Journal Samstag, 22. Juni 2019 – Egglburger Spaziergang

Sonntag, 23. Juni 2019 um 9:00

Von wegen Urlaubsanfang: Tatsächlich bin ich deutlich weniger erleichtert und euphorisch als sonst. Das hat vor allem damit zu tun, dass Urlaub nur die erste Woche der vier ist und ich dann in die Reha einrücke. Die Aussicht auf die Reha freut mich nicht wirklich, ich sehe sie als eine Aufgabe an – zwar eine deutlich erfreulichere als Arbeitsaufgaben, doch der Tag wird voller Pflichten sein, inklusive der Pflicht zum Umgang mit haufenweise neuen Menschen. Zumindest erhoffe ich mir Zeit zum Lesen und wäge seit Wochen ab, welche Bücher ich mitnehme.

Gestern früh aufgewacht, zu grauem Himmel und Kühle, für den geplanten Wandertag ein gutes Sommerwetter. Die Erkältung schien ein bisschen besser zu sein. Doch als ich Herrn Kaltmamsell die Tour von Kirchseeon nach Aying vorschlug, wurde er vernünftig: 23 Kilometer und fast fünf Stunden seien zu lang, ich sei doch krank. Ich hatte ein Einsehen und schwenkte um von Wanderung auf Spaziergang: Dann halt nur die zehn Kilometerchen von Kirchseeon über den Egglburger See nach Ebersberg.

Vorher eine kleine Einkaufsrunde mit Herrn Kaltmamsell: Ich wollte in einem Möbelladen eine Stehlampe ansehen, die ich online entdeckt hatte, ein Laden in der Nähe stand auf der Liste der ausstellenden. Dort erfuhr ich allerdings, dass ich an der Schriftfarbe der aufgelisteten Läden hätte sehen müssen, dass genau diese das Produkt nicht haben. Also Abzug unverrichteter Dinge aber Grübeln über Informationsvermittlung und Userführung. Einkäufe bei Bäcker und Biosupermarkt, daheim Frühstück.

Kurz nach Mittag nahmen wir eine S-Bahn nach Kirchseeon, als Talisman hatten wir Regenschirme eingesteckt.

Als wir an das Kircherl St. Colomann kamen, flog gerade ein Falke auf den Kirchturm zu und ließ sich darauf nieder.

St. Michael, das über den Egglburger See schaut, war vollständig eingerüstet und -gehüllt, wird gerade saniert.

Auf der anderen Seite des Sees ließen wir uns kurz nieder – nur kurz, weil gestern die Luft voller Stechmücken war (bei mir daheim heißen sie Schnacken), die uns zu ständigem Wedeln und Schlagen zwangen.

Lieblingshaus in Ebersberg („Wurftwaren“, hihi).

Wandern endet auch im Sommer mit einer Brotzeit, ein Spaziergang hingegen mit einem Eisbecher.

Der am Ebersberger Marktplatz war wirklich eine ganze Mahlzeit: Malaga-Caribic-Becher. Das Malaga waren gewürzte Rumrosinen und Rohmarzipanbrocken, auf das Caribic kam ich irgendwie nicht. Danach war ich sehr satt und wollte bitte erstmal eine Weile nichts Süßes mehr.

Marktplatz Ebersberg.

Zurück brauchten wir erst mal Schienenersatzverkehr nach Grafing, von dort S-Bahn zurück nach München.

Abends wieder Gewitter und Regen. Herr Kaltmamsell hatte zum Nachtmahl Kichererbsenbrei für Panisse vorbereitet, das ungemein fluffig und köstlich wurde.

Dazu Mangold mit Haselnüssen aus der Pfanne. Nachtisch waren spanische Kirschen, die ich auf dem Heimweg bei einem Standl an der Sonnenstraße gekauft hatte.

§

E. Jean Carroll, US-amerikanische Journalistin, zieht mit ihren 75 Jahren lakonisch Bilanz der sexuellen Übergriffe bis zu Vergewaltigungen, die sie seit Kindertagen durchmachte:
„Hideous Men“.

