Journal Samstag, 7. Juli 2018 – Bachmanpreislesen 2018, Tag 3

Samstag, 7. Juli 2018 um 17:50

Zwischenfall am dritten Tag: Im Publikum kippte jemand um (Kreislauf), worauf eine Lesung unterbrochen wurde. Gelernt, dass Friedrich Torberg mal Jurymitglied beim Bachmannpreislesen war. Und dass mich drei Tage Sitzen körperlich deutlich mehr anstrengen als sechs Tage Wandern.

Literatur gab’s auch: Heute quer durch Genres, Themen und Mittel. Ich verfolgte wieder alles im Studio mit.

Es begann Jakob Nolte mit „Tagebuch einer jungen Frau, die am Fall beteiligt war“. Ich fand die Urlaubsgeschichte ganz nett, zuckte allerdings bei der Nennung von Markennamen zusammen (mein Kracht-Trauma ist tief), brachte den Text nicht so recht mit dem Titel zusammen, war irritiert durch sprachliche Fehler, die nicht erst eine Lektorin, sondern auch die liebe Tante Trudi korrigieren hätte können, mochte aber, dass immer wieder Vergleiche auftauchten, deren ausführliche Erklärung Hintergrundgeschichte erzählten.
(Das war die Lesung, die wegen einer umgefallenen Dame unterbrochen wurde. Nolte sehr souverän, fragte nach einem Arzt.)

Gmünder pickte sich zunächst den Bogen Sternenhimmel am Anfang – Versinken in diesem Himmel am Ende heraus, wies aber auch gleich darauf hin, dass niemand Tagebuch schreibe wie in diesem Text. Vielmehr sei er eine „Selbstvergewisserung“, ein „Umfassen der Realität, des Gesehenen“. Er habe das Geheimnisvolle gemocht, den Text aber insgesamt nicht recht fassen können. Weiter ging Keller: Sie sei „mit diesem Text nicht warm geworden“. Die Figuren hätten sie nicht angesprochen, auch kritisierte sie die vielen sprachlichen Fehler.

Die jederzeit enthusiastische Wilke äußerte ihren Eindruck, der Text sei ein Piranha, der darauf warte, „dass wir hineinspringen in seine Falle“ (Preis für das biologisch am wenigsten korrekte Bild der drei Tage). Sie sah „tolle Stellen“ und Formulierungen, eine „brillante Literatursimulation“, der es „jederzeit um ästhetische Positionierung“ gehe.

Auf die sprachlichen Fehler ging Winkels genauer ein: Er sah hinter ihnen Absicht, der Text „dekonstruiert klassische Erzählformen“, sei ein „romantisches Großereignis“, „das Kaputte am Text großartig gestaltet“ (Szenenapplaus im Publikum). Keller hätte gerne gewusst, wodurch man gewollte und ungewollte Fehler unterscheiden könne, bekam aber keine Antwort.

Kritisch äußerte sich Gomringer: Sie sah in der Schlussszene eine Avatar-Filmphantasie, eitel und selbstverliebt.

Kastberger lobte die Geschichte, mochte die „nachdenkliche Art“, war gefesselt durch die Sprache, verwies auf die literarische Tradition, über die eigenen Darstellungsmittel zu reflektieren. Allerdings mochte er nicht glauben, dass das eine weibliche Perspektive sei. Es folgte eine seltsame Diskussion, ob es sich um einen langsamen oder einen schnellen Text handelte, in der das vorkommende Kokain eine Rolle spielte.

Wiederstein sah sich positiv gelangweilt und lobte das Motiv des Ennui.

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Stephan Groetzner las „DESTINATION: AUSTRIA“. Schon sein Vorstellungsfilm hatte es vermuten lassen: Österreichbeschimpfung als absurdes Sprachkunstwerk an der Grenze zur Lyrik. Das Wort „Brabantbuntbarsch“ spielte seine Hauptrolle souverän, ich fühlte mich gut unterhalten. (Und freute mich, dass auch ohne Burkhard Spinnen ein Burkhard-Spinnen-Text dabei war.)

