Journal Donnerstag, 19. März 2020 – Magnolie, Cortison, Amtsgericht

Freitag, 20. März 2020 um 6:01

Ganz böse Nacht, das so angenehme und schmerzfreie Vollbad am Vorabend hatte keine Dauerwirkung. Nach einer Schmerztablette konnte ich wenigstens ein paar Stunden am Stück schlafen, bis der tobende Ball um die rechte Hüfte mich wieder weckte.

Rumpfübungen und Yoga gingen und taten gut.

Auf dem Weg in die Arbeit eine erschütternde Entdeckung:

Sie haben meine Referenzmagnolie bis zur Unkenntlichkeit beschnitten.

Sonne über der Theresienwiese.

Das ist der Drive-through Corona-Test (nur mit Termin über die Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns KVB).

Kurz im Büro Dinge erledigt, dann zum ersehnten Orthopäden-Termin. (Ausdruck außen an der Praxistür mit Handelungsanweisungen „wegen der derzeitigen Situation“: pünktlich kommen, drinnen sofort Hände desinfizieren, Abstand zur Empfangstheke. Was ich selbstverständlich alles einhielt.) Dr. Orth2 (mit Mundschutz) und ich waren uns einig, dass bei den derzeitigen Schmerzen schwer herauszufinden ist, wie stark eine gereizte LWS-Nervwurzel an dem Ganzen beteiligt ist. Zumindest beruhigte mich Dr. Orth2, dass die starken Knieschmerzen, die ich oft beim Gehen und in der Nacht habe, sehr wahrscheinlich eine Folge der Hüftarthrose/-entzündung sind – und nicht etwa eine zusätzliche Baustelle.

Da es derzeit keine planbaren Operationen gibt, also auch eine Hüft-Op nicht terminiert wird, konzentrieren wir uns auf Schmerzlinderung. Ich bekam wieder eine Spritze ins Hüftgelenk (Ultraschall zeigte weiterhin deutlich die Arthrose samt Entzündung), wie sie mir im Januar fünf Wochen Nachtschlaf verschafft hatte, zudem ein Rezept für Novalgin (falls benötigt). Und Dr. Orht2 empfahl eine Gehhilfe (Unterarm-Krücke/Nordic Walking-Stecken), um zu verhindern, dass ich stolpere und falle. Wenn Sie mich gehen sähen, wüssten Sie, wie er drauf kommt. Aber so weit bin ich noch nicht.

Die Spritze wirkte innerhalb weniger Stunden. (Ich liebe echte Medizin! Selbstverständlich weiß ich, dass Cortison Nebenwirkungen hat – aber im Moment würde ich auch in Kauf nehmen, dass mir als Nebenwirkung Hörner auf dem Kopf wachsen.)

Zu Mittag Borscht vom Vorabend – bei Zimmertemperatur: Geschlossene Kantine und Lokale im Umkreis bedeuteten, dass die eine Mikrowelle im Gebäudeteil selbst bei wenigen Mitarbeitenden überlastet war.

Kurz darauf stieg ich aufs Rad und fuhr zum Amtsgericht. Vor dem Zugang zum Gebäude eine Corona-Station in einem Zelt. Polizisten und Polizistinnen baten um das Ausfüllen eines Formulars, das Personalien, Erkältungssymptome und Kontakt mit Symptom-Zeigenden abfragte. Es wurde gescherzt.

Im Sitzungssaal lernte ich einen weiteren Richter kennen, eine weitere Staatsanwältin. Verhandelt wurde ein räuberischer Diebstahl – und das deutlich länger, als ich veranschlagt hatte: Erst nach dreieinhalb Stunden stand ich wieder draußen. Wieder lernte ich ein Leben völlig außerhalb meiner sonstigen Wahrnehmungswelt kennen, hörte interessiert einem ausführlichen psychiatrischen Gutachter zu, machte Bekanntschaft mit den schönen Begriffen „nicht stoffgebundenes Suchtverhalten“ und „Belastungseifer“ („Ich-Syntonie“ schrieb ich lautmalerisch mit und schlug es erst daheim nach – ein hochspannendes Phänomen). Wir hielten alle deutlichen Abstand zueinander, selbst das Richterzimmer war absichtlich groß gewählt, damit wir beiden Schöffinnen und der Richter einander beim Beraten nicht nahe kommen mussten.