By now, Silent Generation aside, the question has occurred to you: Why does this woman seem so unfazed by all this horrible crap? Well, I am shallower than most people. I do not dwell on the past. I feel greater empathy for others than for myself. I do not try to control everything. But mainly, I think it is because I have done the thing no Indiana University football team has ever done in history — I have won a national championship: Miss Cheerleader USA.

(…)

I’m up there, perpetually, eternally, forever in mid-leap, urging the crowd to never lose hope. I was a cheerleader in grade school. I was a cheerleader in high school. My sisters, Cande and Barbie, were cheerleaders; my brother, Tom, was a pole vaulter, so he jumped too. Today I open a letter for my column, I read the question, and what do I do? I start shouting and yelling and cheering at the correspondent to pick herself up and go on. And, by God! The correspondent does pick herself up and does go on! Because if she doesn’t, I keep yelling at her. And every now and then I shout at myself, “Get the hell up, E. Jean! You half-wit! My God! Get on with it!”

Ich könnte kotzen vor Empörung darüber, was für so viele Frauen Alltag war und ist. (Nur zur Sicherheit: Sie sind eine ältere Frau und Ihnen ist sowas – wie mir – nie oder fast nie passiert? Unterstehen Sie sich, das als Ihr Verdienst anzusehen. Sie hatten – wie ich – einfach riesengroßes Glück.)

die Kaltmamsell

14 Kommentare zu „Journal Samstag, 22. Juni 2019 – Egglburger Spaziergang“

  1. Corsa meint:

    Erst neulich wünschte ich mir eine Agentur, die die Verfügbarkeit von Möbeln in Geschäften prüft: bei der Ausschau nach neuen Sofas hatte ich mehrfach falsche Informationen vom Hersteller, von der Herstellerseite, von den Zentralen von Möbelhäusern, inkl. zwei vergeblichen Besuchen derselben.

  2. Micha meint:

    Für die Reha schon mal *Toitoitoi*! Und ich wage eine Buchempfehlung (die gute Stimmung währenddessen verbreiten dürfte): *Altes Land* von Dörte Hansen.

  3. Croco meint:

    Reha ist gut. Man wird auf links gedreht, ob man will oder nicht. Und ich habe zum wiederholten Male festgestellt, dass ich es nicht leiden kann, wenn andere über mich bestimmen. Beim Essen hatte ich Glück. Da ich so viele E-Nummern an Zusatzstoffen nicht vertrage, hat man extra für mich gekocht, kein Fertigzeugs, herrlich.

    Dass ich fast nie belästigt wurde, ist tatsächlich reines Glück. Und ein bißchen Instinkt dafür, rechtzeitig abzuhauen wenn Situationen brenzlig werden.

  4. MissJanet meint:

    Ich bin tatsächlich die einzige Frau in meinem Alter, die ich kenne, die nicht schwer sexuell bedrängt oder vergewaltigt wurde. Was für ein unwahrscheinliches Glück ich gehabt habe. Und wie grausig das ist, dass ich es als Glück empfinde, und nicht als mein Grundrecht als Mensch.

    Was für eine Welt, in der Frauen leben müssen.

  5. Simone meint:

    Sie haben so Recht, es ist in der Tat zum kotzen dass Gewalt (welcher Art auch immer) gegen Frauen immer noch eher der Normalfall als die Ausnahme ist, selbst in hochzivilisierten Ländern wie Deutschland. Und von der hohen Dunkelziffer mal ganz abgesehen werden die geahndeten Fälle m.E. oft zu lasch bestraft. Es ist kein Bagatelldelikt.

  6. Sandra meint:

    Wie alt sind Sie denn, wenn ich fragen darf? Das klingt ja heftig, an welchem Ort passiert den Ihnen bekannten Frauen so etwas?
    Ich bin 32 und kenne niemanden, der schwer sexuell bedrängt oder vergewaltigt wurde. Und das erzählt hätte. Woher wissen Sie denn bei Ihren Bekannten davon?

