Journal Freitag, 15. März 2019 – Sauwetter oder nicht

Samstag, 16. März 2019 um 9:00

Unruhige Nacht mit Gedankenkarussel: Als ich nach einem Klogang um halb vier zurück ins Bett ging, wollte ich dringend den vorherigen Traum weiterträumen (mal wieder eine hochinteressante Wohnung), doch mein Hirn wollte statt dessen Arbeits- und Einkaufspläne aufstellen. Auch die Bandscheiben-induzierten Schmerzen meldeten sich wieder, die eine Spritze hat also noch keine Wunder gewirkt. Irgendwann stellte ich den Wecker vor auf sechs und strich den Morgensport, um lieber genug Schlaf zu bekommen.

Ein Regentag mit heftigem Wind. Nach Feierabend wollte ich noch für Einkäufe in die Innenstadt (wenn mein schlafloses Hirn schon den perfekten Ablauf dafür gefunden hatte), nahm diesmal aber gezielt einen Bus: Ich hatte schon vor längerer Zeit recherchiert, dass es von der Arbeitsadresse eine direkten Verbindung zum Viktualienmarkt gab, mit Schleifen, aber halt ohne Umsteigen und mit Ausblick. Wie erhofft führte die Route durch mir bislang unbekannte Straßen; zwischen Schlachthof und Westpark (inklusive diesem) muss ich mich mal ausführlicher umsehen.

Einkäufe: Fleisch beim Herrmannsdorfer (am besten sah das Weideschwein aus), große Artischocken auf dem Viktualienmarkt, Joghurt und Zitronen beim Basitsch, Roggenmehle bei der Hofbräuhausmühle. Es regnete inzwischen unangenehm heftig, doch bepackt wie ich war und mit dem heftigen Wind ließ ich den Schirm stecken.

Beim Heimkommen Diskussion mit Herrn Kaltmamsell, ob das jetzt ein Sauwetter war oder nicht. Ich fürchte, ich musste mich verweichlicht schimpfen lassen, weil ich weder tropfte noch einen windzerknüllten Schirm vorzuweisen hatte.

Zum Nachtmahl gab es nach Negroni als Aperitif die Artischocken mit Knoblauchmajojoghurt-Dip (seit einiger Zeit im engeren Kreis meiner Lieblingsgerichte), dann briet uns Herr Kaltmamsell die Koteletts vom Weideschwein mit Apfelringen. Wein dazu ein Viura aus der Rioja.

Süßkram zum Nachtisch.

Abendprogramm war die Doku aus der BR-Serie Lebenslinien über Sina Trinkwalder, u.a. Gründerin von manomama. Hier in der Mediathek:
„Die Chancen-Schneiderin“.
Schön gemacht – und interessant, wie sie ihr Narrativ der Zusammenhänge und Motivation über die acht Jahren, die ich sie auf dem Schirm habe, modifiziert hat.

§

Journalistin Ferda Ataman hat ein Buch Ich bin von hier. Hört auf zu fragen! geschrieben und gibt der taz dazu ein interessantes Interview:
„’Wir messen mit zweierlei Maß‘.“

Die meisten Menschen denken von sich, dass sie nichts Böses tun. Und Rassismus gilt als böse. Eine vermeintlich harmlose Frage damit in Verbindung zu bringen ist unangenehm. Aber niemand hat gesagt, dass man nichts mehr fragen darf. Dass man ein bisschen sensibler sein sollte, ist aber nicht zu viel verlangt.

(…)

Viele glauben, die Herkunft eines Menschen hätte Aussagekraft über die Person. Es gibt eine regelrechte Wurzelbesessenheit: Nenn mir deine Wurzeln, und ich sag dir, wer du bist.

(…)

Die Integrationsdebatte in Deutschland ist völlig verlogen. Es interessiert uns nur, wo die Integration gescheitert ist. Wir haben auch nie geklärt, ab wann sie gelungen und abgehakt ist – weil sie es offenbar nie ist. Migranten und Mi­gran­ti­sier­te stehen in der ewigen Bringschuld, ebenso ihre Kinder und Enkel.

