Journal Dienstag, 3. September 2019 – Gemüseklau, spanischer Salat, englischer Sekt

Mittwoch, 4. September 2019 um 7:05

Gut geschlafen, hätte ich auch noch länger haben können.

Genau in dem Moment nach der Zeitung vor die Tür geschaut, als der Zeitungsbote aus dem Aufzug kam. Er freute sich offensichtlich über die Begegnung so sehr wie ich, wir strahlten einander an, wünschten einen guten Morgen und einen weiteren schönen Tag – ganz schlecht konnte dieser Tag schon nicht mehr werden.

Mühsamer Gang in die Arbeit, zusätzlich erschwert durch einen Sack Münzen (Urlaubskasse aus dem Topf, in den wir jeden Abend alles Kleingeld aus der Geldbörse leeren), der sich allerdings im stabilen Rucksack deutlich leichter trägt als in einer Schultertasche.

Sonnentag mit wunderbarer Luft, der Herbst erst weit entfernt erahnbar.

Vormittagssnack wegen überraschenden Mörderhungers eine ordentliche Portion Nüsse, mittags Pfirsiche mit Dickmilch und eine Breze.

Verhältnismäßig pünktlicher Feierabend, um noch zu Schalterzeiten zur Bank zu kommen und meine Münzen einzuzahlen. Der Weg durchs Westend in goldener Sonne war besonders schön.

Nach den Bankgeschäften (ich musste zum ersten Mal am Schalter Schlange stehen) ging ich noch beim Lieblings-Süpermarket vorbei. Und sprach dann doch den Mann an, der sich durch die Kirsch- und Datteltomaten futterte: Ob er die nicht erst mal zahlen wolle? Er probiere nur, welche am besten seien, das mache er immer so. Wir gerieten in Streit, weil ich das unakzeptabel und Diebstahl fand, er argumentierte, er kaufe hier schon seit drei Jahren ein und es habe sich noch niemand an seinem Verhalten gestört. Nun, das seien hier halt höfliche Leute, sagte ich, er bezeichnete meine Reaktion als „deutsch“. Ich machte mich davon, weil ich sehr aufgebracht war und bereits zu zweifeln begann, ob ich mich überhaupt hätte einmischen sollen.

(Doch, auch nach längeren Nachdenken finde ich meine Intervention korrekt, die ja deutlich niederschwelliger ist als für die Besitzer des Familiengeschäfts. Zudem hatte der Mann bei den teuren Kleintomaten sicher gerade Brotzeit im Wert von ein paar Euro gestohlen. Wenn ich mich beim Einmischen nur nicht immer so aufregen müsste.)

Daheim gab es zum einen selbst gemachte gefüllte Nudeln (die Reste des Nudelteigs für Lasagne vor ein paar Wochen hatte Herr Kaltmamsell mit Feta und frischer Minze gefüllt) mit Butter, dazu hatte ich Zutaten für den spanischen Salat meiner Kindheit besorgt: Romanasalat (lechuga), milde Metzgerzwiebel (cebolla), Tomaten (tomate – korrekt wären allerdings riesige Fleischtomaten gewesen, die leider heutzutage nach nichts mehr schmecken), angemacht mit Salz, Pfeffer, schlichtem Essig und Öl. Ich glaube mich zu erinnern, dass das in den Spanienurlauben meiner Kindheit keineswegs Olivenöl war, das wäre zu teuer gewesen, sondern irgendein billiges Pflanzenmischöl – muss ich aber erst noch durch meine Eltern verifizieren. Gestern verwendete ich köstliches griechisches Bio-Olivenöl.

Im Glas englischer Schaumwein, den wir aus Brighton mitgebracht hatten: Plumpton Estate Brut Classic aus Sussex, der trocken und säuerlich frisch war, mir sehr gut schmeckte.1

§

Unsere Medien ebnen Neonazis in unserem Land den Weg, und Mely Kiyak muss zurecht über die Berichterstattung nach den Landtagswahlen vom Sonntag kotzen:
„Der Faschismus hat keinen moderaten Flügel“.

Jede Stimme für die AfD ist ein Einspruch gegen die westdeutsch geprägte Demokratie mit ihrem Pluralismus und ihrem Streben nach Minderheitenrechten. AfD-Wähler wollen Macht über alle diejenigen, die sie als Zumutung empfinden.

Ich bin mir sehr bewusst, dass einem nationalistischen Regime völlig schnurz wäre, welchen Pass ich habe, wo ich seit 30 Jahren Steuern zahle oder wo ich geboren wurde – wegen meiner Herkunft würde ich nicht als Deutsche angesehen.

Wenn man von der AfD nicht gemeint ist, ist es sicher leichter, die Ruhe wegzuhaben.

