Archiv für März 2018

Journal Samstag, 24. März 2018 – Wochenendsport im Wohnzimmer

Sonntag, 25. März 2018

Sonne! Wie angekündigt bekamen wir einen strahlend sonnigen Frühlingstag, an dem allerdings ein empfindlich kalter Wind pfiff.

Zum Ausleben meines Bewegungsdrangs räumte ich das Wohnzimmer frei. Eigentlich hatte ich vorgehabt, wieder beim MTV zu turnen, doch die Aussicht auf ähnlich langweiliges Angebot wie die vergangenen beiden Wochen hielten mich ab. Und da war mir eine Übungsrunde auf Fitnessblender eingefallen: „1000 Calorie Workout Video – At Home HIIT Cardio, Strength, and Abs Workout to Burn 1000 Calories“.

Eingemerkt hatte ich diese Programm schon vor zwei Jahren; mich reizten weniger die behaupteten 1000 Kalorien Verbrauch (ich glaube ja nicht an Kalorien), sondern die 90 Minuten Rundumtraining.

Die Aufwärmphase verlängerte ich: Mein persönlicher Puls möchte über längere Zeit und langsam hochgeschraubt werden, sonst protestiert mein System mit rotem Kopf und Schwindel. Zudem machte ich längere Pausen (die Fitnessblender-Programme sind immer recht zackig und im Grunde Nettozeit an Übungen, immer wieder wird darauf hingewiesen, dass man jederzeit mit der Pausentaste unterbrechen darf): Trinken, Wäsche aus der Waschmaschine holen, mehr Wasser. So kam ich auf über 100 Minuten Sport. Der HIIT-Teil war angenehm anstrengend, beim Krafttraining musste ich allerdings zweimal aussetzen, weil mir vom schnellen Wechsel zwischen Bewegung in Bodenlage und aufrechter Haltung innerhalb einer Übung schlecht wurde.

Jetzt bin ich sehr gespannt, ob die Prognose des Vorturnerpaares Daniel und Kelli stimmt, dass ich am Folgetag unter einem Ganzkörpermuskelkater leiden werde.

Nachdenken über meine Geburtsstadt (caveat: Ich habe ein unerklärlicherweise aber extrem emotional gestörtes Verhältnis zu Ingolstadt und bin deshalb die denkbar am wenigsten glaubwürdige Quelle für Beurteilungen aller Art.): Ihr Zentrum ist vielleicht das perfekte Beispiel für das Gegenteil von Gentrifizierung. Wo mal Handwerk, Metzgereien, kleine Läden und Gastronomie waren, sind jetzt Versicherungsbüros, Immobilienmakler, im besten Fall noch Arztpraxen. Ich weiß verlässlich, dass in der Innenstadt Menschen wohnen, doch das ist eine Parallelgesellschaft. „Angesagte Wohngegenden“ bestehen aus Einfamilienhäusern mit Dreifachgaragen. (Mag nicht der entflohene Ingolstädter Roman Deininger von der SZ, der zum Bundesliga-Aufstieg der örtlichen Männerfußballmannschaft diesen hinreißend treffenden Artikel über seine Geburtsstadt geschrieben hatte (€), diesen Aspekt mal aufarbeiten? Nebenbei: Kennen Sie diesen Artikel von Deininger vom letzten Jahr über jetzt Ministerpräsident Söder?)

Kleine Einkaufsrunde auf dem Klenzemarkt, dann den Raumduft „Rührkuchen“ erzeugt.

Treffen mit Freundin in Café auf einen Aperó, gemischte Nachrichten aus der akademischen Welt. (Was ganz anderes: Mag mir jemand diesen Teppich schenken? Respektive aus USA mitbringen?)

Zum Abendessen fand Herr Kaltmamsell heraus, wie Suppe aus lila Karotten aussieht.

