Freitag, 6. Juli 2018 – Bachmannpreislesen 2018, Tag 2

Freitag, 6. Juli 2018 um 18:40

Das Wichtigste vorweg: Bov Bjergs Text, auf den ich sehr hingefiebert hatte, war nicht nur sehr gut, sondern in einer anderen Liga als der Rest – auf fast schon unfaire Art. Und die Jury bemerkte die Qualität. @demhoferseikatz hat mich beim Zuhören eingefangen:

Doch auch insgesamt war das ein erntereicher Lesetag mit einigem Bemerkenswerten, den ich durchgehend und frei von Kopfweh im Fernsehstudio verbrachte.

Das größte Wagnis bisher ging die erste Autorin des Tages ein: Corinna T. Sievers zeigte sich im Vorstellungsfilm als Zahnärztin der bösartigsten Klischees, als sehr schlanke Blondine in der Praxis, am Klavier, im teuren Geländewagen – es fehlte nur, dass sie an einem FDP-Wahlplakat mit ihrem eigenen Konterfei vorbeifuhr. Und las dann eine Geschichte vor, in der eine sehr schlanke, langhaarige Zahnärztin in ihrer Praxis eine Männer-Pornophantasie auslebte: „Der Nächste, bitte!“ Ein so aggressives Verwirrspiel mit den Rollen Autorin/Erzählerin habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Der pornografische Text hingegen befremdet mich wie alle platte Pornografie das tut.

Auch die Jury äußerte im Lauf der Diskussion die Sorge, ob Sievers am Montag ihre Praxis wieder in Betrieb würde nehmen können. Doch erst mal sprach Winkels von einem „ungewöhnlichen Text“ und verdutzte mich damit, der „sehr explizit das Begehren einer Frau benennt“. Er warf die Frage nach dem Adressaten auf: die Sachlichkeit und die szientistische Sprache weise auf eine Akademie hin. Keller bemerkte die klinische Sorgfalt, doch ihr war der Text nicht radikal genug: Er bleibe stecken „in der Pose der Provokation“. Auch Gmünder hatte sich mehr gewünscht als „pornografische Kälte“, die Wilke als „mit Handschuhen und Mundschutz geschrieben“ bezeichnete. Letztere interessierte sich mehr für den Ekel, der am Anfang thematisiert wurde. Auch sie sah die Provokation, insgesamt aber eine nachgeschriebene Männerphantasie.

Gomringer hatte die Geschichte als Erfahrung einer ungewöhnlich liebenden gelesen, sie interessierte sich für die Seitenfiguren und hätte gerne gewusste, wie es mit ihnen weitergeht. Ihr zufolge wurden die Motive Tierisches, Ärztin und Märtyrergedanke behandelt. Kastberger erzählte den Schwank, wie er vergangenes Jahr in Klagenfurt zum Zahnarzt musste, an der Geschichte war ihm die Form sehr aufgefallen: Klassisches pornografisches Setting, Kammerspiel mit Regieanweisungen, doch nur eine Verschiebung der Perspektive auf die Frau war ihm zu wenig. Diese Pespektive bezeichnete Wiederstein als „womansplaining“, in dem der Mann nur „herumliegen und abladen“ dürfe.

Als ringsum Vergleiche mit erotischer Literatur durch die Nationen und Jahrhunderte fielen, nahm Keller das als Beweis, dass dem Text zu viel fehle, sonst bräuchte es beim Reden darüber nicht so viel „literaturwissenschaftlichen Stützbeton“ (mein Postkartenausdruck des Tages). Innertextlich ging es noch um Männer/Frauen (Gomringer: „mit männlicher Kraft erzählt“), Schmutz und Macht.

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Selbst hatte ich ganz andere Sorgen: Ich wusste nicht, woher ich atmen sollte. Meine Sitznachbarin verströmte eine ultrapenetrante Parfumwolke, die auch nach einer Stunde nicht schwächer geworden war. Sollten Sie mich bei den ersten beiden Lesungen also hinter Sievers und dann Ally Klein mit seltsam weggedrehtem Kopf gesehen haben: Ich versuchte irgendwie an parfumarme Atemluft zu kommen. Deshalb und weil ich im Büro ein ähnliches Problem habe: Bitte, bitte gehen Sie sparsam mit Parfum um. Wenn Sie einen Duft schon etwas länger verwenden, das heißt mehr als einen Monat, nehmen Sie ihn selbst kaum mehr wahr: Bitte verwenden Sie nicht so viel, bis Sie ihn selbst wieder riechen, Sie belästigen Ihre Umgebung.

