Journal Montag, 2. Dezember 2019 – Erster Schnee, Dezemberüberfall

Dienstag, 3. Dezember 2019 um 6:30

Mittelgut geschlafen, aber auf der besseren Seite. Früher Wecker für eine Runde Crosstrainer (Frau Physio hatte irgendwo das Wort „täglich“ in dem Satz mit der erlaubten Länge eingebaut!). Beim Lüften kam es kalt und dunkel herein, doch auf dem Boden lag Helles.

Beim Kreuzen der Theresienwiese stieg ich extra vom Rad, um den ersten Schnee zu fotografieren (eine weiter Folge der eingeschränkten Fußwege: ich fotografiere viel weniger).

Ich schiebe es auf dieses hellgraue Schneehimmel-Licht, dass der innere Dezember einsickert, mein jährlicher Erzfeind. Noch bin ich den Erinnerungsbildern und -gefühlen nicht völlig wehrlos ausgeliefert, aber sie tauchen schon wieder am Wahrnehmungsrand auf.

Diesmal deutlich im Vordergrund: Der Dezember 1987, in dem mir das Herz gebrochen wurde, und zwar in einer Gründlichkeit, dass ich bis heute die eisernen Schutzbande der Verdrängung nie ganz abgebaut habe. Möglicherweise habe ich den Schmerz von damals bis heute nicht an mich herangelassen, weil er zu existenziell war. Und weil ich ja nicht musste, weil ich genug Abwehrmechanismen hatte. Ich glaube, um diese Liebe habe ich nie geweint, nie eine Träne vergossen. Der Verrat, die Beleidigungen, der Verlust blieben einfach ein Standbild, eingefroren weit entfernt von Schmerz. Oder ich rede mir das mal wieder bloß ein und es war gar nicht so wichtig.

Mittags Gurke und Käse, Granatapfelkerne. Nachmittags bei zügig steigender Verschattung kein Appetit, aber Hunger biss mir in den Bauch, also eine Hand voll Nüsse. Wieder ein Dezember, den es rumzukriegen gilt, wozu eigentlich.

Auf dem Heimweg ein paar Einkäufe, die stählerne Kuh im Vollcorner ist jetzt ganz verschwunden. Daheim floh ich in ein Buch (Granta 149, Europe: Strangers in the land, bislang vor allem schmerzliche Familiengeschichten aus dem 20. Jahrhundert, die das „Nie wieder“ des europäischen Gedankens gebaren) – die eine Flucht, die fast immer zuverlässig funktioniert.

Herr Kaltmamsell kam eigens früher von seinem Arbeitstermin, um auf mich aufzupassen. Ihm fiel auch das einzige Abendessen ein, dass nicht nur Hungerbekämpfung war: Grießbrei. Leider wurde ihm nie beigebracht, wie man den richtig macht (er erwähnt Ei? EI?!), deshalb kochte ich.

Serviert wird der Grießbrei meiner Kindheit mit Butterseen, Zimt und Zucker (auf keinen Fall zu Zimtzucker vermischt – auch wenn Herr Kaltmamsell argumentierte, dass der Zimt in der Mischung mit Zucker nicht so staubt).

die Kaltmamsell

12 Kommentare zu „Journal Montag, 2. Dezember 2019 – Erster Schnee, Dezemberüberfall“

  1. Wiesel meint:

    Das „wozu eigentlich“ ließe sich unter Umständen damit beantworten, dass der, der keinen Grießbrei kann, Sie nicht nur zum Grießbreikochen braucht.

    Wobei ich, was diesen Dezembermist angeht, genau weiß, was Sie meinen. Meine Teillösung ist, dass ich vor Weihnachten zwei Wochen Urlaub mache (also in einer Zeit, in der alles Touristische schön leer ist und die Ferienwohnungen preiswert sind) (natürlich keinesfalls in einer shoppingbekloppten Großstadt).

  2. Joël meint:

    Ja ja, der November/Dezember Blues.
    Mich erwischt das auch seit Jahren immer wieder. Dabei ist der Grund jedes Jahr ein anderer, aber immer eine Begebenheit aus der Vergangenheit. Ich versuche dann meistens das im Kopf zu analysieren und im Kopf in die Schublade “ Erledigt“ zu packen. Mit manchen Dingen klappt das ,mit anderen nicht und sie stellen sich in der nächsten dunklen Winterzeit wieder ein.
    Wenn wir alle ein bisschen näher am Äquator wohnen würden, wäre es nicht so schlimm oder ganz weg. Glaube ich zumindest.

