Journal Mittwoch, 29. Juli 2020 – Gebremste Urlaubsvorfreude

Donnerstag, 30. Juli 2020 um 6:42

Mittelgute Nacht mit einer Pause (diesmal aber nicht durch Schmerzen, sondern Sorgen), ich hatte den Wecker auf Minimalsport gestellt.

Noch vor der Arbeit unternahm ich einen neuen Anlauf, einen Freibad-Slot am Samstag zu reservieren – vergeblich, denn das System hängte sich auf. Über den Vormittag versuchte ich es immer wieder; als ich endlich durchkam, war bereits ausreserviert. Ich kann also nur hoffen, dass während meines Urlaubs im August mal ein Wochentag sonnig und buchbar ist, sonst wird das ein Sommer ohne Freibad.

In der Arbeit war ich tatsächlich munterer, musste allerdings viel und Unerfreuliches arbeiten. Vormittags eine Hand voll Nüsse, mittags Pfirsiche, die sich über Nacht in Marmelade verwandelt hatten, mit etwas Manouri, nachmittags Joghurt. Ich stellte fest, dass ich keine rechte Urlaubsvorfreude aufbrachte angesichts der Tatsache, dass auf diese drei Wochen 13 weitere Berufsjahre folgen.

Der Arbeitstag wurde länger als geplant. Auf dem Heimweg besorgte ich in der Apotheke frische Masken (die OP-Masken sind mir weiterhin am angenehmsten), im Vollcorner Obst und Espresso.

Es war heiß, aber nicht mehr so prügelheiß wie am Dienstag.

Herr Kaltmamsell servierte zum Nachtmahl Spaghetti carbonara, sie schmeckten sehr gut. Nachtisch Schokolade.

Früh ins Bett zum Lesen, die Wohnung war durch Verdunkelung tagsüber angenehm kühl.

§

Auf eine gewisse schräge Art verspüre ich ja doch Lokapatriotismus für meine Geburtsstadt: Jeder und jede, die es aus Ingolstadt raus geschafft haben, sind mir erst mal sympathisch. So auch Roman Deininger von der SZ, der allerdings auch ohne seine Herkunft zu den Journalisten gehören würde, die ich am liebsten lese.

Anlässlich 75 Jahren Süddeutsche Zeitung beschreibt er, wie es ist, viele Jahre über Markus Söder zu reportern. Daraus lernt man nicht nur viel über politik-journalistische Berichterstattung auf Landesebene, sondern auch über die CSU und ihre Rolle in Bayern – nicht zufällig kommen keinerlei Frauen vor. (Und muss mehrmals laut lachen. Zumindest wenn man ich ist.)
„Gegen die CSU hilft nur Ironie“.

Die CSU geriert sich als bayerische Staatspartei, sie tut so, als hätte Strauß die Alpen persönlich aufgefaltet, Stoiber den Chiemsee ausgehoben und Söder die Nürnberger Burg gebaut (er hat ihre Sanierung betrieben, immerhin). Das ist eine Anmaßung, aber schon auch eine Einladung an Journalisten. Einer Partei, die so lange so sehr dominiert, muss man besonders genau auf die Finger schauen.

(…)

Heute ist es jedenfalls die nobelste Pflicht des Söder-Korrespondenten, das wachsende Auskunftsbedürfnis zu befriedigen. Manche Leute fragen einen nach Söder, wie sie einen Tierpfleger im Zoo Hellabrunn nach einem Panda fragen würden: Wie weich ist das Fell? Braucht er viel Schlaf? Isst er auch gut?

(…)

Söder gewährt Journalisten viel freimütiger Nähe als andere Politiker. Sogar jetzt als bayerischer Ministerpräsident ist er leichter greifbar als der ein oder andere Oppositionspolitiker. Söder war ja selbst mal kurzzeitig Redakteur beim Bayerischen Rundfunk, er weiß, dass in der Nähe für ihn mehr Chance liegt als Gefahr. Dass mit einem Foto vor einem Klopapierberg viel gewonnen ist und mit ein paar Journalisten-Glossen zu eben jenem Foto wenig verloren. Im Gespräch hat Söder gewöhnlich einige kunstvoll vorgefertigte Wortschnitzereien parat, sagen wir: „Corona ist ein Charaktertest für die Gesellschaft.“ Er wiederholt das Schlüsselwort, das er in der Zeitung wiederfinden will, dann so lange, Charaktertest, Charaktertest, bis der Journalist, Charaktertest, das Wort in seinen Block schreibt. Erst dann lässt Söder von seinem Opfer ab. Angesichts von Profis wie Söder muss man sich immer wieder bewusst machen, dass die Zuwendung, die man von ihm erfährt, vielleicht gar nicht der eigenen hochspannenden Persönlichkeit geschuldet ist, sondern dem Einfluss der Zeitung, für die man arbeitet.

die Kaltmamsell

3 Kommentare zu „Journal Mittwoch, 29. Juli 2020 – Gebremste Urlaubsvorfreude“

  1. skh meint:

    Lohnarbeit ist in der Tat ein höchst fragwürdiges Konzept und nicht gut für die Seele. Auch alles Schönreden ändert daran letztlich nichts.

  2. lihabiboun meint:

    Ach, dass Aufmerksamkeit und Freundlichkeit nicht unbedingt der eigenen hochspannenden Persönlichkeit gelten, kann man auch sehr gut an anderer Stelle denn als Journalist erfahren …. oft ist es das Stühlchen, auf dem man sitzt, das sowas auslöst ….

  3. Croco meint:

    Danke für den interessanten und lustige Artikel heute, und für die Artikel von gestern.
    Von der Journalistenperspektive aus gesehen ist das alles auch nicht leicht.
    Besonders nicht, wenn man Urgewalten gegenüber steht.
    Und Herr Söder scheint so eine zu sein.

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