  1. Und Plumpton Estate, finde ich gerade heraus, ist ein College! „The award-winning Plumpton Estate sparkling and still wines are produced by our enthusiastic and talented students, working alongside a team of vinegrowing and winemaking experts.“ Es scheint sich um eine Landwirtschaftsschule zu handeln – ich bin allerdings irritiert, weil nirgends der Begriff agriculture auftaucht, sondern überall von „land-based education“ geschrieben wird. Hat das damit zu tun, dass Landwirtschaft in England einer anderen und hierarchisch deutlich höheren Gesellschaftsschicht zugeordnet wird als in Deutschland, nämlich der gentry? Deshalb auch keine Bilder von Menschen im Arbeitsoverall an Maschinenpark, sonder von hübschen Frauen mit Pferden? []
die Kaltmamsell

13 Kommentare zu „Journal Dienstag, 3. September 2019 – Gemüseklau, spanischer Salat, englischer Sekt“

  1. Frau Klugscheisser meint:

    Beim Einmischen rege ich mich auch immer auf. Was mir dabei hilft, ist die Erkenntnis, dass die Reaktion nichts über mich aber viel über den Delinquenten sagt, denn der fühlt sich ertappt und beginnt, eine Litanei an Verdrängungsmechanismen abzuspulen. Das Ziel ist also nicht, mich nicht einmischen – wie mir andere raten – sondern an meiner Reaktion zu arbeiten. Es sollte viel mehr Einmischer geben.

  2. Vroni meint:

    Die Einmischung war absolut richtig! Auf was für Ideen manche Leute kommen! Ich hab mich ja schon beim Lesen aufgeregt!

  3. Trulla meint:

    Gut gemacht, aber die Aufregung kann ich nachvollziehen. Doch manchmal geht’s nicht anders, man muss.
    Ich erinnere zwei Situationen, in einer griff ich ein: Mutter drohte kleiner weinender Tochter Prügel an und ich drohte ihr nach eskalierendem Gespräch damit, die Polizei zu rufen, sollte sie es wagen. Das half!
    Die zweite Situation: ein kleinwüchsiger Mann in der U-Bahn wurde von zwei Männern auffällig fixiert, sich gegenseitig angrinsend, aber (noch) ohne Worte. Ich wappnete mich innerlich, herzklopfend in banger Erwartung. Vermutlich war ich schon hochrot vor Aufregung. Nächste Station stieg der kleine Mann aus – Gott (oder so) sei Dank!

  4. Sammelmappe meint:

    Die Grenzen vom Einmischen zum übergriffigem Verhalten sind fließend. Online wird das übergriffige Einmischen oft als Zivilcourage „abgefeiert“, daher finde ich es gut, es im Nachgang noch mal zu reflektieren.

    Aber was ich eigentlich kommentieren wollte:
    Ich finde dieses Zitat so gut und so treffend auf den Punkt gebracht, dass ich ihn mir wie einen Leitsatz einprägen möchte.

    „Der Faschismus hat keinen moderaten Flügel“.
    „Der Faschismus hat keinen moderaten Flügel“.
    „Der Faschismus hat keinen moderaten Flügel“.

  5. Sebastian meint:

    Wenn der Herr das seit drei Jahren so macht, sollte er doch langsam wissen, dass es dort eines der besten Gemüseangebote der Stadt gibt, das etwa bei Tomaten im August/September nicht täglich ehrenamtlich geprüft werden muss.

    Interessieren tät mich, ob er nach dem Test dann auch gekauft hat – oder, falls der Test nicht positiv war, ob er seinen Speisezettel geändert hat oder auf den Viktualienmarkt gegangen ist, wo tatsächlich noch bessere Tomaten zu haben sein könnten. Da wär ich dann gern dabei, wenn er sich durchprobiert…

    Ich denke, dass er aber auch so sich seine Gedanken macht.

  6. caterina meint:

    ich gestehe, ich probier ab und zu eine kirsche oder eine beere von den trauben (nur die sorte, die ich kaufen möchte), um zu testen, ob sie süß/reif sind. das finde ich weniger eingriffig als zu herumzudrücken. aber alles, was größer ist, wird nach ansicht gekauft…..
    caterina

  7. Defne meint:

    Das erinnert mich an ein Erlebnis im Süpermarket (ggf. war es auch ein anderer türkischer).
    Ein älterer türkischer Herr hat darauf bestanden von einer Stange Lauch nur die helle Hälfte zu kaufen. Der junge Verkäufer hat dann ohne zu murren die Lauchstange in der Mitte durchgeschnitten.
    Mir lag es auf der Zunge den Einkäufer zu fragen wie er sich das denkt wer denn die andere Hälfte bezahlt. Irgendwie habe ich mich aber nicht getraut. Eine andere Möglichkeit wäre aber gewesen mir auch diesen Vorzug angedeihen zu lassen. Ich bin ja auch schon im Rentenalter.

