Journal Freitag, 17. April 2020 – Spargelgewissen

Samstag, 18. April 2020 um 10:16

Als der Wecker klingelte, freue ich mich trotz guter Nacht auf das wochenendliche Ausschlafen.

Nach Kraftübungen eine halbe Stunde Crosstrainern: Das ging gestern besonders geschmeidig, ich hatte gestern auch kaum Hüftprobleme beim Radeln oder Gehen (und weiß ja, dass das bloß momentanes Glück ist, „ein guter Tag“).

Freude über das Wachsen der Hasenglöckchen. Ich verstehe euch begeisterte Gärtnerinnen und Gärtner ja schon – wenn ein Garten so wenig Arbeit machte wie dieser Topf, wäre das genau mein Hobby, wenn ich also nur regelmäßig gießen müsste (und das natürlich nicht etwa täglich und stundenlang), und den Pflanzen beim produktiven und korrekten Wachsen und Entwickeln zusehen: Super Sache.

Sonniger Tag, es wurde immer wärmer. In der Arbeit emsige Arbeit, ein kleiner Lichtblick. Mittags gab es Käse, eine kleine Avocado und eine Orange.

Anruf von meinem Friseur zur Terminkoordination, jetzt wisse er ja, wann er wieder loslegen könne. Und er sei schon SO gespannt, was nach so langer Zeit wohl aus seinen Schnitten geworden sei.

Nach Feierabend fand ich keinen Einkaufsanlass für eine Verlängerung meines Heimwegs, also suchte ich einen willkürlichen Umweg: Ich radelte zu weiten Teilen die Busroute entlang, und bog dann zur Isar ab. Das Radeln in warmer Frühlingsluft war tatsächlich herrlich – aber unter zahlreichen anderen Radeln mit Abstandhalten nicht völlig entspannt. An der Isar das gewohnte Bild: Es war vielleicht nicht ganz so bevölkert wie sonst bei diesem Wetter und diesen Temperaturen, aber geschätzt nur 30% weniger, Abstand so lala.

Daheim freute ich mich darüber, Herrn Kaltmamsell in die Arme schließen zu können. Und ich freute mich, dass er den Balkon sauber gemacht hatte! (Mein schlechtes Gewissen beruhigend, dass ihn das echt ehrlich gar keine Überwindung gekostet habe.)

(Die Schale auf dem Tisch ist unsere Vogeltränke, die auch regelmäßig genutzt wird.)

Während er das Abendessen zubereitete, machte ich uns Cocktails. Ich suchte nach einem Rezept mit Kirschlikör und stieß auf Cherry Daiquiry. Wir hatten alles dafür im Haus, und das Ergebnis war eine echte Entdeckung: Köstlich kirschig und frisch.


Abendessen Spargel – weil die Nachbarin uns am Donnerstag welchen geschenkt hatte. Bei diesem Anlass stellten Herr Kaltmamsell und ich nämlich fest, dass wir unabhängig voneinander beschlossen hatten, diese Spargelsaison auszulassen: Die Umstände der Ernte und die abscheulich verstärkte Ausbeutung der Saison-Arbeitskräfte dort hatten uns beiden den Appetit darauf vergehen lassen. Schon die Jahre zuvor war mir unangenehm aufgefallen, wie niedrig der Preis für den heimischen Spargel geworden war: In meiner Kindheit war Spargel – und ich wuchs in einer Spargelgegend auf – ein kostbares Festmahl, das meine Familie sich ein-, zweimal in der Saison leistete (all die Rezepte, die sogar die Schale des Spargels noch verwerten, sind kein Zufall), selbst im Studium noch legte mein Freundeskreis für ein großes Spargelessen Geld zusammen. In den Medien ist zwar immer noch von „Luxusgemüse“ die Rede, doch dass der heimische Spargel mittlerweise günstiger verkauft werden konnte als Paprikaschoten im Januar, war nur durch die Ausbeutung der Erntarbeiter möglich.

Aktueller taz-Artikel dazu:
„Ausbeutung in Corona-Krise:
Spargel unser“.

Ebenfalls aufgefallen war uns in den vergangenen Jahren, dass die klassische Begleitung von Spargel in Form von Frühkartoffeln eigentlich seltsam war: Zur Spargelzeit gibt es bei uns noch lang keine Kartoffeln, die müssen von weit her eingeflogen werden. Wir hatten also nach anderen klassischen Beilagen gesucht und waren auf die badischen Kratzete gestoßen, ein herzhafter Kräuter-Kaiserschmarrn (Herr Kaltmamsell wendete sie allerdings vor dem Zerreißen). Dazu ein Glas Riesling Terra Rossa – der sich mit den Kratzete besser vertrug als mit dem Spargel. Nachtisch Karamelleis.

