Journal Mittwoch, 11. März 2020 – Counting my blessings

Donnerstag, 12. März 2020 um 5:55

Na count ma mal:

    1. dass ich aufstehen konnte, als der frühe Wecker mich aus Tiefschlaf weckte, obwohl mich böse Kopfschmerzen plagten.
    2. dass die stürmisch Luft, die durchs Schlafzimmerfenster herein kam, schön mild war.
    3. dass Yoga gut tat, ich neben der Beschränkung durch Schmerzen auch Verknotungen wahrnahm, die ich auf die Ermunterung von Adriene wegschmelzen („melt“) konnte. Außerdem dass mir später klar wurde, wie wahr es ist, dass diese „time for yourself“ mir etwas ermöglicht, was nur dort und dann passiert: mir meiner Schmerzen und Beschränkungen ganz bewusst zu sein. Sonst investiere ich rund um die Uhr Energie, sie zu überspielen und zu verdrängen, weil Isthaltso und Kannmanjetztauchnixmachen – wie es ja in der Reha bei chronischen Schmerzen von allen Stellen geraten wurde. Aber in dieser guten halben Stunde spüre ich den Schmerzen und den Ausfällen nach. (Mit dem Ergebnis, dass ich mir eingestehen muss: Eigentlich ist es doch ziemlich schlimm.)
    4. dass ich trotz Knochenmüdigkeit im Büro nur mittelstark Zähne zusammenbeißen musste.
    5. dass die Aspirin kurz vor Mittag wirkte.
    6. dass die Mango zum Mittagessen (nach Stinkekäse und gekochtem Mais vom Vorabend) ein unerwarteter Genuss war.
    7. dass der englische Versender des Bildbands zu Design Munich ’72, das ich mitgecrowdfunded habe, nicht aufgegeben hat, sondern sich mit dem Hinweis meldete, GLS habe das Paket zu ihm zurückgeschickt – ob denn die Adresse auch stimme? Ja, die stimmte genauso wie für die Schuhe aus England, die GLS ebenfalls nicht geliefert hatte, mich auch nicht über eine Abholmöglichkeit informiert.
    8. dass einer der friendly neighbourhood Turmfalken an meinem Bürofenster vorbeisegelte (ich weiß schon, dass Falken nicht segeln, aber er bewegte seine Flügel fast gar nicht).
    9. dass ich beim Neuaufsetzen des Projekts „berufliche Zukunft“ (tja) auf einiges von vor drei Jahren zurückgreifen kann und gleich mal ein mögliches Ziel entdeckte.
    10. dass ich den Familiengeburtstagsmenschen telefonisch erreichte und meine Freude darüber ausdrücken konnte, ihn in der Familie zu haben.
    11. dass ich Zeit fand, mal wieder beim Süpermarket Verdi einzukaufen und mich an der bunten Mischung der Kundschaft freuen konnte (u.a. die zahnluckerte alte Ur-Ludwigsvorstädterin, die mit der jungen Frau an der Kasse Gesundheitswunschbanalitäten austauschte – es ging ja nicht um Inhalt, sondern um den menschlichen Kontakt).
    12. dass ich möglicherweise meine mehrjährige Riesling-Krise überwunden habe: Der 2017 Deidesheimer Herrgottsacker Reichsrat von Buhl bereitete mir schon vor dem Abendessen großes Vergnügen mit seinen animalischen Anklängen, seiner Vielfalt und Frucht, Mineralizität und Säure.
    13. dass Herr Kaltmamsell zwar warnte, „erwarte dir nichts allzu Leckeres“, aber dann aus den getrockneten, gebleichten, gekochten Maiskörnern vom Vorabend unter Zuhilfenahme von allerlei Zusatzzeug wirklich schmackhafte Bratlinge produzierte.

    (Erinnern Sie mich daran, dass ich mir im Büro brutal den Ellbogen am Stehtisch angehaun habe, wenn ich mich in den nächsten Tagen wundere, woher der blaue Fleck und die Schmerzen kommen?)

    §

    Bei Corona gilt immer noch: Nicht verrückt machen lassen, aber vernünftig sein. Und: Individuelles Risiko überschaubar, Systemrisiko groß. Deswegen ist wichtigstes Ziel, dass sich das Virus so langsam wie möglich ausbreitet.
    Die Süddeutsche erklärt eine der Grundlagen dahinter:
    „Die Wucht der großen Zahl“.

    Der Mensch ist an lineare Prozesse gewöhnt, die kann er begreifen. Beim linearen Wachstum kommt in festen Zeitabständen eine feste Anzahl an Fällen hinzu, beispielsweise Tausend pro Woche. Beim exponentiellen Wachstum dagegen findet in einem festen Zeitraum jeweils eine Verdopplung der Fallzahl statt. Exponentielles Wachstum ist gefährlich, weil man es am Anfang leicht unterschätzt. Denn zu Beginn läuft die Kurve gemächlich vor sich hin. Dann wird sie immer steiler und schießt bald nahezu senkrecht nach oben.

    (…)

    Mathematisch betrachtet verbreiten sich Epidemien nach dem gleichen Prinzip. Entscheidend für die Geschwindigkeit der Ausbreitung ist die Zeitspanne, in der sich die Fallzahlen jeweils verdoppeln.

