Meine Probleme mit Natascha Wodin, Sie kam aus Mariupol

Mittwoch, 1. Juli 2020 um 20:32

Ein Buch zwischen den Genres, in dem die Tochter einer russischen Zwangsarbeiterin im Dritten Reich im Rentenaltern den Wurzeln ihrer Mutter nachforscht. Das Thema ist eng verknüpft mit meiner eigenen Familiengeschichte (ich bin die Enkelin einer polnischen Zwangsarbeiterin), deshalb interessierte mich das Buch, außerdem geschrieben von einer Romanautorin. Aus demselben Grund fürchtete ich mich davor: Ich habe mehrfach erlebt, dass es mir emotional die Füße wegzieht, wenn mir die Geschichte meiner Großmutter nahe kommt.

Doch gleich das erste Viertel beruhigte mich: Die hochwohlgeborene Familie dieser Mutter, geboren im ukrainischen Mariupol, unterscheidet sich in praktisch allem von dem Hintergrund meiner polnischen Oma, ich war weit genug weg von persönlicher Betroffenheit.

Und so folgte ich der Erzählerinnenstimme interessiert bei ihrer Recherche, hätte gerne mehr über den Hobbyhistoriker Konstantin erfahren, der viele Tage und Nächte opfert, um der Erzählerin bei ihrer Suche zu helfen, verfolgte gespannt, wie dabei die technischen Möglichkeiten der Digitalisierung und des Internets genutzt werden.

Doch dann begann ich mich doch bei der Lektüre immer unwohler zu fühlen. Zunächst war ich irritiert von den ständigen Charakterprojektionen auf Basis der Fotos: Physiognomie/Gesichtsaudruck auf diesem einen Bild wird immer 1:1 mit Persönlichkeit gleichgesetzt. Das las sich sehr nach 19.-Jahrhundert-Schmonzette – und hat natürlich die Kehrseite negativer Zuschreibungen, wenn jemand nicht ins Bild der edlen, vornehmen und entsprechend zartgliedrigen Familie passt, das Wodin sich konstruiert: Der vierschrötig aussehende Kusin stellt sich prompt als Gewalttäter heraus.

Im zweiten Teil erfindet Wodin dann aus den recherchierten Fragmenten, den schriftlichen Lebenserinnerungen ihrer Tante und bekannten historischen Hintergründen eine stringente Lebensgeschichte ihrer Mutter. Ihr ganzes Mitgefühl und zahllose Empathie-erzeugende Details gehören den enteigneten reichen und gebildeten Familienmitgliedern, die in den revolutionären Zeiten alles verloren, verfolgt wurden, hungerten. Selbstverständlich war auch mir all dieses Leid nachvollziehbar, doch ich hörte schon sehr laut das Schweigen über die Ursachen der revolutionären Umstürze im Russland und der Ukraine des frühen 20. Jahrhunderts. Die Geschichte der armen, armen reichen Leute in der russischen Revolution hingegen ist bereits so zum Topos geworden, den die Emigranten im Westen pflegten (sogar die Rolle der loyalen und treusorgenden Dienstbotin ist besetzt, und zwar mit dem Kindermädchen Tonja), dass mir zu einem perfekten Bild nur noch das Auftauchen der letzten Zarentochter Anastasia fehlte.

Oh ja, das war wirklich meilenweit entfernt von der Geschichte meiner polnischen Großmutter Kazimiera Zbydniewska, die als 17-jährige Schneiderei-Lehrling aus dem südpolnischen Klimontov zur Zwangsarbeit auf einem schwäbischen Bauernhof verschleppt wurde, eine stämmige Person mit dreckiger Lache, die gerade mal halbwegs lesen konnte. Und dennoch ebenso viel Anspruch auf Erbarmen hat wie eine gebildete, zarte Anwaltstochter. Wodins Buch aber vermittelt mir den unangenehmen Eindruck, dass das Leid von Menschen mit vermögender, gebildeter Herkunft besonders schwer wiegt, weil die’s doch wirklich nicht verdient haben.

