Journal Mittwoch, 30. Dezember 2020 – Sanct Onuphrius und Leserinnen-Aufmerksamkeit

Donnerstag, 31. Dezember 2020 um 8:30

Gut geschlafen, sehr früher Wecker: Für meine letzte Einheit Nach-Reha-Sport wollte ich möglichst wenig Gesellschaft. Das klappte gut. Gutes, anstrengendes Training, ich reizte jede Übung (die ich mangels Ausstattung ja daheim nicht weiterführen kann) bis zum Anschlag aus.

Den Rückweg hatte ich so getimet, dass ich im Eataly kurz nach Öffnung einkaufen konnte. Das Stück vom Odeonsplatz dorthin ging ich zu Fuß, unter anderem um nach der Schlange vorm Dallmayr zu sehen (am 23. Dezember hatte sie so ausgesehen). Ging um halb zehn nur bis zum Kosmetikteil von Ludwig Beck.

Stolze Barockschönheit Theatinerkirche.

Wiederholt war ich vor diesem Haus am Marienplatz stehen geblieben und hatte das überraschende Mosaik betrachtet, „Sanct Onuphrius“ – ein so obskurer Lokalheiliger, dass sein Name es nicht mal zu den hiesigen Akademikerbuberln der jüngsten 20 Jahre geschafft hat (wo es zum Beispiel vor Korbinians wimmelt). Diesmal fotografierte ich ihn und schlug daheim nach, fündig wurde ich hier und hier: Da schau her, ein Äthiopier, ab dem 12. Jahrhundert Stadtpatron Münchens, „Schutzheiliger für Weber, Homosexuelle, Prostituierte und von sexuellen Übergriffen Bedrohte“. Es sei Volksglaube, „dass kein Mensch, der das Bild ansehe, am selben Tag eines jähen Todes sterbe“. (Man muss ihn sich wohl etwa so vorstellen.)

Eataly hatte laut Website um 9 Uhr aufgemacht, doch als ich dort erst mal Obst und Gemüse ansteuerte, wurde ich vertrieben: Dieser Teil öffne erst um zehn. Na gut, bekommt mein Geld halt jemand anders. Salumi, Käse und Panettone für Silvester verkaufte man mir aber zum Glück. (Die plastikreiche Verpackung bereitete mir ein schlechtes Gewissen, aber die Silvestermenüs von Restaurants hätten mindestens so viel Müll ergeben.) Obst und Gemüse holte ich mir auf dem Viktualienmarkt nebenan.

Daheim betrieb ich eine ausführliche Runde Körperpflege, machte nochmal Milchkaffee – und stellte fest, dass ich frei hatte! Also gemütliches Lesen erst am Tisch, zum Frühstück Brot und mit Ziegenrolle und Sirupquitten, restlichen Spinat-Pie. Im Bett mit Füßehoch abwechselnd Zeitunglesen, Internetlesen, Arbeit an diversen Jahresrückblicke.

Sehr spät hörte ich die Post an den Briefkästen im Haus klappern. Herr Kaltmamsell holte unsere – darin enthalten eine wundervolle Überraschung von einer Blogleserin:

Das ist so großartig! Ich äußere im Internet den Wunsch, diese Erkenntnis zu „gesundem Essen“ am liebsten auf Küchentücher gestickt zu besitzen – und jetzt tue ich das! In der neuen Küche bekommt die Stickerei einen Ehrenplatz.

Abends bereitete ich die Nachspeise für den Silvesterabend zu: Limoncello-Tiramisu, also mein Standardrezept, mit diesen Hinweisen von Bella abgewandelt. (Wenn es dann noch so heißen darf: Ich bin sicher, auch bei dieser Dessert-Erfindung aus den 70ern gibt es inzwischen eine „Nur-wenn-XY-ist-es-Tiramisu!!!EINSELF“-Bewegung.) Davon allerdings nur zwei Drittel, zum einen weil ich sonst Löffelbiskuits hätte nachkaufen müssen, zum anderen wies Herr Kaltmamsell vernünftig darauf hin, dass wir nur zu zweit sind.

Das Abendessen bereitete Herr Kaltmamsell zu. Ich hatte ihm einen Link zu Würzig-saurer Garnelensuppe aus Vietnam – canh chau tom geschickt, unter anderem weil ich wusste, dass er noch einen Block Tamarinde im Küchenschrank hatte. Wurde eine sehr gute Suppe, die kann es nochmal geben.

§

Autor Till Raether möchte für seinen nächsten Roman wissen, wie sich die 1970er angefühlt haben – und entscheidet sich, das über damals populäre Parfüms herauszufinden. Eine sehr gute Idee.
„Feinmachen“.

Ich habe sofort die Parfümflasche vor Augen, aus der meine Mutter sich in den 70ern beduftete: Es war ein spanisches Colonia, Joya, und sah so aus. Mein Vater benutzte nach jeder Rasur spanische Rasierwässer, die gerne mal bunt waren. (Meine Mutter erzählt ja, dass in ihrer Ingolstädter Jugend in den 60ern die Spanier auf Tanzveranstaltungen beliebte Partner waren: „Weil die immer so gut gerochen haben.“ Deutsche Männer waren damals wahrscheinlich noch im Kernseifen-Stadium und hätten es weibisch gefunden, sich zu parfümieren.)

die Kaltmamsell

7 Kommentare zu „Journal Mittwoch, 30. Dezember 2020 – Sanct Onuphrius und Leserinnen-Aufmerksamkeit“

  1. Sabine meint:

    Einem Onuphrius bin ich in der Tat noch nie begegnet. Welch nützlicher Schutzheiliger! Aber letztens saß ich in einer Klasse in Tegernseers, die einen Marinus *und* einen Anian vorzuweisen hatte. Dieses durch die malerische Irschenberger Kirche bekannte Lokalheiligenpaar ist mir zuletzt vor über 20 Jahren im Oberland begegnet.