  3. Sabine Kerschbaumer meint:

    Und noch jemand, den der Dezemberblues packt. Bei mir geht dieser sogar nahtlos in den Januarblues über. Keine medizinischen Tipps, aber ich hatte tatsächlich latenten Vitamin D Mangel, den ich seit zwei Jahren mittels kleiner runder Tabletten bekämpfe. Es ist besser geworden. Ob die auf meinem Schreibtisch stehende Lichtdusche an düsteren Tagen wie gestern ein übriges tut, ich weiß es nicht. Jedenfalls ist es heute, die Sonne scheint durchs Fenster, besser.

    Und auch bei mir: Immer Dinge aus der Vergangenheit. Liebeskummer, Verletzungen, Dinge die in Beziehungen sehr schief gelaufen sind (auch mit meinen Eltern). Deshalb neige ich dazu, dafür auch ein wenig das Alter verantwortlich zu machen.

    Ich koche heute mal Griesbrei….

  4. Hauptschulblues meint:

    Eine Stimme von jemandem, der den Winterblues nicht hat:
    H. heizt am Morgen den Ofen an, fährt zum Bäcker, freut sich mit dem Kater über das Vogeltreiben vor dem Fenster, füttert am Abend zwei kleine Igel, die noch kommen, weil sie zu leicht sind zum Überwintern, wartet auf die Füchse und empfängt den Dezember über Besuch oder besucht selbst. Und freut sich, wenn am 6. Januar die Tage wieder kürzer werden.
    Die Erinnerungen kommen immer wieder, unabhängig von der Jahreszeit.

  5. Frau Pappelheim meint:

    Das Eiweiß zu Eischnee schlagen und unterheben gibt dem Griesbrei tatsächlich eine wunderbar luftige Konsistenz. Ohne Ei ist Griesbrei bei uns eher ein schnelles “Ich-hatte-nur-eine-Hand-frei“-Gericht. An anstrengenden Babytagen habe ich den immer gegessen. Deshalb ist mein Soulfood eher Milchreis (obwohl man den auch einhändig kochen kann).
    Der Dezember… Kurz vor Weihnachten wird es bei mir gewöhnlich wieder etwas besser. Bis dahin hilft nur durchhalten.

  6. Nina meint:

    Ich mache Grießbrei auch mit untergehobenem Eischnee.
    Und der Winterblues schlägt hier immer erst entweder nach Neujahr zu oder ab Februar, wenn ich den grauen Berliner Winter mit Betonhimmel nicht mehr ertragen kann oder, wenn ich Pech habe, von Neujahr bis zum
    Frühlingsbeginn. Hier sind es auch weniger schmerzhafte Erinnerungen als ein lähmender, zäher, grauer innerer Brei, der alles andere bedeckt.
    Den Dezember mit seinem Advent und der vorweihnachtlichen Stimmung liebe ich hingegen so sehr, schon immer und noch vielmehr, seitdem ich selbst ein Kind habe.
    Ich wünsche viel Durchhaltevermögen und dass Sie sich gut von Herrn Kaltmamsell versorgen lassen können!

  7. Vera S. meint:

    * Pfützchen im Mund *
    Wenn ich mir gleich einen Grießbrei (wg. Zöliakie aus Polentagrieß) zubereite, wird zum Schluss ein Eigelb schnell untergerührt und Eischnee untergehoben.

  8. Trulla meint:

    Ob es wohl viele Menschen gibt, die keine Erinnerungen der besonderen Art mit sich tragen?
    Ich glaube nicht! Das ist ein Teil der „Mensch“werdung.
    Vergessen muss man nicht, vergeben könnte helfen.

  9. Norman meint:

    herrlich verlesen: … dieses hellgraue Schimmel-Licht …

  10. Julia meint:

    Was für ein köstliches Abendmahl. Einfach und doch so lecker. Auch ich liebe Grießbrei an „speziellen“ Tagen.

    Ihre traurige Erfahrung klingt nach einem rücksichtslosen, selbstbezogenem Menschen. Zu Studienzeiten? Sicher war er keine Träne wert!

  11. Margrit meint:

    Butterseen-Variante kannte ich nicht, sieht saugut und tröstungsfähig aus. So licht.
    Hier auch Fraktion Ei / Eischnee, heißt bei uns Grießflammeri. Sind halt zwei verschiedene Gerichte.

  12. iris meint:

    Tränen in den Augen hatte ich vom Lesen…

    Der November ist schon mal rum. Jetzt halte ich mich fest am 7. Dezember, ab dann hört die Verschlimmerung der Nachmittagsdämmerung auf. Ab dann darf ich warten, dass die Schaukel mich wieder hochreißt.

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