(…)

Unser Sozialstaat wäre ohne Migration nicht denkbar. Ich fände es gut, wenn es das politische Signal gäbe: Migration gehört zu uns, und wir sind dankbar für das, was Migranten leisten. Ich will ein einziges Mal hören, dass meine Eltern nicht nur ein Problem sind. Sondern dass sie dieses Land mit aufgebaut haben.

Selbst werde ich übrigens genauso oft beim Blick auf meinen Namen von Einwanderern und Menschen mit Einwanderereltern nach meiner Herkunft gefragt – gerne in der freundlichen Absicht, eine Gemeinsamkeit herzustellen. Dagegen möchte ich mich genauso wehren, bin aber noch hilfloser. Zum Beispiel wenn der ältere Kollege, der in jungen Jahren aus der Türkei eingewandert ist, von meinem anstehenden Urlaub erfährt und fragt: „Ach, geht’s in die Heimat?“

Lassen Sie uns weiter darüber reden.

§

„Why People Don’t Say „You’re Welcome“ Anymore“.

Ich schwanke zwischen „Mei, Sprache ändert sich halt“ und „Aber ‚You’re welcome‘ ist doch so viel eleganter!“ Fürs Deutsche fragte ich schon vor längerer Zeit DAF-Lehrer, ob sie inzwischen als angemessene Reaktion auf ein „Danke“ lehren, „Kein Problem“ zu sagen. Das hat aus meiner Beobachtung im Alltag „Bitte“ als Norm abgelöst.

Andererseits kann man sich ja manchmal auch ohne Sprache helfen.

§

Oh, ein Eichhörnchen!
Ein Fotograf hat sechs Jahre Eichhörnchen fotografiert, in Sets und Aufbauten, die er dafür bereitstellte und in die sie sich locken ließen.
Hier die 30 niedlichsten Ergebnisse.

via @pinguinverleih

die Kaltmamsell

25 Kommentare zu „Journal Freitag, 15. März 2019 – Sauwetter oder nicht“

  1. Ulla meint:

    Zum Westpark kann ich Ihnen ein paar Ansichten beisteuern. Mein weblink
    zeigt ein paar Jahreszeiten auf meinem youTube Kanal.
    Ihren Einkaufsweg habe ich am Freitag gemacht, Weißwurst beim Hermannsdorfer und Lammhack beim Rühl usw.

  2. iv meint:

    Die 62er Buslinie? Meine allerliebste.

  3. die Kaltmamsell meint:

    Genau, iv!

  4. Sandra meint:

    Dieses vermeintliche Problem, dass es nicht in Ordnung sei, aus Interesse am Menschen nach dessen Herkunft zu fragen, verfolge ich schon länger bei der Zeit. Ja, ganz schlimm. Am besten, Männer und Frauen reden nicht mehr miteinander, denn jedes nicht mindestens 10x gut vorüberlegte Wort könnte am Ende ja sexuelle Belästigung sein und so auch sicherheitshalber keine Gespräche mehr mit Leuten, die nicht deutsch aussehen oder heißen. Lieber nix sagen und fragen, am Ende ist es Rassismus. Ja. Genau SO wünsche ich mir unsere Gesellschaft. Ich glaube, bei allem Philosophieren, wobei sich Gedanken zu machen ja prinzipiell gut ist, kann man sich auch mal ein bisschen locker machen. Würde micht schaden. Diese Diskussion verstehen die meisten Menschen sowieso nicht und fühlen sich nur vor den Kopf gestoßen. Glaube, man schadet sich als „Betroffener“ nur, wenn man das Gegenüber zurechtweist, weil es nach der Herkunft gefragt hat. „Komischer Mensch“ wird man über diese Person sagen.
    Aber niedliche Eichhörnchen!

  5. die Kaltmamsell meint:

    „mindestens 10x gut vorüberlegte Wort könnte am Ende ja sexuelle Belästigung sein“ – können Sie mir ein konkretes Beispiel nennen, Sandra, bei dem das so war? Und haben Sie schon mal versucht, und sei es nur zum Test, sich in „Betroffene“ hineinzuversetzen?