    Deshalb: Beachten Sie die Empfehlungen von Experten (Virologinnen, Epidemikern – nein, auch die Hausärztin ist normalerweise keine Expertin), ignorieren Sie Tante Trudis und Onkel Sašas Meldungen über WhatsApp oder die Bonmots irgendwelcher Fernseh-Komiker auf Facebook. (Ich bin mal wieder froh um meine sorgfältig kuratierte Twitter-Timeline.) Um eben die Ausbreitung zu verlangsamen und unter anderem die Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern, die auch Corona-unabhängige Todesfälle verursachen würde (z.B. Herzinfarkt/Schlaganfall, die nicht gleich behandelt werden können).

    Ja auch ich bin verunsichert, weil ich sowas noch nie erlebt habe – das ist ganz normal. Und ich hoffe, dass die staatlichen (also unsere) Gelder, die wirtschaftliche Schäden dämpfen sollen, auch bei Freiberuflerinnen und -beruflern ankommen, die schon jetzt die Aufträge der nächsten Monate zum Teil komplett verlieren.

    §

    Als fachlich tiefe, verständliche und jeden Tag aktuelle Infos über die Entwicklung der Corona-Epidemie wurden mir die NDR-Interviews mit Dr. Christian Drosten, Leiter der Virologie an der Berliner Charité, empfohlen – doch ich fand keine Zeit zum Anhören. Jetzt gibt es die Interviews auch als Transkripte zum Nachlesen:
    „Coronavirus-Update – Die Podcast-Folgen als Skript“.

    §

die Kaltmamsell

13 Kommentare zu „Journal Mittwoch, 11. März 2020 – Counting my blessings“

  1. Herr Kaltmamsell meint:

    https://www.youtube.com/watch?v=GpEolaFjq90

  2. Micha meint:

    Ich verstärke ihre Empfehlung für die Interviews mit Christian Drosten – auf ihn wollte ich auf meinem Blog ebenfalls längst die Aufmerksamkeit gelenkt haben! Guter, ruhiger, sachlicher Mann und nebenbei Experte mit sachdienlichen Hinweisen und verständlichen wie nachvollziehbaren Informationen.

  3. die Kaltmamsell meint:

    Abendprogramm Hear my song, Herr Kaltmamsell?

  4. Andere Franziska meint:

    Gerne gelesen.

    Mein persönliches „blessing“ heute morgen: Die ersten offenen Blüten an meiner Referenzmagnolie. Ich habe gleich an Sie gedacht. Kommen Sie an Ihrer noch ab und zu vorbei?

    Ansonsten wünsche ich dem Projekt „berufliche Zukunft“ von Herzen viel Erfolg.

  5. Croco meint:

    Es freut mich, dass es trotz Schmerzen zu einem Neuaufsetzen des Projektes „Berufliche Zukunft“ gekommen ist.
    Viel Erfolg und natürlich Glück dabei wünsche ich.

  6. jongleurin meint:

    Oh, wieder die „berufliche Zukunft“… na ja, es war absehbar, die jetzige Stelle scheint nicht die erhofften Rahmenbedingungen zu bieten. Darf ich fragen, wie lange Sie noch bis zum Renteneintritt haben?

    Ich werde hier jedenfalls gespannt verfolgen, da bei mir dieses Jahr das gleiche Projekt startet. Viel Erfolg Ihnen!

  7. iv meint:

    Nr. 9 klingt sehr interessant!
    Die Empfehlung für den Drosten-Podcast kann ich unterstreichen.

  8. Berit meint:

    Blessings counten find ich schön, das gefällt mir bei Fr Brüllen auch immer.

    In welche Richtung soll es sich denn weiter entwickeln? Ich finde ja immer mit jedem Job verfeinert sich das Bild dessen was man auf alle Fälle NICHT machen will.

  9. Simone meint:

    Auch von mir eine Empfehlung für den Podcast mit Herrn Drosten. Sachliche Informationen ohne Panikmache, aber auch ohne Beschönigungen.
    Ich hoffe sehr auf die Vernunft der Menschen (bin da aber leider skeptisch, auch wenn ich lese, was hier im Netz so alles abgesondert wird).

  10. Margarete meint:

    Ich liibe counting blessings: die Mutter aller Strukturen!

  11. Alexandra meint:

    Ha! Das mit den blauen Flecken geht mir auch immer so – ich nehm‘ Ihren Eintrag mal zum Anlass, mir das vielleicht wirklich aufzuschreiben. Diese partielle Amnesie ist doch bemerkenswert …
    … alles Gute und so!

  12. Galalettalotta meint:

    Zu 7.: Ich habe nach dem Hinweis durch Sie, liebe Kaltmamsell, ebenfalls das Buch zu Olympia 72 gecrowdfunded. Bislang kamen meine beiden Exemplare auch nicht bei mir an. Die letzte Nachricht kam über Kickstarter Anfang Februar. Wie haben Sie Kontakt mit dem Autor aufgenommen? Ich finde nirgends eine Email-Adresse oder ähnliches.

  13. die Kaltmamsell meint:

    Sie haben Mail, Galalettalotta.

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