Journal Freitag, 5. Juli 2019 – Reha-Behandlungen und The English Patient

Samstag, 6. Juli 2019 um 6:45

Das Weckerklingeln nach neun Stunden Schlaf riss mich aus Träumen. Ich hätte gerne noch weitergeschlafen, hing dann auch beim Bloggen schlapp über meiner Tastatur – wo ich doch sonst morgens munter bin.

Tagesstart wieder „Freies Konditionstraining“, also nach einer Tasse Tee im Speisesaal als Anwesenheitssignal (damit sich niemand Sorgen macht, mir könnte nachts etwas passiert sein – so wurde die Bitte um Frühstücksteilnahme begründet): Crosstrainerstrampeln.

Ich verblöde. Meinen Sie, ich könnte mir auch nur drei Reha-Termine hintereinander merken? Aber nein, jeden schlage ich fünf bis zehn Mal nach. Dass der Umschlag meines Therapieplans schon jetzt ziemlich durchgenudelt aussieht, liegt vor allem daran, dass ich ihn bei bislang 15 Terminen sicher schon hundert Mal in der Hand hatte und nachschlagen musste.

Nächster Programmpunkt „Brain light“ (Sie erinnern sich: Massage durch Sessel).

Entschuldigung, ich habe ständig diese Szene im Kopf.

Die Musik aus dem Kopfhörer stellte ich auf leisest, die Brille blieb dunkel (möglicherweise Teil des gewählten Programms, möglicherweise kaputt, mir war’s recht). Die Massage bestand aus vielen Knubbeln, die aus dem Sessel kamen, der Sessel veränderte den Winkel, der Druck entstand mit der Schwerkraft des eigenen Körpers und war angenehm. Ich bemerkte die asymetrischen Verspannungen meiner Rückenmuskulatur, am verspanntesten (also mit schmerzhaftester Reaktion auf den Knubbel) eine durchaus unerwartete Stelle. In der nächsten Runde lasse ich Kopfhörer und Brille einfach weg, auch wenn dann mein brain kein light bekommt.

Noch mehr Entspannung wenig später bei „Rotlicht“: Mit bloßem Oberkörper wurde ich bäuchlings auf einer Liege platziert, wärmendes Licht auf die Lendenwirbelsäule.

Zum Mittagessen nahm ich den Mittwochabend gekauften Hüttenkäse mit: Milchprodukte wie Quark und Joghurt gibt’s nur zum Frühstück, das ich ja auslasse.

Gestern ein kurzes Reha-Programm, nachmittags hatte ich nur noch einen Workshop „Rückengerechtes Arbeiten/PC“: Grundsätzliches, Anekdoten und Geschichten, aber wir konnten auch verschiedene ergonomische Bürostühle durchtesten. Einen solchen hat mir mein Arbeitgeber ja bereits gestellt, jetzt habe ich ein paar Ideen zu seinem sinnvollen Einsatz.

Allgemein: Schön anzusehen sind die Bewegungsmuster anderer Patientinnen und Patienten, an denen ich meine wiedererkenne, zum Beispiel die besonders vorsichtigen ersten Schritte nach dem Aufstehen von einem Stuhl (könnte ja sein, dass es in die LWS sticht oder dass ein Bein gerade nicht mag).

Nachdem es vormittags wolkig und frisch gewesen war, schien schon mittags wieder die Sonne von blauem Himmel. Nach Siesta (Kopfweh fast ganz weg) spazierte ich nochmal ins Örtchen.

Jetzt müsste ich aber wirklich durch sein.

Vögel bislang: Mauersegler, Amseln, Singdrosseln, Elstern, Eichelhäher, Grasmücke (letztere drei habe ich bislang nur gehört, nicht gesehen), aber auch mindestens ein unvertrautes Vogelgesinge. Ich war ja bisher nicht viel draußen.

§

Ich las Michael Ondaatjes The English Patient aus und habe einen Neuzugang auf meiner Lieblingsbuchliste. Ondaatjes Erzählkunst (ich kannte davor The Cat’s Table und Warlight) ist sehr beeindruckend, im English Patient webt er damit eine einzigartige Geschichte, mit vier einzigartigen Menschen, die 1945 in einer zerbombten toskanischen Villa, zuletzt aus Frauenkloster genutzt, zusammenkommen. Es sind viele sehr bilderstarke Szenen, die Ondaatje mit wenigen Details und überraschenden Metaphern zum Leben erweckt. Es geht um nicht weniger als Liebe, wie sie Menschen erfasst, wie verschieden sie sich anfühlt, wie sie den Kern einer Persönlichkeit verändert oder auch nicht. Hana, die gebrochene, zwanzigjährige Krankenschwester aus Toronto, die gerade sie selbst wird. Der verbrannte Engländer, dessen gegenwärtiges Innenleben wir nie zu sehen bekommen, der nur aus Vergangenheit, historischer und kunsthistorischer Bildung besteht. Der Dieb Caravaggio, der Hana in Toronto hat aufwachsen sehen, jetzt ebenfalls gebrochen ist, aber anders als sie. Und Kip, der anglophile Sikh, eine isolierte Menscheneinheit, schwankend zwischen Vertrauen und Abgrenzung.