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Die Medien sind voll von Warnungen und Analysen zu Facebook, weil eine eingebundene App von Cambridge Analytica die Daten einer Umfrage auf Facebook und Profildaten von Nutzern und deren Kontakten für gezielte politische Werbung genutzt hatte. Dieser konkrete Datenmissbrauch will mich nicht so recht erschüttern – vielleicht weil ich immer schon wusste, dass meine bei Facebook hinterlegten Daten und Verbindungen praktisch öffentlich sind. Und dass Facebook alle meine Bewegungen im Web trackt, solange ich nicht ausgeloggt bin (wer loggt sich bitte nach jedem Facebook-Besuch aus?). Das finde ich durchaus nicht gut, aber anderes beunruhigt mich viel mehr.

Nämlich zum Beispiel, dass die Bayerische Staatsregierung die Befugnisse der Polizei massiv ausweiten will. Sie führt mal kurz die Kategorie „drohende Gefahr“ ein und setzt in diesen Fällen unter anderem Bürgerrechte wie Post- und Telekommunikationsgeheimnis außer Kraft.

Marie Bröckling dazu auf netzpolitik.org:
„Ab Sommer in Bayern: Das härteste Polizeigesetz seit 1945“.

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Noch lebt Katrin Scheib in Russland und berichtet (ihre fünf Jahre dort neigen sich dem Ende zu). Zum Beispiel:
„Wie ich einmal Gesangsunterricht auf Russisch nahm“.

Journal Freitag, 23. März 2018 – Geburstagsfeier hinter Audi

Samstag, 24. März 2018

Erster Blick am Morgen aus dem Fenster: Dichter Schneeschauer. Doch auf dem Weg in die Arbeit waren Straßen und Wege nass, die Kälte war über den Gefrierpunkt gestiegen.

Pünktlicher Feierabend, denn Herr Kaltmamsell und ich waren auf eine Geburtstagsfeier eingeladen. Wir nahmen einen Zug nach Ingolstadt Nord, von dort ein Taxi nach hinter Audi – was sich ein weiteres Stück Landschaft geschnappt hat: Mittlerweile fährt man vom Bahnhof aus mit den Auto 15 Minuten nur durch Audi, bis man zu Nicht-Audi gelangt. Ich will gar nicht daran denken, was aus der Region 10 werden soll, wenn der Individualverkehr die menschenverträgliche Entwicklung einschlägt, die sich gerade abzeichnet. (Aber wahrscheinlich ist die Automobillobby auch langfristig stärker als Menschenverträglichkeit.)

Heimreise nach nur wenigen Stunden Feier, weil die letzte Regionalbahn nach München schon um halb elf fährt.

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Von wegen Verkehr: The Atlantic zeigt wieder eine atemberaubende Bilderstrecke, diesmal von riesigen Mengen verlassener Leihräder in China, wo die Welle an Leihradanbietern vergangenes Jahr besonders hoch schwappte:
„The Bike-Share Oversupply in China: Huge Piles of Abandoned and Broken Bicycles“.

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„The Last Conversation You’ll Ever Need to Have About Eating Right“.

via @stephenfry

Mir gefällt schon der Einstieg:

It’s beyond strange that so many humans are clueless about how they should feed themselves. Every wild species on the planet knows how to do it; presumably ours did, too, before our oversized brains found new ways to complicate things. Now, we’re the only species that can be baffled about the “right” way to eat.

Basis für die Liste:

With that in mind, we offered friends, readers, and anyone else we encountered one simple request: Ask us anything at all about diet and nutrition and we will give you an answer that is grounded in real scientific consensus, with no “healthy-ish” chit-chat, nary a mention of “wellness,” and no goal other than to cut through all the noise and help everyone see how simple it is to eat well.

Mit dem für mch vertrauenserregenden Detail, dass viele Fragen mit „das weiß man nicht“ beantwortet werden.

Journal Donnerstag, 22. März 2018 – Wir Google-Veteranen

Freitag, 23. März 2018

Nachdenken über Google-Fertigkeiten. Beruflich betreibe ich sehr viel betreutes Googlen: Menschen wenden sich mit Fragen an mich, deren Antwort ich zu 95 Prozent beim ersten Googlen als erstes Ergebnis angezeigt bekomme. Manchmal ergänzen sie ihre Frage durch den Hinweis, im Web hätten sie nichts dazu gefunden. Das und Erzählungen von Eltern über Web-Recherchen ihrer Kinder führen mich zu den Verdacht, dass Googlen keineswegs die Basisfertigkeit ist, sondern die hohe Kunst. Dass Weltwissen und Hintergrundkenntnisse zum Suchthema sehr helfen, auch bei der Einordnung der Suchergebnisse, war mir durchaus klar. Doch anscheinend muss man Menschen bereits Google als Suchwerkzeug beibringen (manche gehen zum Beispiel erst auf eine Website, auf der sie die gesuchten Inhalte vermuten, und beginnen dort ihre Suche).

