Journal Mittwoch, 29. Mai 2019 – Ausflug nach Augsburg

Donnerstag, 30. Mai 2019 um 10:29

Für diese Urlaubswoche habe ich mir zwar in erster Linie Nichtstun und Nachklingenlassen des großen Fests vorgenommen, aber ein Ausflug, den ich mir praktisch seit Jahren wünsche, steht dem ja nicht entgegen: Ich wollte mich mal wieder in Augsburg umsehen, wo ich studiert und nach dem Wegzug nach München ein paar Jahre gearbeitet habe. Zwar nehme ich regelmäßig einen Zug nach Augsburg, doch immer für den Besuch der lieben Schwiegereltern; das bedeutet, dass ich schon in Augsburg Haunstetter Straße aussteige und von dort nach Haunstetten fahre – von Augsburg selbst habe ich schon seit vielen Jahren nichts mehr mitbekommen.

Gestern schlief ich ein wenig länger, um den Preis, dass ich Herrn Kaltmamsell keinen Morgenkaffee servieren konnte. Doch der hat gerade eh schlimm Abitur und war gestern schon um fünf aufgestanden – komplett inkompatibel mit meinem Urlaubstag. Also alleiniger Kaffee zum Bloggen, dann legte ich noch eine Sportrunde ein, Zeit war’s: schweißtreibendes Rumpftraining, damit die Bauchmuskeln nicht vergessen, was ihr Job ist.

Erst am späten Vormittag nahm ich einen Zug nach Augsburg, diesmal durch bis zum Hauptbahnhof. Den ich gleich mal nicht wiedererkannte: Da in der umfassenden Renovierung derzeit der Mittelteil dran ist, war die Wegführung völlig ungewohnt.

Erste Besuchsstation: Die Synagoge, wenige Fußminuten vom Bahnhof entfernt. In den acht Jahren, in denen Augsburg mein Zuhause war, hatte ich es nicht geschafft, sie und das angeschlossene Museum zu besichtigen.

Allein schon der Innenhof und der Eingangsbereich mit Kassentheke waren sehenswert, das kleine Museum erzählte die Geschichte der Juden in Schwaben und beschrieb jüdische Riten. Wirklich atmenberaubend aber war die Synagoge selbst, zwischen 1913 und 1917 nach den Plänen von Fritz Landauer und Heinrich Lämpel errichtet.

Zumal sie eine lebendige Synagoge mit jüdischer Gemeinde ist. Ich setzte mich lange an verschiedene Stellen der Frauengallerie und stellte mir einen Shabbat darin vor (es gibt Hörstationen für die Liturgie).

Draußen regnete es immer wieder ein paar Tropfen, außerdem war Mittagszeit. Ich hatte bei meiner Orientierung auf Google Maps ein interessant aussehendes Lokal im Färbergässchen gesehen (das ich immer als „Taschenbuchladen im Färbergässchen“ denke, weil der zu meinen Studienzeiten eine Institution war): Die Färberei.

Dort kehrte ich ein, war von den Räumlichkeiten sehr angetan, aß Linsensuppe und einen Portobello-Mönchsbart-Salat. Dazu las ich Zeitungsreste aus meiner Tasche statt Internet auf meinem Telefon: Es gab absolut null Empfang.

Mein Plan ging auf: Ab jetzt blieb es trocken.

Die nächsten zwei Stunden ging ich die damaligen Wohnungen meiner Studienfreunde und meine ab: Lisa, Andrea, Gisi, Barbara-Ann, Mercedes, Frank. (Annes Allgäu-WG in der Lindenstraße 16 1/3 war mir zu weit draußen.)

Elias-Holl-Platz, der (derzeit?) als Parkplatz fungiert.

Die beiden Fenster über Eck waren acht Jahre lang meine; ich entdeckte, dass sie jetzt ein äußeres Zweitfenster bekommen haben.