Wilke nahm das Werk als „Parodie auf die Situation hier“, sogar verschiedene Parodien: James Bond, der Wettbewerb, Provinz, Ineinanderdrehung von Verhältnissen. Wiederstein hatte recherchiert und festgestellt, dass kaum etwas in dem Text erfunden war, selbst die Wundermaschine gebe es. Für ihn behandelte er die Suche nach Identitäten, den Zustand einer Gesellschaft.

Gomringer lobte die extreme Präzision, die durch die getragene Sprache unterstrichen werde; sie sei gar nicht mitgekommen, weil so viel drin stecke. Winkels assoziierte Sacha Baron Cohen-Satire, äußerte Respekt vor der Sammlung an Elementen aus vielen Jahrhunderten, doch der Text bleibe „in der plakativen Aufmachung stecken“.

Keller hingegen fand ihn „toll gemacht“, eine Groteske, eine „K.u.K.-Kollage mit Knalleffekten“, sprach von einem „traurigen Clown“. Kastberger wieder war überhaupt nicht unterhalten: „Dieser Text ist blöd.“ Er „basiert auf einer Drogenerfahrung, die Droge heißt Österreich.“ Als Österreicher habe er all diese Schmähungen schon zu oft gehört, und meistens auch noch besser.

Ja, stimmte Gmünder zu, das sei ein Tripp, „ein Sprachtripp“, eine Reise ins wilde Österreich. Der ihm aber gefalle.

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In der Mittagspause Begegnung mit Friedrich Torberg, nämlich in einem satirischen Bachmannpreis-Zusammenschnitt, der seit zwei Tagen durch mein Internet gereicht wird und nun in der Übertragung gezeigt wurde:

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https://youtu.be/_AjxZZyYfVs

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Vorletzte Kandidatin: Özlem Özgül Dündar und ihr Romanauszug „und ich brenne“. Ich lese ja nie mit und lasse mir nur vorlesen, sehe erst jetzt, dass der gedruckte Text ein Wörtermeer in Kleinbuchstaben und ohne Interpunktion ist – das muss anstrengend gewesen sein für die Jury.

Ich mochte die Geschichte, vor allem wie sie sich indirekt durch die mündliche Rede von vier Müttern entfaltet. Dass Dündar aus Solingen kommt, hatte ich vorher gelesen, das in Kombination mit dem türkischen Namen und dem Titel der Geschichte ließ mich an den Brandanschlag vor 25 Jahren denken, bevor ich auch nur ein Wort gehört hatte. Die Geschichte vertiefte diese Verbindung. Rausgerissen wurde ich lediglich durch sprachliche Inkonsistenzen in der Mündlichkeit: Wer zum Beispiel spricht wie Mutter 2, sagt nicht „hitziger Teenager“.

Gomringer nannte den Text „furios“, lobte das mündliche Erzählen, bezeichnete es als „Sprachwucht“. Keller äußerte sich begeistert von dem „Verschwimmen von innen und außen“, auch der verschiedenen Mütter, Mütter der Opfer und der Täter. Auch Medienkritik sei eingebaut, „unbequemerweise“ in der Perspektive der Opfermutter.

Wiederstein hob die alltägliche Begegnung hervor, die zweimal auftaucht, die Sprachlosigkeit, die Entscheidung für Nichtreden – und kannte zu meiner Verblüffung offensichtlich den Solinger Brandanschlag nicht als historisches Ereignis. Winkels informierte ihn. Für Winkels war der Text eine Trauerlitanei in bedrängender Schleifenform; die Gleichförmigkeit ent-differenziere.

Kastberger warnte, der Bezug zum Anschlag sei nicht im Text selbst, er habe das Netz Mütter-Töchter beim Lesen auch so gebildet, und da die Geschichte lediglich ein Auszug sei, hoffe er auf mehr. Wilke äußerte sich überrascht, dass der Text nicht auf Widerstand stoße, weil er schließlich sehr riskant sei: durch die Anschläge von Solingen und Mölln im Hintergrund, durch die Komplexität, die aus so etwas schlichtem wie einem Gruß durch Nicken geholt werde.

