Journal Sonntag, 20. September 2020 – Schofar-Erfahrung und Fünf Kugeln in Kamin

Montag, 21. September 2020 um 6:36

Recht gute Nacht, lang geschlafen.

Entspanntes ausführliches Bloggen (ich genieße es sehr, wenn ich dafür Muße habe), draußen beschien die Sonne kühle Morgenfrische.

Schwimmpläne abgeblasen. Vielleicht war ich einfach träge, doch ich rationalisierte das flugs mit Minderung von Ansteckungsrisiko sowie mit körperlicher Schonung vor OP (wenn untrainierte Körper vor einer Hüft-OP aufgebaut werden müssen, sollten trainierte Körper vielleicht die zwangsläufige Fehlbelastung langsam runterfahren?).

Statt dessen kurzentschlossen Teig für einen Sonntagszopf geknetet, fürs Zweistrang-Flechten wieder in der Videoanleitung gespickt.

Aus dem Schwimmen wurde ein seltenes Vollbad. Als ich gerade angezogen war, rief mich Herr Kaltmamsell ans Fenster: Er hatte einen Grünspecht erspäht! Den Ruf kann ich ja seit einigen Monaten identifizieren, weiß daher, dass es mindestens zwei in Hörweite gibt, doch die Viecher hatten sich nie gezeigt. Jetzt saß einer im Gras vorm Haus und pickte nach Würmern.

Noch vor Anschneiden des Zopfs gingen wir raus in den schönen, sonnigen Tag zur Synagoge – und jetzt weiß ich, wie ein Schofar klingt: Die Israelitische Kultusgemeinde hatte zum öffentlichen Blasen anlässlich Rosch Haschana auf den Jakobsplatz eingeladen, ich hatte die Meldung im Lokalteil der Süddeutschen entdeckt. (Klingt eher hell: „träääät“.) Fröhliche Anblicke: Der Bub mit Kippa und Skateboard unterm Arm, der Kippaträger in Lederhosen und Wadlstrümpf – jüdisches München halt.

Rückweg durch die Sendlinger Straße. Neben Body Shop haben zwei weitere etablierte Läden auf der Länge von 100 Metern aufgegeben.

Zum Frühstück machte ich mir zum frischen Zopf Rührei – unter anderem als Lösung für mein altes Problem: Wohin mit dem restlichen Ei vom Gebäckbestreichen?

Nachmittag auf dem Balkon mit ausführlicher Eichhörnchen-Show.

Ich las Polly Hobson, Katharina Boje (Übers.), Fünf Kugeln in Kamin aus. Das Ende der Geschichte (Familie wiedervereint, weil die Mutter ihren Beruf als erfolgreiche und bekannte Modedesignerin aufgegeben hat) bereitete mir zwar Unbehagen, doch ich konnte immer noch gut nachvollziehen, warum ich das Buch als Kind wieder und wieder gelesen habe. Unter anderem wegen der Illustrationen von Margret Rettich.

Hier habe ich ziemlich sicher zum ersten Mal von „Puritanern“ gelesen. Was das bedeutet, lernte ich erst Jahre später.

Aus Text und Illustration geht hervor, dass die Buben und Mädchen (um die 11 bis 13 Jahre alt) ganz unbefangen miteinander baden. Das gefiel mir.

Englisches Internatsleben – das kannte ich ja aus der Dolly- und der Hanny-und-Nanny-Reihe von Enid Blyton. Allerdings war mir damals nicht klar, wie speziell englisch es war.

Bei der neuen Lektüre fiel mir allerdings die an vielen Stellen amüsant verfehlte Übersetzung von Katharina Boje auf – kann es sein, dass Boje einfach nie in England gewesen war? Der „bequeme Stuhl“ zum Beispiel war ziemlich sicher ein comfy chair – also ein Sessel.

Herr Kaltmamsell schlug vor, den ziemlich durchgelesenen Band mit halb abgerissenem Rücken von der Buchbinderin reparieren zu lassen. Ja, das möchte ich gerne.

Die Wäsche vom Wochenende gebügelt, auf dem Balkon Internet gelesen, Apfel und noch mehr Hefezopf gegessen.

Zum Nachtmahl machte Herr Kaltmamsell Senfhuhn: Das Rezept hatte mich in der Süddeutschen angelacht. Schmeckte sehr gut.

