Journal Samstag, 6. Juli 2019 – Freibad in Naila

Sonntag, 7. Juli 2019 um 7:43

So richtig energiegeladen fühlte ich mich nicht nach einer unruhigen Nacht, aber dieser Samstag war ideal für die Schwimmrunde in Naila, die der Arzt empfohlen hatte: Es war Hochsommerwetter mit Bombensonne angekündigt, außerdem war ich nach Langem so gut wie erkältungsfrei (bissl Schleimhusten, bissl Rotz), an allen weiteren Wochenendtagen bis Ende Reha war potenziell Besuch angekündigt, und ich wollte dem Arzt reporten können.
Außerdem fiel mir sonst nichts ein, worauf ich Lust hatte.

Das ganze wurde ein perfekter Schwimmtag, unter anderem weil er bewölkt begann: Ich hatte mich nämlich bereits gesorgt, weil ich mir ohne Sonnencreme auf dem Rücken (erzählen Sie mir nicht, dafür hätte aktive Kontaktaufnahme zu anderen Rehabilitanden genützt) einen garantierten Sonnenbrand einfangen würde. Nach meinem Frühstückstee spazierte ich zum Bahnhof und nahm den 8.39-Uhr-Zug nach Naila. Die gut zehn Kilometer Fahrt dauerten mit Halt an jedem Gehöft1 zwölf Minuten. Google Maps lotste mich durch das unspektakuläre Naila (wieder auffallend viele Metzgereien, aber einige auch dauerhaft geschlossen, ebenso wie manch anderes Geschäft) den Kilometer zum Freibad.

Die Fachfrau sieht sofort: Abgetrennte Schwimmbahn im 50-Meter-Becken! Ich sperrte mein Zeug in ein Schließfach (nur bei Wetterbesserung würde ich mich auf die Wiese legen) duschte und ließ mich ins Schwimmbecken. Es war herrlich: 1500 Meter mit nur einem (paddelfreien und zügigen) weiteren Schwimmer auf der Bahn, dann 1800 Meter allein, ich fühlte mich kräftig und fit.

Wie bestellt verflogen auf meinen letzten 1000 Metern die Wolken. Ich cremte mich also ein soweit ich kam, wechselte in einen trockenen Bikini und legte mich auf die (wie überall in der Gegend völlig vertrocknete) Wiese in den Halbschatten.

Außer mir war eine größere Gruppe im Freibad, zudem ein halbes Dutzend versprengte Einzelmenschen. Im Lauf der nächsten zweieinhalb Stunden kamen ein paar Familien dazu, aber wirklich nicht viele – ich nehme an, auch hier ist wie in München der Samstagvormittag anderen Beschäftigungen vorbehalten, zudem könnte der bewölkte Morgen einen Freibadtag unattraktiv gemacht haben.

Gegen Mittag öffnete der geräumige Kiosk, ich holte meinen Morgencappuccino nach. Als Brotzeit hatte ich zwei Nektarinen eingesteckt.

Kurz nach zwei nahm ich einen Zug zurück nach Bad Steben (der Schaffner von der Hinfahrt lachte mich gleich an: „Jetzt ist der noch immer da!“ unterstellte er mir als Gedanken). Jetzt hatte ich Hunger. Den ganzen Vormittag hatte ich überlegt, worauf ich meisten Lust haben würde; zur innere Wahl standen legendäre Windbeutel in dem einen oder anderen Café, herzhaftes Mittagessen im Wirtshaus oder aus dem Supermarkt Buttermilch, Obst, Breze. Ich entschied mich für Letzteres, zur Breze gesellte sich eine Quarktasche, das Obst waren Flachpfirsiche.

Im Kurpark machte ich Brotzeit und sah mich nochmal ein wenig um.

Dieser Kurort ist ja – wie vermutlich jeder zumindest in Deutschland – durch und durch ernst gemeint, unverhipstert und so wenig ironisch gebrochen wie eine Florian-Silbereisen-Show. Wie kommt also diese Retro-Karte hierher, die mich über die Schulter nach dem Beiwagen-Motorrad von Indiana Jones Ausschau halten ließ? Kleiner Scherz einer Grafikerin?

Schon um halb fünf zog der Himmel zu, für den Sonntag war ein Wetterumschwung angekündigt – ich hatte also wirklich den perfekten Zeitraum für meinen Schwimmausflug erwischt. Allerdings ergab der Hautfarbencheck vorm Duschen, dass mich am Rücken dann doch ein wenig die Sonne verbrannt hatte.

Zum Abendessen servierte die Klinik unter anderem Rollmops – und wieder sehr gute Rohkostsalate.

Den Rest des Samstags verbrachte ich mit Zeitunglesen auf Smartphone im schattigen Garten, Tagesschau, Internetlesen.

Eine wirklich schöne Aussicht aus meinem Zimmerfenster, ich bilde mir ein, das Getreide reifen zu sehen.

Was ich hier sehr wenig mache: Mich schminken. Vor Sport eh nicht, und eigentlich ist hier im Grunde immer vor Sport. Nach Sport am späten Nachmittag lohnt sich nicht mehr, muss ich ja bloß vor dem Schlafen wieder abschminken.

§

Im Freibad hörte ich die Filmmusik von The English Patient, später recherchierte ich ein wenig zum historischen Hintergrund des Romans und zu seiner Rezeption.

Beim Lesen hatten mich die Filmbilder begleitet – was ich bedauerte, so schön ich den Film auch fand. Aber Hana ist im Roman so viel jünger, so viel mehr junges Mädchen als Juliette Binoche es damals war (es hätte die zehn Jahre jüngere Binoche aus The unbearable lightness of being gebraucht).

