Weiblichkeiten

Donnerstag, 30. Mai 2019 um 14:06

Else Buschheuer hat im SZ-Magazin einen epochalen Text veröffentlicht:
“Kriegerin”.

Früh entschließt sie sich zu einer Brust-Operation, die fürchterlich schiefgeht. Von da an kämpft sie – um ihren Körper, ihre Sexualität und ihre Identität. Eine Selbstentblößung.

Nicht nur ist das ausgezeichnet geschrieben, es geht mir in vielerlei Hinsicht nach. Was exakt Else Buschheuers Absicht war.

Eigentlich bin ich in sehr vielem sehr leicht zu verunsichern: Unterstellt man mir Faulheit, Schlamperei, mangelndes Feingefühl, Dummheit, Bigotterie, Unaufrichtigkeit – schäme ich mich erst mal und glaube es.

Aber als vor vielen Jahren eine Freundin der Familie mich fragte, warum ich mit meinen kurzen Haaren meine Weiblichkeit verleugnen würde, lachte ich schallend und tief aus dem Bauch heraus. Denn ich bin mit jeder Faser der Überzeugung: Wo ich bin, ist weiblich. Aus.

Zwar räume ich ein, dass Erinnerungen unzuverlässig sind, doch glaube ich, dass das schon immer so war, dass ich mir noch nie vorschreiben ließ, wie meine Weiblichkeit auszusehen hatte.

Mich befremdet, dass Weiblichkeit etwas sein soll, das man sich anziehen, anmalen, frisieren, im schlimmsten Fall hinoperieren muss. Wenn ich morgens nackig aufstehe, bin ich eine Frau. Und nicht erst, nachdem ich mir einen Spitzen-BH, einen Rock, ein tief ausgeschnittenes Oberteil und Pumps angezogen habe, alle grauen Haare entfernt sind und ich geschminkt bin.

Diesen Text hatte ich so ähnlich bereits ins Eingabefenster meines Blogs geschrieben – und dann wieder gelöscht. Ich fürchtete, er könnte wie eine anmaßende Aufforderung gelesen werden: Macht’s doch einfach so wie ich. Was sehr dumm wäre, denn ich bin mir bewusst: Meine Haltung ist ein Geschenk, für das ich überhaupt nichts kann. Sie ist vermutlich beeinflusst von der Erziehung durch eine Mutter, die sich in jedem Fall von “ein Mädchen macht sowas nicht” energisch vor mich stellte und bellte: “Und warum nicht?!” (Die mich dennoch irgendwann anwies, mich im Rock mit geschlossen Knien zu setzen und kleinere Schritte zu machen, aber gut.) Vermutlich wurde dieses Selbstbewusstsein als Frau auch dadurch erleichtert, dass ich seit der Pubertät sichtbar Busen hatte (auch wenn ich ihn die meiste Zeit in erster Linie als hinderlich empfand). Doch bin ich ziemlich sicher, dass ich schon so auf die Welt kam – das ist ein Privileg.

Ich bin überzeugt, dass Gendergrenzen nicht scharf sind, sondern Gender ein Spektrum darstellt. Auf diesem fühlte ich mich immer weit auf der Seite weiblich. Aber halt zu meinen Bedingungen. (Was um Himmels Willen nicht heißt, dass Frauen, die mit ihrer Weiblichkeit hadern, doof, rückständig oder sonstwie minder sind!)

Leider muss ich gestehen, dass ich lange mit dem Begriff “echte Frau” gearbeitet habe und damit Frauen mit üppigen Formen markierte. Auch wenn ich das seinerzeit als Protest gegen Geschlechterstereotype und Schönheitsideale meinte, grenzte ich dadurch eine ganze Reihe Frauen aus der Kategorie weiblich aus. Das war falsch und tut mir leid. Denn: Jede, die sich als Frau definiert, ist weiblich, egal wie sie aussieht und was sie anhat. Weiblichkeit hat unendlich viele Formen.

die Kaltmamsell

7 Kommentare zu „Weiblichkeiten“

  1. Corsa meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Genau!

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  2. MBBM meint:

    So ist es.

  3. Stedtenhopp meint:

    Genau! + Made my day + Gerne gelesen.

  4. Trulla meint:

    Eigentlich ist dem nichts hinzuzufügen.

