Journal Mittwoch, 24. März 2021 – Frühlingseinsatz

Donnerstag, 25. März 2021 um 6:20

Zerhackte Nacht, aber ohne längere Pausen. Sonniger Weg in die Arbeit, die Theresienwiese überfrostet – aber ab jetzt soll’s wärmer werden.

So schnell hatte ich eine Tageszeitung selten altern sehen: Schon als ich die Süddeutsche in der Mittagspause aufschlug, konnte ich die ersten drei Seiten zu den neuen Pandemie-Maßnahmen überblättern, die Kanzlerin hatte nach erneuter Besprechung mit den Ministerpräsident*innen alles ersatzlos zurückgenommen, wir lassen den exponentiellen Anstieg also erst mal laufen. Sieht aus, als wartete ich mit Plänen für die Karwoche oder die Osterfeiertage besser noch ein paar Tage.

Zu Mittag gab’s Avocado (diesmal enthielt die Lieferung leider viele mit braunen Stellen), Hüttenkäse und Granatapfelkerne. Nachmittags noch eine Orange.

Für den Heimweg in goldener Abendsonne brauchte ich keine Mütze mehr und der Wintermantel war zu warm. Kurzer Abstecher für Einkäufe in den Supermarkt.

Zum Abendessen gab es die zweite Hälfte des Tom Kha Gai vom Vorabend, dann Schokolade.

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@nicolediekmann fragte:

Doch mir fällt nichts ein. Denn ich weiß nicht, wie und wann die Welt sein wird, wenn „das alles vorbei“ ist. Ende 2021? Das erscheint mir unwahrscheinlich, selbst wenn dann alle in Europa „ein Impfangebot erhalten“ haben, fürchte ich, dass die für eine Herdenimmunität gegen die Mutationen nötige Quote zwischen 70 und 80 Prozent der Bevölkerung durch Impf-Verweigerer verhindert wird. Eine Rückkehr zu ungefähr wie vorher könnte also noch ein paar Jahren dauern. Ich weiß nicht, was mir dann wichtig sein wird.

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Der junge und fotogene Brightoner Schneider Zack Pinsent hat sich einen Anzug in Regenbogenfarben geschneidert, zeigt ihn auf instagram und reflektiert über sein Schwulsein. Den Text finde ich so gut, dass ich ihn hier übersetze (ich hoffe, ich verwende im Deutschen die angemessenen Begriffe und bitte um Korrektur, wenn nicht).

Jahrhundertelang war der Regenbogen ein Symbol der Hoffnung und Einheit, das ist auch heute so. Schwul aufzuwachsen ist verzwickt. Von Geburt an werden bestimmte Dinge vorausgesetzt: dass du Frauenherzen brechen wirst, heiraten und für die Enkel deiner Eltern sorgen. Dein ganzes Leben lang wirst du ausgerichtet auf etwas, hinter dem du nicht so richtig stehen kannst, aber du weißt nicht warum. Deine Freundinnen und Freunde vergucken sich in jemand, haben einen Freund, eine Freundin. Doch du kannst nicht recht ausdrücken, was deine Gefühle bei dem ganzen sind, du glaubst, dass deine Gefühle für andere Jungs halt die für beste Freunde sind. Dann entdeckst du, was „schwul“ bedeutet, und schwul ist schlecht und wird ausgelacht, ist etwas, was du ganz sicher nicht sein willst. Deine Freunde und Freundinnen erleben erste Küsse und Beziehungen ganz offen und unbeschwert, doch du musst verstecken, wer du bist.

Als Schwule haben wir all die Meilensteine nicht erlebt, die die Grundlage für gesunde Beziehungen und Selbstwahrnehmung sind. Wer du bist, ist ein Witz, und du kannst keine Verbindung herstellen zu dem komischen Stereotyp, das allgemein akzeptiert ist, weil wir alle in eine Schublade passen müssen. Als ich heranwuchs, stand Schwulsein noch unter dem Schatten von section 28 [ein Gesetz, das von 1986 bis 2003 in Großbritannien Gemeinden, Schulen und Kommunalbehörden die „Förderung von Homosexualität“ verbot, was zur Konsequenz hatte, dass in allen Bereichen des öffentlichen Lebens nur noch negativ über Homosexualität berichtet werden durfte]. Dinge haben sich zum Positiven verändert, aber Schwulsein ist immer noch in 75 Nationen verboten, in 12 davon unter Todesstrafe. Das dürfen wir nicht vergessen – und dass der Regenbogen immer ein Zeichen der Hoffnung sein wird.

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Kathrin Passig hat sich übers Archivieren literarischer Internet-Inhalte Gedanken gemacht und auf der Konferenz „Literaturarchiv der Zukunft“ vorgetragen. Hier nachzulesen.

die Kaltmamsell

2 Kommentare zu „Journal Mittwoch, 24. März 2021 – Frühlingseinsatz“

  1. Sandra meint:

    Erste Amtshandlung, wenn das endlich endlich endlich vorbei ist: Endlich wieder Freunde und Familie zur Begrüßung umarmen! Das fehlt mir unendlich. Wahrscheinlich umarme ich dann auch Arbeitskollegen und Nachbarn. Und die Verkäuferin im Bäckerwagen auf dem Markt, weil sie immer so fröhlich ist. Mal schauen.
    Ich hoffe, dass die Impfpflicht durch die Hintertür kommt und man dann ohne Impfnachweis bestimmte Dinge weiterhin nicht tun kann. Dann wird sich Ihre Befürchtung hoffentlich nicht bewahrheiten.

  2. Nina meint:

    Meine erste Amtshandlung: nach München fahren und alle meine Lieben wiedersehen.

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