Journal Samstag, 21. September 2019 – Die Sprache des Körpers und Bogenhausener Italien

Sonntag, 22. September 2019 um 9:42

Vorsichtige Versuche in der Disziplin „Hören auf den eigenen Körper“. Sie wissen: Wir haben ein fundamentales Kommunikationsproblem, mein Körper und ich – ich bestehe aber darauf, dass er angefangen hat. Sich außerdem furchtbar undeutlich ausdrückt und meinen Vorschlag ablehnt, das ganze schriftlich zu machen.

Vor ein paar Wochen habe ich beschlossen, ihm mal zuzuhören, zumindest was das akute Problem betrifft. So richtig zum Problem wurde es ja vor viereinhalb Jahren: Ich hatte beim Laufen Hüftschmerzen (ein paar Jahre davor auch schon, aber da waren sie von selbst wieder weggegangen). Doch zwei Orthopäden sagten: An der Hüfte ist nichts. Also schob ich das Problem auf den alten Bandscheibenvorfall.

Jetzt bin ich bereit, meinen Körper und sein damaliges Signal wieder ernst zu nehmen: Es ist die Hüfte, zefix. Wenn ich ihn richtig verstehe, sagt mir mein Körper: Es ist nichts kaputt, nur irgendwas fürchtlich verklemmt – so sehr, dass mittlerweile das gesamte Bewegungssystem in Mitleidenschaft gezogen ist.

Und damit gehe ich in den kommenden Wochen zu Anfasserinnen mit so unterschiedlichen Ausbildungshintergründen, dass ich sie als „Anfasserinnen“ zusammenfasse. Wenn das nichts bringt, kann ich mich diesen (scheinbaren?) Körpersignalen ja wieder verschließen.

Gestern wollte ich eigentlich Schwimmen gehen. Doch so wie mein Körper mir vergangene Woche signalisiert hatte, dass er keine weite Strecken mehr gehen wollte, meinte er gestern, dass er für eine Schwimmrunde zu erschöpft war. (Die nächtliche Migräne-Attacke nach nur einem wirklich kleinen Glas Rotwein mag das unterstützt haben.) Vielleicht brauche ich wirklich mal eine echte Sportpause. Eine, die nicht durch einen Atemwegsinfekt erzwungen ist (während dem sich ein Körper ja auch nicht so richtig erholt, oder?). Auch wenn sich das wie eine Kapitulation anfühlt. Ich misstraue solchen Körpersignalen nach Ruhebedürfnis zutiefst, weil ich immer meine angeborene Faulheit und Trägkeit dahinter vermute, die es seit Kindertagen zu bekämpfen gilt – damals durch meine Eltern, seit ein paar Jahrzehnten durch mich.

Mittlerweile kann ich mir vorstellen: Wenn ich wirklich jemals wieder Wandern, Tanzen, vielleicht sogar Joggen will, braucht es erst mal eine Zäsur.

Jede pickt sich ja aus ärztlichen Anweisungen diejenige, die ihr ohnehin am nächsten kommt. Bewegung ist gut? Super, mache ich. Und überhöre vielleicht, dass bei akuten Beschwerden Bewegung nicht so gut ist?

§

Gestern brach das Oktoberfest aus. Und ich fand auf Twitter endlich ein Framing, mit dem auch ich drüber hinweg komme.

Oktoberfest-Cosplayer.

§

Herr Kaltmamsell machte sich vormittags nach Augsburg auf einen Krankenbesuch auf (und musste zum Bahnhof die U-Bahn nehmen, weil der Fußweg durch den Einzug der Wiesnwirte blockiert war). Ich spazierte/hinkte nach Wäschewaschen und -aufhängen zum Semmelholen.

Ein prachtvoller Sonnentag, der über den Nachmittag auch nochmal mild wurde.

Nach dem mittäglichen Frühstück setzte ich mich vor den Balkon und las Zoë Becks Brixton Hill.

Danach knapp zwei Stunden Bügeln, jetzt lag der Wäscheberg wieder auf Normalnull.

Abends war ich in Bogenhausen mit einer Freundin beim feinen Italiener verabredet: Martinelli. Ich radelte mit offener Jacke durch goldenes Sonnenlicht die Isar entlang und hinauf zum Effnerplatz, dann rüber nach Bogenhausen (und kam so ja doch hin und zurück zu einer guten Stunde Radeln, die andere bereits als sportliche Bewegung ansehen würden).

Auf der Max-Joseph-Brücke. Ich vermisse die Isar ohne meine Laufrunden schon sehr.

Weiß die Kunstwelt, dass wir diese Skulptur in München liebevoll „Strickliesl“ nennen, und gibt es bereits Forschung zu Volksbenamsung von Kunst im öffentlichen Raum?