Der ehemalige Waschsalon. (Erst jetzt fällt mir auf, dass ich das heisere „Grüß Gooooooott“ der lieben Frau Karkosch bis heute manchmal beim Heimkommen sage.)

Kapuzinergasse – auf der linken Straßenseite erhob sich zu meinen Studienzeiten die hohe Mauer von Hasenbräu.

Zuletzt mäanderte ich zum Stadtmarkt, ich wollte an einem bestimmten Stand in der Feinkosthalle Abendessen besorgen. Zu meiner großen Freude existierte dieser Stand noch, dahinter erkannte ich den (wie ich deutlich gealterten) Besitzer, der mich schon als Studentin zu besonderen Gelegenheiten (also für Gäste) mit Kräuterfrischkäse, sonstigen Aufstrichen, Oliven versorgt hatte. Auch sein Sortiment erkannte ich wieder und kaufte völlig enthemmt ein.

Zurück nach München fuhr gleich ein passender Zug, an einem Obststandl beim Hauptbahnhof holte ich noch Obst.

Für den Abend war ich mit Herrn Kaltmamsell verabredet.

Neben dem Abendessen packten wir weiter Geschenke vom großen Fest aus, waren ungemein gerührt, freuten uns, schrieben Dankesnachrichten.

Doch es gab auch traurige Nachrichten: Die Mutter eines der Studienfreunde, die zum Fest angereist waren, war im Hessischen verstorben. Geplänkel mit ihm per SMS, ob ich zur Beerdigung fahre (ich möchte sehr gerne, er verwies auf die bereits geplante Kürze der Angelegenheit).

§

Es gibt einige gute und sachkundige politische Einordnungen der etablierten Parteien im Zusammenhang mit dem Rezo-Video. Aber am besten zu lesen ist mal wieder die (nicht minder sachkundige) von Sascha Lobo, der nachvollzieht, was in den vergangenen zehn Jahren digitalpolitisch alles verkackt wurde:
„Digitalpolitik der Volksparteien
Marathon im Fettnapf“.

Was der Bund im Digitalen anfasst, wird zu Stuhl. Wenn man sich über das ungelenke Vorgehen der Union in Sachen Social Media aufregt, dann ist das nachvollziehbar, aber im Vergleich so, als würde man sich nach dem Sprung vom Hochhaus sorgen, ob man vom Luftzug vielleicht einen steifen Nacken bekommt.

(…)

Wenn man jedoch genauer hinschaut, war das Problem der CDU nicht, dass sie keine Ahnung von Social Media hat. Sondern – fast im Gegenteil – dass via Social Media klar wurde, wie wenig Ahnung sie von allem anderen hat, was die Jugend interessiert. Es geht nicht um das Medium, sondern um politische Inhalte, um das Fortbestehen des Planeten etwa.

die Kaltmamsell

2 Kommentare zu „Journal Mittwoch, 29. Mai 2019 – Ausflug nach Augsburg“

  1. Hauptschulblues meint:

    Synagoge: Absolut sehens- und besinnenswert.
    H. war dort mit seinen Abschlussklassen zu Besuch. Liegt ja auch sehr günstig zum Bahnhof und es gab folglich kein Fußmarschierfaulengejammer.
    Der Bau ist deswegen so gut erhalten geblieben, weil während des 3. Reichs gegenüber eine Tanksstelle war (heute noch?) und die Nazis vor dem Abfackeln Angst hatten.

  2. Angela meint:

    Danke fuer den Bericht und die Fotos aus Augsburg. Am Stadtmarkt hab ich gern die Nussmilch in der Nussbar getrunken und gelegentlich nahm ich mir einen Fisch mit. Aber nur wenn ich es aushalten konnte zuzusehen wie der Fisch fuer den Kunden vor mir getötet, aufgeschlitzt und ausgenommen wurde. Ich wohnte erst im Wohnheim an der Uni und dann in einer 2er WG Am Schwall bei der Bäckergasse. Und hiess das nicht Tabula?

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