Journal Dienstag, 7. August 2018 – Schmerzliche Reise in die Vergangenheit

Mittwoch, 8. August 2018 um 7:01

Früh aufgestanden für eine Runde Krafttraining als Morgensport. War anstrengend genug, dass ich Muskelkater prophezeie, und ich schwitzte enorm. Aus den Augenwinkeln sah ich eine Amsel an unserer kleinen Wasserschüssel als Vogeltränke.

Der Sommermorgen war frisch genug, dass ich auf dem Fußweg in die Arbeit nicht zu sehr nachschwitzte.

Mittags aushäusig: Ich war mit jemandem aus meiner 20 Jahre zurückliegenden akademischen Vergangenheit verabredet (der sie ebenfalls schon lange verlassen hat). Ein überraschend tiefes und schönes Gespräch, das bereits nach drei Sätzen beim Eingemachten war – das kenne ich sonst nur von Treffen mit Bloggerinnen nach langjährigem gegenseitigen Lesen.

Zurück im Büro wurde ich von inneren Bilder und Visionen eines alternativen Lebenslaufs geflutet. (Jajaja – der mich auch nicht zu einem glücklichen Menschen gemacht hätte.) Doch das beutelte mich überraschend stark – diese Erinnerung an eine Zeit, als ich das einzige Mal im Leben beruflich Wünsche hatte. Als ich ein Jahr lang an der Uni einen Dozenten im Sabbatical vertrat und mir sehr klar war, dass ich genau das machen wollte: Englische Literatur erforschen und unterrichten.

Ich habe den Schmerz darüber, dass das nicht geklappt hat, nie zugelassen, sondern immer weggedrückt, weil: Tja, so war das halt. Wenn ich das wirklich gewollt hätte oder gut genug dafür gewesen wäre, dann hätte ich es ja geschafft. Aber offensichtlich hatte ich das nicht und war ich das nicht – also hatte ich auch kein Recht auf Schmerz, stell dich nicht so an. Dabei wollte ich doch nie etwas anderes als Literaturwissenschaftlerin sein, im Grunde von Kindesbeinen an und schon bevor ich wusste, dass es sowas gab.

Ich zog die Nachmittagsarbeit professionell durch, aber abends auf dem Heimweg ließ ich mein Telefon samt Pokémonfangen stecken, weil ich Zeit für Traurigsein brauchte.

Zum Abendessen (Herr Kaltmamsell war schon wieder gesellig verabredet, das Partytier) holte ich mir Wassermelone, Feta, Minze und kombinierte dieses mit Crema di balsamico. Wie fast immer, wenn ich abends allein bin, blieb der Fernseher aus; statt dessen vergnügte ich mich mit YouTube-Filmchen (z.B. diesem sympathischen „Hugh Grant Reviews His Most Iconic Movie Roles“) und las noch lange im Bett Heinerich Bölls Irisches Tagebuch.

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https://youtu.be/GjoBKEJj2eI

Das ist ja eh schon ein Highlight (und Rita Moreno eine Wucht). Aber dann die Geschichte dazu:
„‚I Can’t Stop Laughing‘: Rita Moreno Remembers Singing with Animal“.

via @ankegroener

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Bleiben wir in Hollywood, gehen wir zu einem handelsüblichen Casting:
„Watch: Gemma Arterton Auditions Felicity Jones & More for Humiliating ‚Leading Lady Parts'“.

Written and directed by Jessica Swale, “Leading Lady Parts” is a collaborative effort inspired by the Time’s Up movement. Produced by Gemma Arterton’s Rebel Park, the short satirizes the routine humiliation actresses face during the audition process. Performers such as Pugh, Felicity Jones, “Game of Thrones’” Emilia Clarke and Lena Headey, and Gemma Chan (“Humans”) all play themselves and read for a leading lady part. The casting directors (portrayed by Arterton, Catherine Tate, and Anthony Welsh) make increasingly offensive requests and act as if they’re no big deal.

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Und wenn wir schon mal da sind: Manche Stars scheren sich inzwischen einen feuchten Dings.
„In Conversation: Kathleen Turner“.

What else, aside from luck, has driven your career?
Rage.

What do you mean?
I’m fuckin’ angry, man.

About what?
Everything.

Where does that anger come from?
Injustice in the world.

via @DonnerBella

die Kaltmamsell

8 Kommentare zu “Journal Dienstag, 7. August 2018 – Schmerzliche Reise in die Vergangenheit”

  1. MBBM meint:

    Ach Frau Kaltmamsell, jetzt muss ich doch mal was sagen als stille Mitleserin. Ich bin PD mit festem Vertrag an der Uni (allerdings für amerik. Lit. und Kult.). Es hat nach der Promotion 15 Jahre gedauert, bis ich eine feste Stelle hatte. Ich habe an sieben verschiedenen Unis gearbeitet, bis ich endlich angekommen war. Ich liebe meinen Job in gewisser Weise immer noch, aber er hat mich bis jetzt einiges gekostet – das ist MIR mittlerweile sehr klar. Einen durchaus bestehenden Kinderwunsch habe ich aufgrund der Unsicherheiten nie verwirklicht und außerdem habe ich „nie“ Zeit – weder für „exzessiven“ Sport („Normal“sport kriege ich hin) noch für Gourmet-Mahlzeiten (hätte ich auch nix gegen).
    Mein Partner ist Ingenieurwissenschaftler an derselben Uni und ich sehe ihn kaum, weil er ständig auf Dienstreise oder im Büro ist. ;-) Das Gras scheint also vielleicht nur grüner auf der anderen Seite… ;-) ;-) ;-)

  2. Thomas S. meint:

    Ich freue mich, dass Sie den Schmerz zulassen konnten. Das hat viel mit Selbstachtung zu tun. Die rationalen Argumente werden dadurch ja nicht entwertet, sondern nur ergänzt.
    Bin selbst auch mit dem toxischen Mantra „Was du empfindest, ist unwichtig“ aufgewachsen. Von daher berührt mich das vielleicht besonders.