Möglicherweise unterschätze ich die Folgen des Umstands, dass wir echten digital natives, die wir das Web seit Erfindung des Browsers nutzen, eine nicht mehr aufzuholende Erfahrung mit der Nutzung seiner Dienste haben (Suche, Bewertung, Lokalisierung, Visualisierung). Wer sich noch an den Suchmaschinen-Geheimtipp All the web erinnert und wie sensationell der uns vor der Jahrtausendwende bereits erschien, wer dann völlig von den Socken war über die Mächtigkeit dieser weißen Seite, auf der nichts als ein Eingabefenster und der Firmenname „Google“ in bunten Buchstaben zu sehen war – der und die haben halt mehr Werkzeuge an der Hand als nachwachsende Web-Nutzer, die sich ausschließlich auf YouTube und instagram bewegen. Oder sich mit einem Seufzer vor zwei Jahren dann doch mal selbst an dieses Internet gesetzt haben, weil das ja wohl nicht mehr weggeht.

Nach Feierabend nahm ich eine S-Bahn zum Marienplatz, um nach einem Geburtstagsgeschenk zu sehen (von der Sorte, die man wirklich in Person und live besorgen muss). Weil ich in der Nähe war, ging ich mal wieder in die Lebensmittelabteilung von Manufactum: Ich erinnerte mich an eine hervorragende französischen Schokolade mit 100 Prozent Kakao, die ich gerne mal wieder essen wollte.

Sie schmeckte mir immer noch, allerdings musste ich mich dafür an zwei Dinge erinnern:
Nur kleine Stückchen (ich mag Schokolade sonst am liebsten mit vollen Backen, doch diese Schokolade wird erst mal immer mehr im Mund), und auf keinen Fall Süße erwarten.

Das war natürlich nicht das Einzige, was ich bei Manufactum besorgte: Ich entdeckte die sensationellen Dörrpflaumen d’Agen, die ich vor vielen Jahren als Mitbringsel kennengelernt hatte und eine Zeit lang beim Hersteller bestellen konnte – bis der nicht mehr ins Ausland lieferte. Den Weg ins Einkaufskörbchen fanden zudem bretonische Krokantpralinen (ganz ok) und 55-prozentige Milchschokolade von Bonnat (interessant).

Zum Nachtmahl gab’s Asia-Pflücksalate aus Ernteanteil. Außerdem brachte ich durch Quengeln nach etwas Warmem (Heimweg durch dichten Schneefall) Herrn Kaltmamsell dazu, ein Schüsselchen Dhaal zu kochen.

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Zeit-Autor Philipp Maußhardt fällt aus allen Wolken, als sein Kneipenkumpel Bernhard den wichtigsten deutschen Forschungspreis erhält – er hatte keine Ahnung gehabt, was der beruflich macht, halt irgendwas mit Mathematik und Informatik. Jetzt interviewt er ihn professionell.
„Und? Was machst du so?“

Ich weiß nicht, wann es angefangen hat, dass man sich unter der Berufsbezeichnung seines Gegenübers nichts Richtiges mehr vorstellen konnte. Es muss in jener Zeit gewesen sein, als aus Hausmeistern Facility-Manager wurden. Wie soll ein Fachinformatiker für Systemintegration auf die Frage antworten, was er arbeitet? Programmierer sind Menschen, die vor einem Computer sitzen und Zahlencodes eingeben. Das muss genügen.

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Longread auf Englisch und Deutsch:

„Hoffnung um jeden Preis
Privatkliniken in Deutschland verkaufen Krebspatienten Hoffnung zu Höchstpreisen — mit durchwachsenem Erfolg“.