Im italienischen Restaurant aßen wir ein ausgesprochen köstliches Menü und wurde ungemein freundlich und herzlich umsorgt. Die angebotene Weinbegleitung (große Empfehlung der Freundin) versagte ich mir aus Angst vor Migräne – doch zu meiner großen Freude bot mir die Wirtin eine alkoholfreie Begleitung an: Ich bekam als Aperitiv Pfirsichpüree mit Bitter Lemon (statt Bellini), dann Apfelsäfte (von reinsortig Elstar über einen roten Apfelsaft bis zu einer Mischung mit Minze, alle aus Südtirol von Kohl), einmal Crodino, außerdem ein Ginger Ale mit Holunder.

Ein kaltes herbstliches Gemüsesüppchen mit Gemüsesorbet.

Lachsforelle mit Mango, Cocos, Zwiebel.

Carpaccio vom Wagyu-Rind mit Parmesancreme.

Spaghetti mit sensationeller Tomatensoße.

Seeteufel, Garnele, Pilznocke.

Obstsalat mit Basilikum-Sorbet.

Fürs Heimradeln noch vor Mitternacht knöpfte ich zwar meine Jeansjacke zu, brauchte aber weder das eingesteckte Halstuch noch die Handschuhe.

Sonst halte ich mich beim Radeln ja mit passiv-aggressiver Engstirnigkeit an die Verkehrsregeln, doch auf der anderen Seite der Kennedybrücke wusste ich wirklich nicht, wie ich regelgerecht an der Isar gen Süden hätte radeln können: Einen Radweg gibt es nur nach Norden oder in den Englischen Garten, zum Radweg auf der richtigen Straßenseite hätte ich zweimal zwei Autospuren mit Grünstreifen dazwischen überwinden müssen. Bei kürzeren Strecken schiebe ich mein Rad in solchen Situationen, diesmal gab ich auf und radelte auf dem linken Fahrradweg einige Minuten bis zur nächsten Ampel, die mich auf die korrekte Seite brachte. An dieser Stelle (wie an vielen anderen komplexeren Knotenpunkten) hat schlicht niemand für den Fahrradverkehr mitgedacht.

die Kaltmamsell

11 Kommentare zu „Journal Samstag, 21. September 2019 – Die Sprache des Körpers und Bogenhausener Italien“

  1. Barbara meint:

    Liebe Kaltmamsell, wieder einmal sprechen Sie mir aus dem Herzen mit Ihrer vom Körper erzwungenen Trainingspause. Ich dachte immer, nur mit fiele so etwas schwer! Auf Grund diverser altersbedingter Zipperlein und eines gravierenden „Unfallschadens“ im Rücken verdonnert mich vor allem mein Skelett immer wiederr zum Nichtstun, das auszuhalten kaum zu ertragen ist. Das liegt wohl auch an reichlich Leistungssport in der Jugend ( du musst trainieren, die Kondition, stell dich nicht so an – das prägt fürs ganze Leben!). Ab und zu kann ich meinen Frieden mit diesem Nichtstun machen, aber es fällt schwer!! Ach ja, und es freut mich, dass für Sie eine Stunde durch die Stadt radeln halt radeln ist und nicht -wie für andere- eine mittlere sportliche Betätigung.
    Genießen Sie das Nichtstun, ich versuche es auch. Es bringt wirklich was!
    Liebe Grüße und gute Besserung
    Barbara

  2. Sebastian meint:

    Gute Versuche! Und das mit dem „schriftlich“ klappt doch gar nicht so schlecht. Wir bleiben dran.

    Und das Martinelli klingt nach einem tollen Tip, die alkoholfreie Begleitung sehr gastfreundlich.

  3. Christina meint:

    Liebe Frau Kaltmamsell, auch wenn Sie Empfehlungen so gar nicht schätzen (und von mir höchstwahrscheinlich noch weniger …): Versuchen Sie es mal mit Feldenkrais. Das ist das genaue Gegenteil des ewigen Schneller/Höher/Weiter, man erforscht seinen Körper, gewinnt erstaunliche Erkenntnisse und stellt fest, dass die Bewegungen umso mehr helfen, je kleiner sie sind. Und nein, das ist nicht Esoterik. Der Erfinder, Moshe Feldenkrais, war ein Wissenschaftler. Vielleicht können Sie sich überwinden und ein bisschen drüber nachlesen …
    Mit guten Wünschen!

  4. Simone meint:

    Auf die Signale des Körpers zu achten, seine Sprache zu verstehen, das haben wir glaube ich in unserer schnelllebigen Zeit und dem oft stressigen Alltag alle irgendwie verlernt bzw. es kommt oft zu kurz. Gut, dass Sie daran etwas ändern wollen, ich wünsche viel Erfolg dafür.