Die detaillierte Beschreibung der Monate, die ihre Eltern als Zwangsarbeiter in Leipzig durchlitten, erweckt durchaus eine Zeit und Schicksale zu Leben, unterstrichen durch grausame und rassistische Zitate aus historischen Quellen. Tatsächlich erzählen sie mehr das Leid, dass die Tochter bei dem Gedanken daran empfindet.

Mit dem Schlussteil konnte ich wieder mehr anfangen, in dem Wodin ihre Kindheitserinnerungen zur Geschichte macht, die harten Jahre am Rand der Gesellschaft, in Armut, ohne Freunde, und den Weg ihrer Mutter in den Suizid (wobei nie das Wort Depression auftaucht, sondern sie immer nur das veraltete „Geistenkrankheit“ verwendet).

Sehr gut nachvollziehen kann ich ja Wodins Sehnsucht, ihre Wurzeln zu kennen: Mit elf die Mutter durch Suizid zu verlieren, muss entsetzlich gewesen sein. Aber ist es nicht etwas arg überkompensiert, schlussendlich die gesamte eigene Persönlichkeit als Resultat der Vorfahren zu konstruieren? Eigene Liebe zur Oper – es gab einen Onkel, der Opernsänger war. Liebe zur Sprache – eine andere Tante war Literaturwissenschaftlerin. Ein ganzes Leben mit dem Gefühl, eigentlich etwas Besseres zu sein – großbürgerliche Unternehmer-Großeltern.

Dass historische Romane etwas vermögen, was rein faktische Geschichtsschreibung nicht kann, hat die Großmeisterin Hilary Mantel klug dargelegt. Die fictionnon fiction-Mischung Sie kam aus Mariupol tut meiner Meinung nach genau das Gegenteil: Durch Emotionalisierung jede Reflexion verhindern.

die Kaltmamsell

6 Kommentare zu „Meine Probleme mit Natascha Wodin, Sie kam aus Mariupol

  1. Sunni meint:

    Ein Teil meiner Vorfahren gehörte zu einer wohlhabenden Oberschicht in Russland, und das Leid über das kommentarlose Erschießen einzelner Familienmitglieder und brutale Enteignungen mit anschließender Zerstörung des ehemaligen Familienbesitzes während der russischen Revolution darf niemals relativiert werden! Es existierte genauso wie das Leid armer und wenig gebildeter Menschen.

    Alle anderen Punkte kann ich voll nachvollziehen, das muss ein unangenehmes Buch sein.
    Danke für den Verriss ;-)

  2. Barbara meint:

    Das hört sich nach einer recht unsympathischen Geschichte an. Standesdünkel oder Menschen, die meinen aufgrund ihres Stammbaums etwas Besseres zu sein ist schlimm und erzeugt bei mir einen Brechreiz.

  3. Fujolan meint:

    Tolle Rezension

  4. Angela meint:

    Danke. Super interessant.

  5. Christine meint:

    Ich kann dem nichts negatives abgewinnen, dass die Autorin dem Schicksal ihrer adeligen Vorfahren soviel Raum gibt. Sie spürt eben ihren Wurzeln und Lebenswelten soweit wie möglich nach – und bemerkt ja selbst an, dass ihre eigene Mutter von den Privilegien der Oberschicht gar nichts mehr abbekommen hat (im Gegenteil).

    Es ist eben eine Familierecherche, die so unverhofft Licht in Unbekanntes bringt, und das fand ich doch sehr berührend. Es ist eben kein allumfassender Roman, der die Geschichte der Revolution (und davor) beleuchtet – das ist aber keine Schwäche.

    Schreibt die Autorin nicht selbst, sie habe nur „Luftwurzeln“? Ich erinnere mich nicht genau, ob das das treffende Wort war. Aber diese tastende, sicher auch immer eigen-interpretierte Suche nach den eigenen Vorfahren, über die man kaum, bis nichts weiss – mich hat das berührt, der Versuch eine untergegange Welt mit Mitteln des Internets auferstehen zu lassen. (Interesse aus biografischen Gründen, bin Flüchtlings-Enkelin)

  6. Frau Irgendwas ist immer meint:

    Jetzt erst gelesen, danke für Ihre Einschätzung.

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