Über den Menschen hinter der titelgebenden Figur, der sehr wahrscheinlich schwul war (was eine sehr andere, aber wahrscheinlich noch interessantere Filmgeschichte gegeben hätte):
„Wüstenforscher Almásy
Nazi-Spion, Liebhaber, Teufelskerl“.

Seinerzeit im Independent:
„The villa of the peace: The English patient – Michael Ondaatje“.

Like coral, Ondaatje’s narrative is built up slowly into towers and branches and hidden chambers, fashioning a delicate grisaille of memory and passion. The form isn’t stridently avant-garde but rather radically experimental in the way that Bonnard, the chronicler of bourgeois bliss, is experimental – skewing dimension, masking figures, proceeding from icon to icon. Typically, Ondaatje ends a chapter not with an event but with a memory, an odour, a picture.

Ebenfalls aus der Erscheinungszeit in der Irish Times:
„The English Patient review: Love and loss in the desert fires“.

Ondaatje is a poet with a mythic imagination and this novel unfolds in prose of such breathtaking lyric and muscular beauty that the reading of it becomes almost a physical experience.

Der Guardian hat den Roman 2011 wiedergelesen:
„Booker club: The English Patient“.

Much has been said about the richness of Ondaatje’s writing, the sensuousness of his physical descriptions and his poet’s gift for using well-timed silences and ellipses to speak volumes. All that’s true. But the thing that impressed me most as I read the book this time around is its hard centre. It may come wrapped in musky perfume, but Ondaatje’s prose could go a few rounds with Hemingway and probably knock out Kipling, too.

  1. Merken Sie, wie ich der sprichwörtlichen Milchkanne ausgewichen bin? []
die Kaltmamsell

9 Kommentare zu „Journal Samstag, 6. Juli 2019 – Freibad in Naila“

  1. Lempel meint:

    Die Karte ist nicht ironisch gebrochen, sondern bestimmt Original 50er Jahre. So etwas wird hier noch aufgehängt, erfüllt doch seinen Zweck. Ich schätze auch, dass es im Nailaer Freibad nie unangenehm voll wird. Das fällt mir in München und Oberbayern immer auf: Zu viele Menschen!

  2. Mareike meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Gerne gelesen

    *******************************************************

  3. Anke meint:

    Grandioser letzter Satz im Guardian-Ausschnitt.

  4. Frau Schmitt meint:

    Vielleicht finden Sie auch Almásys eigene Berichte von seinen Saharaexpeditionen interessant:
    Ladislaus E. Almásy:
    Schwimmer in der Wüste. Auf der Suche nach der Oase Zarzura

  5. lihabiboun meint:

    Allerbeste Frau Kaltmamsell, ich muss Lempel völlig recht geben: Sie dürfen nicht vergessen, wo Sie sind: Aller-aller-tiefste oberfränkische Provinz, bis zur Wende war das echt das Ende der Welt. Weiß ich, da viel Familie in Hof und Naila und meine Kindheit sich ferienmäßig oft in solchen Freibädern abgespielt hat (inkl. brutalem Schwimmenlernen). Nix Hipster, nix Ironie. Außerdem lag das Geld da oben noch nie auf der Straße, das Filmfestival in Hof war wohl schon sehr verrucht.
    Und der oberfränkische Charakter ist eher so wie ein Fels: Kannste ein Haus drauf bauen, schäumt aber eher nicht so sehr. Weiterhin gute Zeit und Danke fürs Berichten!

  6. Irene meint:

    Mit großem Vergnügen lese ich Ihre Berichte aus der Provinz, liebe Frau Kaltmamsell! Ich bin sehr gespannt, wie es in der Reha weitergeht, und bedaure, dass ich vor einigen Jahren „nur“ eine ambulante, allerdings sehr effektive Reha gemacht habe. Da ist mir doch einiges entgangen. Interessant auch, was Sie über das Schminken schreiben. Weiter gute Besserung!

  7. Sybille meint:

    Wäre rückenbedecktes Schwimmen für Sie vielleicht eine Alternative im Fall von fehlender Sonnencreme-Assistenz? Ich schwimme aus Sonnenschutzgründen (hellster Hauttyp, familiäre Vorbelastung mit schwarzem Hautkrebs) draussen üblicherweise nicht rückenfrei und bin seit einiger Zeit sehr angenehm mit einem Triathlon-Einteiler unterwegs, nachdem die Auswahl an Sonnenschutz-Anzügen für Erwachsene in Europa eher sehr dürftig ist.

  8. Christine meint:

    Der Zufall spülte mich heute den Bericht über ein anderes Waldfreibad ganz in Ihrer Nähe in die Browserhistorie: http://goldfischli.blogspot.com/2019/07/vergangenheit-waldbad.html Die Nähe ist relativ: Es sind gut 40km von Ihnen bis nach Selb, aber vom Niederrhein aus gesehen, ist das quasi ein Steinwurf weit.
    ~
    Bei dem Namen „Ondaatje“ sehe ich immer einen Niederländer vor mir und keinen Kanadier. Und meine Mutter sagte über die Verfilmung damals, dass sie wie eine endlose Parfumwerbung ausgestattet sei.

  9. Joe meint:

    Das war bis 1990 Zonenrandgebiet. Hohe Arbeitslosigkeit, Abwanderung. Auch nach dem Mauerfall ging das weiter, Die Landkreise in Oberfranken haben weiterhin rückläufige Bevölkerungsentwicklung. Ironie und Hipstertum konnten sich gar nicht erst entwickeln.

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