Ich kenne selbst einen Fall – aber mir war nicht klar, dass dahinter ein riesiges System steckt.

Deutschlands Neigung zu unkonventionellen Behandlungsmethoden hat in letzter Zeit Unternehmen, die experimentelle Medikamente an Patienten verkaufen, zum Deckmantel alternativer Behandlungsmethoden wie der Homöopathie verholfen. Einige, darunter auch die Hallwang Klinik, sind vor allem für Ausländer gedacht, die in wachsender Zahl nach Deutschland reisen um sich medizinisch behandeln zu lassen. Private Kliniken sind in Deutschland, wo die Gesundheitsversorgung weitgehend dezentralisiert ist, nicht der staatlichen Dokumentationspflicht unterworfen. Nach Angaben der Deutschen Zentrale für Tourismus übernachteten allein 2016 rund 259.000 Gäste aus Europa aus gesundheitlichen Gründen in Deutschland, verglichen mit 157.000 im Jahr 2009.

(…)

Nach deutschem Recht müssen Betriebe wie die Hallwang Klinik nicht über das Krankenversicherungssystem abrechnen, zudem können sie zugelassene Ärzte beschäftigen und von Patienten verlangen, dass sie Verzichtsklauseln unterschreiben. Sie erhalten so ein breites Mandat Privatkliniken so zu führen, wie sie es für richtig halten. Diese Anordnung – eine Anomalie in der westlichen Gesundheitsversorgung – hat Deutschland zu einem fruchtbaren Boden für unabhängige Unternehmen gemacht, die unerprobte Krebsmedikamente schwerkranken Patienten, von denen viele aus Übersee stammen, zur Verfügung stellen.

(…)

Als ich vor kurzem auf GoFundMe suchte, fand ich ungefähr 100 aktive Spendenaktionen für Patienten, viele von ihnen Briten, die eine Krebsbehandlung in der Hallwang Klinik anstreben, einigen mit Spendenzielen die 400.000 Euro überstiegen.

(…)

Laut Brysch [Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz] zögern einige deutsche Politiker, Wähler zu entfremden, die von alternativen Behandlungsmethoden angetan sind, ganz zu schweigen von der einflussreichen Homöopathie Lobby, die sowohl Heilpraktiker als auch Naturstoffanbieter umfasst. Heilpraktiker haben in Deutschland an Bedeutung gewonnen und eine beachtliche politische Macht aufgebaut. Im Jahr 2011, dem letzten Jahr, für das Daten zur Verfügung stehen, waren es rund 35.000 — gegenüber 14.000 im Jahr 1998.

§

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https://youtu.be/0_L4NBQnKoM

(Dieses Lied spielte während meines jüngsten Berlinbesuchs morgens durchgehend in meinem Kopf. Zwar habe ich daheim einen Linie 1 Soundtrack – aber basiert auf der Gripstheater-Inszenierung, nicht auf der Filmmusik – und klingt damit völlig falsch.)

Journal Mittwoch, 21. März 2018 – Der möglicherweise grässlichste Cocktail der Welt

Donnerstag, 22. März 2018

Aufgewacht zm Schabgeräusch des Schneeräumens und Schneefall. (Aber beim Weckerklingeln um 6 Uhr war der Tag schon angebrochen.)

Wie schon seit Montag war meine Süddeutsche wieder nicht bis zum Verlassen der Wohnung kurz nach halb acht geliefert worden, ich musste mir mittags ein Exemplar zum Lesen ausleihen (nach Feierabend bin ich zu unkonzentriert zum Zeitunglesen). Wenn das nicht spätestens nächste Woche besser wird, werde ich protestieren müssen (es ist Auslieferung bis 7 Uhr zugesagt).

Wieder keine Lust auf Abendsport. Pünktlich Feierabend gemacht, daheim mit einem (koffeinfreien) Milchkaffee gemütlich im Sessel den Zombieroman The girl with all the gifts gelesen.

