Journal Freitag, 12. Februar 2021 – Körperlichkeiten und knackige Sonnenkälte

Samstag, 13. Februar 2021 um 8:49

Unruhige Nacht, weil bei jeder Bewegung mein Kreuz aufweckend schmerzte – zum Glück aber nicht in Ruhe. Morgens also Gymnastik-Übungen für akute LWS-Beschwerden (mittlerweile kenne ich für sehr viele Rückenbeschwerden gezielte Übungen). Ich erwähnte ja schon, dass ich seit Wochen unter vorher ungekannten Rückenschmerzen leide, deutlich über die vertrauten Problemzonen Nacken und LWS hinaus. Offensichtlich ist meine tägliche Gymnastik kein Heilmittel, Orthopäden wissen aber meiner Erfahrung nach auch nichts Anderes (außer sie können es als IGeL verkaufen). Also Ibu drauf und abwarten, noch halte ich mich daran fest, dass sich das Gesamtsystem Körper mit Hüft-TEP erst wieder neu einjuckeln muss. (Ich habe solche Sehnsucht nach Schwimmen und bilde mir mangels Möglichkeit ein, dass das ganz bestimmt helfen würde.)

Draußen war es knackig kalt, passend zum winterlichen Sonnenstrahlen (Soundtrack: Krachen und Knirschen unter den Schneestiefeln).

Mein Büro konnte ich wegen der Kälte immer nur kurz lüften, genoss aber die hereinströmende Luft sehr, die mich an die Skifahrten meiner Jugend erinnerte.

Mittags ein Butterbrot aus Selbstgebackenem, Granatapfelkerne und zwei Ausstandskrapfen aus der Büroküche. Dann war ich sehr satt. Und müde.

Früher Feierabend, ich kam im letzten Sonnenlicht los – die Tage werden spürbar länger, hurra!

Um die Einkäufe des Vortags nachzuholen und um aktuelle zu ergänzen, ging ich zum Vollcorner. Als ich an der Fleischtheke um eine besonders dicke Scheibe Entrecôte bat, scherzte mich die Verkäuferin an: „Ah, da will sich jemand daheim beliebt machen!“ Ich wusste wirklich erst mal nicht, was sie meinte. Dann fiel mir ein, dass im Mario-Barth-Universum das Männchen große Fleischstücke liebt, das Weibchen Salat vorzieht und für die Nahrungszubereitung zuständig ist, also die Macht über die Fütterung des Männchens mit dem geliebten Fleisch hat. (In meiner ganz persönlichen Welt bin ich die Liebhaberin hochwertigen Rindfleischs aus der Pfanne und mein Partner kann das ganz besonders gut zubereiten.) Dabei war es doch die zweite Bestellung, mit der ich mich beliebt machen wollte: Ich hatte ein rares Suppenhuhn erspäht und wollte damit Herrn Kaltmamsell überraschen, der gekochtes Hühnerfleisch liebt. (Als ich ihm beim Heimkommen das Erlebnis erzählte, guckte er auf den Scherz der Verkäuferin hin genauso verständnislos, ich musste erklären.)

Daheim Häuslichkeiten, u.a. Kartoffelschnitze und Postelein fürs Abendessen (beides aus Ernteanteil), dann aber WOCHENENDE, und zwar vier Tage lang, weil zwar kein Rosenmontag und Faschingsdienstag stattfinden, das aber bei mir in der Arbeit schon seit Monaten als „Betriebskalender“ frei ist. Und ich die fünf vollen Arbeitswochen seit Weihnachten darauf hin runtergezählt hatte. Wieder hatte ich pünktlich zum Freitagabend Lust auf Alkohol, beim Vollcorner hatte ich Prinzessinnen-Sekt besorgt (Prinzen-Sekt? auch das gerne). In den vergangenen Wochen hatte ich den Alkohol an Arbeitstagen überhaupt nicht vermisst.

Sich leerendes Wohnzimmer. Herr Kaltmamsell nimmt bezaubernderweise Rücksicht darauf, mindestens eine Yogamatte Platz vor dem Fernseher zu lassen.

Gemeinsam zubereitetes Nachtmahl, zum Nachtisch gab es den Rest Apfelmus vom Kaiserschmarrn mit einem Klecks Crème fraîche.

Abendunterhaltung: Men in black II, kann ich immer wieder sehen (das Postamt!).
Die Lendenwirbelsäule hatte sich zum Glück ein wenig beruhigt.

§

Die New York Times sorgt sich, wie hart die zweite Corona-Welle Deutschland getroffen hat und analysiert die Gründe.
„How Germany Lost Control of the Virus“.

Over 50,000 people have died in Germany since October. For a country that led in pandemic control during the first wave, it has been a shocking reversal.

Autorin Anna Sauerbrey rekapituliert:
– Das war nicht einfach Pech, sondern Politik.
– Als am Ende des Sommers die Infektionszahlen stiegen, wurde nicht wie im März mit schnellen, klaren Bewegungseinschränkungen reagiert.
– Selbst nach Verdreifachung der Inzidenz gab es im Oktober nur halbherzige Maßnahmen. Erst kurz vor Weihnachten wurde konsequent geschlossen.
– Folge: Anfang Januar überstieg die Zahl der Corona-Toten pro Einwohner die in den USA.