  6. Sandra meint:

    Jemandem ein Kompliment zu machen zum Beispiel. Kann heutzutage so oder so aufgefasst werden.
    Meine Mutter ist Betroffene und Sie können sich sicher sein: Es hätte sie viel mehr gefreut, jemand hätte sich nach ihrer Herkunft erkundigt, anstatt sie als Spaghettifresser zu bezeichnen. DAS ist für mich Rassismus, aber nicht, wenn jemand nach der Herkunft eines Menschen fragt, weil offensichtlich ist, dass er nicht aus Deutschland kommt.
    Haben wir keine anderen Probleme? Rassismus, der ganz offensichtlich welcher ist und auch so gemeint ist? Ich finde, absolut. Aber wenn wir unsere Energie dafür verschwenden, denen vor den Kopf zu stoßen, die eigentlich nur sagen wollen „ich interessiere mich für Dich“, dann ist das aus meiner Sicht sehr schade.
    Und ja. Ich kann mich da hineinversetzen und nein, ich verstehe wirklich nicht, egal, wieviele Artikel ich dazu inzwischen gelesen habe, warum dieses Thema so hochgehängt wird.

  7. die Kaltmamsell meint:

    Komplimente, Sandra, konnten doch wohl schon immer so oder so aufgefasst werden. Hier und auch bei der Frage nach der Herkunft kommt es auf den Zusammenhang und die konkrete Situation an.
    Wenn das Thema für jemanden betroffenen wichtig ist, kann man von ihm oder ihr meiner Meinung nach nicht einfach verlangen, es nicht wichtig zu nehmen.

  8. Micha meint:

    Die Eichhörnchen!!!! Made my day!

  9. Eva meint:

    Sandra, wann und wie ist es offensichtlich, dass jemand nicht aus Deutschland kommt? Und (ab) wann kommt jemand aus Deutschland? Wenn er/ sie selbst dort geboren wurde? Wie lange muss man in Deutschland leben, um von dort zu „kommen“? Ernst gemeinte Fragen.

  10. Sandra meint:

    Sie können es sich sparen, mich provozieren zu wollen. Ich mag meine italienische Mutter und meinen koreanischen Schwager. Auch meine serbischen oder slowenischen Kollegen. Ich hasse es, wenn jemand abwertende Wörter für Menschen jedweder Herkunft gebraucht und sage das demjenigen auch. Ich mag die Geschichten, die Menschen mir aus ihrer Heimat oder der ihrer Eltern erzählen. Warum es den Kindern in Slowenien bei Oma im Urlaub so gut gefällt und dass es richtige Kimchi-Kühlschränke gibt. Ich frage Menschen, die ein ausländisches Aussehen haben (meiner Wahrnehmung nach) oder einen besonderen Akzent oder Namen nach ihrer Herkunft und ich tue das, weil ich etwas über sie erfahren möchte. Ob sie erzählen oder mir sagen „das geht Dich nichts an, sei doch ehrlich, Du willst mich nur wegen meiner Herkunft demütigen“ ist ihre Entscheidung. Letzteres ist mir noch nie passiert und ich fände das auch sehr befremdlich und würde sehr sicher nach solch einer Reaktion nicht mehr mit dieser Person auf privater Ebene sprechen wollen.
    Das ist meine Meinung. Ich wusste nicht, dass mit der Aufforderung, darüber reden zu wollen im Blogpost gemeint war, dass nur Meinungen gewünscht sind, die die Frage nach der Herkunft eines Menschen für falsch halten.

  11. MissJanet meint:

    ich hab das früher auch immer gefragt, wenn ich mir sicher war, dass die verreisende Person einen Migrationshintergrund hat. Ich fand das ehrlich nett von mir. Bis dann während einer Fortbildung eine türkische Frau erzählte, dass ihr das immer passiert und wie sehr sie das stört. Das hat mich sehr betroffen gemacht und mich mächtig aus meiner Wohlfühlzone vertrieben. Ich durfte dann viele meiner gut gemeinten, aber naiven Gutmenscheinsätze erkennen und mich so richtig in Grund und Boden schämen, ob meiner Großkotzigkeit. Ich glaube, dass ich ein offener Mensch bin, aber meine Privilegien sind so umfassend, dass ich sie nur im Ansatz erkenne. Es ist möglich, dass ich nun etwas sensibler bin, da ist aber immer noch jede Menge Luft nach oben. Und deshalb bin ich für jeden Hinweis, jede Andeutung, jedes klare Wort sehr dankbar.
    Denn so ein Feedback bekomme ich nur, wenn mein Gegenüber mich grundsätzlich okay findet. Und das ist doch schon mal viel besser als höfliches Schweigen, während ich in seliger Unwissenheit verletzende Dinge sage.