Dienstag hatte Herr Kaltmamsell Rindfleisch gekocht, aus der reduzierten Brühe wollte er einen klassischen, aber besonders verwegenen Cocktail machen: Bullshot. Den servierte er als Aperitiv: Schmeckte ganz außerordentlich grässlich. Mir zumindeste, der Herr brachte sogar zwei davon runter.

Kulinarische Rettung des Abends: Ich bekam Carbonara serviert.

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Gestern entdeckte ich, dass Sibylle Berg eine wunderbare Interviewerin ist. Sie führt nämlich für republik.ch die Reihe „Nerds retten die Welt!“. Aktuelles Interview:
„Folge 3:
Gespräch mit Jens Foell, Neuropsychologe.“

Zum Beispiel:

Sie haben über Nekrophilie geforscht. Ein relativ schlecht erforschtes Hobby. Was haben Sie herausgefunden?

§

Viele Eltern haben es tatsächlich schwer, ihre Kinder von Internet-Endgeräten wegzubekommen, wenigsten für ein paar Stunden am Tag. Das kann schon mal in die Nähe von Verzweiflung führen:
„*düdelüt*“.

§

Der unsinnigen Aussage, man dürfe in Deutschland $unfreundlicheAussage nicht mehr sagen, kann man nur mit Humor begegnen. Weil der sich noch am vernünftigsten anhört. Sophie Passmann macht’s vor:
„Flutschfinger und Hitlergruß“.

Solange es rumst in Deutschland, haben wir keine Meinungsdiktatur. Solange wir streiten und spucken und beißen, uns empören über Montagsdemos von „Reichsbürgern“ und die sich wiederum empören über die Bürgerlichen, solange die Tagesschau die Kriegsbilder aus Afrin zeigt und gleichzeitig von der Reise der AfD-Politiker ins „sonnige Syrien“ berichtet, streiten wir weiter, und keine Meinung wird diktiert. Gesundheitsminister Jens Spahn darf den Paragrafen 219a aus der ganz rechten Ecke verteidigen, und außer böse Gegenrede hat er nichts zu befürchten.

§

Außerdem war gestern World Down Syndrom Day.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/Biex1XR_mpo

Journal Dienstag, 20. März 2018 – LALÜ-Erschrecken

Mittwoch, 21. März 2018

Arbeitsweg in dünnem Schneefall.

Ja, SIE finden das wieder schön.
Tagsüber wurde es dann aber zur Kälte sonnig, ich kam nach sechs noch mit Tageslicht heim.

Auf dem Heimweg zweimal heftig von einem roten Notarztwagen erschreckt worden, der wenige Meter von mir entfernt sein Martinshorn einschaltete. Beim zweiten Mal warf ich nicht nur die Hände über die Ohren, sondern schrie und sprang auch vor Schreck. Ich brauchte sicher zehn Minuten, bis ich mich wieder gefangen hatte. Und hatte auch noch den Verdacht, dass der Wagenlenker das lustig fand, denn es gab mitten auf einer in diesem Moment völlig unbefahrenen Straße ohne Ampeln oder Kreuzung auch keinen Anlass für „LALÜÜÜÜ!!!“.

§

Axel Bojanowski schreibt auf Spiegel online:
„Was auf Tagungen wirklich geschieht
Kinder, wie die Zeit nicht vergeht“.

(Allerdings nehme ich an, dass er naturwissenschaftliche Kongresse beschreibt; die wenigen geisteswissenschaftlichen, die ich erlebt habe, verliefen anders – unter anderem waren die viel zu wenig interessant für Medien.)

Kurioserweise leiden ja ausgerechnet jene, die viel wissen, darunter, nicht noch mehr zu wissen, sodass ihnen die strahlende Selbstverständlichkeit der Halbwissenden fehlt. Wohl deshalb versprühen Fachvorträge selten Euphorie.

(…)

Größere Konferenzen stellen einen Raum für Journalisten zur Verfügung, in denen auf Pressekonferenzen Wissenschaftler Forschungsergebnisse vorstellen, deren Relevanz nicht selten darauf beruht, dass sie auf jener Pressekonferenz vorgestellt werden. Die Forscher halten wortgleich ihren Vortrag, den sie auf der Tagung bereits bei ihren Kollegen erprobt haben.

