Journal Donnerstag, 4. Juli 2019 – Individualisierung der Reha

Freitag, 5. Juli 2019 um 7:05

Das waren gestern zusammengerechnet gut zwei Stunden Sport netto – akteptabel.

„Konditionstraining“ stand als erster Programmpunkt in meinem Therapieplan für gestern, und zwar „Freies Training“. Meine Idee, einfach ein wenig früher aufzustehen und vor dem Frühstück eine Runde zu strampeln, dadurch vielleicht Appetit für ein Schälchen Quark mit Obst zu erzeugen, scheiterte an der Öffnungszeit der Trainingsräume um 7.30 Uhr (Frühstück 7.30-8.15 Uhr).

Na gut, also erst eine Tasse Tee um halb acht, dann zum Konditionstraining auf den Crosstrainer. Ich sah durch die gegenüberliegenden Fenster der Küchenmannschaft zu, die Herren trugen tatsächlich die hohen Kochmützen, die ich immer für reine Fotorequisite gehalten hatte. Ich schwitzte angemessen.

Für den Vortrag „Rückenerkrankungen“ legte ich mein Handtuch über die Stuhllehne, um den Sportschweiß bei mir zu behalten. Tatsächlich ging es um Rückenschmerzen, die Infos waren also nicht wirklich für mich relevant: Rückenschmerzen habe ich ja praktisch nicht. Und dass über 90 Prozent aller Rückenbeschwerden unspezifisch sind und keine Erkrankungs- oder Unfallursache haben, wusste ich vorher. Interessant fand ich die wiederholte Aussssage des referierenden Arzts, Schmerzempfinden sei durch positive Gedanken zu lindern, und seine Empfehlung, schöne Gedanken zu haben und an der inneren Einstellung zu arbeiten. (Nächster Schritt wäre der Tipp gewesen, sich morgens im Spiegel zuzulächeln, doch so weit kam es nicht.) Das passte schön zur Behandlung von Stress als negativem Einfluss auf chronische Schmerzen: Den zu vermindern ist nämlich, ließ ich mir erklären, nicht Sache des Arbeitgebers, sondern der Arbeitnehmenden.

Wie schon beim medizinischen Vortrag am Mittwoch wurde eine einzige ganz konkrete Stressursache benannt: Handy/Smartphone. Weil das jeder habe und ständig draufschauen müsse (hier bei beiden vortragenden Herren lächerlichmachende Pantomime vorstellen).

Danach blieb mir noch ein wenig Zeit, meine Wasserflasche nachzufüllen, dann ging ich das am Vortag erarbeitete Maschinenprogramm an. Kraftttraining mag ich ja, doch am Vergnügen hinderte mich böses Kopfweh. Nach dieser Runde war auch die Cafeteria offen, ich holte meinen Morgencappuccino nach.

Duschen, Zivilkleidung: Mittagessen. Ich genoss die herzhafte, mit Soja und Mais gefüllte Paprikaschote auf Reis, am Salatbuffet gab es gehobelten Fenchel, den ich sehr schätze. Nachtisch Aprikose und Brombeerjoghurt. Gutes Essen!

Wegen Kopfweh legte ich mich zu einer Siesta hin, statt draußen in der Sonne zu lesen.

Erster Nachmittagstermin: Facharztvisite. Wir kamen überein, mir das „therapeutische Rückenschwimmen“ künftig zu ersparen, ich bekam sogar einen Tipp für ein richtiges Schwimmbad: Das Freibad am Ort sei doch viel zu klein für eine Schwimmerin, im benachbarten Naila gebe es ein Freibad mit 50-Meter-Becken, ich solle doch dort am Samstag Schwimmen gehen – und am besten einen gemütlichen Tag dort verbringen. Individueller Therapieplan or what?

Rückenschule, Unterrichtseinheit 1 von 6, die sich über die nächsten Wochen verteilen: Ein Physiotherapeut erklärte Wirbelsäulentheorie – sehr interessant. Unter anderem erfuhr ich, woraus ein Schleudertrauma eigentlich besteht.

Zum Abschluss des Rehatages zog ich mich nochmal fürs Hallenbädchen um: „Gruppe Bewegungsbad“ war Wassergymnastik und zwar eine überraschend anspruchsvolle halbe Stunde, in der gegen den Wasserwiderstand trainiert wurde. Das darf gerne im Therapieplan bleiben.