  12. Hauptschulblues meint:

    @Sandra:
    H. kann ihr zustimmen. Sie sagt nichts was man/frau derart angreifen muss. Warum die Aufregung?

  13. Beateelisabetha aka FrauK meint:

    Liebe Sandra, was Sie hier schreiben finde ich absolut sympathisch und nachvollziehbar. Danke dafür.

    Liebe Kaltmamsell, habe Ihren Blog schon heute Morgen gelesen und bin im Laufe des Tages gedanklich immer wieder darauf zurückgekommen. Ich frage mich seit Jahren, warum weder Politik noch Presse es schaffen gelungene Integration zu thematisieren. In jeder (oder von mir aus jeder 2. Ausgabe) von ZEIT, SZ, FAZ etc. wünsche ich mir 1en (einen!) Artikel, der von gelungener Integration berichtet, von Menschen die hierhergefunden haben und die uns bereichern.

  14. Beateelisabetha meint:

    Nachtrag: Ich glaub Sie, Frau Kaltmamsell, müssen zurück in den Journalismus!

  15. Eva meint:

    Ich wollte niemanden provozieren. Ich lebe seit fast 15 Jahren in Nordamerika und wurde trotz deutlichem Akzent bis jetzt nur wenige Male gefragt, wo ich ursprünglich herkäme. Fragen nach der “eigentlichen” Herkunft scheinen mir insgesamt eher mitteleuropäische Befindlichkeiten zu befriedigen.

  16. Sandra meint:

    Naja, in den USA geht man ja auch anders mit der Frage „How are you?“ zur Begrüßung anders um, als in Deutschland bspw. Ich war in Seattle regelrecht überrascht, als ein Hotel- Angestellter auf einmal ganz viel berichtet hatte, wie es ihm geht, dass er sehr gestresst sei und müde. Das ist eigentlich eher ungewöhnlich.
    Ich finde es schön, ehrlich antworten zu können, beschränke mich in den USA aber auch auf das dort üblichere „fine, thanks“ oder eben die Rückfrage „how are you?“, woraufhin dann meist eben auch nur meine Antwort auf die Frage folgt.
    Im Urlaub jedenfalls, zuletzt Oregon, haben mich und meinen Mann jedenfalls an vielen Orten Leute gefragt, woher wir kommen. Vielleicht ist das mit Touris anders, wenn man sich im Frühstücksraum des Hotels begegnet? Fanden wir jedenfalls angenehm, alle waren nett und interessiert, obwohl wir eben Deutsche waren- ich dachte, die letzten Jahre über hätte sich etwas an der Sympathie uns gegenüber geändert und wollte deshalb gar nicht in die USA reisen, aber die Amerikaner waren sehr lieb und freundlich zu uns.

  17. Sandra meint:

    Es mag sein, dass das von manchen Menschen so empfunden wird. Aber genauso gut kann es sein, dass Menschen erleichtert sind, dass jemand sich für Ihre Herkunft interessiert. Vielleicht sind sie ja gewohnt, dass man nicht so freundlich mit ihnen umgeht, weil andere sie ohne sie richtig kennenzulernen, abstempeln. Wenn man mit Menschen spricht, kann man immer verletzen oder verletzt werden.

  18. AndereFranziska meint:

    Liebe Sandra, in ihrem vorletzten Kommentar haben sie einen bedeutenden Unterschied angesprochen: Es ist tatsächlich etwas Anderes, wenn man sich als Touris im Frühstücksraum des Hotels begegnet. Dort ist der Kontext „Wir sind alle nicht von hier“ und hat die (interessierte, gut gemeinte) Frage nach der Herkunft einen ganz anderen Beigeschmack als im alltäglichen Leben.