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Ally Klein las „Carter“. Wieder hörte ich sehr Körperliches, doch jetzt in noch mehr Details und praktisch ohne Handlung: Reines Setting zur minutiösen Schilderung zweier Panikattacken – die auch in einem Panik-Crescendo vorgetragen wurden. Aus meiner Sicht eine gelungene schreiberische Etüde, doch mich würde das Ergebnis der Übungen mehr interessieren als die Übung.

Winkels thematisierte eingangs die Vortragsweise, hatte in dem langsamen Finden von Sinneswahrnehmungen eine Kosmogonie entdeckt. Für Gmünder hatte der Text einen „Sog von Anfang an“, er mochte das Präzise. Gomringer zählte einige der vielen Fragen auf, die der Text offen ließ (Gefangenschaftszenario?), fand ihn beklemmend. Für Kastberger erzeugte der Titel „Carter“ einen Spannungsbogen, den dorthin führe der Text, für Keller hatte er „die Sprache zum Labor gemacht“. Wiederstein sprach von einem „Adoleszenztext“, der geradezu organisch funktioniere.

Kritik äußerte Winkels an der Unterkomplexität, Wilke an der Ungenauigkeit: Das sei ein Theatertext, der den Vortrag brauche. Genau diese Ungenauigkeit bezeichnete Wiederstein als „Schwungmasse“ – und damit hatte mich die Diskussion verloren. Am ehesten verstand ich dann noch die Hinweise auf das Motiv des Unheimlichen.

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Während Tanja Maljartschuk ihre Geschichte „Frösche im Meer“ las, entspannte sich das Publikum sichtlich. Ich unter anderem, weil ich mich aus der Parfumwolke wegsetzen hatte können, aber ebenso wie der Rest des Studios, weil wir jetzt eine richtige, klassische Geschichte hörten.

Gomringer machte sich über diese Erleichterung möglicherweise ein wenig lustig, als sie dem Publikum den Gedanken unterstellte: „Endlich Literatur.“ Wilke wies darauf hin, wie das Innenleben der Figuren nicht erzählt, sondern gezeigt werde, lobte das Fehlen von Gefühlsduselei. Kastberger zählte die positiven Aspekte auf: Einfache Geschichte, Motivation klar, Hintergrund sehr hart, Einsamkeit der alten Frau und des Migranten, „die Verlage werden sich darum reißen“.

Nun entspann sich eine Diskussion, ob der Hauptcharakter Petro eine Verliererfigur sei oder nicht – kommt halt sehr darauf an, was man als Erfolg definiert. Wiederstein kehrte zurück zu literarischen Aspekten, indem er darauf hinwies, dass der Text eine große Nähe zu seinen Figuren herstelle, was zu Empathie und Demut führe.

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In der Mittagspause setzte ich mich um: Von den beiden Nachmittagslesern wollte ich beim Lesen nicht nur die Hinterköpfe sehen.

Bov Bjerg las „Serpentinen“. Und mei: Er kann’s halt. Vom irreführenden Einstieg über das Motivsetzen und Erzählen durch Dialoge bis zum Schließen von Verbindungen zwischen Innen und Außen ohne Vorspiegelung von erzählerischer Unschuld. Bov versteht sein Handwerk meisterlich. Ich war sehr gerührt und dann freute ich mich wie bescheuert.

Wilke sprach von einem „spektakulär unspektakulären“ Text, Winkels sah die Parallelen zwischen Erdgeschichte und Genealogie, sah die Schnitte und Risse in beidem. Die kurzen Einheiten gäben dem Text „etwas Freies“, das Ende sei ein utopischer Ausblick. Er lobte auch die spezielle Kunst, mit Dialogen zu erzählen.

