Journal Sonntag, 22. März 2020 – Kalte Sonne, KaffeundKuchen über Google Hangout

Montag, 23. März 2020 um 6:09

Unvermutet zu Schnee aufgewacht.

Der hielt sich auch als im Lauf des Vormittags die Sonne herauskam.

Zum Abschluss der Bewegungseinheit hatte ich mir eine Runde Crosstrainer vorgenommen. Doch ich hatte keine Lust und war während der Yoga-Übung (eher geruhsam) am Hadern, ob ich den Vorsatz bleiben lassen sollte. Ich entschied mich letztendlich für die Bewegung, weil das Hüftleiden ja meine Alltagsbewegung verminderte, ein wenig Kardio aber der Durchblutung guttat, ich außerdem den Rest des Körpers nicht unter der partiellen Beeinträchtigung leiden lassen will. Und siehe da: Es dauerte keine zehn Minuten sanftes Strampeln, bevor es mich heiter und sonnig machte; ich musste mich schon wieder zusammennehmen, die angepeilte Dauer von 20 Minuten nur um 5 Minuten zu überziehen. Es ist schon ein riesiges Dussel, dass mich Sport so freut.

Außerdem mittel- und langfristig: Ich halte mich wirklich für nicht besonders kompetitiv, aber der Titel Best-trainierte-Hüftpatientin des Klinikums vor OP wäre schon recht.

Nach Duschen und Anziehen holte ich Frühstück und Nachmittagskuchen, machte einen kleinen Umweg über den Südfriedhof, den ich meiner Humpelei gerade noch zutraute. (Ich werde YouTube-Videos zu Krückenhandhabung recherchieren müssen. In der guten alten Zeit ohne moderne Medizin wäre ich „lahm“ und würde für den Rest meines Lebens am Stock gehen.)

Der Nußbaumpark lag sehr idyllisch – zwar seltsam ohne Kinder auf dem Spielplatz, aber nun waren die drei bis vier Dutzend Wohnungsflüchtlinge weg, die den Park sonst lautstark belagern – saufend, dealend, rüpelnd. Nein, das sind keine Obdachlose (allerdings sicher aus dem System gefallene, die Stadt hat vergeblich eine ganze Reihe von Projekten durchgeführt, um das Problem an der Wurzel zu packen), und sie haben selbstverständlich dasselbe Recht dort zu sein wie ich. Doch in den vergangenen Jahren sorgten sie dafür, dass sich niemand sonst mehr auf den Bänken und in den schönen Anlagen aufhalten will. 2018 und 2019 gab es als Gegenmaßnahme in den Sommermonaten „Make Nussbaumpark gschmeidig again“, einen temporären Biergarten mit Programm. Jetzt waren sie auch so weg.

Wieder zog das Licht genau zu diesem Zeitpunkt meine Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Grab. Zudem Bärlauchgeruch (und eine -pflückerin), in schattigen Bereichen Schneereste, zwei Eichhörnchen.

Straßen und Südfriedhof sonntagsruhig, die Temperatur knackig kalt. Für den Abstand zu den wenigen anderen Passanten musste aber immer ich sorgen, niemand wich aus.

Handsemmeln und zwei Schwarzwälder-Kirsch-Schnitten beim Wimmer.

Daheim Früchstück mit Semmeln und Obst (Mango, Granatapfel), kleine Siesta.

Für KaffeeundKuchen war ich per Google Handout mit sieben Frauen aus dem Internet verabredet. Wir schwatzten zwei Stunden lang, aßen und tranken, ich freute mich ungemein, die Gesichter lieber Menschen zu sehen. (Und ich lernte Einiges für berufliche Konferenzschaltungen.)

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell aus Ernteanteil-Kohlrabi ein Kokos-Curry, dazu Pfannenbrot mit Kartoffelfüllung.

Verrückte Zeiten, in denen ein schlimmes Erdbeben in Zagreb nicht die Aufmachermeldung der Tagesschau wird.

§

Intensivmediziner Marc Hanefeld erklärt so etwas scheinbar Banales wie Beatmung an einem konkreten Fall:
„Beatmung – ein Beispiel“.

Als erstes hatte ich Flashbacks in die Fernsehserie Emergency Room, in der es immer hektisch wurde, wenn beatmet werden musste.
Die Erklärung verdeutlichte mir, wie viel Fachwissen zur Medizin gehört und warum es nur schief gehen kann, wenn Lieschen Kovalcik sich anmaßt, dabei mitdenken zu können oder „alternativmedizinische“ Ratschläge zu verteilen.

(Natürlich bei mir nur Verstärkung einer ohnehin vorhandenen Grundeinstellung, Lieschen Kovalcik wird sicher eine Argumentation finden, warum ihre Meinung gegen diese böse „Apparatemedizin“ dennoch relevant ist.)