An den Redundanzen störte sich Wiederstein, außerdem sei die Geschichte „an vielen Stellen zu explizit“, und die Figur von Mutter 4 eine zu viel. Ein wenig ging es dann noch um die Rolle der Mutterschaft: Für Gomringer hätte es auch einfach „Frau“ lauten können, Winkels, Wilke und Keller beharrten aber auf dem Pietá-Motiv.

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Der nächste Autor, Lennardt Loß, schüttete mir leider mit seinem Vorstellungsfilm das Kraut aus. Ihn interessieren „die kleineren Leute“, „die Boxer“, „die Arbeiter“, weil er in seinem Akademiker-Milieu keine Geschichten findet. Herr Akademiker geht also zum Geschichtenfinden in den Kleine-Leute-Zoo. Ich stellte mir diese Aussagen sofort umgekehrt vor: Eine Fleischerin, die sagt, sie interessiere sich viel mehr für studierte Leute, am besten reiche. Deren Geschichten fände sie einfach viel spannender als die ihrer Fleischereikollegen.

Und dann kam mit „Der Himmel über 9A“ auch noch feinste Testosteronliteratur. Eine klassisch geschriebene Abenteuergeschichte auf zwei Zeitebenen, sauber gemachte Flughafenlektüre (Unterschied vielleicht, dass die Abenteuer-Frau einige Chuck-Norris-Moves draufhat) mit RAF-Flüchtling, Flugzeugabsturz, BRD- und DDR-Geschichte im Hintergrund. Für Klagenfurt eher selten.

Wilke war auch davon sehr angetan, sah Schuld und Sehnsucht nach Buße, freute sich über den gut recherchierten Hintergrund zu den genannten Berufen, interessierte sich für die Personen. Letzteres tat Winkels ausdrücklich nicht, er sprach auch von „Räuberpistole“ – außer, bot er an, das sei keine realistische Geschichte, sondern die Phantasie von jemandem mit großer Flugangst, der darin mal kurz 80 Jahre deutsche Geschichte unterbringe. Denn „als realistische Geschichte geht die gar nicht“.

Klassisches Erzählen diagnostizierte Kastberger, das „ein außergewöhnliches Ereignis spezifisch gestaltet“ – hier seien es allerdings ein paar außergewöhnliche Ereignisse zu viel. Und dann auch noch die Schlusszene als Mischung aus Titanic und Life of Pi: „Völlig unglaubwürdig.“

Gmünder mochte den Humor in existenziellen Situationen (ich hatte hard boiled-Lakonik assoziiert), führte die Überfrachtung darauf zurück, dass der Erzähler seiner Geschichte nicht genug vertraue. Keller freute sich daran, wie diese „aberwitzige“ Geschichte aus der ganzen Welt Dinge zusammengesucht hatte, fleißig recherchiert, aber „unheimlich zusammengezwungen“.

Die „lässige Erzählhaltung“ gefiel Gomringer, auch dass „so viel anzitiert“ werde; für sie hatte die Schlussszene etwas von Loriot. Sie fand die Geschichte „gut und bündig zusammengesetzt“. Wiederstein sah einige schöne Bilder, fand sich an den Typus des 68er-Machos erinnert, der derzeit zum Jubiläum oft beschrieben werde. Eine politische Lesart sei für ihn im Shoppingkatalog am Anfang und dem absurd teuren Stift am Ende enthalten: Die Hauptfigur lasse den Schweinekapitalismus hinter sich.

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Draußen ein echter Sommertag, ich entschied mich dennoch für Bloggen statt Strandbad (erinnern Sie mich daran, dass ich für Klagenfurt vielleicht doch kein Leihrad brauche).

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Die Sicht von Andrea Diener auf den dritten Lesetag: „Räuberpistolen aus der Arbeiterkneipe“.

die Kaltmamsell

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