Ich mochte auch sehr die deutliche Erzählerstimme, die allerdings (nach meiner Zählung) nur an zwei Stellen explizit wird, einmal in einem die Leserschaft umarmenden „we“ und dann im vorletzten Absatz des Romans, als sie Kips und Hanas Leben Jahrzehnte später skizziert: „She is a woman I don’t know well enough to hold in my wing, if writers have wings, to harbour for the rest of my life.“

§

Die jetzt-Kolumne von David Würtemberger, die ich seit Beginn sehr interessiert, bewegt und oft traurig lese:

Als Teenager führte unser Autor ein Online-Tagebuch. Es begleitete seinen langen, harten und oft einsamen Weg zu seinem Coming-out und zu der Person, die er heute ist. In dieser Kolumne schreibt er heute, mit 33, seinem jüngeren Ich die Briefe, von denen er glaubt, dass sie ihm damals geholfen hätten.

Die neueste Folge:
„Auch wer sich nicht für homophob hält, ist es oft“.

die Kaltmamsell

7 Kommentare zu „Journal Freitag, 5. Juli 2019 – Reha-Behandlungen und The English Patient

  1. Sabine meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Gerne gelesen

    *******************************************************

  2. Joël meint:

    Danke für die Kolumne von David Würtenberger. Es ist schon seltsam wie sehr ich mich darin wiedererkenne. Bei mir war diese Phase in der ich auf der Straße angepöbelt wurde ja weitaus früher in den 80ern. Umso trauriger macht es mich dass es gute 30 Jahre später Würtenberger immer noch nicht besser ergeht.

  3. Gaga Nielsen meint:

    Neugierhalber würde ich die Lichtimpulse doch mal austesten, dann weiß man wenigstens, ob es stimulierend ist oder überflüssig. Auf der Hersteller-Seite steht „Der Anwender setzt sich zu Beginn einer Anwendung in den Sessel und setzt neben dem Kopfhörer ebenfalls die Visualisierungsbrille auf. Diese ist mit einem Regler versehen, so dass der Anwender die Intensität der Lichtimpulse so einstellen kann, wie es ihm angenehm erscheint.“ Vielleicht war das nur abgeschaltet (?). Die schicke Brille in der Ausführung „Dark“ hat wohl weiße Lichtimpulse, die am entspannendsten wirken sollen, gibt noch eine andere. Also ich würde es mal ausloten. Schön, dass so viele verschiedene Anwendungen ausprobiert werden. So einen Sessel für fünftausend Euro hat man ja normalerweise nicht daheim im Wohnzimmer.

    Aber (mutmaßlich) säuselige Musik muss natürlich nicht sein.
    Ich hab mal eine Gratisstunde Floating in einer Tombola gewonnen, habe mich gefreut, fand es furchtbar. Auch kombiniert mit gruseliger esoterischer Ambientmusik und bunten Lichteffekten im separaten Salzwasserbeckenraum. Das Wasser hat auf meiner Haut wie Feuer gebrannt, ich hatte ein paar empfindliche Stellen (Schnittverletzung Gemüseschnippeln), hab nach fünf Minuten abgebrochen, war wie Folter, Rücken tat danach weh, obwohl ich nie Rückenschmerzen hatte. Ein einziger Krampf, das Gegenteil von Entspannung. Aber andere finden es toll.

  4. Mareike meint:

    „Es geht um nicht weniger als Liebe, wie sie Menschen erfasst, wie verschieden sie sich anfühlt, wie sie den Kern einer Persönlichkeit verändert oder auch nicht.“ Ein wunderbarer Satz.

  5. E meint:

    Ich war unlängst auf einem BG-finanzierten Erste-Hilfe-Kurs und der Ausbilder, ein Rettungssanitäter, der schon so einiges gesehen hat, hatte uns in blumigen Worten geschildert, wie so ein „hirnbedingter Krampfanfall“ (Erste-Hilfe-Sprech für das hier https://de.wikipedia.org/wiki/Krampfanfall) abläuft. Auslöser sind immer öfter wohl tatsächlich PC-Spiele (die Zocker unter uns kennen die Anfallswarnungen im Startbildschirm) und Stroboskoplichter. Hauptsache, es flackert. Und in diesem Zusammenhang frage ich mich schon, was diese Brillen da auf dem Massagesessel so genau tun sollen. Auf einer Reha-Maßnahme.

  6. Nina Grube meint:

    Oh mei, ich würde ja sofort Migräne kriegen bei Lichtblitzen, Musik und Noppen!
    Der englische Patient ist seit 20 Jahren eines meiner Lieblingsbücher. Wie schön, dass es Ihnen auch so gut gefallen hat.

  7. Jaelle Katz meint:

    Als hervorragenden ergonomischen Stuhl nutze ich inzwischen einen Gamer-Stuhl. Die sind sehr gut konzipiert, was ja eigentlich auch kein Wunder ist, so lange, wie manchmal am Stück gespielt wird ;-)

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