  3. Eine Leserin meint:

    Liebe Frau Kaltmamsell, eine meiner Lastradaerfahrungen war eine Aufführung von Jevgeni Onegin, obwohl Musikanalphabetin. Gleich anfangs singen die beiden nicht mehr ganz jungen Frauen wundervoll, in der Erinnerung an ihre Jugend, ‚Der Traum vom großen Glück vergeht, doch dann besinnt man sich und lebt‘. Das spielt seither immer mal wieder in meinem Kopf und beschwingt mich.
    Als Leserin genieße ich es sehr, Sie quasi zu hören. Der an der Uni beschäftigen Literaturwissenschaftlerin wäre ich kaum begegnet. Mir würde viel fehlen. Ich denke, Sie leben Ihre Berufung.

  4. FrauC meint:

    Wow, von Ihrem Selbstvertrauen sollte ich mir mal eine Scheibe abschneiden: „Wenn ich das wirklich gewollt hätte, dann hätte ich es ja geschafft.“
    Bei mir wäre das ein „Wär schön gewesen, aber das hätte ich eh nicht hingekriegt.“
    Ich bewundere das sehr! Und schließe mich der Vorrednerin an: Schön für mich, dass Sie bloggen.

  5. die Kaltmamsell meint:

    Ich wünschte, MBBM, ich wäre wegen der Illusion grüneren Grases auf meine Seite geraten.

    Es bleibt eine lebenslange Arbeit, Thomas S..

    Ich ahne, Eine Leserin, dass ich auch als Uniarbeiterin gebloggt hätte – schließlich war ich schon 1994 im frisch erfundenen Web unterwegs, mit eigener Floppy-Disk im Rechenzentrum der mathematischen Fakultät.

    Danke, FrauC! Sie hattten vermutlich auch nicht wie ich eine Mutter, die Sie unablässig mit „Was du willst, das kannst du!“ angetrieben hat.

  6. FrauC meint:

    Nein… ich habe mal einen Professor geschockt, der meinte, man müsse immer möglichst dicke Bretter bohren.
    Den habe ich gefragt: „Aber wenn das Ziel ist, ein Loch zu haben, sollte man dann nicht lieber ein etwas dünneres Brett nehmen, damit es auch sicher klappt?“
    …Aber davon überzeugt sein, dass man auch das Loch im dicken Brett schafft, ist natürlich das Beste!

  7. Joe meint:

    Unikarrieren sind ein Glücksspiel, das hat nur bedingt was, mit Hartnäckigkeit und dicken Brettern zu tun. Ich hätte gerne Nordamerikanische Kultur erforscht. Nach der Promotion und einigen Jahren Forschung & Lehre war dann Schluss. Im Nachhinein vertane Zeit. Nun habe ich eine 60 Stundenwoche in einer Unternehmensberatung mit US Kunden. Sport ist da nur in kleinen Dosen drin. Im Grunde warte ich auf die Rente, noch 15 Jahre…

    Ich denke, was eine Professorenstelle heute so attraktiv macht, ist der Umstand, dass man sich den Grad der Verantwortung zum Teil selber aussuchen kann. Nicht jeder muss Unirektor werden. Aber in normalen Arbeitsleben ist Seniorität mit wachsender Verantwortung verbunden, für Mitarbeiter, Budget, Relevanz der Kunden, usw. Wer da aussteigt, reiht sich ein in die Schlange der erfahrenen und hochqualifizierten Freelancer.

    Die Millennials haben ja den Anspruch auf „Work-Life-Balance“ und Überstunden sind des Teufels bei denen. Ich bin gespannt wie die sich um Verantwortung im Berufsleben drücken können.

  8. MBBM meint:

    Joe, klar an der Uni bleibt die Lehre immer irgendwie gleich (mal abgesehen davon, dass die Umstellung auf B.A. M.A. ordentlich Mehrarbeit gebracht hat und dass die Studierendenzahlen schwanken). Aber wenn man auf seine Publikationsliste stolz sein will – und das will ich – und wenn man in der Geschäftsführung mitarbeitet – das muss ich – dann ist das wirklich recht schlecht für die „Work-Life-Balance“. Nun gut, ich bin kein Millennial, sondern noch „preußisch“ erzogen, den protestant work ethics zu huldigen. ;-) Seniorität gibt’s auch im Elfenbeinturm, no doubt. Einige schaffen’s aber vielleicht schon, sich da ein wenig bedeckter zu halten. Und abseits jeglicher Seniorität gibt es dann auch noch die Hochdeputatsstellen. Davon schon mal was gehört? Kein Problem in Bamberg, aber der absolute Horror an Massenunis wie Köln oder Münster….

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