Journal Freitag, 18. September 2020 – Geschöfft und Geburtstag

Samstag, 19. September 2020 um 8:28

Ich hatte mir den Tag frei genommen: Morgens ein Einsatz als Schöffin, außerdem hatte Herr Kaltmamsell Geburtstag – da ließ ich doch mal ein paar Überstunden so springen, statt sie mir auszahlen zu lassen.

Nach gemischter Nacht stand ich früh auf, um Herrn Kaltmamsell Geburtstags-Milchkaffee servieren zu können, bevor er in die Arbeit musste. Und für eine Runde Crosstrainer.

Chronistinnenpflicht: So sehen die Kastanien vorm Haus heuer um die Zeit aus, also nur mittel niedergefressen von Miniermotten.

Das Radeln zum Gericht dauerte doppelt so lang wie von Google Maps veranschlagt: In der Rush Hour waren so viele Fahrräder unterwegs in einer weiterhin nicht auf Radverkehr ausgerichteten Infrastruktur, dass nicht nur jede Ampel bei Ankunft auf Rot stand, sondern auch so viele Fahrräder davor warteten, dass einmal nicht alle bei einer Grünphase durchkamen. Statt Tempo zu versuchen, schwamm ich in der Radlmasse mit, um mich nicht zusätzlich in Gefahr zu bringen.

Corona-Maßnahmen am Eingang des Justizzentrums: Meine Schöffinnen-Ladung hatte ein vorausgefülltes Formular mit Kontaktangaben umfasst (Service!), das musste ich nur noch unterschreiben und abgeben.

Den Sitzungssaal fand ich erst mal nicht – ein erstes Mal, denn die Bezeichnung der Säle folgt eigentlich einem nachvollziehbaren System. Ein freundlicher Polizist vor einem anderem Saal konnte mir helfen und die Richtung weisen; dass ich nicht die erste mit diesem Problem war, sah ich an vereinzelten auf dem Weg mit Tesa befestigten Zetteln, auf denen die Saalnummer stand. Doch eine Gerichtsangestellte bat uns ohnehin kurz vor angesetztem Start um Umzug: Die Verhandlung fand in einem anderen, deutlich größeren Sitzungssaal statt.

Ausstattung für Corona-Infektionsprävention: Im Zuschauerteil war ein Großteil der Sitze gesperrt, die Plätze auf Anklage- und Richterbank waren durch stabile Plexiglaswände in sauber geschreinerten Holzfassungen getrennt. Keine Maskenpflicht im Sitzungssaal (aber sonst im gesamten Gebäude) – nachvollziehbar, da Mimik im Gesamtgeschehen eine große Rolle spielt. Die Staatsanwältin nutzte jede Gelegenheit zum Lüften.

Verhandelt wurde zwei Stunden lang ein Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz. Ich lernte wieder eine Menge nicht nur über Gesetzliches, sondern auch über die Arbeitsweise von Richterinnen und Richtern sowie über Ermittlungsarbeit. Neue Wörter: in Tatmehrheit, überschießendes Geständnis.

Vom Richterzimmer aus entdeckte ich, dass im Innenhof des Strafjustizzentrums richtige Apfelbäume stehen.

Anschließend radelte ich an den Josephsplatz: Ich hatte Kleingeld eingesteckt, um nach vielen Monaten mein Projekt Alterungsdokumentation im Fotoautomaten fortzusetzen – am Sendlinger Tor gibt es ja wegen der Bauarbeiten keine Fotoautomaten mehr.

Auf dem Heimweg besorgte ich noch Semmeln, die mit frischen Feigen und Käse mein Frühstück wurden.

Der Tag war gemischtwolkig kühler, doch jeder Sonnenstrahl heizte auf. Ich überlegte, welche Erledigungen anstanden – doch mir fielen keine bis zur Abendessenszubereitung ein. Ich hatte wirklich frei! So setzte ich mich auf den Balkon und las Zeitung, dann ein wenig Internet, dann Karosh Taha, Im Bauch der Königin aus. Dazwischen kam Herr Kaltmamsell aus der Arbeit, dazwischen aß ich eine weitere Semmel und einen Ernteanteilsapfel (in Stücke geschnitten, ich möchte meinen ausgebesserten Schneidezahn nicht durch kraftvolles Zubeißen gefährden).

Für sein Geburtstags-Festmahl hatten wir uns schon vor einiger Zeit gegen einen Restaurantbesuch entschieden: Für einen Draußenplatz war es voraussichtlich zu kühl, und Gastro-Innenbereiche zeichnen sich immer deutlicher als Corona-Infektionsrisiko ab. Also ein Festmahl daheim.