§

Andere Corona-Alltagsrealitäten bei Croco in der rheinland-pfälzischen Provinz.
„Corona acht“.
Inklusive „Trotz alledem“.

die Kaltmamsell

12 Kommentare zu „Journal Sonntag, 22. März 2020 – Kalte Sonne, KaffeundKuchen über Google Hangout“

  1. obadoba meint:

    „aber der Titel Best-trainierte-Hüftpatientin des Klinikums vor OP wäre schon recht“

    Hier musste ich gerade sehr lachen, denn mit einem ähnlichen Anspruch bin ich vor einem knappen Jahr zur OP gegangen. War dann ehrlich gesagt nicht schwierig, den Titel zu halten, denn fast alle Knie-Prothesen-Patienten, denen ich begegnet bin, waren geschätzt 20 Jahre älter.

  2. Petra meint:

    Gut, dass Sie den Finger auf die Wunde legen. Da wird ja so viel Schindluder getrieben bei der alternativmedizinischen Beatmung.

  3. Nina meint:

    Vielen Dank für den link zu dem sehr interessanten Artikel des Anästhesisten. Eine sehr gute Freundin ist Anästhesistin auf der Intensivstation, dadurch ist mir die Komplexität dieser Tätigkeit und das unfassbare Wissen, das man dafür braucht (von wegen Anästhesisten setzen nur Narkosen!), schon bewusst gewesen. Es so im Detail zu lesen, fand ich aber gerade sehr bereichernd. Und fortan, das habe ich in der letzten Woche bereits entschieden, werde ich mich gegen Influenza impfen lassen.

  4. die Kaltmamsell meint:

    Da ist ja CHEMIE dabei, Petra! (Zwinkerzwonker.)

  5. Crocodlyus meint:

    Was für ein toller und ausführlicher Bericht über eine Beatmung.
    Und Danke für‘s Verlinken. Ja, die Provinz ist noch verschont, fühlt aber schon den kalten Hauch des Abgrunds. Da hilft nur Zuversicht und Sagrotan.

  6. Mrs. Knallenfalls meint:

    „Für den Abstand zu den wenigen anderen Passanten musste aber immer ich sorgen, niemand wich aus.“ Diese Erfahrung mache ich auch. Ich kapier das einfach nicht.

  7. Margarete meint:

    Abstand: Dafür kann ich aus gewissen Gründen nicht so flink sorgen. Bis jetzt ging es gut. Ja.
    Ansonsten muss ich mir etwas ausdenken, weiß auch schon leider/zum Glück (?): was.

  8. Sandra meint:

    Ich auch. Auch abseits von Corona. Bei einigen ist das ganz offensichtlich deutliche Provokation- die rempeln auch, wenn’s sein muss und andere sind offenbar so tranig, dass sie wirklich nicht zu registrieren scheinen, dass man ihnen entgegenkommt.
    Ging uns gestern jedenfalls auch so. Man selbst musste manchmal beinahe im Graben laufen, damit man auf 30cm Abstand gekommen ist. Aber der Miniatur-Hund soll ja bloß keine schmutzigen Pfötchen kriegen.

  9. studio glumm meint:

    Und ich glaubte immer, unsere Generation würde von grossen Katastrophen verschont bleiben.. als die eine grosse goldene Ausnahme.. und dann.

  10. die Kaltmamsell meint:

    Vielleicht reagieren wir deshalb wie durch Honig darauf, studio gumm – weil wir uns das einfach nicht vorstellen können.

  11. Sigourney meint:

    Hier im Hamburger Raum kann ich echt nicht klagen, es ist schon fast künstlerisch wie sehr die Leute umeinander zirkeln, das ist teilweise gehobenes Ballett. Und im Dorf wird auf Abstand umso energischer gegrüßt, egal ob man sich kennt oder nicht, mit Lächeln oder auf größere Entfernung sogar winkend. Auf Feldwegen gehen/joggen sich entgegenkommende kleine Gruppen (Familien) brav in einer Linie aufgereiht ganz am Rand aneinander vorbei. Und im Supermarkt bestätigt man sich gegenseitig freundlich vor dem fast leeren Öl-Regal (natürlich in mind. 2m Abstand), dass es halt Jammern auf hohem Niveau ist, wenn das Rapsöl alle ist und greift sich was anderes.

  12. Ulla meint:

    Das habe ich gestern hier in MUC im Forstenrieder Park auch anders erlebt, dass wir zwei teilweise hinter einander gegangen sind, weil entgegenkommende Großfamilie die ganze Wegbreite einnahm.

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