    Weiblich qua Geburt, was sonst. Punkt.

    Als ich den Text von Else Buschheuer las, hatte ich zwei starke Gefühle: ich fühlte mich einerseits abgestoßen, andererseits bewunderte ich ihre Schonungslosigkeit über sich selbst zu (be)richten.

    Sich im Rock mit geschlossenen oder übergeschlagenen Knien hinzusetzen finde ich selbstverständlich. Ich habe einmal in einer Diskussionsrunde einer schon älteren Frau gegenüber gesessen, der wohl niemand diesen Rat gegeben hat, und so war ich die ganze Zeit gezwungen, mehr zu sehen als ich wollte. Es hat mich ein wenig aus dem Konzept gebracht und ich fragte mich, wie es wohl den anderen, auch männlichen, Teilnehmern ergeht. Breitbeiniges Sitzen finde ich übrigens auch bei Männern unschön.

  5. Joël meint:

    Vielleicht interessiert es sie ja auch wie ein Mann auf diesen Text reagiert. Dieses Gefühl sich im eigenen Körper nicht wohl zu fühlen, kenne ich auch. Es ging aber nie soweit dass ich daran hätte etwas aufplustern oder absaugen oder wegschneiden zu lassen.
    Was mich viel mehr berührte war diese schonungslose Offenheit. Dinge preisgeben ohne wenn und aber ist nicht leicht, zumal man damit gelernt hat zu leben und sie perfekt zu verheimlichen oder sogar zu vergessen.

  6. Frau Klugscheisser meint:

    In mir kämpfen kämpferisch rebellische Zustimmung und forscherische Neugier. Jetzt stecke ich fest zwischen: “Genau!” und “Könnte es vielleicht woanders herkommen?” Deswegen habe ich mir mal ein – etwas hinkendes – Beispiel zum Verständnis herangezogen:
    Ich bin Musikerin. Auch wenn das Instrument nicht in meinen Händen ist und ich jahrelang nicht gespielt habe, auch wenn ich einen anderen Beruf ausübe oder mich in anderen sozialen Kreisen bewege, ist das meine selbstgewähle Definition. Und jetzt kommt’s: Ich kann dieses Musikerinnensein unterstreichen, es für andere sichtbar machen und zelebrieren oder ich kann es verstecken und sogar leugnen. Aber der Knackpunkt ist nicht, als was ich mich definiere, sondern warum ich es überhaupt tue. Und da sehe ich, dass ich es für andere tue. Mir persönlich ist es nämlich herzlich egal, ob ich Musikerin, Dienstleisterin, Tantlerin oder Stinkerin bin. Ich brauche das nicht zu definieren. Das verlangt indirekt nur mein Umfeld von mir. Im Übrigen tue ich das bei einer ersten Begegnung auch mit meinem Gegenüber. Ganz unbewusst und schnell. So funktioniert unser evolutionärer Instinkt. Freund oder Feind. Über die Jahrtausende hat der Mensch das von lebenswichtigen auf alle anderen Bereiche übertragen und perfektioniert. Also suche ich nach sichtbaren Hinweisen zur Kategorisierung und wenn’s nicht sofort erkennbar ist, wäge ich widersprüchliche Informationen in meinem Hirn ab. Alles danach ist reine Spekulation, wenn ich das gewonnene Bild nicht verbal mit meinem Gegenüber abgleiche. Das tun Menschen aber sehr selten. Und wenn sie’s tun, gehen sie ein großes Risiko ein. Sogar wenn ihnen mitgeteilt wird, dass sie in ihrer Einschätzung falsch liegen (die ist keine Musikerin, die hätte sonst ein Instrument dabei), möchten sie doch gerne recht behalten. Und schon haben wir den psychologischen Salat. Mein Bedürfnis, mich selbst zu definieren kommt halt auch nur von meinem Bedürfnis der Gruppenzugehörigkeit. Deswegen stellt sich mir nicht die Frage, wie ich mich definiere, sondern warum ich das nötig habe. Echte Freiheit wäre demnach, ganz auf Definitionen zu verzichten.

    Das war jetzt bisschen am Thema vorbei oder?

  7. engl meint:

    warum nur denke ich gerade an einen frack? ; )

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