Journal Freitag, 28. August 2020 – Arbeitsbrocken explodiert, Beifang aus dem Internetz

Samstag, 29. August 2020 um 9:23

Diesmal nützte das Novalgin nicht so viel, ich hatte wieder eine zerstückelte Nacht mit Schmerzenspausen.

Dennoch kam ich bei Weckerklingeln gut aus dem Bett, rechtzeitig für eine halbe Stunde Crosstrainer-Strampeln. Radfahren in die Arbeit weiterhin asymmetrisch, weil ich nur links wirklich treten kann, rechts Schmerzen.

Wegen Überweisung durch die Hausärztin einen Augenarzttermin festgemacht, diesmal funktionierte das angebotene Online-System zur Terminvereinbarung und ich erhielt eine Bestätigung.

Sie wussten natürlich: Wenn man einen Brocken unangenehmer Arbeit auf kurz vor knapp verschiebt, stellt sich beim panischen Anpacken heraus, dass irgendeine Voraussetzung nicht funktioniert und erst freigeschaltet (o.ä.) werden muss. Wissenschaftliche Freude: Das konnte ich gestern verifizieren. Leider stellte sich bei näherer Betrachtung des Brockens, dessen größte Teile ich von jemandem übernommen hatte, nach und nach heraus, dass ich ihn unmöglich bewältigen kann, zum Teil wegen fehlender Fertigkeiten (Beispiel: ich hätte fließendes Neugriechisch benötigt), zum Teil wegen hint‘ und vornd‘ fehlender Kapazitäten. Bis ich genug Überblick hatte, um zu diesem Schluss kommen zu können, war ich am Nachmittag bereits über meinen Vorsatz eines pünktlichen Feierabends hinaus. Es wurde spät.

Mittags hatte ich die Panik erst mal weit genug weggeschoben, dass ich sogar Pause machte: gelbe Tomaten aus Ernteanteil, eine Schüssel Joghurt und Hüttenkäse mit Marajuca. Nachmittagssnack war ein Stück Eiweißriegel zur Hungerberuhigung.

Nach einem sonnigen Morgen und Mittag zogen am Nachmittag immer dunklere Wolken herauf. Kurz vor meinem eigentlich geplanten Feierabend begann es heftig zu regnen. Ein Blick auf den Regenradar zeigte mir, dass auch der ungeplant späte Feierabend mich nicht retten würde: Das Regenband bewegte sich in nordöstlicher Richtung längs genau über München hinweg. Nachdem ich der Wettervorhersage entnommen hatte, dass es auch am Wochenende durchregnen würde und ich mein Fahrrad sehr wahrscheinlich nicht nutzen würde, ließ ich es stehen und stieg in die U-Bahn. Meine geplanten Einkäufe im Süpermarket erledigte ich dennoch, indem ich bereits an der Theresienwiese ausstieg und zu Fuß weiter hinktrippelte. (Das mit dem Regen ist noch ein Glück: Die Infektionszahlen COVID-19 sind in München so stark gestiegen, dass die Stadt ein gestaffeltes Alkoholverbot verhängt hat – bei Feiermöglichkeit draußen befürchtete ich Krawalle.)

Daheim freute ich mich nach zehn Tagen Pause auf Alkohol: Es wurde Rieslingsekt von Buhl zur Feier des Wochenendes.

Herr Kaltmamsell servierte viererlei Röllchen:

Mangold gefüllt mit Hühnerhack, gedämpfte Schweineröllchen mit Pflaumenfüllung, Sushi (Gurke und eingelegte Zucchini), Frühlingsröllchen (gefroren gekauft). Das war alles sehr gut, besonders mochte ich, dass die selbstgemachten Sushi deutlicher nach Algen schmeckten als die gekauften. Zum Nachtisch wieder Süßigkeiten.

Im Bett begann ich die Lektüre von Halldór Laxness, Hubert Seelow (Übers.), Das gute Fräulein. Hatte ich in einer meiner Ecken ungelesener Bücher gefunden, keine Erinnerung, wie es zu mir kam. Das erste Kapitel gefiel mir gleich mal.

Neben sonstigen Veränderungen meines Körpers zieht jetzt auch meine Sehkraft nach: Nachdem ich jahrelang gut mit Brille absetzen (Bücher, Zeitung, Ausdrucke auf Schreibtisch, Pediküre, Näharbeiten) und aufsetzen (alles sonst ab Entfernung Computerbildschirm) zurecht kam, ertappte ich mich vergangene Woche zum ersten Mal bei der verräterischen Geste der Altersweitsichtigen: Die Buchstaben des Buchs vor mir waren nicht scharf, erst ein Weghalten um zehn Zentimeter schärfte sie. Weiterer Punkt auf meiner Liste post-OP und nach stationärer Reha: Neuvermessung Sehvermögen, neue Brille.

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Ich bin ja nicht gläubig, habe aber durchaus etwas übrig für bizarre religiöse Rituale (und seien wir ehrlich: ohne Glauben wirkt praktisch jedes religiöse Ritual bizarr). Wieso wurde eigentlich die Götterwelt der Antike abgeschafft? Mit der könnte ich mich anfreunden. Der Kreis ist jederzeit erweiterbar (man weiß ja nie, ob’s nicht bei anderen auch Götter und Göttinnen gibt, die man halt einfach noch nicht kennt – echte Inklusion), keinerlei Illusionen von Allmacht, internes Gehakel, wie’s halt immer ist, die Menschen sind göttlicher Willkür ausgeliefert (haben also immer eine Erklärung/Entschuldigung, Scheitern war halt Hybris gegenüber dem göttlichen Plan, wundern sich über nichts). Und die Rituale: Opfer auf Tempelstufen darbringen, gebetet wird nur laut (um sicherzustellen, dass man nicht heimlich die Nachbarin verflucht). Treffen Sie mich demnächst vor dem römischen Pantheon (erst mal alle anbeten, in die Details gehen wir später).

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Künstler/Künstlerin/Kunstkollektiv Banksy finanziert ein Flüchtlingsboot:
„Banksy funds refugee rescue boat operating in Mediterranean“.

“Hello Pia, I’ve read about your story in the papers. You sound like a badass. I am an artist from the UK and I’ve made some work about the migrant crisis, obviously I can’t keep the money. Could you use it to buy a new boat or something?”

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Falls Sie Tagebuchblogs mögen oder auch nur Erzählblogs der Alten Schule (EAS): Herzbruch hat wieder angefangen. Hier ein empfehlenswerter Einstiegspost, der unter anderem Kinderniedlichkeit enthält:
„When I’m 64“.

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Schönes Online-Projekt eines Teams um den Münchner Rom Radoslav Ganev mit Unterstützung der Stadt München:
Romanity.

via @mosaikum

die Kaltmamsell

2 Kommentare zu „Journal Freitag, 28. August 2020 – Arbeitsbrocken explodiert, Beifang aus dem Internetz“

  1. Hauptschulblues meint:

    Und H. freut sich, dass die Lichterkette das Romaity-Projekt unterstützt.

  2. Christine meint:

    Wenn ich mir die katholische Kirche so anschaue, so wird das mit der Götterwelt ja schon seit Jahrtausenden praktiziert: Es gibt für jeden Bedarfsfall irgendeinen Heiligen, den man anrufen kann. Oder zu dem man sogar pilgern kann. Und wenn irgendwo etwas fehlt, dann findet man bestimmt einen Lückenfüller (https://de.wikipedia.org/wiki/Kateri_Tekakwitha)

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