Damit gelingt ihnen, was sonst nur Nordkoreas Machthaber schaffen: Journalisten zum Schweigen zu bringen. Werden nach Pressekonferenzen normalerweise drängelnd Fragen gestellt, herrscht nach Pressekonferenzen auf Wissenschaftstagungen meist ratlose Stille – bis ein Journalist sich zu der bewährten Frage aufrafft: „Okay. Könnte das gefährlich werden?“

(Schmunzeln in einem vermutlich sehr kleinen Kreis.) (Aber dort sehr.)

§

Apropos Geisteswissenschaften. Englisch-Dozentin Amelia S. Worsley über die Erfindung der Einsamkeit.
„A history of loneliness“.

via @goncourt

§

Der Narkosearzt bloggt darüber, was genau das medizinische Rettungspersonal nach einem schweren Unfall macht:
„Vom Unfall bis zur Reha – so geht das.“

via Croco

Jetzt kann ich Jahre später einordnen, was ich viele Male vom Balkon aus mitverfolgt habe, als noch Rettungshubschrauber auf der Kreuzung vor unserem Haus landeten: Die Pause zwischen Landung und Öffnen der Türen war dem Abkühlen der Turbinen geschuldet.

§

Mademoiselle Read on (seit vergangenem Freitag Fräulein Doktor!) schreibt über Diskussionen, die im Haus ihres Vaters nicht stattfinden:
„Auf einer anderen Seite.“

An den Montagen aber mit der E. aber hat mein Vater nicht das Alphabet mit ihr gepaukt oder Buchstabenkarten gemalt, sondern für die E. gesungen, wie er heute für die Enkelkinder singt. Der Mond ist aufgegangen, sang die E. ganz leise und damit war es geschehen, die E. hatte in die deutsche Sprache gesehen, hineingesehen, damit war der Großteil schon geschafft, sagte mein Vater, dann muss man nur noch üben, so kommt die E. zum Deutsch Üben am Montag und mein Vater begeistert sich Woche für Woche mit der E. an römisch-somalischer Beziehung von vor 2000 Jahren und so sprach mein Vater mit der E. darüber was ein Bürger sei und nicht so sehr darüber, dass Mimi ein Auto hat und Paul ein Fahrrad.

Passt sehr gut zu einer meiner Lieblingsgeschichten von Fräulein Doktor:
„Franz Kafka. Der ganze Prozess.“

Journal Montag, 19. März 2018 – Call me by your name und My brilliant friend

Dienstag, 20. März 2018

Langsam und weil ich in einer unruhigen Nacht viel Zeit dafür hatte, wurde ich mir über Call me by your name klarer.
Zum Beispiel über die Detais, die für mich typisch James Ivory waren (Ich träumte im Halbschlaf, wie Ivory an einem – selbstverständlich idyllischen italienischen – Bahnhof dem verstorbenen Ismail Merchant begegnete. Ich bin sehr stolz auf das Niveau meiner Träume.): Im Zentrum stehen gebildete und privilegierte Eliten, die keine existenziellen Sorgen haben; die kleinen Leute (Haushälterin Marcella, der namenlose Gärtner, die pokernden Barinsassen) dienen lediglich dem Lokalkolorit.

Der Film ist eine innige und aufgewühlte Liebesgeschichte, die schön, aber nicht zu schön gefilmt wurde. Das Setting in den 80ern sorgt dafür, dass die schwule Seite daran etwas erheblich Klandestineres haben muss, als sie vermutlich heute hätte – zumindest im Film, in einem Kaff im tatsächlichen Norditalien wäre ich weniger sicher. Dabei ist die äußere Erscheinung des blonden Beefcake-Oliver das aller 80erste an dem Film: Dieser Typus wird doch heute gar nicht mehr gemacht, oder? Inklusive Jeanshemd und weißen, ausgelatschten Basketballstiefeln.

Bei aller Beefcakerei spielt Armie Hammer auch noch ausgezeichnet – vom selbstbewusst rücksichtslos scheinenden Anfang bis zur totalen Verunsicherung nach der ersten Liebesnacht. Großartige Schauspielkunst auch vom jungen Timothée Chalamet als Elio, vor allem durch die Zurückgenommenheit Auch das und der italienische Sommer sind sehr Ivory.