Anschließend radelte ich nochmal ins Büro, wo noch einiges zu erledigen war. Auf dieser wie auch auf der Heimfahrt dämmerte mir, dass eine Ausgangssperre immer wahrscheinlicher wird: Die Leute sind einfach blöd. Sitzen in Gruppen auf Parkbänken oder vor geschlossenen Cafés, laufen in Gruppen durch die Gegend, wahren einfach nicht den Abstand, der für eine Verlangsamen der Virusausbreitung essenziell ist. Ich fürchte, das wird nicht ohne Zwang abgehen.

In der Arbeit Erledigungen, außerdem den Nachtmittagssnack nachgeholt: Grapefruit und Orange. Im allerletzten Tageslicht heimgeradelt – beide Pedale fast gleich stark tretend.

Herr Kaltmamsell servierte Nudeln mit zwei verschiedenen Soßen: Butter und frischer Salbei, Tomate mit Kerbel und Zitronenschale. Beides sehr, sehr gut. (Ich habe enormes Glück, dass gutes Essen meine Stimmung so positiv verbessern kann.)

die Kaltmamsell

20 Kommentare zu „Journal Donnerstag, 19. März 2020 – Magnolie, Cortison, Amtsgericht“

  1. Jongleurin meint:

    Bei den Gruppen überlege ich inzwischen immer, ob es nicht auch geschlossene Verbünde sein könnten, die nur untereinander Kontakt haben. So machen wir es hier mit drei festen Familien, die alle mehrere Kinder bis höchstens 7 Jahre und alle Elternteile im Homeoffice oder in der Selbstständigkeit haben: wir wechseln uns mit der Betreuung ab, gehen auch in der Gruppe mit den Kindern raus, treffen aber sonst keine Menschen und halten Abstand.

  2. berit meint:

    @Jongleurin Ich meine so wird es auch sein. Wenn ich schon immer zusammenhänge, macht es den Kuchen nicht fett, wenn ich das auch weiterhin tue. Als Beispiel wird ja häufig genannt, dass man sich bei jmd zuhause zum Fußballgucken trifft. Ein bisschen mehr Wohlgesinnen tut uns zZ allen gut.

    Ich hoffe wir kommen um die Ausgangssperre drumherum, die Gesamtsituation schlägt mir schon genug aufs Gemüt. Mein Arbeitgeber verteilte jedoch bereits Zettel mit der Bestätigung das er zur wichtigen Infrastruktur gehört. Nun denn…ich hoffe es ist eine Vorsichtsmaßnahme, die niemand braucht.

    Apropos Infrastruktur, Grüße an Herrn Kaltmamsell und vielen Dank das er seinen Beitrag zur Normalität der Schüler beiträgt! Und auch an Sie Fr Kaltmamsell! Ich nehme derzeit jedes bisschen Ablenkung liebend gern mit (Der Klopapiermann! Herrlich!)

  3. Polly Oliver meint:

    Guten Morgen Frau Kaltmamsell,

    Wenn Ihnen noch nicht nach einer Krücke ist, wie wäre es vielleicht mit Walkingstöcken? Die sehen weniger nach Krankheit aus, geben aber auch Halt. Und trainieren ggf. ein bisschen die Arme bei der Nutzung. Also natürlich nur, wenn Sie eine Unterstützung gegen ein Fallen benötigen.

    Viele Grüße Polly

  4. Sandra meint:

    Auch geschlossene Verbünde haben eine Vorbildfunktion. Der eine schaut auf den anderen und hinterfragt nicht, ob man als geschlossener Verbund unterwegs ist. Der geht raus und trifft sich? Dann mach ich das auch.

  5. Jongleurin meint:

    Das mag sein. In unserem Falle haben wir keine Wahl. Das Dilemma ist schon krass: Eine Ausgangssperre wäre wirklich schlimm für uns mit den kleinen Kindern, Home Office und nicht besonders großen Wohnungen ohne Garten oder auch nur Balkon, andererseits werden wir trotz aller refelektierten Vorsichtsmaßnahmen dann am Ende als Grund dafür benannt, weil wir die Kinder lüften und und uns Arbeitsausfälle und somit eine 1:1-Betreuung nicht leisten können… Bin etwas ratlos.

