Journal Dienstag, 11. August 2020 – Urlaub in Bremen: Kunsthalle

Mittwoch, 12. August 2020 um 10:12

Gestern war Kunst. Nach Ausschlafen (schrieb ich vorgestern, dass ich Klimaanlagen beim Schlafen meide? Ach papperlapapp…), Bloggen und gutem Morgenkaffee im Restaurant des Hotels spazierten wir durch die bereits vormittags sengende Hochsommersonne zur Bremer Kunsthalle.

Im Erdgeschoß war ein Raum für die Ausstellung von Skulpturen aus 400 Jahren genutzt, die den Menschen darstellten, nach Größe sortiert (leider finde ich auf der Website nichts dazu, kann also Details nicht nachschlagen – hier zumindest ein Bericht des Weserkuriers).

Diese Zusammenstellung brachte mich zum Nachdenken über die Rolle des Kuratierens. Denn: Das Wesen von Skulptur besteht für mich in der Dreidimensionalität, was für mich einschließt, dass ich das Kunstwerk von allen Seiten betrachten kann. Doch das Podest, auf dem diese Skulpturenzusammenstellung ausgestellt wurde, durfte nicht betreten werden. Im Grunde waren sie zu einer Gesamtskulptur verarbeitet, die ich nur gesamt von allen Seiten betrachten konnte. Zusammen mit der stark interpretierenden Beschreibung an der Wand des Saales drängte sich mir der Eindruck auf, dass der Kurator oder die Kuratorin hier selbst Kunst machen wollten statt sich in den Dienst der Kunstwerke zu stellen. Ich weiß noch nicht, wie ich das finde.

Die Idee des Remix, unter der der gesamte Bestand der Kunsthalle einmal umgekrempelt und dann neu ausgestellt wurde, gefiel mir allerdings ausgesprochen gut. Die Einordnung der Kustwerke, die thematischen Zusammenstellungen und die Reflexionen über frühere Ausstellungskonventionen ware angenehm zeitgemäß. Für meinen Geschmack hätten die Erläuterungen der einzelnen Werke weniger interpretierend, sondern mehr beschreibend sein dürfen, aber das liegt wahrscheinlich an meiner Verwurzelung in der Literaturwissenschaft, die dem Apekt „was der Künstler damit sagen wollte“ eine stark untergeordnete Rolle beimisst.

Ein Beispiel: Für mich als Betrachterin war an diesem Kunstwerk oben relevant, dass ich mich darin spiegelte und dass die spiegelnde Oberfläche das Werk durch einen Lichtreflex auf dem Boden davor fortsetzte. Ob die Künstlerin (leider finde ich das Werk nicht im Online-Katalog) das beabsichtig hat, ist mir unwichtig.

Es gab wirklich ein Menge zu sehen. Nach drei Stunden war ich nicht mehr aufnahmefähig und befasste mich in den verbleibenden Räumen nur noch mit einzelnen Werken.

Wir traten hinaus in die Hitze und spazierten sehr langsam in heißem Wind durch den Wall hinüber zur Mühle.

Dort gab es viel Wasser und die erste Mahlzeit des Tages (halb drei ist für Nicht-Arbeitstage ja normal bei mir). Es gab Bruschetta für den Herrn, ich hatte Matjes nach Hausfrauen Art.

Rückweg mit Abstechern im Hachez-Laden und im Bremer Teekontor (jajaja, die Produkte bekäme ich auch in München, ABER), Abkühlen im wohltemperierten Hotelzimmer mit Internetlesen. Auch wenn die Glocken des Doms ausgesprochen häufig läuten: Ich habe selten so wohlklingende Glocken gehört.

Fürs Abendessen folgten wir der Empfehlung einer ehemaligen Bremen-Studentin ins Viertel und aßen im Kleinen Lokal.

Es gab (von links unten gegen Uhrzeigersinn) Saibling mit Erbsenvariationen, Kabeljau mit Blumenkohl, Spargel, Sommertrüffel und Hummerschaum, gerösteten Pulpo mit Spinatcoulis, Bohnenkernen und eingelegtem Fenchel.