  7. die Kaltmamsell meint:

    Ich bin 51, Sandra, und erst im Zuge von #Aufschrei und später #MeToo erfuhr ich von vielen Bekannten und einigen Freundinnen, dass sie zum Teil von Kindesbeinen an mit sexueller Belästigung bis Vergewaltigung lebten, dass sie zum Teil ihren gesamten Alltag auf die Vermeidung von riskanten Situationen ausrichteten. Ich war sehr erschüttert. Bis dahin hätte auch ich behauptet, dass ich fast niemanden kenne – ich glaube, die Betroffenen öffnen sich eher anderen Betroffenen.

  8. philine meint:

    Ich hatte mehr Glück als Verstand. Als noch sehr junge Frau, einmal mit 16, das zweite Mal mit Anfang 20 habe ich mit relativ älteren Männern stark geflirtet und sie herausgefordert (im ersteren Fall ein Mann mit Anfang 30, im zweiten Fall ein Mann mit Mitte 30 – ich hatte schon immer ein Faible für ältere Männer, wahrscheinlich weil ich einen alten Vater hatte und „ältere“ Männer attrativer fand als gleichaltrige). Der erstere ist auf meine Werbungen eingegangen und fand das alles sehr süss (hochgebildeter Türke), übers Knutschen war nix weiter. Im zweiten Fall hat der Mann mir, als ich einwilligte zu ihm in die durch ihn renovierte Wohnung zu kommen (er Architekt),mir, als ich nach dem Knutschen Nein sagte, eine Standpauke gehalten, mir 20 DM in die Hand gedrückt, ein Taxi gerufen und mir mitgeteilt, daß ich sowas nie wieder machen soll, mit einem quasi unbekannten „älteren“ Mann in seine Wohnung zu gehen. Er hatte mich davor sehr galant zum Essen eingeladen. Das war mir eine Lehre. Es sind so viele Aspekte zu betrachten, die diese Form von verabscheuenswürdiger Gewalt beinhalten.
    Ich hatte Glück, in beiden Fällen. es hätte durchaus auch anders laufen können, sowohl als auch.

  9. philine meint:

    Bücher: haben Sie schon gelesen?:
    – Kent Haruf, zwei Seelen in einer Nacht
    – Zadie Smith, Essays
    – Kent Haruf, Abendrot
    – Feridun Zaimoglu, Frauen
    – Telkamp,DerTurm ( hier braucht man viel Ruhe und zeit, ideal für eine Reha und wenn man in Sprache schwelgen will)
    – Bierbichler, Mittelreich
    – Suter, Die Zeit, die Zeit
    Bin gerne für Sie da. Grüsse, dei Ihre

  10. die Kaltmamsell meint:

    Vielen Dank für die Lesetipps, meine Damen, ich überlege allerdings genüsslich, welche Bücher aus den 1,5 Metern ungelesener bei mir ich mitnehme. Oder ob ich mir doch welche von den 90 Posten aus meiner noch ungekaufen Wunschliste dazunehme.

  11. Miz356 meint:

    Falls ihr mal wieder in grafing auf s-Bahnen wartet – sagt Bescheid. Koche sehr gern Kaffee!
    Und wie schön,dass das Egglburger Kircherl endlich renoviert wird. Das zahlt die Kirche doch aus der Portokasse.

  12. Sebastian meint:

    (Spoiler) Kent Haruf wird in der nächsten Leserunde für die übernächste vorgeschlagen.

  13. Tina meint:

    Ich finde T.C. Boyle – The Road to Wellville eine prima Reha-Lektüre.

  14. Sabine Cohrs meint:

    Liebe Frau Kaltmamsell, es heißt wirklich WurStwaren – in der betreffenden Typographie ist das ein Mittel-s (wofür es bestimmt ein Fachwort gibt, das ich nicht kenne, aber mit 68 hat man schon/noch viele derartige Texte gelesen.
    Es grüßt Sie freundlich aus Hamburg: Sabine Cohrs

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