  6. die Kaltmamsell meint:

    Ich fürchte, Jongleurin, berit, all die selbst konstruierten Rechtfertigungen werden unterm Strich die Ausgangssperre nötig machen.

  7. Frau Irgendwas ist immer meint:

    Dank Ihrere Aussage mit den Hörnern habe ich jetzt Kopfkino wie Sie auf dem Fahrrad (ohne Helm, aber mit Hörnern) zur Arbeit radeln und das dort alle furchtbar normal finden, weil – Sie humpeln nicht mehr.
    Welche Art von Hörnern?
    Steinbock?
    Gazelle?
    Schottisches Hochlandrind?

  8. Sandra meint:

    Das verstehe ich, dass das auf wenig qm extrahart ist.

    Aber Rausgehen geht auch allein. Das muss nicht im Verbund mit anderen Familien sein. Wie gesagt, es hinterfragt keiner, ob man eine 10-köpfige Großfamilie ist oder nicht.

    Niemand will zu Hause rumsitzen. Muss man aber auch (noch) nicht. Aber bald, fürchte ich.

    Wegen der Hörner: Eine Nebenwirkung namens Stiernacken gibt es übrigens wirklich.

  9. Eva meint:

    Hallo,
    für alle, die es sich noch nicht so richtig vorstellen können/wollen: http://aufildesmots.biz/ beschreibt unaufgeregt, wie es in Frankreich läuft… und da gibt’s einfach keinen Grund mehr zu diskutieren.
    Viele Grüße
    Eva

  10. Berit meint:

    Genau das meine ich mit „Lasst uns alle etwas wohlgesonnener miteinander umgehen.“ Wir spinnen uns nichts zurecht sondern handeln auch nur nach besten Wissen und Gewissen. Wenn vom Virologen gesagt wird „In kleinen Gruppen die sich eh schon immer gesehen haben, kann man verkehren“ dann scheint das eine vernünftige Lösung. Das man die Vorbildfunktion evtl nicht beachtet hat mag sein, aber man hat nicht immer alle Aspekte des Lebens vor Augen.

    In diesem Sinne, gehen Sie bei ihrer Leserschaft doch bitte davon aus das wor niemanden was böses wollen. Es ist mit Home Office und Kindern schon Zerreisprobe genug.

  11. Rainer meint:

    Ich kann es nicht mehr hören bzw. lesen. Irgendwie erfindet jeder eine Ausrede, dass er oder sie eine Ausnahme von der Regel und den weltweiten Richtlinien der Virologen sein soll. Das Gejammer über den kleinen Balkon, die kleine Wohnung und die quengelnden Kinder trägt nicht dazu bei die Situation endlich in den Griff zu kriegen. Ich bin selbstständiger Unternehmer in einer direkt betroffenen Branche (Hotel) und möchte meine Mitarbeiter endlich wieder voll beschäftigen können. Wie reduziert erscheinen da ihre Probleme und wie fatal ihre Ausreden?! Lasst uns endlich für die gesamte Gesellschaft daheim bleiben – alleine!

  12. Sandra meint:

    Ich meine auch, schlimmer geht immer. Neben Homeoffice mit Kindern könnte u.a. noch Krankheit und Tod dazukommen. Wie sich das ziemlich sicher vermeiden lässt, ist klar. Auch in einer kleinen Gruppe kann man sich was holen. Auch Teile der kleinen Gruppe gehen mal einkaufen und man steckt sich mglw. dabei an und verteilt es.

    Ich bin im 2. Drittel schwanger. Auch, wenn es unwahrscheinlich ist, aber niemand kann mir sagen, ob mein Kind geschützt ist in mir. Es gibt nur Entwarnung für das dritte Drittel, weil ein paar Kinder gesund von Müttern in diesem Stadium geboren wurden. Ich würde unter keinen Umständen mit einer kleinen Gruppe zusammenkommen. Treffe meine Eltern nicht. Das Risiko wäre für mich bei wenigen Leuten gering, aber noch geringer, nämlich gleich Null ist es, wenn ich zu Hause bleibe. Das bin ich meinem Kind schuldig. Jetzt schon.

