Journal Freitag, 19. Juni 2020 – Zahnpflege, Pralinen und Wild

Samstag, 20. Juni 2020 um 8:23

Gestern war komplett sportfrei, weil ich um halb acht einen Termin bei der Zahnärztin hatte (Zahnreinigung und jährlicher Check) – Aufstehen um fünf ist selbst mir als Preis zu hoch (den würde ich nur für eine hochsommerliche Laufrunde an der Isar vor der Arbeit zahlen – das Licht! -, und wir wissen, wie das derzeit mit Laufrunden ist).

Radfahren war schon wieder gestrichen: Aus dem düsteren Morgenhimmel lösten sich bereits erste Tropfen. Ich nahm die U-Bahn nach Schwabing.

Informations- und Stimmungsaustausch mit der vertrauten Zahnreinigerin (alles in Ordnung, aber schon auch Kurzarbeit seit Monaten), wieder ordentliche Zähne bekommen, Zahncheck durch Ärztin (alles in Ordnung – wenigstens dieser Teil meines Körpers widersteht weiterhin dem altersbedingten Abbau), Informations- und Stimmungsaustausch mit ihr über die SITUATION (inklusive Kurzvortrag über die Wirkung selbst von leichten Atemmasken, denen alle im Bereich Zahnmedizin aus guten Gründen und Evidenz-basiert vertrauen).

Ab neun regnete es dann in München. Und wieder kämpfte in mir der Konflikt zwischen „Der Bauer braucht den Regen“ (und wir als Kartoffelkombinat sogar sehr) und männooooooichwillaberSommer…

Gut sortierbare und machbare Arbeit in der Arbeit. Mittags Erdbeeren mit Kefir und ein Kanten Brot, nachmittags Kirschen.

Zum Schluss hatte ich noch die eine oder andere Stunde Bastelarbeit – aber nichts Gefährliches mit Tesa oder sonstigem Bapp (Bayerisch für Klebstoff) und Schere, sondern mit Software (und auch da bar jeder Gestaltung – na gut, Farbcodierung war dabei). Das machte Spaß.

Da ich eine Öffi-Tageskarte hatte, fuhr ich nach Feierabend ins Lehel: Pralineneinkauf in der Schokoladengalerie, wo man eher klassische Ware anbietet, handgefertigt. Ich bat um eine von jeder Sorte.

Auch in dieser Gegend Münchens war ich länger nicht gewesen, also spazierte ich Schaufenster- und Hauseingang-bummelnd Richtung Isartor. Und wieder überschätzte ich mein Gehvermögen, die letzten hundert Meter war mir nur langsames Trippeln möglich.

Zum Nachtmahl hatte ich mir Fleisch gewünscht (selbstverständlich mit anständigem Hintergrund). Und weil wir durch die Sendung quer am Donnerstagabend erfahren hatten, dass die Jägerinnen und Jäger derzeit (SITUATION = geschlossene Restaurants) nicht wissen, wohin mit dem Wild, das so oder so geschossen werden muss, war Herr Kaltmamsell auf den Viktualienmarkt Wild kaufen gegangen. Nach Mojitos als Aperitif (Ernteanteil-Minze) gab es Wildschweinlende mit Spitzkrautsalat (Ernteanteil) und Champignons.

Zum Nachtisch Pralinen, die hervorragend schmeckten (Lavendel!).

§

Wieder eine ausführliche (und wunderbar lesbare) Analyse der Lage Großbritanniens von Laury Penny und was das mit Downton Abbey zu tun hat.
„Tea, Biscuits, and Empire: The Long Con of Britishness“.

Every nation-state is ninety percent fictional; there’s always a gap between the imaginary countries united by cultural coherence and collective destinies where most of us believe we live, and the actual countries where we’re born and eat breakfast and file taxes and die. The U.K. is unique among modern states in that we not only buy our own hype, we also sell it overseas at a markup.

Zum ersten Mal lese ich auch explizit, wie sehr Briten weltweit persönlich von diesem Image profitieren („Living in a place where all you have to do is say something in your normal accent to be told you’re clever and wonderful is all very well, until you start believing it.“) und denke sofort an die Einwanderergeschichten nach München aus dem Bekanntenkreis: Der Brite mit amüsanten Anekdoten seiner Einbürgerungsbürokratie („They loved me!“) im Gegensatz zu den erschreckenden der Griechin (auch in bayerischen Amtsstuben kann Bestechung helfen – immaterielle, wenn man zum Beispiel bei einem Arbeitgeber angestellt ist, der unerhältlich rare und begehrte Eintrittskarten hat).

Lavish Britscapist vehicles like Downton Abbey, The Crown, and Belgravia are more popular with Americans than they are at home. Trudging through Finsbury Park in London on a cold morning last Christmas, a poster advertising The Crown had been gleefully tagged “royalist propaganda” by some local hero with a spray can. My American friends were confused when I explained this to them. “Don’t you like your royal family?” They asked. No, I explained. We like Hamilton. The stories we export lay bare the failing heart of Britain’s sense of itself in the world — the assumption that all we have to do, individually or collectively, is show up with a charming accent and say something quaint and doors will open for us, as will wallets, legs, and negotiations for favorable trade deals.

This is a scam that works really well right up until it doesn’t.

(…)

The impression I was given as a schoolgirl was that we were jolly decent to let the Empire go, and that we did so because it was all of a sudden pointed out that owning other countries wholesale was a beastly thing to do — of course old boy, you must have your human rights! Really, we were only holding on to them for you.

(…)

If you love your country and don’t own its difficulties and its violence, you don’t actually love your country. You’re just catcalling it as it goes by.

§

Der Thai Enquirer schreibt über die USA im Sprachstil, den US-amerikanische Medien sonst verwenden – herrlich entlarvend.
„Foreign Affairs: Unrest continues for a seventh day in former British colony“.

via @afelia

Apropos Umkehrungen: Letzthin dachte ich an einer Version von My Fair Lady mit vertauschten Geschlechterrollen herum (ich hörte auf dem Crosstrainer gerade „Why can’t a woman be more like a man?“): Die Suffragette aus der Upper Middle Class Ende 19. Jahrhundert, sehr belesene Linguistin mit Forschungshintergrund in den Elendsvierteln Nordenglands, die mit einer subalternen Freundin einen jungen Burschen um Covent Garden aufgabelt, der dort als Lastenträger arbeitet. Sie schließen eine Wette ab, ob sie ihn nach Generalüberholung in einen der renommierteren Londoner Clubs als Gentleman einschleusen können.
Neben korrekter/posher Aussprache bringen sie ihm Männerphrasen bei, die jede inhaltliche Aussage ersetzen und dennoch den Anschein von Checkertum verleihen – also das Pendant zum weiblichen „How kind of you to let me come“.
„Why can a man not be like a woman?“ würde ebenfalls wunderbar mit umgekehrten Geschlechterrollen funktionieren, ebenso „I’m an ordinary woman“.

die Kaltmamsell

1 Kommentar zu „Journal Freitag, 19. Juni 2020 – Zahnpflege, Pralinen und Wild“

  1. trolleira meint:

    Coole Idee mit my fair lady in umgekehrt. Ich überlege gerade wer für die Rollen in Frage käme…
    Allerdings hat Elizas Vater sowas auf eine Art ja durchgemacht und ich fürchte, bei Männern braucht es eine „poshe“ Aussprache gar nicht…


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