Ich steuerte die Vorspeise bei: Focaccia al formaggio, ein ligurisches Rezept, das ich vor längerer Zeit oft nach Reinhardt Hess, Sabine Sälzer, Die echte italienische Küche zubereitet hatte, jetzt wiederentdeckt.

Diesmal habe ich auch das Rezept mit meinen Erfahrungen aufgeschrieben.

Hauptgang durfte Herr Kaltmamsell basteln.

Flanksteak mit Ernteanteil-Spinat und Süßkartoffel-Pommes aus dem Speisefön (zu lange geföhnt), dazu mallorquinischen Rotwein, zum Anstoßen auch für mich ein Gläschen.

Als Nachtisch war die Crème brûlée vom Vorabend geplant – die unerklärlicherweise nicht fest geworden war. Gab’s halt gehaltvolle Crème anglaise mit Zuckerkruste.

Jähes Ende des Abends: Mir wurde schlecht. Sehr. So blieb mir nur, mich bei Herrn Kaltmamsell für mangelnde Aufmerksamkeit auf seinen Geburtstag zu entschuldigen und schnell ins Bett zu gehen. Wo sich die Übelkeit zum Glück beruhigte und ich einschlief.

die Kaltmamsell

12 Kommentare zu „Journal Freitag, 18. September 2020 – Geschöfft und Geburtstag“

  1. Dentaku meint:

    „Speisefön“ <3

  2. poupou meint:

    Super, dass Sie als Schöffin tätig sind! Vielleicht ist sogar die „Vermittlung der Arbeitsweise von Richter*innen“ an Menschen außerhalb des Justizapparates fast wirkungsvoller als die Mitwirkung am eigentlichen Verfahren (die natürlich auch sehr wichtig und relevant ist).

  3. Joël meint:

    „in Tatmehrheit, überschießendes Geständnis.“
    Da musste ich zweimal überlegen.
    Nur damit ich weiß dass ich richtig liege: Heißt das, er oder sie hat die Tat zu über 50% gestanden?

  4. die Kaltmamsell meint:

    Überschießendes Geständnis bedeutet, dass jemand viel mehr gestanden hat, als ihr/ihm unterstellt wurde, Joël. Tatmehrheit ist komplizierter.

  5. Sabine meint:

    Die Münchner Innenstadt mit den vielen Baustellen ist fahrradmäßig gerade der absolute Irrsinn. Hier und da erkennt man Bemühungen, dem deutlich gestiegenen Radleraufkommen auch etwas Platz zu schaffen, aber es sind unhaltbare Zustände. War da nicht was mit Radentscheid? Hier, rechts der Isar, ist alles nicht ganz so schlimm, deswegen fällt es mir um so ärger auf.

  6. poupou meint:

    @Joël Tateinheit und Tatmehrheit sind relevant bei der Strafzumessung. Eine Handlung, die mehrere Strafgesetze verletzt wird anders beurteilt als mehrere eigenständige Handlungen.

    Stehle ich an drei Tagen je eine Flasche Wein sind das drei Diebstähle aus drei Handlungen, also Tatmehrheit.

    Breche ich in ein Haus ein und stehle dort drei Gegenstände, dann gilt das als eine Handlung, die mehrere Strafgesetze betrifft (Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch, dreimal Diebstahl), also Tateinheit.

    (Die Beispiele sind natürlich konstruiert und im Detail kann das noch deutlich komplizierter sein).

  7. die Kaltmamsell meint:

    Danke für die Erklärung, poupou!

  8. Joël meint:

    Danke auch meinerseits. Jetzt hab ich es kapiert :-)
    Und nachträglich alles Gute dem Herrn Kaltmamsell.

  9. Frau Irgendwas ist immer meint:

    Herr Kaltmamsell – herzlichen Glückwunsch!

  10. Flusskiesel meint:

    Herzliche Schöffengrüße (bin Hilfsschöffe am LG Duisburg) und besten Dank für das Focaccia-Rezept. Das probiere ich bald mal aus.

  11. die Kaltmamsell meint:

    Oh, Landgericht, Flusskiesel: Dann haben Sie es vermutlich mit heftigeren Straftaten als ich am Amtsgericht zu tun.

  12. caterina meint:

    Nachträglich alles Gute dem Herrn Kaltmamsell! (Wir teilen uns den Geburtstag!) Und Ihnen gute Nerven bis zur OP!

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