§

Ein Artikel von Christos Lynteris im Kunstmagazin Apollo darüber, in welchen Bildern wir die aktuelle Pandemie festhalten. Da sind ja schon einerseits die Grafiken der Entwicklung (hier herrlich aufgespießt von Randall Munroe: „Coronavirus Charts“), aber Fotografinnen und Fotografen auf der ganzen Welt versuchen Motive einzufangen, die etwas über die Situation und ihre Entwicklung aussagen. Womit sie in einer langen Tradition stehen:
„How photography has shaped our experience of pandemics“.

What is rarely considered is that the ways in which we visualise epidemics – and as a consequence, the way we experience them – were established in the late 19th and early 20th centuries in the course of an event that is all but forgotten in most parts of the world: the third plague pandemic.

§

Bester Corona-Tipp des gestrigen Tages:

die Kaltmamsell

11 Kommentare zu „Journal Freitag, 17. April 2020 – Spargelgewissen“

  1. Susan meint:

    das mit dem Spargelboykott lese ich gerne. ich habe auch für mich beschlossen, dieses Jahr keinen Spargel zu kaufen. Finde es wirklich unerträglich, dass dafür extra Saisonarbeiter eingeflogen werden. Vielleicht kann man Spargel ja auch bald selber stechen. Das wäre noch eine echte Alternative.

  2. Ev meint:

    Auch hier viele Gedanken warum, ob und überhaupt Spargel dieses Jahr.
    Ja, auch bei mir war das damals so, dass Spargel zu essen etwas ganz besonderes war, das man ganz bewusst genossen hat, was sich auch im Preis widerspiegelte. Natürlich wie bei so vielem anderen nicht zu billigsten Discounterpestpreisen.
    Vor 30 Jahren gab es hier, wo ich nun lebe, noch sehr viele Spargelfelder, auch kleinere, die von den Besitzern und ihrer Familie selber bewirtschaftet wurden und die auch direkt vom Feld weg ganz frisch verkauften.
    In den Jahren darauf wurden die Felder immer größer, so wie auch die Schar der Erntehelfer, die z. T. unter unwürdigsten Bedingungen z. B. auf Parkplätzen durch die Saison hindurch kampierten. Braucht man nicht die Augen davor verschließen, das haben wir in der Pfalz definitiv so erlebt.
    Wer mit offenen Augen an diesen Feldern vorbei fuhr und fährt, der sollte einmal darauf achten, ob er ein Dixie-Klo neben diesen entdeckt und sich dann fragen, ob sie/er sich vorstellen kann, dass man während dieser knochenharten, stundenlanger Arbeit nicht vielleicht doch mal austreten muss?! Und wo bitte, eine Stelle vom Händewaschen?!
    Lebensmittel haben auf allen Seiten sehr viel mit Respekt zu tun, was viel zu häufig vergessen wird.
    Liebe Wochenendgrüße, Ev

  3. Juli meint:

    Das spargelproblem wiederholt sich genauso in den erdbeeren. Die frisch vom feld aus den erdbeerkiosken gekauften werden von erntehelfern unter selben bedingungen gepflückt.

  4. arboretum meint:

    Die Erntehelfer stechen nicht nur Spargel und pflücken Erdbeeren, die setzen demnächst auch den Feldsalat.

    Die Erdbeeren im Supermarkt und all das andere Obst und Gemüse werden in der Regel auch nicht unter besseren Bedingungen geerntet, nur halt woanders.

    Europas dreckige Ernte

    Erntehelfer: Italiens moderne Sklaverei

    Die Ernte-Mafia: Brutale Ausbeutung im Obst- und Gemüsegeschäft

    Spanien: Migration – Der Garten der Gesetzlosen

    Migranten in Spanien: Wie Sklaven unter Plastik

    Erdbeeren, Salat und Bauernlegen

    Erntehelferinnen werden dabei übrigens auch gern noch sexuell ausgebeutet, bedrängt, genötigt oder vergewaltigt. Es gibt entsprechende Berichte von Gewerkschaften.

    Ach ja, noch etwas: Agrar-Subventionen – EU-Millionen für Ausbeuter

    Und ob die westeuropäischen Agrarunternehmen in Rumänien die Arbeiter gut behandeln und bezahlen, sei mal dahin gestellt. Reichlich Land haben sie sich dort schon unter den Nagel gerissen: Schleichende Enteignung in Rumänien

    P.S. Die Trauben für den Wein ernten sich auch nicht selbst.