    Man sollte sich auch nicht zu sicher sein, dass Kinder und jüngere Menschen garantiert nicht bedroht sind. Aber egal, ich denke, das ist dieselbe aussichtslose Diskussion wie mit den Impfgegnern. Es muss ihnen selbst oder ihren Lieben vermutlich erst etwas Schlimmes geschehen, damit sie zur Vernunft kommen. Schade nur, dass unter dieser Unvernunft andere leiden müssen und ihr eigenes Leben riskieren.
    Ich finde, da darf man auch deutlich werden und es ist Schluss mit Besonnenheit. Der Staat wird’s richten müssen. Und das tut er ja auch bereits.

  13. Margarete meint:

    Konsequent handeln und halbherziges Verhalten vermeiden.

  14. Die M. meint:

    Wir haben nicht nur eine Verantwortung uns selbst gegenüber, sondern auch gegenüber anderen. Der Impf-Vergleich erscheint auch mir da seit Tagen/Wochen sehr anschaulich: Mit einer Impfung schütze ich nicht nur mich selbst bzw. ggf. mein Kind, sondern auch alle, die sich aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen können. Die Analogie ist offensichtlich: Es geht nicht nur um mich selbst, sondern auch um die Herde.

  15. Berit meint:

    Aber auch nicht wenn wir uns gegenseitig zerfleischen.

    Wir alle mussten unser Verhalten von heute auf morgen grundlegend ändern, es ist menschlich das man dabei nicht perfekt ist. Man hat sich informiert, wie man bereits sieht auch falsche Schlüsse gezogen, und jetzt kann man besser als vorher weiter machen.

  16. Annegret meint:

    Schaue gerade wegen viel Zeit in den Anfängen ihres Blogs herum.
    Die Fotos z.B. Gesichtsmaske, Hasenohrenhose, herrlich!
    Ich könnt mich beömmeln! Danke dafür!

  17. Barbara meint:

    Ich kann Sie gut verstehen. Wir hier in Österreich sind seit knapp einer Woche in Selbstisolation. Mit zwei Kindern, für die wir Heim-Unterricht machen müssen und zwei Erwachsene im Home- Office. Es ist hart und wenn wir nicht den Wald neben hätten, in den wir alleine oder mit den Kids gehen können, wäre es unerträglich. Das ist für mich die Grenze: wenn ich nicht mehr raus könnte, wenigstens für eine Stunde, um ein bisschen Astand vom Aufeinander- Picken zu haben, wäre es mit meiner Akzeptanz vorbei. So haben wir die erste Woche fast geschafft und es ist ganz gut gelaufen (unglaublich eigentlich) und wir sind fast ein bisschen stolz auf uns.

  18. Sandra meint:

    Dann hoffen wir alle mal, dass die Akzeptanz der Ärzte dann nicht auch mal irgendwann vorbei ist. Aber die haben ja keine Wahl, die haben ja drauf geschworen, dass Sie unermüdlich für jeden kämpfen. Meine Schwägerin ist als Ärztin im Dienst, auch für die, die derzeit meinten, im Café Tröpfchen austauschen zu müssen. Wenn sie erkrankt, steht ein 8, ein 6 und ein 1,5- jähriger Junge ohne Mutter da. Sie hat Kollegen, die Paare mit Kindern sind. Da fehlten dann beide Eltern.
    Meine Akzeptanz gegenüber all dem Leichtsinn ist eigentlich schon am Ende. Weil es keiner allein ausbadet am Ende, sondern Hilfe braucht, die andere gefährdet.

  19. Barbara meint:

    Offensichtlich ist die Situation in Deutschland doch noch eine ganz andere. In Österreich ist von Leichtsinn nicht mehr wirklich was zu spüren. Ich wünsche Ihnen alles Gute.

  20. Margarete meint:

    Sich auf das besinnen, was im Leben wirklich zählt, das wünsche ich uns.
    Eine gute Nacht und ein hoffnungsvolles Aufwachen.


Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen