keine Sinecure ist, s. Adelhaids Kommentar, und dennoch ist es etwas, das von allen getan/getragen werden muss. Je öfter desto besser. Es übt sich…

  7. Hauptschulblues meint:

    Die Genossenschaftsidee ist bestechend und ein Modell für die Zukunft.
    Frau und Herr Hauptschulblues sind Genossen bei der taz und Bellevue di Monaco.
    Sie überlegen, wie Kartoffelkombinat mit Amperhof unf Obergrashof zusammen gehen können.

  8. Madame Graphisme meint:

    Ich bin einerseits auf das im Techniktagebuch vorgestellte Rundum-sorglos-Auto recht neidisch, aber andererseits sehr froh, dass ich ein Auto habe, das auf jede Bequemlichkeitselektronik verzichtet. Sogar die Scheiben muss ich noch von Hand kurbeln. Und dabei ist mein VW Up gar nicht mal so alt!
    Das spart nämlich auch jede Menge Sprit und so komme ich mit viereinhalb Litern hin. Kann zwar meinen Spotify-Account nicht nutzen, muss den Schlüssel ins Zündschloss stecken und Scheibenwischer und Licht manuell regeln … aber irgendwie ist das auch ein gutes Gefühl.
    Mein nächstes Auto (erfahrungsgemäß halten die bei mir so 300.000 bis 400.000 Kilometer) kann gerne wieder so ein schmuckloses Arbeitspony werden. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass das eine aussterbende Gattung ist.


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