  5. ingrid meint:

    vor ca. 20 jahren hat der sehr geschätzte orthopäde zu mir gesagt: dass man arthrose, abnützungen, etc. hat, ist eine sache. dass man schmerzen hat, eine andere. daran versuche ich mich zu halten. manchmal klappt es gut, dann wieder weniger. einfach den körper wahrnehmen, aber die kausalität nicht akzeptieren. seit damals war ich auch nie mehr beim orthopäden. der zustand meiner gelenke wird mir nur ab und an bei irgendwelchen anderen untersuchungen mitgeteilt. worauf z.b. die hüfte vor schreck anfängt zu schmerzen.
    viel erfolg auch von mir.

  6. Eine Leserin meint:

    Schließe mich an, große Feldenkrais-Empfehlung, um Bewegungsmuster zu spüren und zu verstehen. Das Vorgehen löst Fehl-/Schonhaltungen auf angenehme Weise. Es heilt nicht die Entzündung oder was auch immer die Beschwerden ursprünglich auslöste, fördert einen freundlichen, konstruktiven Umgang, mit dem Körper und mit sich selbst.

  7. Neeva meint:

    Zu den Spitznamen für Kunst: Die Statue vor der Hochschule für Film und Fernsehen heißt auch „Kotzi“. Wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema ist mir aber nicht bekannt.

    Ihr Selbstbild dauert mich. Ich kenne eine abgeschwächte Variante, anscheinend aus ähnlichen Ursprüngen. Diese Einschätzung trifft nicht zu, aber das wissen Sie wohl selber.

  8. Sabine meint:

    Oh, Feldenkrais, ich hatte an der letzten Arbeitsstelle einen Kollegen, der ausgebildeter Trainer war und mal eine Fortbildung mit uns gemacht hat. Davon war ich spontan so sehr überzeugt, dass ich endlich den Hintern in Richtung regelmäßige liebevolle Bewegung hochgekriegt habe – zwar kein Feldenkrais, aber mit Glück eine hervorragenden, gründlich ausgebildeten Pilates-Lehrer. Die Musiker meines Umfelds schwören auf diese behutsame, allmähliche Erweiterung des Bewegungsspektrums.

    Wohl wirklich kein Hokuspokus trotz des merkwürdigen Namens, so hieß der halt (ähnlich wie bei Pilates).

  9. kecks meint:

    Beim Leistungssport sagt man immer: Good pain und bad pain. Good pain ist der Schmerz am Ende eines harten Trainings, der Schmerz beim Physio, wenn der oder die voll reinlangt in einen Triggerpunkt und sowas, bad pain ist alles, was aus Verletzung, Verschleiß, Fehlbelastung… entsteht. Bad pain ist schlecht und immer zu meiden, wenn irgend möglich. Er bringt keinen Trainingserfolg, nur Verschlechterung und trainiert ganz hervorragend das Schmerzgedächtnis. Good pain von bad pain voneinander zu unterscheiden ist meiner Meinung nach mit das Wichtigste, was man beim Sport lernen kann und sollte. Eben mit dem eigenen Körper reden und vor allem ihm auch zuhören. Ihre Texte der letzten Zeit lesen sich für mich nach bad pain pur.

  10. Trolleira meint:

    Ich sag nur: Einlagen für die Schuhe! Im Lauf des Lebens kann sich auch der Fuß ändern und wie man auftritt, und somit kann sich das Skelett verschieben… Hüfte fühlt sich an, als ob man den Oberschenkel irgendwie reindrehen müsste?

  11. creezy meint:

    Meine Hüfte ist es auch sehr oft. Bis hin zum nicht auf das Fahrrad zu kommen. Oder nicht wieder herunter. Was wesentlich dümmer ist, übrigens. Bei mir liegt aber auch mit daran, dass sich über das andere Krankheitsbild in dessen Konsequenz die Muskeln verkürzt haben. Auch daran zu merken, dass ich längst nicht mehr so beweglich Fußpflege betreiben kann wie … ähem … früher.

    Die tolle Pilateslehrerin legte uns neulich komisch auf den Bauch auf die Matte und ließ uns uns verdreht in unmöglicher Position „ruhen”. Wie ein hässlicher Wal lag ich da und litt vor mich hin. Von Entspannung keine Spur. Aber: die Hüftschmerzen waren so gut wie weg, Beweglichkeit relativ gut neu positioniert. Ich meine, ich bin auch wieder plötzlich viel größer gewesen. Keine Probleme mehr beim Bein heben, wenn ich auf’s Herrenrahmenrad steige.

    Wie dem auch sei – auf den eigenen Körper zu hören (oder das überhaupt erst zu üben), das ist sicherlich sinnvoll. Und manchmal eben auch nicht. Aber sich anfassen lassen – professionell – das ist echt mal eine kluge Idee von Dir. Denn es heißt, sich etwas Gutes zu tun. Was immer der bessere Anfang ist! Ich wünsche Dir so sehr, dass Deine Anfasserin so toll ist wie meine Pilateslehrerin.

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