Immer wieder fiel mir auch der Sound auf: Die Mauersegler sehen wir zum Beispiel nie, hören sie aber in jeder Szene, die in der kleinen Stadt spielt.

Ich recherchierte ein wenig nach Rezensionen:

Annett Scheffel schreibt in der Süddeutschen von „rückhaltloser Zärtlichkeit“, mit der der Film erzählt.

Chris Weiß im Musikexpress:

Viel wurde schon geschrieben über die sich so zart und unschuldig und dann doch so deftig und körperlich entwickelnde Liebe zwischen Elio und Oliver. Die Geschichte eines Coming-outs soll es sein, eine schwule Erweckungsgeschichte. Mag sein. Mein Eindruck war, dass Guadagnino etwas anderes sagen will: Wenn der/die Richtige kommt, ist es egal, ob er/sie männlich oder weiblich ist. Ihm geht es um dieses Gefühl, das sagt, dass man jetzt handeln muss, sonst ist dieser eine Mensch wieder weg und diese Erfahrung nicht gemacht.

Sonja Hartl in der Kino-Zeit:

Es gibt eine Szene am Ende von Call Me By Your Name, die niemanden kalt lassen wird. Es ist ein Gespräch zwischen Vater und Sohn oder eher: es ist vielleicht der beste Austausch zwischen einem Vater und einem Sohn, der jemals auf der Kinoleinwand zu sehen war – und dabei sagt der Vater etwas, was sich viele Teenager und Heranwachsende von ihren Eltern gewünscht hätten.

Und genau daraus ist das Zitat, das auch mir so nahe ging, dass ich es vorgestern aufschrieb.

§

Es wintert weiter, keine Ende in Sicht. Ich beiße zwar brav die Zähne zusammen und zwinge mich zum Mantra „IST JA ERST MÄRZ“, leide aber trotzdem. Auf dem Weg in die Arbeit und auch den Tag über immer wieder spärlich Schneeflocken, die eher wie Dienst nach Vorschrift aussahen als nach Winterbegeisterung.

Früh aufgestanden, um vor der Arbeit noch Zeit für eine Runde Hanteltraining zu haben. Tat gut, dennoch beobachtete ich mich beim Granteln und Gereiztsein.

Auf meinem Heimweg schneite es dann energischer.

§

Abends Treffen meiner Leserunde in Giesing zu Elena Ferrante, Ann Goldstein (Übers.), My Brilliant Friend. Die Meinungen waren geteilt und gingen von Desinteresse an den Figuren und nur 20 Prozent gelesen bis zu Begeisterung, dass und wie hier das Leben einfacher Mädchen und Frauen geschildert wird. Selbst habe ich den Roman gern gelesen, verband viel mit dem klaustrophobischen Setting in einem Stadtviertel von Neapel in den 50ern. Doch die Dynamik zwischen den beiden Hauprfiguren war mir zu breit ausgewalzt, auch wenn ich das Portrait dieser Bevölkerungsschicht interessant und glaubhaft fand (inneres Kopfschütteln, wie viel davon ich aus meiner eigenen italienischen Verwandtschaft kenne). Überrascht war ich von der Art des Romans gewesen: Bei all dem Feuilletonruhm hatte ich keine klassische Erzähl- und Geschichtenliteratur erwartet, sondern Intellektuelleres. Einig waren wir uns in der Runde, dass die Redundanz des Romans, sprachlich wie in der Handlung, das Leseerlebnis trübt. Und eben den großen Ruhm kann ich nicht recht nachvollziehen.

§

Zoë Beck hat auf der Leipziger Buchmesse für das Bündnis #verlagegegenrechts die Veranstaltungsreihe „Die Gedanken sind bunt“ mitorganisiert. In Ihrem Blog schreibt sie auf, wie’s war:
„#verlagegegenrechts“.