Ihre Erklärung: Die vielen Wahlen, die 2021 in Deutschland anstehen und die dazu führen, dass die Länderchef*innen sich beim Volk nicht durch unbequeme Maßnahmen unbeliebt machen wollten. Dazu das Durcheinander um die Impfungen, das zu einem sehr langsamen Start führte.

§

Für die Zeit schreibt Insa Wilke über das Schwinden von „Orten für Literatur und ihre Kritik“ in öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten – ihrer Ansicht nach Symptom eines viel größeren Problems.
„Ist das wichtig oder kann das weg?“

Der Markt verengt sich mehr und mehr, die Konzentration auf wenige Buchtitel pro Saison nimmt zu, und damit steigen auch die Probleme für Verlage und Schreibende. Diese Verengung des Marktes geht einher mit einer zunehmenden Ausrichtung auf das, was „die“ Leserinnen, „die“ Hörer, also was „das“ Publikum gut findet. Der Trend: Literarische Produkte auf spezifische Zielgruppen zuzuschneiden. Das Menschenbild dahinter heißt: Konsument.

(…)

Dabei gibt es gerade bei den Jüngeren ein neues und deutlich sichtbares Bedürfnis nach Ernsthaftigkeit. Und sie schaffen sich eigene Räume, weil sie sich in den alten nicht mehr erkennen. Blogs wie 54books.de oder praeposition.com sind dafür ein Beispiel. Hier gibt es Raum, um sich argumentativ mit Fragen auseinanderzusetzen, die man nicht mit 4.000 Zeichen oder in fünf Minuten abhandeln kann und auch nicht im Gespräch mit Moderatorinnen, die keine Sachkenntnis haben. Hier bewegt sich der Nachwuchs, der den Medien einmal fehlen wird, wenn man Autoren und Kritikerinnen und ein Publikum für Literatur braucht. Die interessierten Jungen schalten ab und wandern weg.

(…)

Dabei ist klar, was das Paradox der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten ist: Die Bürgerinnen und Bürger, also wir, bezahlen sie, damit sie etwas machen, was nicht alle, vielleicht sogar nur wenige von uns interessiert. Weil sie aber von allen dafür bezahlt werden, müssen sie sich für das legitimieren, was sie tun. Wenn man diese Legitimation mit der Quote begründen möchte, kann man also nur verlieren.

(…)

Würde man danach fragen, wie Kriterien für eine gute, gegenwärtige Berichterstattung, etwa „Aktualität“, „Informationsgehalt“ und „Partizipationsmöglichkeit“ sich auf die Literatur übertragen lassen, könnte die Antwort lauten: Bücher ins Gespräch bringen, Ereignisse und Debatten aus dem literarischen Leben diskutieren, Neuerscheinungen in ihren politischen, gesellschaftlichen, literaturhistorischen und ästhetischen Kontexten zeigen und diskursive Formate bespielen sowie eine Vielstimmigkeit dadurch erreichen, dass unterschiedliche Akteurinnen aus der Literaturbranche und dem Literaturpublikum eingebunden werden.

(…)

Eine Rezension kann den Horizont erweitern, diskursiv und partizipativ sein. Durch zugespitzte Urteilskraft oder indem man ein Buch nicht nur unter dem Motto „Ich rate zu / Ich rate ab“ bespricht, sondern es etwas komplexer in seinen gesellschaftlichen und ästhetischen Dimensionen liest. Eine Rezension darf ohne Richterspruch fragen, was genau an einem Buch interessant ist, warum und wie man es heute lesen könnte. Womit müht sich die Autorin, und warum tut sie es?

§

Katharina Seiser im ORF über die Avocado, gespickt mal wieder mit nützlichen Infos und Tipps, u.a. dass spanische Bio-Avocados derzeit Saison haben.

die Kaltmamsell

8 Kommentare zu „Journal Freitag, 12. Februar 2021 – Körperlichkeiten und knackige Sonnenkälte“

  1. Ilka meint:

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    Gerne gelesen

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  2. AnJe meint:

    ‚Im Mario-Barth-Universum‘
    DANKE!
    Endlich habe ich dafür einen passenden Begriff.

  3. engl meint:

    OMG
    ihr seid schon bei den kisten!

  4. Sabine meint:

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    Gerne gelesen

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  5. Thea meint:

    Ich bin immer noch traurig über die Streichung der „Lesezeichen“ im Bayerischen Fernsehen.

    Danke für den „Barth“.

  6. Sabine Kerschbaumer meint:

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    Gerne gelesen

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  7. Rainer meint:

    Danke für den New York Times Hinweis. Muss gleich mal recherchieren, wie die Journalistin die Situation in den USA analysiert….

  8. lihabiboun meint:

    OMG – Ich wusste noch nicht mal, WER Mario Barth überhaupt ist und musste mich erst informieren …. bin wohl nicht mehr die Zielgruppe. Verstehe aber dennoch was gemeint ist. GUTEN MUT weiterhin fürs Einpacken und Umziehen!

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