    Was Kritiker und zum Beispiel die türkische Frau in MissJanets Anekdote bemängeln (wage ich mal zu behaupten) ist, dass die Frage nach der Herkunft im Kennenlern-Smalltalk eben nur bestimmten Menschen gestellt wird und anderen nicht. Eine neue Kollegin auf der Arbeit fragen Sie, liebe Sandra, vielleicht im Kennenlern-Smalltalk, ob sie Kinder hat, wo sie wohnt oder ob sie gerne Sport macht. Wenn Sie dann Menschen, die, wie Sie oben schreiben, ausländisches Aussehen, einen besonderen Akzent oder Namen haben, in derselben Situation nach ihrer Herkunft fragen, kann es sein, dass sich diese Menschen auf diesen Aspekt ihrer Biografie reduziert fühlen, wenn es wieder und wieder passiert. Sie haben dann vielleicht das Gefühl, nur als „Repräsentant“ ihres Aussehens, ihres Namens oder Akzents wahrgenommen zu werden statt als „normaler“ Mensch.

    Im Englischen gibt es dafür den Begriff des „Othering“: Durch die Frage nach der „eigentlichen“ Herkunft wird gleichzeitig (wenn auch vielleicht nicht bewusst) signalisiert, dass der oder die Gegenüber eben nicht zu den Menschen von „hier“ passt, als anders wahrgenommen wird. Wenn man als Betroffene(r) tagtäglich mit dieser Baustelle konfrontiert ist und bereits eine erhöhte Sensibilität besteht, kann es sein, dass dann selbst eine gut gemeinte und interesserte Frage verletzend wirkt.

  19. kecks meint:

    Das wird von sehr vielen Minderheiten, vor allem die mit nichteuropäischem Aussehen, die aber sehr gut integriert sind, so erlebt. Es ist Teil des Alltagsrassismus, der aus Praktiken wie dieser Frage nach der Herkunft besteht, die das Konzept „Deutschsein ist gleich Deutschaussehen, alle anderen kommen von woanders her und gehören hier eigentlich nicht hin, weil ihre Abstammung genetisch nicht biodeutsch ist“ inhärent enthält. Damit wird letztlich die alltägliche Nichtzugehörigkeit aller Nicht-Biodeutschen fortgeschrieben. Kann man machen, ist aber rassistisch, auch wenn man das indivuell im Einzelfall anders meinen mag/nicht wahrhaben will, welche rassistischen Prämissen man da rumträgt und perpetuiert. Zugehörigkeit wird damit an Abstammung gekoppelt. Echte und unechte Deutsche halt, anstatt Deutschsein als eine Frage des Heimatgefühls und vor allem der Staatsbürgerschaft.

  20. kecks meint:

    Und natürlich mag es unabhängig von dieser Fragepraktik, die strukturell zum Alltagsrassismus beiträgt, unschuldige und freundliche individuelle Fragemotivationen geben. Die entlasten den einzelnen Frager aber nicht von der Mitveranwtortung für die systemischen aka strukturellen alltagsrassistischen Effekte seines Tuns.

  21. Eine Leserin meint:

    Ich frage mich, was das für eine Integration sein soll, von der die Autorin und einige hier sprechen. Dass man die Nachbarn grüßt und zurückgegrüßt wird, Mitglied im Sportverein ist, sich in Tracht verkleidet und die Kinder auf die katholische Schule schickt?
    Ich bin Biodeutsche, quasi Erstbesiedelung. In meinen Bauernclan bin ich nur noch so mittel integriert. Für mich sind fast alle anderen Menschen ‚nicht von hier‘. Ich behaupte, so etwas wie eine deutsche Identität gibt es gar nicht. Spannend wäre, wer da warum andere vielleicht ausgrenzen möchte. Nachdem so viele Menschen hier Vorfahren haben, die wandern mussten, ist vielleicht auch deren Gefühl der Identität fragil…

    Auch muss ich widersprechen, es ist sehr üblich im Smalltalk nach der Herkunft gefragt zu werden. Mir selber passiert es oft. Auch frage ich nach, wenn ich den Eindruck habe, es gibt unterschiedliche Erfahrungen, die vielleicht zu Missverständnissen führen könnten. Ab und an lassen Gesprächspartner erhebliche Ressentiments etwa wegen meiner Herkunft durchblicken. Das sind spannende Selbstaussagen.