Mit meiner fünfköpfigen Tischgesellschaft im Speisesaal bin ich sehr zufrieden: Niemand redet. Man wünscht einander freundlich lächelnd guten Morgen, sagt Hallo, „Guten Appetit“, verabschiedet sich „Bis später“, ansonsten herrscht meist entspanntes Schweigen. Schön.

Ich spazierte nochmal durch Kurpark und Ort zum Supermarkt am Bahnhof, holte Obst. Die Erbeeren gab es gleich zurück auf dem Zimmer.

„Alte Wehrkirche“ St. Walburga.

Weiterhin Kopfweh und große Müdigkeit bis zum Gähnen, ich ging sehr früh Schlafen.

§

Ich lerne gerade wieder viel über Europa: Die Nominierung von von der Leyen als EU-Kommissionspräsidentin wird viel und kontrovers kommentiert, die fundiertesten Kommentare davon sind für mich Unterricht (z.B. dieser von Stefan Ulrich in der gestrigen Süddeutschen), in dem ich mal wieder das Ausmaß meiner Ahnungslosigkeit sehe. Weswegen ich selbst mich mit einer Beurteilung aber schon sowas von zurückhalte.

die Kaltmamsell

9 Kommentare zu „Journal Donnerstag, 4. Juli 2019 – Individualisierung der Reha“

  1. Heidi meint:

    Der Kommentar ist wirklich klasse. Fehlt nur noch die Erwähnung des Untersuchungsausschusses wegen der maßlos überzogenen Beraterverträge, die Frau von der Leyen wohl zu verantworten hat. Dadurch würde sie wieder als Nachfolgerin von Juncker passen, der hatte ja auch „a Gschmäckle“ durch die luxemburger Steuervergünstigungsgeschichte.

  2. Jule Sverne meint:

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    Gerne gelesen

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  3. adelhaid meint:

    bewegen gegen den wasserwiderstand kann sehr anstrengend und auch sehr, sehr lustig sein. mit dieser form des sports haben sich weiland eine kollegin und ich amphibienartig von der bewegung im wasser zur bewegung an land hochgearbeitet. sie wurde zum sportcrack, ich wurde wieder zu dem, was ich vor langer zeit mal war.
    mein wassersport war im damals im olympiabad, wo es ein kleines becken gibt, und wenn da eine gruppe von 30 leuten im kreis läuft, und dann das kommando: Und jetzt umdrehen! kommt, das kann sehr, sehr, sehr witzig sein.

  4. Sabine meint:

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    Gerne gelesen

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  5. die Kaltmamsell meint:

    Stimmt, adelhaid, dieser Wassersport ist zudem lustig, das mochte ich.

  6. Gaga Nielsen meint:

    Hoffentlich hält der Physiotherapeut nicht nur Vorträge, sondern legt auch mal Hand an. Ich dachte, man hätte in so einem Institut bei so einer Reha rund um die Uhr Termine, Termine, Termine. Anwendungen, Massagen, Turnen unter Anleitung, Physiotherapie. Stattdessen gewinnt man den Eindruck, dass die Maßnahme zu fünfzig Prozent aus Vorträgen besteht. Mag ja interessant sein, aber in der Zeit kann man doch effektivere Sachen machen, oder? Soll ja keine medizinische Fortbildung sein. Wenigstens schmeckt das Essen, das ist ja schon mal wichtig, für uns Feinschmecker. Die Wassergymnastik klingt auch sinnvoll. Aber Frühstückszwang gibt es nicht, oder? Ich würde mir wahrscheinlich nur Kaffee holen und so einen Obstquark für später. Von wann bis wann gibt’s eigentlich Abendessen? Ich persönlich esse sehr gerne sehr spät noch mal was, daher auch nie Frühstückshunger.

  7. Gaga Nielsen meint:

    P.S. dass aufgesetztes Lächeln und positiv-Danken nach Vorschrift, nicht die Stimmung hebt und auch nicht irgendeinen Schmerz lindert, sondern krank macht, ist ja nun allgemein auch nicht neu, aber vielleicht für den referierenden Onkel Doktor?

    Hier zum weiterleiten (vielleicht hat er ja schon E-Mail!):
    https://www.sueddeutsche.de/wissen/psychologie-gefaehrliches-laecheln-1.910423

  8. Gaga Nielsen meint:

    P.P.S.
    schöner Tippfehler meinerseits „positiv Danken“. Das wäre dann noch die Steigerung! Buddhisten-mäßig, herrje.

  9. marthe meint:

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    Gerne gelesen

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