Journal Freitag, 1. Januar 2021 – Unerreichbare beste Versionen

Samstag, 2. Januar 2021 um 7:38

Ein Kalender, der mit Freitag beginnt, ist sicher nicht der schlechteste. Ob in der Silvesternacht im Münchner Klinikviertel geböllert wurde, kann ich nicht sagen: Ich schlief mit Ohrstöpseln gut und hörte nichts.

Sportprogramm war Yoga: Das tat so gut! Ich hatte bereits vergessen, dass Yoga in Körpergefühle kommt, zu denen meine anderen Bewegungsformen keinen Zugang haben (z.B. merkte ich im forward fall, dass ich meine geplagte LWS-Muskulatur durchgehend anspanne und hier bewusst locker lassen muss).

Noch dazu hieß die Folge „Intend“ mit dem Angebot, sich eine solche Absicht zu überlegen. Ich ließ mich darauf ein und merkte bei dem Hinweis, „be the best version of yourself“ gehe ja immer, dass ich eher Gegenteiliges brauche, weil mich vermutlich genau dieses Ziel, „die beste Version meiner selbst sein“, zermürbt hat: Es ist für mich (!), die von klein auf auf Leistungsgesellschaft gedrillt ist, in erster Linie unerreichbar, weil immer eine weitere Verbesserung möglich ist, was das Leben automatisch zu einer Abfolge von Scheitern und Enttäuschungen macht; mühelose Errungenschaften sind wertlos, wenn nicht sogar ein Versehen, nur Mühe zählt. Als mögliches Ziel fiel mir letztendlich für mich ganz persönlich ein: Accept failure, no matter what, it doesn’t take away your worth – akzeptiere Scheitern, egal welches, akzeptiere, deinen Ansprüchen nicht gerecht zu werden, nichts davon verringert deinen Wert.

Zum Frühstück aß ich selbst gebackenes Brot und italienischen Käse, eine Portion Zitronen-Tiramisu (das ich dann doch nicht so gern mag wie die Version mit Kaffee, Kahlùa und Kakao).

Für einen Spaziergang marschierte ich einfach mal in die Sendlinger Straße und weiter.

Als ich von der Briennerstraße auf den Odeonsplatz zusteuerte, hatte ich die Idee, nach der Stippvisite bei der Manufaktur am Vortag mal wieder in den Flagship Store Nymphenburger Porzellan am Odeonsplatz reinzuhimmeln. Nur um vor leeren Auslagen zu stehen und am Eingang zu lesen, dass der Laden dicht gemacht hat, Verkauf nur noch am Schlossrondel des Nymphenburger Schlosses. Kann ich also nur noch im Internet himmeln. (Solch kostbares Porzellan würde ich nie besitzen wollen – vor lauter Wertschätzung würde ich es nie verwenden.)

Daheim ein Brot mit Majo, Äpfel. Zeitunglesen im Bett mit Füßehoch.

Zum Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell das Wildschweingulasch aus der Gefriere aufgetaut, die ebenso in Scheiben eingefrorenen Böhmischen Knödel gebraten, zum Nachtisch der Rest Tiramisu – ein Festmahl. Ich trank dazu den Rest des Silvestersekts.

Mir wurde bewusst, dass ich seit über drei Monaten keine Migräneattacke mehr hatte, also etwa seit dem Einsetzen des künstlichen Hüftgelenks. Wer hätte gedacht, dass Migräne durch Titan im Körper geheilt werden kann! Werde also allen Migränikerinnen künftig Hüft-TEP empfehlen. Oder das als Waffe gegen ähnlich falsch strukturierte Ratschläge einsetzen (Korrelation ≠ Kausalität): „Also MIR hat’s geholfen!“

die Kaltmamsell

11 Kommentare zu „Journal Freitag, 1. Januar 2021 – Unerreichbare beste Versionen“

  1. Mareike meint:

    Danke für diesen schönen Ratschlag an sich selbst, den ich mal eben für mich übernehme.

    (Gestern Abend dummerweise in die Arbeits-Mails geschaut und festgestellt, dass ich evtl. was verbockt habe und eine Weile nicht gerade biegen werde können, wenn überhaupt, es wird potentiell unangenehm – oder mache ich aus einer Mücke einen Elefanten, wegen meiner überzogenen Perfektionsansprüche an mich selbst? Das beschäftigt mich jetzt über alle Maßen und ihren Absatz dazu zu lesen, hat mir gerade sehr, sehr gut getan, danke).

    Alles Gute für das neue Jahr, das hoffentlich migränefrei bleibt!

  2. Joël meint:

    akzeptiere Scheitern, egal welches, akzeptiere, deinen Ansprüchen nicht gerecht zu werden, nichts davon verringert deinen Wert.