Abendunterhaltung: Wir sahen die erste Folge Oktoberfest 1900 in der Mediathek an, auf Freundesempfehlung. Hmja, ausgesprochen waghalsige Kamera, ungewohnte Maske (Glanz, Furchen und große Poren), wilde Musikzusammenstellung – aber ich bekam viel zu wenig interessante Menschen oder interessante Geschichte, als dass mich weitere Folgen reizen würden. (Ich kann das mit den Serien nicht.)

Im Bett das nächste Buch angefangen: Irène Némirovsky, Die Familie Hardelot.

§

Verfang.
(Ich weiß ja nicht, ob die beiden dasselbe Spiel spielen.)

die Kaltmamsell

15 Kommentare zu „Journal Sonntag, 20. September 2020 – Schofar-Erfahrung und Fünf Kugeln in Kamin

  1. Madame Graphisme meint:

    Das Buch habe ich als Kind auch geliebt!
    Ich hatte es aus dem Lesebestand deutlich älterer Cousins bekommen und war ebenfalls von den Illustrationen völlig hingerissen.
    Die klaren Linien und definierend aber sparsam eingesetzten Schwarzflächen haben mich bis heute in meinem Stil beeinflusst.

  2. Sabine Kerschbaumer meint:

    Guten Morgen,

    hachja, Margret Rettich, die hat so viele Bücher meiner (unserer) Jugendzeit illustriert.

    Ich habe gerade meinen Favoriten aus Jugendtagen wiedergefunden: „Anne“. Strickende Frauen, klug und bescheiden, was ein Frauenbild. Aber die Schilderungen über die Norwegerpullover aus handgesponnenen Garne, die haben geprägt. (Produktiv) Spinnen und stricken begleiten mich seit über 40 Jahren.

    Eine schöne, möglichst schmerzfreie Woche wünsche ich Ihnen.

  3. kochschlampe meint:

    Nachdem der Mann an meiner Seite in den Ferien sehr überrascht war, dass die Dolly, Hanni und Nanni etc Bücher keine deutschen Eigengewächse sind sondern eigentlich englisches Internatsleben darstellen, habe ich die Übersetzungsgeschichte dazu ein wenig nachgelesen und musste lernen, dass die Bücher nicht nur ins Deutsche übertragen worden sondern komplett adaptiert wurden. Schnell mal die ersten drei Dolly-Bänder (Mallory Towers) im Original nachgelesen: und ja, wirklich ganz andere Stimmung und auch andere Sportarten. Die Mädchen spielen Lacrosse!

  4. mhs meint:

    Ach, danke für die Aufklärung warum ich das Buch immer mit dem Buch den Namen Rettich verband und es deshalb nicht finden konnte (an die Illustrationen selbst hatte ich keine Erinnerung; welch eine Fehlleistung! Und doch schwangen sie wohl immer mit.)
    Ein wunderbares Buch, mit dem ich die Klassenbibliothek und die Möglichkeiten einer Ausleihe kennenlernte! Welch ein Wunderding für eine Leseratte. Ich weiß nicht wie oft ich es gelesen habe.

  5. die Kaltmamsell meint:

    Wie spannend, Madame Graphisme! Können Sie mir mehr über die Technik sagen? Ich war bislang von einer Tuschefeder ausgegangen. Mich erinnert die Technik an die Illustrationen meiner Pippi-Langstrumpf-Ausgabe:
    https://www.vorspeisenplatte.de/speisen/2010/10/tag-9-das-erste-buch-das-du-je-gelesen-hast.htm
    Und eben entdecke ich, dass die ja auch von Margrets Mann Rolf stammen!

    Das nehme ich mir seit Jahren vor, kochschlampe, Blyton mal im Original zu lesen. Lacrosse hätte mir vermutlich als Kind nichts gesagt – aber das tat es auch in Fünf Kugeln im Kamin nicht, wo es stehenblieb.

  6. Sewwi meint:

    Bei uns gab es Sonntag-Abend auch das Senfhuhn.Ich hatte es unseren Gästefreunden als Bestes der Welt angekündigt: Es war wirklich sehr gut, aber für diesen Titel war noch ein wenig Luft nach oben. Bei Ihnen auch? Vielleicht lag es wirklich am fehlenden Edelzwicker?

  7. die Kaltmamsell meint:

    Schmeckte uns sehr gut, Sewwi, war aber tatsächlich kein einmaliges Erlebnis. Ich nehme eher an, es lag an den fehlenden Kindheits-Assoziationen.

