Journal Samstag, 20. Juni 2020 – Mittsommer in der Acetaia

Sonntag, 21. Juni 2020 um 9:06

Unruhige Nacht, trotz kühler Temperaturen hatten die Hinterhausnachbarn wieder Balkongäste. Deren Spaß direkt unter meinem Schlafzimmerfenster (Abschied?) weckte mich um zwei trotz Ohropax, dann schlief ich ziemlich lang nicht wieder ein.

Aufwachen noch vor sieben, gelassener und gemütlicher Morgen zu grauem Himmel. Ausführliche Gymnastik, ausführliches Crosstrainerstrampeln.

Als ich zu einer kleinen Besorgungsrunde aufbrach, wurde der Himmel gerade dunkelgrau. Ich schaffte es aber, alle Vorhaben mit dem Auf- und Abschwellen des zugehörigen Wolkenbruchs abzustimmen.

Vor ein paar Wochen war mir ja eine lange Perlenkette gerissen. Einer der vielen Gründe, aus denen ich gerne in der Großstadt lebe: Mir fielen sofort zwei Läden in der Innenstadt ein, die wahrscheinlich Perlenketten knüpfen – oder zumindest einen Kontakt dafür haben. Gleich beim ersten hatte ich Glück – und der freundliche Herr mit stahlgrauer Mähne, ebensofarbigem Schnauzer und in Hippie-goes-Guerilla-Kleidung fing sofort mit der Reparatur an.

In diesen Laden war ich in genau dem Moment gebogen, als es zu schütten begann. Mir fiel ein, dass ich meine nächste Station über eine überdachte Einkaufspassage (Hofstatt) erreichen konnte. Also wartete ich nur wenige Minuten auf ein leichtes Nachlassen des Regengusses und schnellhumpelte über die Straße zur Passage. Ich schlängelte mich durch die vielen Menschen, die hier Schutz gesucht hatten, am anderen Ende der Passage wartete ich wieder kurz auf weiteres Regenabklingen und hoppelte zum Schuhgeschäft. Hier musste ich zwar warten, bis eine Höchtzahlkundin Platz für mich machen würde, wurde aber schon mal in den trockenen Eingangsbereich gebeten.

Im Laden holte ich lediglich etwas ab: Der Schuhersteller Ecco bietet die Möglichkeit, Produkte online zu bestellen und an ein Geschäft eigener Wahl liefern zu lassen. Das hatte ich mit roten Sandalen gemacht, denn von Ecco haben mir bislang alle Sandalenmodelle gepasst – und andernfalls hätte ich sie nicht nehmen müssen. Doch auch diesmal passten die Schuhe, ich kaufte.

Lebensmitteleinkäufe hatte ich eigentlich weiter entfernt geplant, doch in der Passage gab’s ja auch einen Supermarkt. Ich kehrte durch den jetzt sanften Regen zurück, besorgte Lebensmittel und Frühstückssemmeln. In der jetzigen Tröpfelstärke wurde ich auf dem Heimweg nur wenig nass.

Bei Frühstückbesorgungen hatte mich Unvernunft überwältigt: Eigentlich kaufe ich seit Jahren keine Marmelade mehr, denn wir bekommen so viel geschenkt (oder kochen selbst ein, nämlich Orangemarmelade), dass erst mal die wegmuss. Was bei unserem sehr geringen Marmeladenverbrauch sehr lange dauert. So hatte ich seit Jahren kein Pflaumenmus mehr bekommen, das ich eigentlich besonders gerne esse; gestern hatte ich trotzig eines gekauft – und genoss meine Semmeln damit sehr.

Nachmittags statt Kuchenbacken: Erdbeerschokolieren. Eigentlich hätte es die wie jedes Jahr um die Zeit auf der Geburtstagsfeier meines Bruders gegeben, doch wegen SITUATION keine Feier. Nach vielen Jahren machte ich sie also mal wieder selbst und dachte innig an meinen Bruder.

Zeitunglesen bis zu meiner Abendverabredung: Ich hatte zur Sonnwend einen Tisch in einem der schönsten Gastgärten Münchens reserviert, in der Acetaia. Nur dass halt wirklich kein Draußenwetter war, ich dieses Jahr um das Erleben der Dämmerung am längsten Tag unter freiem Himmel gebracht wurde.

Gegessen haben wir dennoch ausgezeichnet, und der Innenraum der Acetaia ist ja auch besonders schön – vor allem der Terrazzoboden entzückt mich jedes Mal.

Es gab ein Glas Franciacorta vorab (Ca’del Bosco – wunderbar), und dann, begleitet von einem Verdicchio dei Castelli di Jesi Stefano Antonucci 2017:

Rindertatar mit Fenchel für uns beide (Erkenntnis: ist mir lieber als Carpaccio).

Frische Schafskäseravioli mit Butter, Majoran und Aceto Balsamico Tradizionale – nahmen wir auch beide, jeweils eine halbe Portion.

Wolfsbarsch für mich, Steinbutt für den Herrn.

Nach Dessert war uns nicht, wir begnügten uns mit einem guten Espresso als Abschluss.

Als wir gegen halb zehn zurück zur U-Bahn-Station Rotkreuzplatz spazierten, war es noch hell.

§

Katha Seiser erklärt im ORF die Vielfalt von Kohlrabi – und ich lernte gleich mal drei Dinge: Was Kohlrabi holzig macht, warum auch im Newsletter unseres Kartoffelkombinats immer darauf hingewiesen wird, man solle den Kohlrabi ohne Blätter lagern, und was man mit diesen Blättern machen kann.
„Lebensmittelkunde Kohlrabi“.

Nachtrag: Auf instagram hat Katha aufgeschrieben, wie sie die Blätter gefüllt hat.

die Kaltmamsell

6 Kommentare zu „Journal Samstag, 20. Juni 2020 – Mittsommer in der Acetaia“

  1. Croco meint:

    SaIsonal, lustig ausgesprochen.
    Danke für die Kohlrabineuigkeiten.
    Im Restaurant sind nicht nur die Fußböden schön. Habe mit die Fotos im Netz angeschaut und bin ganz entzückt von der Einrichtung.

  2. die Kaltmamsell meint:

    Und schon träume ich von einem gemeinsamen Besuch dort mit den beiden Crocos, wenn ihr nach dem hier allem mal wieder in München seid – ja?

  3. Croco meint:

    Au ja!!!
    Das machen wir. Ich freu mich sehr darauf.

  4. lihabiboun meint:

    Oh verehrte Frau Kaltmamsell, das war ja ein toller Tip: Erstens hatten wir einen schönen Spaziergang entlang der Nymphenburger bis zum Acetaia (wir begannen am Stiegelmaierplatz) und dieser Garten ist wirklich ein Traum. Fest beschlossen, da hinzugehen und zwar bald!! Kaum wohnt man sein halbes Leben in München, schon lernt man ein tolles Resto kennen – phantastisch. Sie kriegen das große Abzeichen in Gold „SERVICEBLOG“. Merci merci!!

  5. die Kaltmamsell meint:

    Die Freude ist ganz meinerseits, lihabiboun!

  6. Christine Kiki meint:

    In Wien, da bin ich gerade auf Dienstreise, spricht man tatsächlich nur von der SITUATION. Dank Ihnen weiß ich, worum es also geht. In meiner Münchner Blase heißt es immer „Corona-bedingt“ …


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