  8. kelef meint:

    einmischen: unbedingt in solchen und ähnlichen fällen. mach ich gerne und mit grosser überzeugung, besonders gerne am marktstand des vertrauens, wo man sowieso obst und gemüse zum kosten angeboten bekommt, aber halt in massen und nur, wenn man wirklich was wissen – und kaufen – will.

    das geht dann aber so: unliebsame kundschaft futtert aus dem vollen oder drückt am gemüse herum, stanzt mit aufgeklebten fingernägeln löcher in paradeiser oder pfirsiche, sortiert himbeeren aus verschiedenen schälchen in ein eigenes, oder sortiert die gebündelten kräuterchen nicht nur von unten nach oben, sondern auch noch durcheinander und reisst überall noch ein paar blättchen heraus. ich leg den kopf auf die seite und schau die standbesitzer des unbedingten vertrauens an, und die – je nach situation – meinen dann sehr oft: hanna, gehört dir! und dann geht halt die post ab, die meisten anderen kunden finden das gut, und die betroffenen kommen halt nicht mehr, konzeptionell ist das aber doch auch zweck der übung. wir haben eigentlich immer alle sehr viel spass, ausgenommen halt die betroffenen.

    im supermarkt hab ich einmal einer alten funsen, geschminkt wie für einen faschingsumzug, zugeschaut wie sie tatsächlich auf den finger gespuckt und dann versucht hat festzustellen ob das obst denn gewachst sei und ob das weissliche auf den ruländer-trauben dreck sei. dann hab ich auf meinen finger gespuckt und versucht festzustellen, ob die farbe in ihrem gesicht echt sei …
    was soll ich sagen: ein paar umstehende applaudierten, der geschäftsführer war kurz in deckung gegangen, tauchte dann aber wieder auf als die funsen das geschäft verlassen hatte, und: bedankte sich bei mir. das könne ich durchaus öfter machen.

    also: leute, mischt euch ein.

  9. Berit meint:

    Einmischen sollten wir uns alle viel mehr. Es fängt bei der Tomate an und hört bei der AfD auf.

  10. U. meint:

    Ich hätte vermutlich nichts gesagt, mich den ganzen Tag geärgert und meinem Freund alles lang und breit erzählt, damit wenigstens er mir Recht gibt. Nicht optimal!

  11. Andrea Stock meint:

    Stimme Sammelmappe aus vollem Herzen zu – das Zitat „Der Faschismus hat keinen moderaten Flügel“ sollte sich jede und jeder verinnerlichen.

  12. Eine Leserin meint:

    Einmischen: schwierig. Hier aber: unbedingt.
    Ihre Distinktionsbestrebungen sind telling.

    Gleich der erste Satz der Startseite lautet ‚From Blacksmithing to Agriculture, Equine Management to Wine Production – Plumpton College has the course for you.‘

    Weil agriculture ein Oberbegriff ist?

    ‚Hat das damit zu tun, dass Landwirtschaft in England einer anderen und hierarchisch deutlich höheren Gesellschaftsschicht zugeordnet wird als in Deutschland, nämlich der gentry? Deshalb auch keine Bilder von Menschen im Arbeitsoverall an Maschinenpark, sonder von hübschen Frauen mit Pferden?‘

    Womöglich sind die Vorurteile gegen Schmutzigwerdenkönnen durch Arbeit in GB ähnlich ausgeprägt wie hier (womöglich v.a. bei den White Collar Angestellten…). Ein kurzer Blick in den Auftritt einer bayerischen Anstalt zeigt ebenfalls hübsche junge Menschen und viel moderne Technik.
    https://www.triesdorf.de/index.html

    Und eine hübsche Frau im Blaumann! Wie recht Sie doch hatten, niedere Schichten.

  13. Croco meint:

    Einmischen ist Menschenrecht und Menschenpflicht.
    Und es macht Spass.
    „Hammse jetzt alle Tomaten angefasst? Die möchte ja jetzt keiner mehr essen.“

    Hatte gestern noch ein kurzes Gespräch mit der Kassiererin meines Vertrauens im örtlichen Rewe. Über früher. Als es noch eine Obstverkäuferin gab, die genau wusste wie was schmeckt. Und die einem mit sauberen Fingern das Gemüse und das Obst in Papiertüten gefüllt hat. Wenn man probieren wollte, hat sie einem ein paar Trauben rübergereicht. Keine Plastiktüten, kein Rumpatschen, kein Aufessen.
    Ich habe ihr versprochen, das alles an den Rewe-Vorstand zu schreiben.

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