  8. Madame Graphisme meint:

    Es sieht tatsächlich nach Feder und Tuschepinsel aus. Es könnte auch komplett Pinsel sein. Gerade der Kontrast mit den gebrochen wirkenden Linien und den sehr organischen „Flecken“ war ja damals sehr beliebt. Die Dynamik der Linien wird dabei ja nicht über eine Varianz in der Breite des einzelnen Strichs erzielt, sondern fast ausschließlich über dieses völlig unabhängig stehenden Linien in unterschiedlichem Gewicht. Gut zu sehen bei den gleichmäßig blockigen Spiegelumrandungen im Kontrast zum tülligen Röckchen des Mädchens.
    Es ist echt ikonisch – man erkennt die Zeit von weitem! :)
    Ein bisschen ist dieser Linien-Flächen-Kontrast in der aktuellen Buch/Magazinillustration ja auch wieder voll da. Zum Beispiel manche Header beim Wired (der Pompeji-Artikel).

    Zur Arbeitsweise kann ich als Tochter des digitalen Illustrationszeitalters leider nur noch wenig sagen. Im Studium hat man uns zwar alles eingeimpft, aber ich hatte nie Freude am analogen Arbeiten, habe mich mit praktisch allem gründlich eingesaut und alles derart oft wieder angefangen, weil mysteriöse Flecken auftauchten, dass ich keinerlei positive Konnotation mehr habe. Mit Tusche und farbiger Tinte habe ich mit Metallfedern gearbeitet, den Tuschepinsel nur für Kalligraphie benutzt.

  9. Norman meint:

    Ich persönlich finde den Illustrationsstil furchtbar manieriert und symptomatisch für die Nachkriegszeit.

  10. poupou meint:

    An den Rettich-Stil erinnere ich mich zwar auch gut aus meiner Kindheit, ich verbinde diese Art der Illustration aber mit damals meist schon älteren Büchern die ich „vererbt“ bekam oder aus der Bücherei auslieh, mir erschien der Stil damals altmodisch. Für mich sehr prägend war dagegen Ilon Wikland (https://www.oetinger.de/person/ilon-wikland) die „meine“ Lindgren-Ausgaben illustriert hatte – rückblickend habe ich als Mädchen jahrelang versucht, ihren Zeichenstil nachzuahmen…

  11. Simone meint:

    Was für ein Spaß, Hund und Huhn sind ja wirklich herrlich! Scheint fast, als würden die beiden das öfters machen.

  12. Hiwwelhubber meint:

    restliche eistreiche: in ganz kleine schraubgläser füllen, einfrieren – rechtzeitig auftaun und das nächste mal zum streichen verwenden.
    klappt hervorragend – oft gibt ein ei dann dreimal streichen (also: zwei gläschen dann verwenden).

  13. Lila meint:

    Ich habe das Buch als Kind auch geliebt. Ich habe überhaupt gern Bücher, in denen Häuser Protagonisten sind, mit einer ganz starken Atmosphäre – und es gibt in der britischen Literatur bis in die Kinderbücher solche Häuser, die einem länger in Erinnerung bleiben als die Menschen. Rettichs Illustrationen sind unverkennbar. Ich würde das Buch sehr gern im Original lesen, leider unauffindbar.
    Über die deutsche Blyton-Rezeption wurde schon viel geschrieben. Eine gaze Ghostwriter-Industrie schrieb unter Blytons Namen neue Geschichten, die einfach nur deutsch waren (das Möwennest!!!). Dieser Rattenschwanz deutscher Weiter-Erzählungen des britischen Kanons ist ein Paradebeispiel für interkulturelle Mißverständnisse. Die meisten Briten wissen gar nicht, daß in deutschen Köpfen eine Schatten-Blyton deutlicher präsent ist als das Original.

  14. Lila meint:

    Übriggebliebener Shabat-Zopf wird in Israel gern zu lehem metugan verarbeitet, French Toast. In Ei, Milch, Salz tränken, ausbraten. Nicht süß würzen wie den deutschen Armen Ritter, sondern mit Hüttenkäse und isr. Salat (Gurken, Tomaten, Zwiebeln, Oliven klein hacken, mit Zitronensaft Olivenöl Salz würzen) essen. Ist ein typisches israelisches Frühstück für Sonntag früh (den ersten Tag nach Shabat).

  15. die Kaltmamsell meint:

    Wie spannend, Lila, dass so viele Menschen von dem Buch geprägt wurden! Ich mache mich also auch mal auf die Suche nach dem Original.
    Und danke für den Tipp French Toast!

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