  2. Chris Kurbjuhn meint:

    Kernseife? Ich muss doch sehr bitten. Anfang der Siebziger Jahre fing ich mich an zu rasieren. Mein erstes Aftershave war „Sumatra Rain“ (oder etwas, das in ähnlicher Verpackung mit ähnlichem Duft damals erhältlich war). Über „Irisch Moos“ bin ich dann zu „Givenchy Gentleman“ gekommen. Mein Vater brachte sich von Geschäfts- und Urlaubsreisen immer „Yardley“ mit. Wenn das zu Ende ging, stieg er bis zur nächsten Reise auf „Old Spice“ um. Meine Brüder waren auf „Aramis“ eingeschworen, auch das Aftershave von „Dunhill“ haben sie gern benutzt. Kernseife…

  3. die Kaltmamsell meint:

    Na, das war ja auch zehn Jahre nach den Tänzen meiner Eltern, Chris Kurbjuhn – und ich fürchte, bis in die bayerische Provinz kamen diese Neumodischkeiten noch später. Aber mit den genannten Duftnamen bin ich vertraut.

    Marinus und Anian, sehr hübsch, Sabine. Seit einiger Zeit wird sich ja auch im Herrn der Ringe bedient – allerdings ist hier die Akademikerbindung wahrscheinlich geringer.

  4. Chris Kurbjuhn meint:

    Außerdem möchte ich beinahe wetten, dass damals – auch in der bayerischen Provinz – mehr Männer nach Hattric als nach Kernseife gerochen haben: https://youtu.be/g9vULF_ZkcY

  5. Gaga Nielsen meint:

    Ich vermute, dass in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts bis in die Siebziger Jahre in Deutschland die Duftwässerchen von Mäurer & Wirtz aus der Kölner Glockengasse die deutschen Drogerieregale dominierten. „Tabac Original„-Rasierwasser ergänzte ab 1959 die seit 1951 als Seife auf den Markt befindliche Marke, „Irisch Moos“ gab es schon weit länger, unter dem Namen „Rasir-Hilfe“ seit 1875. Im Jahr 1935 wurde es in SIR International umbenannt, um einen internationalen Markt zu interessieren, der bereits 4711 benutzte. 1969 erfolgte eine erneute Umbenennung in „Irisch Moos“ (Quelle).

    Aus persönlicher Erinnerung kann ich berichten, dass Ende der Sechziger und die Siebziger hindurch in der deutschen Provinz zu Weihnachten gerne für den Herren eine mit gekräuseltem Satin ausgeschlagene Geschenkbox mit Tabac Original oder Irisch Moos- (oder auch Old Spice, nicht von M & W) Rasierwasser und passender Seife an einer dicken Kordel unter dem Baum lag. Für die Dame gab es in ähnlicher Aufmachung „Tosca“ oder „Nonchalance“.

    Wenn Papa Kaltmamsell das spanische Rasierwasser ausgegangen wäre, hätte er sich also Anno 1967 wahlweise mit den oben genannten Wässerchen behelfen können.

    Erfahrungsgemäß leistete sich in den Nachkriegsjahren bis in die Siebziger nur der sehr gehobene Mittelstand richtig kostspielige internationale Düfte (von wegen Chanel No. 5 oder dergleichen).

  6. Helga meint:

    Ich möchte noch einwerfen, dass unter den jungen Mädchen (ich bin Jahrgang 62) Janine D sehr sehr beliebt war. 1978 habe ich meine Ausbildung begonnen, und da duftete es in der Berufschulklasse immer sehr danach.

    Ganz liebe Grüße Richtung München aus dem Münsterland, Helga als langjährige bisher immer stille Mitleserin

  7. Gaga Nielsen meint:

    @Helga — oh ja, „Janine D.“ war auch mein erstes Teenie-Parfum, glaube ich. Es kam 1976 auf den Markt und stammte auch aus dem 4711-Haus Mühlens (das später von Mäurer & Wirtz aufgekauft wurde). Ich kann mich überhaupt nicht mehr an den Duft erinnern, leider. Aber bei google-Suche nach dem Flakon stellen sich intensive Erinnerungen ein, auch bei einem Werbefoto. Dann gab es zeitgleich seit 78 ein zitroniges Parfum namens Joker von Nerval. Das hatte auch junge Mädchen als Zielgruppe. Ich meine, man ist durch Werbung in Zeitschriften wie „Mädchen“ darauf aufmerksam gemacht worden. Und dann wünschte ich mir – weil mir die Werbung so gefiel – Anaïs Anaïs von Cacharel, das war ein wenig teurer, ich konnte es nicht so einfach vom Taschengeld kaufen. Das war ein pudriger Duft, gibt es noch, auch 1978 erschienen.

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