Journal Donnerstag, 17. September 2020 – Zerschlagen daheim

Freitag, 18. September 2020 um 6:38

Bis zum Weckerklingeln hatte ich sogar mehr als drei Stunden am Stück geschlafen, es weckte mich gründlich. Ich hätte mir sogar eine Zusatzstunde gegönnt, doch jetzt war ich wach und der Puls ging nicht wieder runter. Doch nach einigem Hin- und Herdenken überm Morgenkaffee und da mich die Migräne-Nachwehen immer noch nicht geradeaus schauen ließen, gab ich der grundsätzlichen und tiefen Zerschlagenheit nach: Ich meldete mich krank.

Erster Effekt nach Abfallen des Zusammennehmens: Ich konnte in mich horchen. Und fand dort unter anderem die Angst vor der OP. Meine Vernunft weiß sehr wohl all die Fakten, ich habe gründlich recherchiert, viele beruhigende Anekdoten gehört, bin auf dieser Ebene nicht nur ruhig und gefasst, sondern freudig aufgeregt: Erstens Abenteuer, zweitens Wissenschaft und Technik, drittens eine Lösung für mein langjähriges Problem.

Aber: HOLY SHIT! Man wird mein Bein aufschneiden, ein fast faustgroßes Stück Knochen aus meinem (!) Körper sägen, einen dreimal so großen Titankeil längs in den Oberschenkelknochen einhauen. In meinen Körper, dem schon die Vorstellung Unbehagen bereitet, Farbe unter die Haut nadeln zu lassen. Es ist meiner Ansicht nach völlig in Ordnung, dass mich das beutelt und verstört, auch diese Seite gehört zu mir.

Zweiter Effekt und Migräne-typisch: Nichts müssen. Über den gestrigen Vormittag weiß ich fast nichts mehr, ich schaute einfach nur migränisch blöd.

Dritter Effekt: Beim Hinterherlesen der Twitter-Timeline seit Mittwochnachmittag ein Dutzend assoziativ gelockerte Tweets rausgehauen. Weil zum einen Migräne eine neurologische Erkrankung ist und bei vielen Betroffenen zu Synapsengewitter führt (auch beschrieben hier von novemberregen), unter anderem bei mir. Weil zum anderen so früh am Morgen eh fast niemand auf Twitter ist. (Oh selig befreiende Irrelevanz!)

Gegen Mittag duschte ich und zog mich an. Erholsame frische Luft holte ich mir auf einer langsam erhumpelten Einkaufsrunde. Das Wetter war leicht abgekühlt und ein wenig wolkig.

Zurück daheim Frühstück mit eben geholten Semmeln, Käse, frischen Feigen, dann verlangte die Erschöpfung eine weitere Schlafrunde.

Nach diesen beiden Stunden fühlte ich mich ganz wiederhergestellt. Mittlerweile war Herr Kaltmamsell heimgekommen, hatte unterwegs den Ernteanteil der Woche abgeholt (für uns kein Kürbis, den hatten wir schon in der Woche davor, und statt Mangold Spinat – jetzt, wo wir so viele Haushalte geworden sind, gibt es öfter mal von einem Gemüse nicht genug für alle 1500 – völlig in Ordnung).

Ich setzte mich auf den Balkon und las die Süddeutsche des Tages. Vorm Balkon klackerten, plumpsten, raschelten, donnerten die Kastanien herab, je nach Landestelle. Dann kurze Küchentätigkeit: Für das Geburtstagsfestmahl am Freitagabend machte ich das Wunsch-Dessert Crème brûlée.

Auch für das Abendessen sorgte ich:

Gestern wieder mit Tahini-Dressing. Zum Nachtisch Schokolade.

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Frau Nessy verlinkte einen Fahrradklima-Test des ADFC. Ich fand den Fragebogen gut gemacht und empfehle Teilnahme hiermit weiter, der ADFC könnte als Lobby-Sprecher Gehör finden. Die Stadt der Zukunft MUSS andere Prioritäten als den Pkw-Verkehr haben.
„Und wie ist das Radfahren in Deiner Stadt?“

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Die Website Jobinklusiv fasst faktenreich und gut aufbereitet zusammen:
„Wie das System der Behindertenwerkstätten Inklusion verhindert und niemand etwas daran ändert“.

Dabei gibt es Behinderte, für die tatsächlich eine so betreute Berufstätigkeit ideal ist. Nur reichen die wohl nicht aus, um das System in der jetzigen Form am Laufen zu halten.

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Tierniedlichkeit: Igel mit Nachwuchs, bitteschön.

die Kaltmamsell

9 Kommentare zu „Journal Donnerstag, 17. September 2020 – Zerschlagen daheim“

  1. die M. meint:

    Liebe Kaltmamsell, ist Ihr Tahini-Dressing schon in Ihrem Blog verewigt? Ich habe es nach einiger Recherche nicht gefunden und wäre sehr interessiert. Viele Grüße, die M.

  2. die Kaltmamsell meint:

    Es wird jedesmal etwas anders, die M., hier habe ich es notiert:
    https://www.vorspeisenplatte.de/speisen/2020/08/journal-donnerstag-20-august-2020-kranker-urlaubstag.htm#comment-256381
    https://www.vorspeisenplatte.de/speisen/2019/06/journal-freitag-28-juni-2019-rueckreise-von-utrecht-in-die-hitze-und-hektik.htm#comment-253116

  3. die M. meint:

    Danke! Allerdings sehe ich den Aufschrieb nirgends. Ist er in den Kommentaren? Ich sehe da leider keine. „Kismet“ von J. Arjouni mochte ich auch. Schade, dass da nichts mehr nachkommen kann.

  4. die Kaltmamsell meint:

    Ein Klick auf die Links, die M., bringt sie direkt zu den Rezepten, die ich für früher fragende Kommentatorinnen aufgeschrieben habe.

  5. Hauptschulblues meint:

    „die Angst vor der OP“:
    H.s verstehen dich sehr gut. Aber manchmal gibt es halt keine Alternative. Wir sind bei Dir.
    Melde Dich krank, wann immer es nötig ist. Das ist kein „Versagen“.

  6. Olili meint:

    Liebe Kaltmamsell,
    du magst ja verständlicherweise keine „wohlgemeinten“ Ratschläge und kannst ganz gut für dich selbst recherchieren, daher nur so viel: hab als Mittvierziger seit 14 Jahren beidseitig Hüft-Teps, inzwischen sogar schon einen Austausch. Und es war’s allemal wert. Nichts ist schöner als die Rückkehr der Lebensqualität und die Abkehr von den Schmerzen… und ich freue mich wirklich sehr darauf, davon bei dir lesen zu dürfen…:)

  7. Stahldame meint:

    Ich musste von der mobilen auf die Desktop-Ansicht umschalten. Dann sehe ich die Kommentare mit dem Rezept.

  8. die M. meint:

    Danke, Frau Kaltmamsell — die Links funktionieren bei mir nur am Laptop richtig, auf Android sah ich die Kommentare zu den entsprechenden Einträgen nicht. Viele Grüße und ein schönes Wochenende. Die M.

  9. die M. meint:

    Ja, genau, ich auch!

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