Links der Hauptgang: Lammrücken und hausgemachtes Knipp (aus Lamm, eine Art Grützwurst und die lokale Spezialität) mit Bärlauch, Safrangraupen, Kichererbsen und Artischocke. Statt Dessert nahmen wir Käse. Mit Wein ließen wir uns glasweise begleiten und waren ebenso zufrieden wie mit den Speisen.

Spaziergang zurück im Abendlicht.
Nachtrag, weil für die Chronik relevant: Vom Außenbereich des Restaurants aus hörten und sahen wir zwei Mauersegler – fast zwei Wochen nach den letzten in München.

§

Die gestrige Süddeutsche schilderte auf der Seite Drei den Fall von Roberto Rocca, einem kerngesunden 29-jährigen, der COVID-19 überlebte – und jetzt einen Rollator zur Fortbewegung benötigt (€):
„Ich doch nicht“.

Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie, sagt: „Er hat wirklich die ganze Palette der Intensivmedizin bekommen. Ohne Intensivstation wäre das nicht so gut ausgegangen.“

Alexandra Vossenkaul, Co-Chefin der Intensivstation, sagt: „Da hat man oft dagestanden und gedacht: Mein Gott, der ist sechs Jahre jünger als ich.“

Clemens Cohen, Nephrologe, sagt: „Wir kennen viele verschiedene Krankheiten, die vogelwilde Sachen machen. Wo Sie denken: Ulkig, was die Natur da alles anstellt. Bis jetzt war es aber so: Bei all diesen Krankheiten konnten Sie an den Computer gehen oder in einem Buch nachschlagen und sich einlesen. Aber hier, bei Covid-19, gab es einfach nichts.“

(…)

Dass er keine Luft bekam, ist das Letzte, woran er sich erinnert. Das war am 26. März. Das Nächste, woran er sich erinnert, ist, dass er aufwachte, den ganzen Körper voller Schläuche, Kabel und Kanülen, und vor ihm stand eine Ärztin, die sagte: Herr Rocca, heute ist der 4. Mai.

die Kaltmamsell

6 Kommentare zu „Journal Dienstag, 11. August 2020 – Urlaub in Bremen: Kunsthalle“

  1. Michael meint:

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    Gerne gelesen

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  2. Rainer meint:

    Es mag blasphemisch klingen ob der verwandtschaftlichen Beziehungen, aber ich erinnere mich noch gut an einen Spanier in Bremen, der sehr lecker war… falls noch Zeit und Lust darauf besteht :-)
    https://don-carlos-bremen.de/
    Herzliche Grüße und noch schönen weiteren Urlaub
    Rainer

  3. die Kaltmamsell meint:

    Nach sechs Stunden Wanderung, Rainer, bin ich heute Abend nirgendwo mehr hin gegangen. Allerdings hat man mir in diesem Don Carlos mal ein angeblich spanisches Gericht mit dicker Sahnesoße serviert – seither bin ich misstrauisch.

  4. Gaga Nielsen meint:

    wie die Skulpturen da wie mit der Gießkanne ausgeschüttet, in der Kunsthalle herumstehen, hat das (zumindest auf den Fotos) doch ein wenig den Charme eines Aufbewahrungsraums im Keller… oder wie in der Werkstatt beim Marien-Schnitzer in Altötting… als Kuratoren-Skulptur auf jeden Fall erklärungsbedürftig. Wäre da ein Baby von mir dabei, wäre mein Mutterstolz beleidigt. Wer hat da was davon, fragt man sich… Museologie ist ja ein eigener Studiengang, aber auch da wird es mehr oder minder begabte Absolventen geben.

  5. Bea meint:

    Wunderbar, dass Sie die tollè Türklinke in der Kunsthalle mit aufs Foto genommen haben. Klasse!

  6. Rainer meint:

    Zurecht!!!

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