Gmünder gestand seine grundsätzliche Sympathie für Texte mit Vätern und Kindern, er benannte auch die gut eingebauten Leerstellen: Fehlen der Mutter, mögliche Flucht. Wilke arbeitete heraus, wie zentral der Begriff „Versteinerungen“ sei, unter denen der Vater in mehrfacher Hinsicht leide, wie sehr ihn belaste, dass er seinem Kind schaden könne. Keller wies auf die zwei Ebenen der Kommunikation hin, die äußere mit dem Kind und die innere der Erzählerfigur, nannte die Geschichte einen „radikalen Text“.

Wiederstein war die Rolle der Provinz wichtig, die als Katalysator wirke, Schauplatz von Brüchen und Veränderungen. Winkels sah die Verzweiflung über den Zustand der Zivilisation wiedergegeben, und das mit lyrischen Mitteln. Kastberger war das Motiv der Wurzeln aufgefallen, die tief in die deutsche und österreichische Nachkriegszeit reichten, und der innere Konflikt des Vaters. Auch für Gomringer war die Geschichte „ein ausgezeichneter Text“.

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Zuletzt las Anselm Neft „Mach’s wie Miltos!“, sehr dynamisch und dramatisch mit Rollen. Ich mochte die verschiedenen Zeitstränge, die Detailarmut in der Beschreibung eines Obdachlosenlebens, das Verwirrspiel der Realitätsebenen.

Die Jury schien erstmal überfahren, Winkels äußerte sich verstimmt über die „Massivität“, mit der er zu Mitleid gebracht werden sollte, er fühle sich „erpresst“ und nannte den Text „überinstrumentiert“. Auch Wilke fand die Geschichte „überfrachtet“: Obdachloser, Verlust, Miltos, Kritik an Angestelltengesellschaft – und dann auch noch der Hund. Außerdem habe die Schnitttechnik bei ihr Skepsis erzeugt: Damit würden oft Schwächen verdeckt. Gmünder sah nicht Schnitte, sondern Stationen und lobte die Exposition; doch auch er sah einen Text, der zu viel wolle. Gomringer fand hingegen diese „Fülle gut orchestriert“.

Eine spannende Lesart bot Wiederstein an: Was, wenn nicht Miltos der unsichtbare, halluzinierte Freund sei, sondern alles andere erfunden? Keller sah sehr viele Stellen in der Geschichte als offen an und gab zu, dass sie Anselm Neft gerne fragen würde, was er von der Diskussion der Jury halte. (Winkels: Das wäre dann eine andere Veranstaltung.)

Kastberger vermutete, dass der Text für die Bühne gemacht sei und dort mit seinen plakativen Effekten und Stilfiguren besser gewirkt hätte.

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Kurzer Austausch mit Bekannten, vage Verabredung zum Abendessen.

Hier trage ich weitere #tddl-Berichte nach, zum Beispiel
Andrea Diener, „Probebohrungen bei der Pornozahnärztin“.
Modeste, „Der dritte Tag (tddl)“.

die Kaltmamsell

4 Kommentare zu “Freitag, 6. Juli 2018 – Bachmannpreislesen 2018, Tag 2”

  1. Hauptschulblues meint:

    Herzlichen Dank für die Zusammenfassungen. So kann H. selektiv die Videos der Lesungen und Diskussionen ansehen. Er kommt mit der Dichte der Veranstaltung nicht mehr nach.

  2. Joël meint:

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    Sehr gerne gelesen

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  3. Robert meint:

    Literatur hat mehr mit Fußball zu tun, als man gemeinhin denkt. Beispiel:

    „Bov Bjerg spielte im offensiven Mittelfeld. Und mei: Er kann’s halt. Von der geschickten Körpertäuschung über Zweikampfverhalten und schnelle Doppelpässe bis zur Spielverlagerung durch einen langen Ball ohne überflüssige Laufwege. Bov versteht sein Fußwerk meisterlich. Das gesamte Stadion war begeistert und grölte seinen Namen.“

    Und der leidige Sitznachbar verschüttet im Jubel sein Bier, wie der Kollege im Büro seinen Kaffee. (Wer zu viel und zu lange davon trinkt, unterschätzt oft die Wirkung.)

  4. Sjule meint:

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    Gerne gelesen

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