  5. ingrid meint:

    ja. alles furchtbar. aber wenn man alles kritisch prüft, dann geht nur mehr das gemüse aus dem biokistel. keine milchprodukte, kein fleisch, kein käse. ich war vor einigen monaten bei einem ziegenbauern und habe dort gehört, dass die neugeborenen männlichen jungen mehr oder weniger weggeworfen werden, weil bei uns niemand zickerln isst. und so ist fast alles in der landwirtschaft. ausbeutung von mensch, tier und natur.

  6. Sandra meint:

    Die meisten Deutschen erwarten jetzt sehnsüchtig ihren Spargel und die Erdbeeren und selbst meine eher sparsamen Eltern kaufen den Spargel fast jedes Wochenende am Stand der Bauern, frisch vom Feld. Im Billigdiscounter verkauft auch der Bauer aus dem Landkreis, billiger, aber da ist es ja nicht so frisch, wie es im Büdchen scheint. Die meisten gehen hier davon aus, damit den ihnen oft persönlich bekannten Bauern und deren Familien unter die Arme zu greifen. Gerade jetzt. Es wird gekauft werden und viel davon.
    Schlimmer geht ja auch immer und immerhin ist frisch vom deutschen Feld aus der Region nicht per LKW aus dem Süden.
    Wir in Hessen beziehen Spargel und Erdbeeren von der naheliegenden Grenze aus Bayern über eine Biokiste und zahlen jetzt 12,99€ für das Kilo Spargel und 5€ letztes Jahr für eine Schale Erdbeeren. Letzteres kann jeder selbst pflücken gehen. Und da die Biokiste seine Lieferanten persönlich besuchen geht und die Betriebe dann nach und nach vorstellt, kann ich nur nach bestem Wissen und Gewissen prüfen und meine, verzichten will ich nicht,lohnt sich glaube ich auch nicht wirklich und so kaufe ich da, wo es so gut wie möglich zuzugehen scheint.
    Übrigens auch Kartoffeln- aus Bayern ebenfalls, vermutlich eingelagert, aber es müssen ja auch nicht zwingend Frühkartoffeln sein. Das alte Zeug muss ja auch weg.

  7. die Kaltmamsell meint:

    Ja, arboretum, das ist auch meine Hauptmotivation für die Mitgliedschaft in der Anbaugenossenschaft Kartoffelkombinat. Doch ich bin so inkonsequent wie jede andere auch: Auf Obst will ich nicht verzichten (übers Kartoffelkombinat gibt es nur hin und wieder Äpfel unserer Bio-Anbaunachbarn), oft kaufe ich auch nicht-saisonales Gemüse aus diesern modernen Sklaverei.

    Anbaugenossenschaften oder Solidarische Landwirtschaft gibt es übrigens immer mehr in ganz Deutschland.

  8. Susann meint:

    Ich musste SEHR über die Anleitung zur Paarchoreographie zum Hintereinandergehen lachen, vielen Dank.
    Passen Sie alle auf sich auf.

    Sie sind alle offenbar viel bessere Menschen als ich, weil Sie sich so viel Gedanken über ethisch vertretbares Gemüse machen. Ich hab dazu schlicht nicht den Nerv, denn wo fängst du an, wo hörst du auf.

  9. Ulla meint:

    Genau Susann, wo fängt man an, wo hört man auf.Ich kaufe zwar noch keine Erdbeeren, aber den Spargel lasse ich mir nicht vermiesen.
    Sonst können wir das Essen gleich ganz einstellen, wenn man es genau nehmen würde.

  10. die Kaltmamsell meint:

    Nehmen Sie es doch bitte genau, Ulla: Was würden Sie gegen das Gemüse aus unserer Anbaugenossenschaft einwenden?

  11. Defne meint:

    Ich interessiere mich schon lange für das Kartoffelkombinat.
    Aber:
    „Aus betriebswirtschaftlichen Gründen mussten wir die Anzahl der kleinen Kisten auf max. 20% der Gesamtkistenzahl begrenzen. Da diese 20% derzeit erreicht sind, können wir entsprechend nur bei Austritten neue kleine Kisten vergeben und tun dies quasi im Nachrückverfahren.“
    Zum Nachrücken kann man sich aber momentan gar nicht anmelden wegen zu hoher Nachfrage.
    München hat über 50% Singlehaushalte, was tun?
    Eine Nachbarin überläßt mir ab und zu ihre Gemüsekiste wenn sie verreist ist, eine feste Mitgliedschaft ist aber auch dort nicht möglich und eine Kiste für Singles auch nicht angeboten.


Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen