Journal Sonntag, 18. April 2021 – Kaltes Grau, Beifang aus dem Internetz

Montag, 19. April 2021 um 6:23

Genug geschlafen.

Nach Bloggen war Kraftttraining dran, vorher ein wenig Crosstrainern. Ich turnte eine Folge Fitnessblender, die ich noch nicht kannte (durchaus spannend – es amüsierte mich, dass Vorturnerin Kelli durchs gleichzeitige Ansagen deutlich mehr aus der Puste kam als ich), vorher ein paar Reha-Übungen. War alles machbar, doch es bleiben die Schmerzen in Rücken und beiden Hüften.

Raus in die graue Kälte zum Semmelholen. Zum Frühstück also Semmeln, ich machte dazu wieder kannenweise Tee Lapsang Souchong.

Zeitunglesen, auch das SZ-Magazin vom Freitag holte ich nach.

Beschlossen, dass mich der Weg der CDU/CSU zur Ernennung eines Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl nicht interessieren muss. Ich darf bis zur Entscheidung (die mich durchaus interessiert) auf Durchzug schalten – nicht mein Zirkus, nicht meine Affen.

Bei allem grauen Himmel sehnte ich mich dann doch nach ein wenig Bewegung an der kalten frischen Luft: Ich spazierte über den Alten Südfriedhof zur Isar, ein wenig an der Isar entlang und über die Fraunhoferstraße zurück. Erwartungsgemäß waren viele Menschen unterwegs – wo sollen sie auch hin?

War auch sonst nicht das ersehnte Vergnügen, mein Kreislauf machte Sperenzchen.

Fürs Abendessen sorgte ich, ich bereitete Kaninchen in Weißwein zu nach diesem Rezept (allerdings briet ich die Kaninchenstücke vor dem Gemüse erst mal scharf an und stellte sie zur Seite – ich mag den Anbratgeschmack am Fleisch).

Ich fand das Gericht sehr gelungen, Herr Kaltmamsell aß es bereitwillig – gestand aber bei dieser Gelegenheit, dass er von Kindesbeinen an ein Problem mit „leichten Soßen, in denen Kräuter schwimmen“ habe.

Zum Nachtisch hatte Herr Kaltmamsell morgens Lemon Impossible Pie gemacht: Eierkuchenteig, der sich beim Backen in Boden, Füllung und Kruste separiert.

War ok, eigentlich haben wir beide es nicht so mit Cocosflocken – Herr Kaltmamsell wollte halt unbedingt den Effekt mal ausprobieren. Den man allerdings schon wissen musste, um ihn zu erkennen.

§

Eine Betroffene von häuslicher Gewalt erzählt, was ein sehr später Entschuldigungsversuch in ihr auslöst.
„Eure Reue ist mein Alptraum“.

Der Text hat mir klar gemacht, dass ein Opfer den Tätern überhaupt nichts schuldet, wirklich gar nichts. Und dass es nur darum geht, was ihr hilft.

§

„Ein Nachruf auf den Sprecher der Streikleitung des Ford Streiks 1973“.

via @bov

Dieser Artikel über Baha Targün zeigt mir, wie groß meine Lücken in deutscher Gastarbeitergeschichte sind – ich las darin zum ersten Mal von diesen „wilden Streiks“.

In die Geschichte der türkischen Migranten ging dieser Streik als Wendepunkt ein. Er war das Ende des Bildes vom unterwürfigen türkischen „Gastarbeiter“. „Einfügsam und durchaus brauchbar, wenn man ihn nur richtig anpackt“ – so hieß es in einer zeitgenössischen Einschätzung. Für fast alle kam dieser Streik deshalb völlig unvorbereitet. Er war eine ungeheure Explosion, die mit brutaler Gewalt niedergeschlagen wurde.

(…)

Die türkischen Arbeiter entsprachen nicht dem gängigen Bild des türkischen „Gastarbeiters“ und auch nicht unserem Bild von der revolutionären Arbeiterklasse. Sichtbar wurden erstmals Muslime, Kommunisten, Antikommunisten, Bauern, Türken und Kurden, viele qualifizierte Facharbeiter aus der Westtürkei, Siedler aus den illegalen Siedlungen (gecekondu) Istanbuls, die schon in der Türkei Migranten waren, usw. Die Agitprop der linken Gruppen erwies sich als weltfremd und völlig ungeeignet die Menschen zu erreichen. Baha Targün hat sehr schnell diesen Ballast abgeworfen. Seine Sensibilität im Umgang mit der Vielfalt der Streikenden beeindruckte selbst seine politischen Gegner. Drei und einen halben Tag lang wurde die Fabrik gewaltlos besetzt.

§

Im Wirtschaftsteil der Wochenend-Süddeutschen hat Felicitas Wilke eine Seite darüber geschrieben, welche Folgen die Corona-Schließung der Gastronomie und Hotellerie für die Azubis in diesen Branchen hat (€):
„Wenn die Küche kalt bleibt“.

§

Twitter-Thread des Tages von @jelenawoehr:
„A THREAD IN WHICH I REVIEW BEING BITTEN BY VARIOUS ANIMALS“.
20-teilig.

via @flueke

die Kaltmamsell

14 Kommentare zu „Journal Sonntag, 18. April 2021 – Kaltes Grau, Beifang aus dem Internetz“

  1. Anke meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Gerne gelesen

    *******************************************************

  2. Poupou meint:

    Ach was. Wir auch impossible pie gestern, mit Ananas, sonst aus aehnlichen Experimentalgruenden. Wir fanden ein wenig Himbeersorbet dazu sehr passend.

    Liebe Grüße
    Poupou

  3. Croco meint:

    Sehr berührend, der Artikel über Baha Targün.
    Von diesem Streik wusste ich nichts.
    Und in Ehrenfeld ist ein Museum dazu?
    Unglaublich.
    Sobald Ferien sind, starten von Köln-Bonn aus die Flieger in großer Zahl in die Türkei.
    Mitten in der Nacht, ist billiger.
    Es war mir nie so klar, dass die türkischen Menschen das hier nicht als Leben empfinden. Bei den Russlanddeutschen ist es anders. Manchmal ist die Rede von den großen Kürbissen in Kasachstan, aber zurück will kaum einer.
    Sie richten sich ein, so wie die Griechen und Italiener meiner Kindheit. Sie konnten schnell Schwäbisch und heirateten sich später auch Einheimische.
    Stimmt, die wenigen türkischen Schüler erwecken den Eindruck von Vorläufigkeit ihres Lebens hier. Was haben wir falsch gemacht? Oder liegt es an was anderem?

  4. Susann meint:

    @Croco
    Mich hat es in Liebes- und Heiratssachen nach Deutschland verschlagen, nach +15 Jahren kann ich Ihnen nur sagen, dass ich jedem nachfühlen kann, der das hier nicht als das wahre Leben empfindet, wie Sie das ausdrücken. Ich finde Deutschland wahnsinnig anstrengend. Eine einzige Nabelschau ist das hier, kein bisschen Leichtigkeit, kein bisschen Witz, immer geht es um alles, immer ist alles bedeutungsschwanger, immer muss mindestens die Welt gerettet werden und die deutsche Veranwortung für jede einzelne Grauslichkeit muss betont werden, egal, ob die deutsche Beteiligung fingernagelgroß ist oder monströs. Mögliche Lösungen müssen wohl hochkomplex sein und einen Rattenschwanz an Bürokratie hinter sich ziehen, irgendwas pragmatisch ausprobieren und wenn’s nicht klappt, wieder schnell sein lassen, ist ganz schwierig. Das finde ich alles sehr nervig und unentspannt und brauche dann im Urlaub auch eine Pause von Deutschland.
    Die Leute einzeln und per se, mit denen ich zu tun habe, sind alle nett bis wunderbar, nicht einmal als Grantler verschrieenen Münchner waren je grantig zu mir – aber das offizielle Deutschland empfinde ich als wirklich, wirklich mühsam, und ich verstehe, wenn jemand auch noch in der 2. oder 3. Generation damit fremdelt, wenn er Alternativen kennt (die natürlich ihrerseits jede Menge Mängel aufweisen, aber so lange sommerfrischt man dann dort vielleicht auch nicht, dass das auffiele).

  5. die Kaltmamsell meint:

    Der Unterschied mag sein, Croco, dass die türkischen Menschen gar nicht die Absicht hatten auszuwandern. Die allerallermeisten Gastarbeiter sind wie geplant zurückgegangen – vielleicht vergleichbar mit den heutigen „Expats“, die für einen Abschnitt ihrer Karriere ins Ausland gehen, oft in vom Arbeitgeber gestellten Wohnungen leben, nur mit ihresgleichen verkehren und kein Interesse an der Landessprache haben.
    Mein Vater und seine spanischen Freunde sind in Deutschland geblieben, weil sie sich in Einheimische verliebt haben, sein Bruder und meine Tante aus Galicien sind nach wenigen Jahren zurück in die Heimat gegangen (vor allem die Tante hatte allerdings in Deutschland mit ihren spanischen Freundinnen den Spaß ihres Lebens, weil kein Familiendruck sie einschränkte, sie hat die wildesten Geschichten aus ihren Deutschlandjahren im Repertoire).
    Die russischen Einwanderer hingegen waren genau das von vorneherein: Einwanderer, die eine neue Heimat suchten.
    Migration ist komplex.

  6. Anna meint:

    Autsch. Russlanddeutsche als „Russische Einwanderer, die eine neue Heimat suchten“ zu bezeichnen, zeugt von blankem Unwissen oder absoluter Ignoranz. Jeder Russlanddeutsche, den ich kenne, würde diese Formulierung als Schlag ins Gesicht empfinden. Denn unsere Vorfahren haben in den zweihundert Jahren, die sie in Russland verbracht haben, Deutschland immer als Heimat empfunden. Sie sind größtenteils unter sich geblieben (was von der russischen Regierung durchaus auch so erwünscht war). Zuhause wurde vorwiegend Deutsch gesprochen. Als dann die Weltkriege kamen, wurden viele, sehr viele, massakriert oder sind elend in der Trudarmee umgekommen. Weil sie Deutsche waren. Sie wissen gar nicht, wie weh es uns tat, nachdem wir schon immer als „Deutsche“ und „Faschisten“ beschimpft wurden, festzustellen, dass uns „in der alten Heimat“ teilweise genauso feindselig begegnet wurde. Auf dem Schulhof wurden wir abfällig als „Russenkinder“ bezeichnet (meine Familie kam 1990 nach Deutschland). Und ja, wir haben uns größte Mühe gegeben, uns zu integrieren.

  7. die Kaltmamsell meint:

    Sie führen einen interessanten Aspekt ein, Anna, den der Nationalität durch Abstammung – was in einer migrantischen Welt problematisch sein kann.

  8. Croco meint:

    Als die ersten Russlanddeutschen kamen, gab es üble Prügeleien auf dem Schulhof zwischen den türkischen Jugendlichen und ihnen.
    Ich habe es zuerst nicht verstanden.
    Ein türkischer Junge erklärte es mir: Die kommen einfach und haben viel mehr Rechte als wir. Wir sind schon so viele Jahre hier und die haben sofort die deutsche Staatsangehörigkeit bekommen, Sprachunterricht und Geld. Wir nicht. Wir sind wieder die letzten.

    Es geht also doch nach Genetik.

  9. Monika meint:

    @Susann

    Volle Zustimmung: Deutschland ist furchtbar verkrampft geworden. Zumindest in den medialen Debatten. Die Menschen dabei aber freundlicher, als vielleicht noch vor 30 Jahren.

  10. Susann meint:

    @Monika: Den Vergleich habe ich ja nicht, aber die Leute in den letzten 15 Jahren waren wirklich immer alle sehr freundlich und nett, egal wo, egal unter welchen Umständen. Was viele meiner nichtdeutschen Freundinnen schwierig fanden, war, engeren Anschluß zu finden – eine wirklich sehr liebe und umgängliche Freundin verließ sehr entnervt einen Schwangerschaftskurs, in dem sich gar keine Anknüpfungspunkte mit den deutschen zukünftigen Mamis ergaben, und ging in einen Schwangerschaftskurs für englischsprachige Schwangere, wo sie dann auch sehr leicht Anschluß fand. Ich selbst fand erst richtig gut Anschluß über alles, was sich durch’s Kinderhaben so ergibt – Babykurs, in der Wohnanlage am Spielplatz rumstehen usw. usf. Ich habe mir aber sagen lassen, in Bayern wäre es besonders unüblich, sich z.B. unter Nachbarn mal einzuladen (wenn es nicht gerade um Mamas von Babies geht, die sehr viel Zeit haben), und in anderen Teilen Deutschlands wäre das sehr viel einfacher.

  11. Monika meint:

    @Susann

    Dass es schwer ist Anschluss an Einheimische zu finden, hört man auch von Deutschen, die im Ausland studieren bzw. arbeiten. Das wurde mir über Frankreich erzählt und sogar den USA. Expats bleiben wohl oder übel eher unter sich.

    In München zumindest trifft man sich eher in Restaurants oder Cafes. Ich habe hier anfangs oft zum Essen eingeladen und bei vielen hatte ich den Eindruck, dass es für sie ungewöhnlich war. Lustigerweise hatte ich über Jahre den meisten privaten Kontakt mit Nachbarn aus Israel. Sie waren einfach zugänglicher. Selbst als eingeborene Deutsche, ist es schwer mit Kontakten zu anderen Deutschen. Die mit Kindern tun sich tatsächlich leichter. Kein Wunder, sie brauchen und suchen Unterstützung.

    Auf dem Land dagegen treffen sich die Leute viel im privaten Bereich. Sie haben mehr Platz und natürlich auch Gärten und eher selten Nachbarn, die man stören könnte. Ausserdem sind die Familien dort näher beieinander.

  12. Berit meint:

    Ich glaube manche Menschen sind auch einfach doof.

    Unsere ehemaligen Nachbarn haben sich gern zum Hofpicknick oder zum Kaffee trinken in die Wohnung einladen lassen aber selbst nie eine Einladung ausgesprochen.

    Beim Auszug beklagten sie sich dann, dass es ja gar keine richtige Gemeinschaft gab… Ich glaube die Idee das man dafür auch selbst etwas tun muss ist ihnen bis jetzt nicht gekommen

  13. helmer meint:

    Ich finde Hatice Akyün hat diese türkische Migrationsgeschichte im Pott ganz wunderbar in ihren Bücher aufgearbeitet. Wie sich die Sicht der ersten Generation auf die Türkei und Deutschland mit der Zeit ändert und auch ihre eigene Geschichte mit ihren deutschen und türkischen Identität. Und auch die Ansichten ihrer Geschwister sind da mitdrin (ein Schwester ist in die Türkei gezogen).

    Außerdem ist Hatice sehr lustig. Kann die Bücher (und den Film) nur empfehlen.

  14. die Kaltmamsell meint:

    Meine Lektüre von Akyüns Buch ist schon länger her, helmer – kommt der wilde Streik darin vor?

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