Journal Sonntag, 18. März 2018 – Kein Sport und Call me by your name

Montag, 19. März 2018

Ausgeschlafen, gebloggt, Laufklamotten für Kälte herausgesucht, damit ins Bad gegangen – doch eben die Kälte draußen inklusive grauem Himmel und Schneeflecken auf dem gefrorenen Boden verdarb mir die Lust. Ich ließ den Sport gestern bleiben, holte stattdessen nach dem Duschen Semmeln beim Bäcker Wimmer (weil der die guten, langsam gegangenen Handsemmeln hat).

Nachmittags spazierte ich zu den Museumlichtspielen, um mir Call me your name anzusehen. Es stand eine Schlange bis zehn Meter draußen und ich befürchtete schon Schlimmes, bekam aber noch einen Platz.

Beim Gucken fühlte ich mich lange unwohl und wusste nicht recht warum. Bis auch in meinem Bewusstsein ankam, dass der Film mitten in den 80ern spielte – eine nicht-bewusste Seite meiner Wahrnehmung war wohl so sehr mit Handling und Wegschieben all der Emotionen beschäftigt, die ich mit diesen Jahren verbinde, gerade auch mit Sommer und mit Italien, dass ich mich nicht entspannt auf den Film einlassen konnte. Mit der Zeit entspannte ich mich zwar etwas, wurde aber traurig. Ich glaube schon, dass Call me your name ein sehr guter Film war: James Ivory bekam fürs adaptierte Drehbuch einen Oscar, und tatsächlich glaubte ich einen typischen Ivory vor mir zu haben, nur ohne historische Kostüme (außer man zählt Adidas-Shorts, weiße Basketballstiefel und Bundfaltenhosen mit hoher Taille als period costume). Empfehlen kann ich ihn auf jeden Fall schon mal. Aber um erklären zu können warum – dafür brauche ich erst mal noch ein Weilchen zur Verarbeitung.

Ich wünschte, mir hätte seinerzeit jemand bei Liebeskummer und sonstiger Verzweiflung den Tipp gegeben: „Versuch nicht, den Schmerz auszulöschen; du löschst damit auch die vorherige Freude aus.“ Dann könnte ich heute vielleicht mit meinen Erinnerungen an die 80er umgehen.

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell Sellerielasagne – nur dass er die Sahne vergessen hatte. Jetzt wissen wir, dass in der Sahne das Geheimnis steckt, warum das Gericht auch Menschen schmeckt, die Sellerie eigentlich nicht mögen.

§

Der heftige Schneefall im Osten und Norden Deutschland hat am Samstag den Bahnverkehr sehr behindert – auch die Reisebewegungen um die Leipziger Buchmesse. Verleger und Autor Jo Lendle hat auf Twitter dieses daraus gemacht.

§

Auf dem Blog des Beit Hatfutsot Museum of the Jewish People in Tel Aviv (das ich während meines wunderschönes Jahreswechselurlaubs 2013/2014 besucht hatte), steht eine lesenswerte Geschichte über die Institution des Shabbes Goj (Umschriften vom Hebräischen ins lateinische Alphabet wie immer wild durcheinander – selbst in Tel Aviv waren auf Straßenschildern die lateinischen Umschriften desselben Straßennamens unterschiedlich).
„The Shabbos Goy to the Rescue“.

via @istrice

In 1993 General Colin Powell visited the State of Israel. Upon meeting then-Prime Minister Yitzchak Shamir, he is said to have greeted the surprised Shamir with “mir kenen redn Yiddish!” (“We can speak Yiddish!”)

Powell, the son of Jamaican immigrants who was born in Harlem and raised in the South Bronx of New York City, did not learn Yiddish at home. Rather, Powell picked up his Yiddish by his interactions with his Jewish neighbors, including serving as a Shabbos goy.

Ich kannte auch diese Erscheinung bereits aus der Tante Jolesch, doch mir war nicht klar, dass der Shabbes Goj in den USA so etabliert ist/war: In dem Text liest es sich, als sei die Tätigkeit das männliche Pendant zum Babysitten der Teenager-Mädchen.

Though religious and ethnic communities often existed in different spheres, separate from one another, the Shabbos goy was an opportunity for Jews and non-Jews to meet their neighbors and learn more about each other.


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