    Ich denke das könne viele (ich auch) gemeinsam in einer Charta unterschreiben

  3. Nina meint:

    Zu Ihrer gesetzten Absicht fällt mir das Fail better-Zitat von Beckett ein:
    “Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.”
    Mir hat beim Umgang mit meinem eigenen übertriebenen Perfektionismus und Leistungsdenken irgendwann geholfen, dass diese nicht nur in meiner Erziehung und teilweise meinem Charakter begründet sind, sondern in den kapitalistischen Strukturen, die mich durchdringen, in denen es eben keine Wertschätzung oder Toleranz für Pausen, Nichtstun und Versagen gibt.
    Des Weiteren hab ich mir zu Herzen genommen, was ich irgendwann im Studium gelernt habe: In etlichen rituellen Kontexten (Bauten, Ritualen etc) in verschiedenen Ecken dieser Welt werden kleine Fehler oder Unregelmäßigkeiten eingebaut oder absichtlich nicht perfekt gemacht, um Götter, Geister, Ahnen nicht zu erzürnen. Menschen können und dürfen im Gegensatz zu diesen nämlich nicht perfekt sein.

    In diesem Sinne: Ein frohes, unperfektes, neues Jahr Ihnen mit vielen unproduktiven Pausen.

  4. Nina meint:

    Ach, und ein weiterer augenöffnender Meilenstein war für mich in dieser Hinsicht auch das Buch „The queer art of failure“ von Judith Halberstamm.

  5. Viktor meint:

    […mühelose Errungenschaften sind wertlos, wenn nicht sogar ein Versehen, nur Mühe zählt]

    Nur eine Randbemerkung: Wenn dies eine prägende Lebenseinstellung ist, kann man sich fragen, aus welchen Strukturen heraus das konkret entstanden ist.

    Nicht: Böse Leistungsgesellschaft, schlimmer Kapitalismus, …

    Sondern: Welche Bezugsperson(en) hat dieses (Verhaltens-, Denk-) Schema in der Vergangenheit befördert?

    Sollte ich mich damit gerade zu weit aus dem Fenster lehnen, bitte ich schon mal vorsorglich um Entschuldigung.

    Guten Start ins Jahr!

    (Mein Motto: Es muss hinreichend sein…)

  6. die Kaltmamsell meint:

    Charmantes Nebeneinander von soziologischer (Nina) und psychologischer (Viktor) Perspektive.

  7. typ_o meint:

    Lese gerade „Die Kunst der Reparatur“ (Wolfgang Schmidbauer), Psychologe.

    Die Missachtung der Waren kurz nach dem Kauf (lohnt nicht zu reparieren, kaufen sie sich doch $NeuesDevice – Das gerade gekaufte Device ist schon alt, wenn man es auspackt, ^“weil immer eine weitere Verbesserung möglich ist“) stellt er neben die Missachtung des eigenen Körpers und der eigenen Seele, wenn wir NeoCons gehorchen, endlich raus aus der Komfortzone zu gehen. (Gedanke sehr verkürzt).

    Dazu gehört für mich im menschlichen Bereich auch die Abteilungsbezeichnung „Menschlicher Rohstoff“ für die Personalabteilung.

    Ich versuche für mich mit einer Engineering-Haltung an das Thema heranzugehen: Wenn ich ein Leuchtmittel mit 80 % Wirkungsgrad habe, ist das toll. Wenn ich meine Arbeit zu 80 % schaffe, ist das toll.

  8. Beate meint:

    Ich will da gar nicht so intellektuell sein, wie die beiden Vorredner, bin momentan vielmehr gerade emotional berührt von Ihren schönen Fotos! Viel Glück und Gesundheit fürs neue Jahr!

  9. Simone meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Made my day

    *******************************************************

  10. streckenweise meint:

    Interessierte Frage an Viktor:
    Wenn die Einstellung „…mühelose Errungenschaften sind wertlos, …“ schon in der Kindheit erworben wurde, was bringt es jetzt dann noch, zu überlegen, wem man sie verdankt? Denn solch lebensprägende Einstellungen erwirbt man ja meist schon in der Kindheit oder frühen Jugend und nicht mit Mitte 40.

  11. Lexi meint:

    Ich wünsche ein gutes neues Jahr!
    Ihr Gedankengang zu „be the best version of yourself“ hat mich gerade innehalten lassen. Den in der Kindheit erworbenen Leistungsanspruch kenne ich, erst in den letzten Jahren kann ich diesen langsam auflösen (mühsamer und fortlaufender Prozess).
    Mein Gedanke bei der „best version of myself“ ist mittlerweile ein ich-zentrierter, eine gütige und gelassene Version meiner selbst zu sein, mich eben genau dem Leistungsanspruch zu entziehen und nur auf meine eigene Befindlichkeit zu hören. Was zumindest in der Zeit auf der Yogamatte gut funktioniert. Globaler muss der Anspruch an der Stelle ja nicht sein.

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