Journal Samstag, 24. Oktober 2020 – Klinikweihnachten und Celeste Ng, Little Fires Everywhere

Sonntag, 25. Oktober 2020 um 9:13

Im Wechsel eine Nacht mit Schlafpause, in der ich Celeste Ng, Little Fires Everywhere auslas, bis zum Schluss gerne (Details siehe unten).

Frühstück nur mit Tee. Auf jedem Platz lag ein Blatt mit Infos zur Verschärfung der Corona-Maßnahmen in der Klinik: Ab Montag ist gar kein Besuch mehr erlaubt, und es wird nochmal darum gebeten, das Klinikgelände wirklich nur notfalls zu verlassen. Da ich mitbekommen habe, dass viele Patientinnen wochenends auswärts Essen gehen, beziehe ich das nicht auf meine Spaziergänge ohne jeden Menschenkontakt. Auffallend: Seit Einrücken in die Klinik vor dreieinhalb Wochen verzeichnete die Corona-Warn-App keine einzige Risikobegegnung.

Termin am Stationszimmer: „Gewicht“ (unverändert seit Aufnahme). Ich drehte eine kleine Runde im Klinikpark unter düsterem Himmel, bevor der vorhergesagte Regen einsetzte.

Einziger medizinischer Termin des Tages: Bewegungsschiene.

Da ich ein Packerl erwartete, hatte ich morgens an der Rezeption danach gefragt. Da war es noch nicht da, aber kurz vor zwölf klopfte es an meiner Zimmertür und ein Angestellter brachte es.

Frau Brüllen hatte Weihnachten gespielt: Nie wieder Nachmittagshunger! Nie wieder einsame Vollbäder! Nie wieder kalte Füße! Neben Schoko- und Nougatriegel bin ich jetzt mit Ovo Rock und Cola Frischli (gnihihi) ausgestattet, das Fondue-/Raclette-Gewürz setzt baldigst ein Käsefondue auf den Speiseplan. Ich freute mich ganz arg.

Bis Mittag beschäftigte ich mich mit der Wochenend-Ausgabe der Süddeutschen (und Nougat).

Mittagessen: Brokkolisuppe, Gemüsestrudel mit Schwammerlsoße, Himbeerkuchen.

Anschließend war ich Siesta-schwer und legte mich ein bisschen hin. Als ich aufwachte, regnete es nicht mehr, ich verließ das Haus für einen Spaziergang mit Krücken entlang des Söllbachs. Ein paar Minuten befeuchtete mich dazwischen Regen der Qualität Gischt, aber am Ende des Stündchens sah ich sogar blauen Himmel.

Nachmittagsunterhaltung: Ich sah mir endlich den eingemerkten Dokumentarfilm I am not your Negro von Regisseur Raoul Peck an, der auf einem Textmanuskript des amerikanischen Schriftstellers James Baldwin basiert. Mir gefiel sehr gut, wie Baldwins Gedanken zum Rassismus in den USA in den Mittelpunkt gestellt wurden, weil das sehr kluge Gedanken sind. Wenn Sie auch möchten: Hier steht der Film zur Verfügung.

Zum Abendessen gab es nach einer Suppe Tomaten mit frischem Basilikum und Mozzarella – zum Glück Kirschtomaten, die nicht in der Kühlung getötet worden waren. Dazu Butterbrot, ich wurde wieder satt.

Den Abend vertrieb ich mir mit weiteren lang eingemerkten YouTube-Filmchen, unter anderem diesem Vortrag von Michaela Coel, einer britischen Comedian.

Im Bett begann ich eine neue Lektüre: Alicia LaPlante, Turn of Mind.

Celeste Ng, Little Fires Everywhere gefiel mir gut. Der US-Suburbia-Roman ist wohl ein eigenes Genre, mir fallen als Vertreter ein Richard Yates und Evan S. Connell, Mrs Bridge. Klassischerweise werden darin Lebensmodelle hinterfragt, so auch hier. Die zwei einander gegenübergestellten sind: Zum einen die weiße Familie Richardson, die in Ohio in der etablierte Siedlung Shaker Heights leben, wohlhabend, vier jugendliche Kinder, zum anderen die junge Künstlerin Mia und ihre Teenagertochter Pearl, denen die Richardsons eine Wohnung in einem schlichteren Siedlungshaus vermieten. Dass das Ganze nicht gut ausgehen wird, setzt gleich mal der Beginn des Romans: Eine Richardson-Tochter wird am Ende ihr Elternhaus in Brand gesetzt haben.

Ich fand das Buch wirklich gut gemacht, weiß aber nicht, ob ich mir den sense of doom, der als dunkle Wolke über der Geschichte hing, nur einbildete – vielleicht geprägt von all den anderen Suburb-Romanen. In diesem Fall endeten die Dinge nicht halb so katastrophal, wie ich befürchtet hatte. Nur eine strukturelle Mäkelei, und die ist lediglich mein persönlicher Geschmack: Die Motivation und Psychologie hinter den Handlungen der Figuren wurden mir fast immer explizit erklärt (telling statt showing), mir ist es lieber, wenn diese Dinge meiner Interpretation überlassen werden.

die Kaltmamsell

7 Kommentare zu „Journal Samstag, 24. Oktober 2020 – Klinikweihnachten und Celeste Ng, Little Fires Everywhere

  1. Dörte meint:

    Boah, voll das coole Packet! Und dann noch aus dem Ausland. Toll, wenn man eine Frau Brüllen kennt.

  2. Ilka meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Gerne gelesen

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  3. Michael meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Gerne gelesen

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  4. Croco meint:

    Bei dem Päckchen bekomme ich sofort Hunger.
    Und ich danke für diesen Film, er war sehr beeindruckend.

  5. Bobbie meint:

    Witzig! Und schön. Ich lese jeden Tag Frau Brüllen und Frau Kaltmamsell Blog. Sonst nix.

  6. Simone meint:

    Ich bin ja eigentlich nie neidisch, aber: DIE KATZE!

  7. Sabine meint:

    Little Fires Everywhere habe ich sehr gerne gelesen und eigentlich auf die Netflix-Serie dazu gerne gesehen. Das Buch ist aber besser.

    Diese Folge vom The Daily Podcast über Suburban Women ist zum Teil in Shaker Heights aufgenommen und ich musste bei den reuigen Wählerinnen immer an das Buch denken. Auch sonst sehr hörenswert – da sind ein paar Frauen wirklich in sich gegangen. Hoffentlich hilft es was.

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