    Im Verbot den Teil der Identität zu thematisieren, der aufgrund des Aussehens und vielleicht Namens bereits im Raum stehen, spüre ich auch einen double bind. Dabei ist jede Frage eine wunderbare Vorlage, selber die Narration zu bestimmen. Mir scheint, wer nicht gefragt werden will, hat noch keine schlüssige Antwort für sich gefunden. Ach ja, ich sehe nicht sehr biodeutsch aus, habe eine Behinderung.

  22. Sandra meint:

    Ja, der Unterschied, der hier gesehen wird, ist mir klar. Ich hatte damit auf Evas Kommentar geantwortet, dass sie in Nordamerika lebt und dort nie nach ihrer Herkunft gefragt wird, trotz ihres deutlichen Akzents. Es scheint also nicht in allen Situationen nur ein europäisches Ding zu sein, nach der Herkunft zu fragen.

  23. Polly Oliver meint:

    Dass man auf Danke nicht unbedingt Bitte antwortet, kenne ich aus Norddeutschland so, da sagt man „dafür nich“ oder „da nich für“ als Erwiderung.

  24. Trulla meint:

    @Sandra: ich bin da ganz bei Ihnen. Wenn man sich für andere Menschen interessiert, bleibt die Frage nach dem “Woher“ nicht aus.
    Da es nach meiner Ansicht keine guten oder schlechten Herkunftsländer gibt, sehe ich keinen Grund, allein
    darin eine Diskriminierung zu erkennen.
    Hinter die reine Äußerlichkeit, welcher Art auch immer (Kopttuch, Hautfarbe usw.) zu schauen, gelingt nur im Gespräch.

    Wenn jedoch mit der Eingangsfrage zugleich der Schlusspunkt des Gesprächs gesetzt ist bzw. sogleich eine Stellungnahme zur Politik des entsprechenden Landes angefordert ist, verstehe ich die Klage der Betroffenen sehr gut. Nur – kann Dummheit verboten werden?

    Wie sehr die eigenen Wurzeln beschäftigen, kann man leicht in diesem Blog nachlesen. An vielen Stellen befasst sich die Kaltmamsell mit ihren Vorfahren. Was sehr verständlich und zudem immer interessant war und ist! Sie hat auch sicher ihre Gründe, den elterlichen Nachnamen behalten zu haben, der nicht für jedermann unkompliziert auszusprechen ist und mitunter wohl der Nachfrage bedarf.

    Mir scheint hier wieder eine Stellvertreterdebatte entstanden zu sein: solange die Leute sich mit derartigen Nebensächlichkeiten aufhalten und darüber aufregen, treten die tatsächlichen Probleme wie Versäumnisse in der Integration in den Hintergrund.

    Die mittlerweile vielen Publikationen, die damit eine Opferrolle zementieren, halte ich nicht für hilfreich. Sie befördern ein Klima der gegenseitigen Befangenheit im Umgang miteinander.

  25. kecks meint:

    Das sind keine Nebensächlichkeiten. (Nicht-)Integration ist genau das, die Summe dieser Nebensächlichkeiten. Die Praxis, der Alltag, das ist in der Summe die – leider immer noch an vielen Stellen rassistische – Struktur, die Gesellschaft, die wir alle sind. Da kann sich keiner rausnehmen. Mit individuellen Befindlichkeiten und Intentionen hat das nur sekundär zu tun, primär geht es um ganz handfeste Effekte diese Struktur, z.B. dadurch bedingte Diskriminierung von Minderheiten im Markt (Arbeits-, Wohnungs-, Bildungs-… ergänzen Sie nach Belieben). Das ist eigentlich alles ziemlich gut untersucht und fachwissenschaftlich wenig umstritten, vgl. Soziologie.

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